FlughafendebakelBerliner, so baut ihr richtig!

Müssen Großprojekte schiefgehen? Ach was! Zwei Planungsforscher aus Oxford erklären in fünf Schritten, wie sich Baudebakel wie am Berliner Flughafen verhindern lassen. von Bent Flyvbjerg und Alexander Budzier

Eingangsbereich des Willy-Brandt-Flughafens

Eingangsbereich des Willy-Brandt-Flughafens  |  © Carsten Koall/Getty Images

Können die Deutschen nicht mehr bauen? Mehrere Großprojekte sorgten zuletzt in Deutschland für schlechte Schlagzeilen: eine vergessene Mehrwertsteuer bei der Elbphilharmonie, steigende Kosten beim Stuttgarter Tiefbahnhof und Verzögerungen am neuen Berliner Flughafen. Doch diese Probleme sind alles andere als typisch deutsch. Das zeigt unsere Statistik, für die wir rund 1.500 Bauprojekte auf der ganzen Welt untersucht haben. Egal wo die Megaprojekte gebaut werden: Meistens wird es teuer und es dauert länger als geplant.

Bemerkenswert ist: Am Problem der ständigen Kostenexplosionen und Terminverschiebungen hat auch der technische Fortschritt der vergangenen hundert Jahre nichts geändert. Das deutet darauf hin, dass die Quelle der Probleme meistens nicht in der Bauausführung, sondern in der Planungsphase und damit bei der Politik liegt. Unsere Forschung hat gezeigt, dass übertriebener Optimismus und strategische Falschdarstellungen häufig der Grund für spätere Probleme sind. Die Kosten und die Dauer eines Großprojekts werden vor Baubeginn systematisch klein gerechnet.

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Wie lässt sich das verhindern? Mithilfe der Daten aus unseren Studien haben wir fünf Strategien entwickelt, die dabei helfen können, Großprojekte pünktlich fertigzustellen und dabei nicht mehr auszugeben als geplant.

1. Die Planer sollten mehr vergleichen 

Die Planer von Flughäfen und Bahnhöfen sollten zunächst einen Blick ins Ausland werfen. Wie lange hat es in anderen Ländern gedauert, einen ähnlichen Flughafen zu bauen? Wir beobachten, dass die Planungen von Großprojekten durch derartige Vergleiche deutlich realistischer werden. Das wird in Deutschland zu wenig gemacht. Andere Länder sind in diesem Punkt weiter.

In Dänemark und den USA wird eine Liste der Großprojekte mit ihrem Status im Netz veröffentlicht. Die Bürger haben so die gleichen Informationen wie Auftraggeber, ausführende Ministerien und das Parlament. Sie können damit konkret vergleichen, ob ein Bauprojekt teurer wird als ein ähnliches Projekt in einem anderen Land. Wenn ja, können sie Politikern unangenehme Fragen stellen.

2. Die Macher sollten besser prüfen, was sie planen

Große Bauprojekte werden meistens von Experten geplant, die später auch an der Projektausführung beteiligt sind. Das ist schlecht. Außerdem setzen die Entscheidungsregeln bei öffentlichen Ausschreibungen falsche Anreize: Um Ausschreibungen zu gewinnen, rechnen Projektplaner die Kosten zum Teil absichtlich herunter. Die tatsächlichen Projektkosten liegen später dann oft deutlich höher.

Bent Flyvbjerg
Bent Flyvbjerg

ist Gründer des Lehrstuhls für Großprogramm-Management an der Universität Oxford, der vom Telekommunikationsunternehmen British Telecom gestiftet wurde. Er ist zudem Gründungsdirektor des British Telecom Forschungszentrums für Großprogramm-Management und einer der weltweit führenden Experten für die Planung von Großprojekten.

Eine sorgfältige und unabhängige Prüfung erhöht am Anfang die Kosten. Angebote und Pläne auf Herz und Nieren zu prüfen ist aufwändig und teuer. Am Ende lässt sich so aber Geld sparen. Beispiel USA: Dort werden Großprojektpläne durch den Bundesrechnungshof unabhängig geprüft. Erst dann werden Verträge geschlossen.

Die EU macht außerdem vor, wie sich schlechte Bieter früh von den guten trennen lassen. Anbieter, die bei früheren Projekten unrealistische Prognosen abgegeben hatten, werden bereits vor den eigentlichen Ausschreibungsrunden disqualifiziert. Sie dürfen erst gar nicht mitbieten.

3. Aus Fehlern der Vergangenheit die Zukunft vorhersagen

Ein typischer Fehler von Planern ist es, zu denken, ein Projekt wäre so einzigartig, dass es sich mit keinem bisher dagewesenen Bauwerk vergleichen lässt. Doch aus der Vergangenheit lässt sich viel lernen. Zum Beispiel, welche zusätzlichen Kosten Wassereinbruch in einem Tunnel verursacht. Oder wie groß die Terminverzögerungen sind, wenn es zu einem Regierungswechsel kommt.

Alexander Budzier
Alexander Budzier

ist Doktorand am British Telecom Forschungszentrum für Großprogramm-Management und der Saïd Business School der Universität Oxford. Zuvor war er Consultant im McKinsey Office of Business Technology.

Mit klassischen technischen Ansätzen lassen sich diese Risiken nicht einschätzen. Die einfache Frage "Wie hoch waren Kostensteigerungen und Verspätungen bei den 20 zuletzt gebauten Opernhäusern?", erlaubt Risiken verlässlich zu planen und macht Projektpläne realistischer.

Gleichzeitig müssen Planer und Konstrukteure die richtigen Anreize haben, um realistisch zu planen und effizient zu bauen. Großbritannien ist hier weltweit führend: Kommt es bei einem Projekt zu Kostenüberschreitungen, teilen sich Regierung und Konstrukteure die Zusatzkosten – und zwar zu gleichen Teilen. Sollten die Kosten höher liegen als ein Pufferbetrag, der vorher vereinbart wurde, trägt die Baufirma sämtliche Mehrkosten.

4. Einfach und robust bauen

Bei Großprojekten streben Politiker und Bauplaner meistens nach Superlativen: die modernste Oper, der längste Tunnel, das ausgefallenste Fassaden-Design. Dadurch werden Bauprojekte komplexer und fragiler, als sie eigentlich sein müssten. Unsere Daten zeigen: Eines von zehn Bauprojekten scheitert an zu hochtrabenden Plänen. Die ehrgeizigen Megaprojekte sind anfällig für Kinderkrankheiten und verkraften Überraschungen oft schlecht. Daher gilt: Einfach ist besser.

Gute Beispiele sind die U-Bahn in Madrid und die Berliner Kanzler-U-Bahn U5. Statt Stararchitekten für den Bau der Stationen zu beauftragen, setzten die Planer auf ein schlichtes, einheitliches und funktionales Design. Form follows Function statt Monumentalismus.

5. Von Meisterbauern lernen

In unseren Studien haben wir Bauplaner gefunden, die Großprojekte immer innerhalb des Budgets und des Terminplans verwirklicht haben. Diese Meisterbauer haben über Jahre Faustregeln und Heuristiken entwickelt, um im Großprojektgeschäft zu überleben. Ihre Erfahrungen sind sehr wertvoll für andere Projektleiter, Bauherren und Aufseher. In Deutschland gibt es mit dem Kompetenzzentrum für IT Großprojektmanagement erste Schritte in die richtige Richtung, dieses Wissen zu teilen und zu verbreiten.

In Großbritannien haben wir zusammen mit der Regierung die Major Projects Leadership Academy gestartet, um den Erfahrungsaustausch zwischen Großprojektleitern, öffentlichem und privatem Sektor und zwischen Akademie und Praxis zu fördern.

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Leserkommentare
    • ohopp
    • 14. Januar 2013 17:56 Uhr

    erlaubt ist ein lange SubSubSub....Unternehmenskette zu bilden wird sich gar nichts ändern. Man kann doch nicht hinter jeden Arbeiter einen Kontrolleur nebst Dolmetscher stellen.
    Was ich in einigen Berichten gesehen habe, spottet jeglichen Standart.

    5 Leserempfehlungen
  1. Viele kluge Ratschläge und Anregungen - um nur einen zu zitieren:
    "Die Planer von Flughäfen und Bahnhöfen sollten zunächst einen Blick ins Ausland werfen"

    Übersehen wird allerdings etwas ganz Entscheidendes: Der Deutsche als solcher lässt sich nicht gerne etwas sagen resp. raten. Im Grunde wissen wir doch alles besser. Welche Folgen das hat - siehe die im Artikel vorgenommene Auflistung.

    Habe ich da irgendwas gehört von "Am deutschen Wesen soll die Welt...". Aber nicht doch.

    6 Leserempfehlungen
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    siehe Inbetriebnahme des 5. Terminals von London Heathrow. Die haben sich extra Hilfe geholt von München, wegen deren reibungslosen Inbetriebnahme des dortigen neuen Terminals. Trotzdem hats nicht geholfen.

    Der Artikel triffts aber auf den Punkt. In Deutschland zählt immer noch "das billigste Angebot wird genommen" ob es das preiswerteste und realistischte Agebot ist, wird nicht hinterfragt. Wäre im Milliarden Euro Projektbereich vielleicht doch mal angeraten.

  2. Na, hoffentlich wenigstens in Sachen 'einfach und robust'. In Sachen 'Bauzeit im Verhältnis zur Länge der Strecke' dürfte die U55 weltweit einmalig sein http://de.wikipedia.org/wiki/U-Bahnlinie_55_(Berlin) die Anbindung an die eigentliche U5 steht auch noch in den Sternen.

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  3. Beim Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses wird dann alles richtig gemacht ! Entweder das Ding steht, oder ich falle !

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    • Bashu
    • 14. Januar 2013 21:09 Uhr

    richtig gemacht"

    Das wäre dann ein Novum und sicherlich eine breite Diskussion in den Medien wert.

    Immerhin sind die beiden Sekt-König und -Vizekönige Wowereit und Platzek nicht involviert und überhaupt müsste man Schloss auf dem Kopf bauen oder ähnliches, ansonsten lässt sich BER ja an Stümperhaftigkeit ja kaum noch unterbieten... ich sehe also positiv in die Berliner Zukunft.

    • Xdenker
    • 14. Januar 2013 18:42 Uhr

    Natürlich ist es wichtig, erfahrene, kompetente Auftragnehmer (AN) mit validen Referenzen zu verpflichten, die finanziell stabil sind und über einschlägige Versicherungen mit angemessenen Versicherungssummen verfügen. Normalerweise schließt man Festpreisverträge mit mit einer fixen Kostenobergrenze von z.B. max. 10% über Angebotspreis ab. Darüber hinaus gehende Mehrkosten werden nicht erstattet.

    Die eigentlichen Verursacher von Mehrkosten sind "change requests", also nachträgliche Änderungen, das zu liefernde Gewerk betreffend. Wenn die Leistungs- und Lieferungsanforderungen (Pflichten- und Lastenhefte) im Zuge der Auftragsausführung permanent verändert werden, darf man sich nicht wundern, wenn die Kosten ins Uferlose wachsen und verstärkt Ausführungsmängel auftreten.

    Solche change-requests müssen in jedem Fall klar definiert und durchgeplant werden, so dass trotz Änderungen immer klar bleibt, welche Leistung zu welchen (Fest-)Kosten in welcher Zeit geschuldet sind. Die Gefahr der Notwendigkeit nachträglicher Änderungen steigt natürlich mit der Zeit, die zwischen dem Start der Planungen und dem Beginn der Ausführung vergeht. Die hier im öffentlichen Bereich mittlerweile üblichen 10 Jahre und mehr sind ein großes Problem.

    Ein letzter entscheidender Punkt noch: Politiker agieren als Auftraggeber (AG) meist dilletantisch. Und in öffentlichen Projekten fehlt oft der Biss, insbesondere im Controlling. Deshalb gehen evtl. Ressourcenengpässe der AN immer zulasten öffentlicher AG.

    5 Leserempfehlungen
  4. ... wenn Politiker und Möchte-Gern-Architekten nach Baubeginn anfanen zu träumen und alles ein bisschen schöäner wollen.

    War in Berlin so und in Hmaburg.

    Dann laufen die Kosten in den Himmel, so oder so.

    2 Leserempfehlungen
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    Die Brandschutzanlage funktioniert nicht, weil nicht der Baupläne entsprechend gearbeitet wurde. Und nicht die Berliner bauen, sondern Berlin, Brandenburg und der Bund.

    Verantwortlich jedoch sind schlampende Firmen wie Siemens usw.

  5. " Sollten die Kosten höher liegen als ein Pufferbetrag, der vorher vereinbart wurde, trägt die Baufirma sämtliche Mehrkosten."

    und schon ist der Anreiz weg, die Kosten in die Höhe zu treiben.

    Vielleicht haben die Politiker noch nie etwas von verbindlichen Kostenvoranschlägen gehört?

    3 Leserempfehlungen
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    ... verbindliche Wahlversprechen gehört? Wenn die so als Bau"herren" auftreten wie sie gegenüber uns Wählern ihre Versprechungen halten - wen wundert's dann noch?

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