Eingangsbereich des Willy-Brandt-Flughafens © Carsten Koall/Getty Images

Können die Deutschen nicht mehr bauen? Mehrere Großprojekte sorgten zuletzt in Deutschland für schlechte Schlagzeilen: eine vergessene Mehrwertsteuer bei der Elbphilharmonie, steigende Kosten beim Stuttgarter Tiefbahnhof und Verzögerungen am neuen Berliner Flughafen. Doch diese Probleme sind alles andere als typisch deutsch. Das zeigt unsere Statistik, für die wir rund 1.500 Bauprojekte auf der ganzen Welt untersucht haben. Egal wo die Megaprojekte gebaut werden: Meistens wird es teuer und es dauert länger als geplant.

Bemerkenswert ist: Am Problem der ständigen Kostenexplosionen und Terminverschiebungen hat auch der technische Fortschritt der vergangenen hundert Jahre nichts geändert. Das deutet darauf hin, dass die Quelle der Probleme meistens nicht in der Bauausführung, sondern in der Planungsphase und damit bei der Politik liegt. Unsere Forschung hat gezeigt, dass übertriebener Optimismus und strategische Falschdarstellungen häufig der Grund für spätere Probleme sind. Die Kosten und die Dauer eines Großprojekts werden vor Baubeginn systematisch klein gerechnet.

Wie lässt sich das verhindern? Mithilfe der Daten aus unseren Studien haben wir fünf Strategien entwickelt, die dabei helfen können, Großprojekte pünktlich fertigzustellen und dabei nicht mehr auszugeben als geplant.

1. Die Planer sollten mehr vergleichen 

Die Planer von Flughäfen und Bahnhöfen sollten zunächst einen Blick ins Ausland werfen. Wie lange hat es in anderen Ländern gedauert, einen ähnlichen Flughafen zu bauen? Wir beobachten, dass die Planungen von Großprojekten durch derartige Vergleiche deutlich realistischer werden. Das wird in Deutschland zu wenig gemacht. Andere Länder sind in diesem Punkt weiter.

In Dänemark und den USA wird eine Liste der Großprojekte mit ihrem Status im Netz veröffentlicht. Die Bürger haben so die gleichen Informationen wie Auftraggeber, ausführende Ministerien und das Parlament. Sie können damit konkret vergleichen, ob ein Bauprojekt teurer wird als ein ähnliches Projekt in einem anderen Land. Wenn ja, können sie Politikern unangenehme Fragen stellen.

2. Die Macher sollten besser prüfen, was sie planen

Große Bauprojekte werden meistens von Experten geplant, die später auch an der Projektausführung beteiligt sind. Das ist schlecht. Außerdem setzen die Entscheidungsregeln bei öffentlichen Ausschreibungen falsche Anreize: Um Ausschreibungen zu gewinnen, rechnen Projektplaner die Kosten zum Teil absichtlich herunter. Die tatsächlichen Projektkosten liegen später dann oft deutlich höher.

Eine sorgfältige und unabhängige Prüfung erhöht am Anfang die Kosten. Angebote und Pläne auf Herz und Nieren zu prüfen ist aufwändig und teuer. Am Ende lässt sich so aber Geld sparen. Beispiel USA: Dort werden Großprojektpläne durch den Bundesrechnungshof unabhängig geprüft. Erst dann werden Verträge geschlossen.

Die EU macht außerdem vor, wie sich schlechte Bieter früh von den guten trennen lassen. Anbieter, die bei früheren Projekten unrealistische Prognosen abgegeben hatten, werden bereits vor den eigentlichen Ausschreibungsrunden disqualifiziert. Sie dürfen erst gar nicht mitbieten.

Baut einfach, nicht monumental!

3. Aus Fehlern der Vergangenheit die Zukunft vorhersagen

Ein typischer Fehler von Planern ist es, zu denken, ein Projekt wäre so einzigartig, dass es sich mit keinem bisher dagewesenen Bauwerk vergleichen lässt. Doch aus der Vergangenheit lässt sich viel lernen. Zum Beispiel, welche zusätzlichen Kosten Wassereinbruch in einem Tunnel verursacht. Oder wie groß die Terminverzögerungen sind, wenn es zu einem Regierungswechsel kommt.

Mit klassischen technischen Ansätzen lassen sich diese Risiken nicht einschätzen. Die einfache Frage "Wie hoch waren Kostensteigerungen und Verspätungen bei den 20 zuletzt gebauten Opernhäusern?", erlaubt Risiken verlässlich zu planen und macht Projektpläne realistischer.

Gleichzeitig müssen Planer und Konstrukteure die richtigen Anreize haben, um realistisch zu planen und effizient zu bauen. Großbritannien ist hier weltweit führend: Kommt es bei einem Projekt zu Kostenüberschreitungen, teilen sich Regierung und Konstrukteure die Zusatzkosten – und zwar zu gleichen Teilen. Sollten die Kosten höher liegen als ein Pufferbetrag, der vorher vereinbart wurde, trägt die Baufirma sämtliche Mehrkosten.

4. Einfach und robust bauen

Bei Großprojekten streben Politiker und Bauplaner meistens nach Superlativen: die modernste Oper, der längste Tunnel, das ausgefallenste Fassaden-Design. Dadurch werden Bauprojekte komplexer und fragiler, als sie eigentlich sein müssten. Unsere Daten zeigen: Eines von zehn Bauprojekten scheitert an zu hochtrabenden Plänen. Die ehrgeizigen Megaprojekte sind anfällig für Kinderkrankheiten und verkraften Überraschungen oft schlecht. Daher gilt: Einfach ist besser.

Gute Beispiele sind die U-Bahn in Madrid und die Berliner Kanzler-U-Bahn U5. Statt Stararchitekten für den Bau der Stationen zu beauftragen, setzten die Planer auf ein schlichtes, einheitliches und funktionales Design. Form follows Function statt Monumentalismus.

5. Von Meisterbauern lernen

In unseren Studien haben wir Bauplaner gefunden, die Großprojekte immer innerhalb des Budgets und des Terminplans verwirklicht haben. Diese Meisterbauer haben über Jahre Faustregeln und Heuristiken entwickelt, um im Großprojektgeschäft zu überleben. Ihre Erfahrungen sind sehr wertvoll für andere Projektleiter, Bauherren und Aufseher. In Deutschland gibt es mit dem Kompetenzzentrum für IT Großprojektmanagement erste Schritte in die richtige Richtung, dieses Wissen zu teilen und zu verbreiten.

In Großbritannien haben wir zusammen mit der Regierung die Major Projects Leadership Academy gestartet, um den Erfahrungsaustausch zwischen Großprojektleitern, öffentlichem und privatem Sektor und zwischen Akademie und Praxis zu fördern.