Gewerkschaftsprotest in Lyon © Jean-Philippe Ksiazek/AFP/Getty Images

Mehr als 200.000 Streitfälle zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten verhandeln Frankreichs Gerichte jedes Jahr. Doch der Fall eines Fernsehtechnikers überraschte selbst die Richter des Pariser Berufungsgerichts. Der staatliche Fernsehsender France 3 hatte den Mitarbeiter in zehn Jahren nicht weniger als 320 befristete Arbeitsverträge unterschreiben lassen. Im Durchschnitt also alle 11,4 Tage einen, und das wohl kaum, um Engpässe zu überbrücken, urteilten die Richter. Der Sender muss dem Mann nun 200.000 Euro Entschädigung zahlen.

Das Beispiel ist extrem gewählt, aber es steht für eine größere Entwicklung am französischen Arbeitsmarkt. Drei von vier neu abgeschlossenen Arbeitsverträgen haben mittlerweile eine Dauer von weniger als einem Monat, kritisieren die Gewerkschaften. Und das nicht nur in der Privatwirtschaft, sondern auch bei Staatsunternehmen, wie der Fall France 3 zeigt. Es verwundert deshalb nicht, dass vor allem das Thema der befristeten Beschäftigung das größte Hindernis ist, wenn sich Arbeitgeber und Gewerkschaften bis zum Ende dieser Woche auf eine Reform des französischen Arbeitsrechts einigen sollen.

"Der Ball liegt im Feld der Arbeitgeber", sagt Laurent Berger. Der 44-Jährige ist seit Mitte November Chef der Gewerkschaft CFDT. Die CFDT mit ihren rund 800.000 Mitgliedern hat zuletzt immer wieder gesellschaftlich umstrittene Entscheidungen mitgetragen. Der rigide Kündigungsschutz sowie die mangelnde Flexibilität gelten neben den hohen Arbeitskosten als Ursache für die steigende Arbeitslosigkeit in Frankreich. Mehr als drei Millionen Menschen sind mittlerweile ohne Job. Als wichtigstes Ziel für dieses Jahr hat Präsident François Hollande deshalb die "Umkehr der Arbeitslosenkurve" ausgegeben. Er hofft dabei auf die Unterstützung von Arbeitgebern und Gewerkschaften. "Sonst mache ich das", warnt er.

Es gehört zu den Neuerungen der seit Juni 2012 regierenden Sozialisten, dass die Sozialpartner im Konsens über eine der wichtigsten anstehenden Reformen bestimmen sollen. Doch Konsens ist in Frankreich generell ein ungeliebter Begriff, unter anderem, weil am Ende niemand einen Sieg verbuchen kann. Anders als in Deutschland gibt es in Frankreich keine Verhandlungskultur zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Hollande machte deshalb Druck: Finden beide Parteien bis Freitag keinen Kompromiss, droht er mit einem Gesetz von oben, das womöglich beiden Seiten missfällt. Frankreichs Gewerkschaften, schon heute mit einem Organisationsgrad von rund acht Prozent Schlusslicht in Europa, könnten weiter Mitglieder verlieren, die von der Führung enttäuscht sind. Aus Furcht vor dem Mitgliederschwund kämpft nun jede Einzelgewerkschaft ihren eigenen Kampf, was die Verhandlungen erschwert und die Arbeitnehmer schwächt.

Auch inhaltlich ist das Lager der Gewerkschaften gespalten. Anders als die Kollegen von der kommunistisch orientierten Großgewerkschaft CGT und der kleineren Force Ouvrière hält Berger von der CFDT die Forderung der Arbeitgeber nach mehr Flexibilität für akzeptabel. Geht es einem Unternehmen schlecht, sollen die Beschäftigten leichter als bisher an einen anderen Standort versetzt werden können. Auch soll es in solchen Fällen weniger Lohn oder Kurzarbeit geben dürfen.