PolenStrzeszewo wehrt sich gegen Fracking

Die Schiefergas-Förderung soll Polen zum Energieparadies machen. Doch der Einsatz von Chemikalien weckt Widerstand, ähnlich wie in Deutschland. Von U. Krökel, Strzeszewo von 

Der Förderturm am umstrittenen Bohrloch LE-1 in Strzeszewo

Der Förderturm am umstrittenen Bohrloch LE-1 in Strzeszewo  |  © Dominik Makurat

Im Winter ist Strzeszewo einer jener Orte, die das Ende der Welt markieren könnten: Die Storchennester sind längst verlassen, ein paar Dorfhunde bellen freudlos. Wenn man weiterfährt, landet man am kalten Wasser der Ostsee. Doch trotz des tristen Eindrucks ist das Niemandsland um Strzeszewo, 80 Kilometer nordwestlich von Danzig gelegen, eine Kampfzone. Seit hier Schiefergas gefördert wird, spielt sich hier ein heftiger Streit ab.

Schon der Versuch, den Bohrturm auf dem Dorfacker zu fotografieren, alarmiert den Sicherheitsdienst. "Was machen Sie da? Weg!", ruft ein Wachmann und eilt mit schweren Schritten auf den Fremden zu. Das hitzige Gespräch endet, als sich Grazyna Mazanowska vom Dorf her nähert. Sie ist hier geboren und gehört zu den Fracking-Gegnern im Dorf. Wir sind zum Ortstermin verabredet. Der bullige Aufseher zieht sich zurück.

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"Die kennen mich und wissen, dass sie uns nicht von der Straße vertreiben dürfen", sagt Mazanowska, eine Frau mit dichten, dunkelblonden Haaren und einer energischen Stimme. Mazanowska ist Anfang 50, und sie kennt ihre Rechte. "Ich liebe meine Heimat", sagt sie, und schwärmt von dem Wasser, der Seeluft und den Wäldern, über denen im Sommer die Kraniche ihre Runden ziehen. Im Moment allerdings macht sie sich Sorgen um die Idylle. Am Bohrloch LE-1 auf dem Acker pressen Arbeiter unter Hochdruck Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden, um in 4.000 Metern Tiefe das Schiefergestein aufzubrechen und nach Gas zu suchen. Fracking nennt sich die ebenso revolutionäre wie umstrittene Fördermethode.

"Wie giftig sind die Substanzen?"

"Alles ist unschädlich", zitiert Mazanowska einen Sprecher des verantwortlichen US-amerikanisch-britisch-polnischen Konsortiums Conoco-Philips/Lane Energy Poland. Doch Mazanowska zweifelt daran. "Wir wollen wissen, was sie außer Wasser und Sand noch in unseren Boden pumpen", sagt die zweifache Mutter. "Wie giftig sind die Substanzen?" Um das herauszufinden, hat sie im Dorf eine Bürgerinitiative gegründet. 120 Einwohner stimmten dafür, nur drei waren dagegen.

Fracking

Alles begann mit dem perfekten Knick im Bohrgestänge. Zur Jahrtausendwende entwickelten Ingenieure in den USA ein Verfahren, mit dem Trägergestein in Tiefen bis zu 10.000 Meter nicht nur senkrecht erreicht, sondern auch horizontal durchbohrt und erschlossen werden kann. In den Sedimenten, meist Schiefer, lagert Gas. Um es zu fördern, kommt die umstrittene Fracking-Technik zum Einsatz.

Verfahren

Der Name leitet sich vom englischen to fracture ab – aufbrechen. Unter hohem Druck werden Wasser, Sand und kleine Mengen an Chemikalien in das Gestein gepresst, um es aufzubrechen. Das Gas kann entweichen. Allerdings kann niemand garantieren, dass dies ausschließlich kontrolliert geschieht. Das Umweltbundesamt (UBA) hat in einer Studie zum Fracking die größten Risiken aufgelistet. Die teils hoch giftigen Chemikalien, die in den Boden gepumpt werden, könnten das Trinkwasser verseuchen. Kenner der Szene gehen davon aus, dass US-Firmen Salzsäure, Benzol und andere krebserregende Stoffe einsetzen.

Befürworter

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) widerspricht dem Fracking-kritischen UBA. Umweltverträgliches Fracking sei möglich. Oberflächennahes Trinkwasser stehe mit dem Tiefengestein "meist nicht in Verbindung". Unstrittig ist, dass die Fracking-Förderung extrem flächenintensiv ist. Der Schiefer muss immer wieder an neuen Stellen "angezapft" werden. Im Schnitt sind sechs Bohrungen pro Quadratkilometer nötig. Ganzen Landstrichen drohe damit die Zerstörung, sagen Kritiker.

Aus Sicht der Regierung in Warschau ist die neue Fördermethode ein Segen für das Land. Geologen haben in Polen große Vorkommen an Schiefergas ausgemacht. Optimistische Schätzungen gehen von zwei bis fünf Billionen Kubikmetern aus. Auf 100 Jahre hinaus könnte das Land damit seinen heutigen Energiebedarf decken. Aber auch die Exportchancen wären riesig. Polen werde zu einem "zweiten Norwegen" aufsteigen, hofft Ministerpräsident Donald Tusk. Die Skandinavier sind dank ihrer Gas- und Ölförderung eines der reichsten Völker der Welt.

In Europa werden größere Schiefergasvorkommen auch in Frankreich, den Niederlanden, der Ukraine und in Deutschland vermutet, allen voran in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg. Auch hier ist Fracking heiß umstritten: In Berlin können sich Umwelt- und Wirtschaftsministerium nicht auf ein neues Rahmengesetz für die Fördermethode einigen. Eine Entscheidung dürfte erst nach der Bundestagswahl im Herbst fallen.

Polen tut sich mit der Regulierung ähnlich schwer. Mehrfach wurden Gesetzesvorlagen wieder von der Tagesordnung des Parlaments genommen. Im Februar soll es nun endlich soweit sein. Unterdessen schafft die Regierung auf der Grundlage des lückenhaften bestehenden Rechts Fakten. 113 Konzessionen für Probebohrungen hat sie bislang vergeben. 42 Anlagen wurden bereits installiert, meist an abgelegenen Orten wie in Strzeszewo.

Leserkommentare
    • efünf
    • 28. Januar 2013 14:50 Uhr

    war bis 1945 deutsch, der deutsche Name ist "Stresow". Ich finde merkwürdig, dass das nicht ein einziges Mal im Text erwähnt ist oder das nicht ganz einfach der deutsche Name verwendet wird. Man kann es auch übertreiben mit der politischen Korrektheit.

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    • Xarx
    • 28. Januar 2013 15:07 Uhr

    Was hat das mit dem Thema zu tun, dass das Dorf mal deutsch gewesen ist? Es ist für die Thematik einfach absolut irrelevant und so gibt es auch keinen Grund dies im Artikel zu erwähnen.

    Hier nochmal die Fakten:

    1. Das Dorf befindet sich nun in Polen. Die Vergangenheit ist vergangen.

    2. Das Dorf hat jetzt einen polnischen Namen. Die Vergangenheit ist vergangen.

    ..und bei einem Artikel über Köln bitte auch den römischen/lateinischen Ursprungsnamen Oppidum Ubiorum nennen.
    Und wenn wir schon dabei sind auch bei Berlin und Rostock den slawischen Brlo/Berlo, Rastokŭ usw. ;-)

    • Bashu
    • 28. Januar 2013 17:57 Uhr

    Schon vor 1945 hatten die Polen für die damals zu Deutschland bzw. Preußen gehörenden Städte polnische Namen (zumal die Orte ehemals [vor 700 Jahren] slawisch waren).

    Beide Namen sind also legitim - der gleiche Name in zwei verschiedenen Sprachen. Wir sagen auch Warschau statt Warszawa und Krakau statt Krakow.

    Die Polen wurden im Übrigen 1945 ebenfalls vertrieben (von den Russen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten). Das wird oft vergessen ....

    Wenn wir bei den Städtenamen sind, den Himmlerstadt (u.a.) sollen die deutsche Medien selbstverständlich auch nicht vergessen...

  1. Das hat mit "politischer Korrektheit" aber mal gar nichts zu tun.
    Wie sie richtig erkannt haben WAR es bis 45 deutsch. Nun ist es polnisch. Demzufolge ist Strzesewo korrekt.

    5 Leserempfehlungen
    • Xarx
    • 28. Januar 2013 15:07 Uhr

    Was hat das mit dem Thema zu tun, dass das Dorf mal deutsch gewesen ist? Es ist für die Thematik einfach absolut irrelevant und so gibt es auch keinen Grund dies im Artikel zu erwähnen.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Das Dorf Strzesewo"
  2. Nach dieser Logik würden Sie also auch erwarten, dass in einem Artikel über Istanbul sicherheitshalber noch einmal darauf hingewiesen wird, dass die Stadt früher mal Byzanz und Konstantinopel hieß und sowohl griechisch als auch römisch war?

    4 Leserempfehlungen
  3. ...wenn er nicht, wie dreihundert Kilometer entfernt in der Oblast Kaliningrad, bei Sovjetsk (Memel), ein AKW vor die Nase gesetzt bekommt.

    Und andererseits ist es auch nicht okay, die Nutzung alternativer Energiequellen zu torpedieren, wenn dann die eigene Regierung gezwungen ist, den Nachbarn in zwanzig Kilometern Entfernung, in Zarnowiec, ebenfalls ein AKW vor die Nase zu setzen.

    Klar ist es an Ostsee landschaftlich schön, aber die Einkaufsstädte vor den Toren Danzigs brauchen Energie, und auch all die neuen Häuser, die man in der Region baut.
    Leider fehlt mal wieder die Angabe, wieviele der Einwohner sich tatsächlich gegen die "bulligen Aufseher" und bösen Konzerne zur Wehr setzen.

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    • Mithra
    • 28. Januar 2013 17:14 Uhr

    Es ist doch unwichtig, wie viele oder wenige Einwohner eventuell gegen das Fracking sind. Das sind schließlich die GUTEN, oder? Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht! Die Weiße Rose seinerzeit war schließlich auch nur eine kleine Minderheit. Und gegen die weiträumige Vergiftung der Brunnen bzw. des Grundwassers durch US-Konzerne muss mit allen Maßnahmen vorgegangen werden.

  4. Hier nochmal die Fakten:

    1. Das Dorf befindet sich nun in Polen. Die Vergangenheit ist vergangen.

    2. Das Dorf hat jetzt einen polnischen Namen. Die Vergangenheit ist vergangen.

    Antwort auf "Das Dorf Strzesewo"
  5. In einem freien Europa sollte es zur Selbstverständlichkeit werden, dass wir, wo immer möglich, den heutigen polnischen Namen die ursprünglich deutschen hinzufügen. Es gehört zum europäischen Geschichtsbewusstsein, dass diese Orte vor 1945 zu Deutschland gehörten und dass ihre deutschen Bewohner unter schrecklichen Umständen, ihre Heimat, Kultur und Geschichte für immer verloren haben.

    http://stresow.kreis-greifenhagen.de/

    2 Leserempfehlungen
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    Warum? Jeder Deutsche weiß, dass die Woiwodschaften Pommern, Westpommern, Lebus etc. früher Deutsch waren. Mann muss das nicht noch künstlich hervortun.

    Außerdem müsste dann nach Ihrer Logik die Ortsangaben in Nordschleswig,Elsaß-Lothringen etc. ebenfalls auf Deutsch erfolgen.

  6. der Bürger darf die giftigen Stoffe nicht irgendwo wegwerfen, sondern bei Giftmülldeponien abgeben. Aber naja, dann kann man später mit Wasser eben wieder Geld verdienen, wenn es knapp wird.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Polen | Fracking | Gas | Bürgerinitiative | Dorf | Norwegen
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