GewerkschaftenFrankreichs vergiftete Arbeitsmarktreform

Nur drei von fünf Gewerkschaften einigen sich in Frankreich mit den Arbeitgebern auf mehr Flexibilität. Der Widerstand beweist wenig Verantwortung. von 

Am größten dürfte die Erleichterung bei Staatschef François Hollande gewesen sein. Kaum hatten Arbeitgeber und Gewerkschaften am späten Freitagabend endlich einen Kompromiss über die künftige Reform des Arbeitsmarkts geschlossen, verbreitete sein Büro eine vorbereitete Erklärung. Darin lobte der Präsident, der Abschluss trage zur zur Sicherung der Arbeitsplätze in Frankreich bei. Das ist sein wichtigstes Ziel für 2013 angesichts von bereits mehr als 3 Millionen Erwerbslosen.

Doch das Ergebnis ist vergiftet. Zwei der fünf Gewerkschaften am Verhandlungstisch verweigerten nämlich ihre Zustimmung. Das reicht zwar, um den Kompromiss in den nächsten Wochen in Gesetzesform zu gießen. Doch die beiden Hardliner-Gewerkschaften CGT und Force Ouvrière sind die wichtigste und die drittwichtigste Vertretung der Arbeitnehmerinteressen in Frankreich. CGT-Chef Bernard Thibault erinnerte Hollande daran, dass eine Mehrheit der Arbeitnehmer ihn im vergangenen Mai ins Amt gebracht habe und kündigte Widerstand an: "Wir werden weiter jede Maßnahme bekämpfen, die dazu geeignet ist, mehr Flexibilität zu schaffen und die Arbeitnehmer zusätzlich ins Prekariat zu drängen."

Genau das tut der Abschluss nach Überzeugung von CGT und Force Ouvrière. Leidet ein Unternehmen an mangelnden Aufträgen und muss – wie aktuell der Autohersteller PSA Peugeot Citroën – die Produktion zurückfahren und einen Standort schließen, wird es künftig einfacher sein, Arbeitszeiten und Löhne zu senken sowie Beschäftigte innerhalb der Firma zu versetzen. Zudem reduziert der Kompromiss die Möglichkeiten, Kündigungen vor Gericht anzufechten.

Langwierige Gerichtsverhandlungen

Die bisher oft langwierigen Auseinandersetzungen vor Gericht gehören zu den Gründen, warum zahlreiche Arbeitgeber in den vergangenen Jahren immer häufiger nur noch befristete Verträge vergaben. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Verträge mit einer Dauer von nur wenigen Wochen auf 14 Millionen mehr als verdoppelt.

"Jedes Jahr werden drei Millionen unbefristete Verträge abgeschlossen, aber 18 Millionen befristete, davon 14 Millionen mit einer Dauer von weniger als einem Monat", kritisierte noch am Freitagmorgen der ehemalige EADS-Chef Louis Gallois in einem Zeitungsinterview. "Die Arbeitnehmer sammeln in einem Jahr fünf, zehn oder 15 befristete Verträge. Es muss Schluss sein mit diesem Arbeitsmarkt der zwei Geschwindigkeiten", appellierte er an die Arbeitgeber.

Die hatten am Freitagvormittag auf den letzten Drücker ihren Widerstand aufgegeben und sich bereit erklärt, eine Art Bußgeld für solche Kurzfristverträge in die Arbeitslosenversicherung zu bezahlen. Motivation dafür mag auch die Drohung der Regierung gewesen sein, im Fall eines Scheiterns der Verhandlungen einen Teil der bereits in Aussicht gestellten Steuererleichterungen für Unternehmen wieder zu kassieren.

Leserkommentare
    • Halapp
    • 12. Januar 2013 12:05 Uhr

    @ "Ach Ja" sunshine50
    Die Löhne werden zwischen Gewerkschaften und Unternehmern
    in Deutschland ausgehandelt.
    Ihre Kritik sollten Sie bei den deutschen Gewerkschaften
    abladen, wenn Sie diese für unfähig halten und die Löhne zu
    niedrig.
    Ohne venünftige Gewerkschaften und den Kurzarbeiterregelungen der Bundesregierung wäre Deutschland
    nach meiner Meinung noch dort, wo die Franzosen heute sind.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ach ja !"
  1. Zu Ihrer Kennzeichnung des Widerstandes einiger Gewerkschaften, die noch nicht ganz käuflich waren, erspare ich mir selbst meinen Kopf zu schütteln. Wäre vergebene Liebesmühe. Ein gehörig Maß an Arroganz wirbt um die Gunst der dem Finanzkapital ergebenen Politiker, die schon in mehreren Ländern brutalst die systemischen Folgen der Entwicklungsstufe der Warenproduktion in seinen pervertierten Finanzformen auf die übrige Bevölkerung abgewälzt, und als diese widerstehen wollten, mit (demokratischer?) Gewalt an die Kette legten. Diese Ländervölker haben sich mit ihren Lebensbedingungen inzwischen schon beträchtlich dem chinesischen Vorbild genähert, sodaß man daran gehen kann, Teile der nach China u.a. Länder ausgelagerten Produktionen dank „flexibler Arbeitsverhältnisse“ zurück zu holen. Die französischen Gewerkschaften, die noch den Namen verdienen, wehren sich dagegen, was ihnen ihre mit Verlaub unverschämte Kritik einbringt: Kann man noch tiefer sinken als Lakai der Finanzterroristen zu werden?

    8 Leserempfehlungen
  2. 43. .....

    30 000 Pendler und Grenzgänger aus Baden und der Pfalz
    fallen täglich ins früher wilhelminische Elsass ein und
    abends zurück.
    quelle

    und nun?

    4 Leserempfehlungen
  3. In deutschen Landen ist alles bestens. Ja, fast ist man versucht zu sagen: Am deutschen Wesen kann die Welt genesen.

    2 Leserempfehlungen
    • maksym
    • 12. Januar 2013 12:19 Uhr

    So ist das halt mal. Wenn ihr so phlegmatisch seid und euch die Butter ohne Widerstand vom Brot nehmen lasst, dann werden sie euch auch noch das Brot wegnehmen. Warum sollten sie auch nicht, solange es das alles umsonst gibt.

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    Antwort auf "Ja..."
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    • Halapp
    • 12. Januar 2013 12:41 Uhr

    ers, Portugisen, Engländer, Iren,Polen, Rumänen.......
    und wenn Deutschland weiter eine Wachstumspolitik ver-
    folgt, werden vorhandene Schwachstellen behoben und der
    Lebenstandard weiter verbessert werden können.
    Aber der Zentralrat der Ökos wird uns noch viele Prügel
    zwischen die Beine werfen.
    Vielleicht wird unser Wirtschaftsminister noch eine Wirtschaftsminister, leicht hat er es nicht, denkt man
    nur an die Energiepolitik.

  4. gibt es überall wo es nationale Grenzen gibt. Wäre doch auch komisch wenn dies anders wäre. Basel ist ein gutes Beispiel. Als grösste Stadt im Dreiländereck CH-D-F stellt sie eben auch die meisten Arbeitsplätze. Es ist nur logisch, dass Menschen aus der Agglomeration dort arbeiten, egal ob dies die schweizerische, deutsche oder französische ist.

    Zu dem Thema sei noch vermerkt, dass Franzosen in der Schweiz knapp die Hälfte alles Grenzgänger ausmachen. Danach kommen Deutsche, Italiener und Österreicher (in dieser Reihenfolge).

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    Zum Arbeiten pendeln sehr wenige aus Deutschland bzw. der Schweiz nach Frankreich - der Weg ist fast immer umgekehrt.

    Nach Frankreich geht man nach wie vor zum Essen und Einkaufen Auch wenn es nicht mehr so attraktiv ist wie früher.

  5. Aber es geht in dieser Diskussion auch darum, was solche "Reformen" dem deutschen Arbeitsmarkt gebracht haben !

    Wenn ein kleiner Unternehmer weniger Aufträge hat muss er auch Mitarbeiter entlassen können.
    Aber bei uns ist es ja inzwischen soweit gekommen,
    das große Firmen jahrelang die gleichen Zeitarbeinehmer
    (UND DIENSTLEISTER) zu beschäftigen, die die gleiche Arbeit machen wie die (früher) Festangestellten aber viel weniger Geld bekommen und bei dem kleinsten Muckser versetzt werden können.

    Ein kleines Missverständniss reicht und schon wird man dorthin versetzt wo es so schön ist dass Viele lieber freiwillig kündigt.
    Willkür 2.0 !

    6 Leserempfehlungen
    • Halapp
    • 12. Januar 2013 12:41 Uhr

    ers, Portugisen, Engländer, Iren,Polen, Rumänen.......
    und wenn Deutschland weiter eine Wachstumspolitik ver-
    folgt, werden vorhandene Schwachstellen behoben und der
    Lebenstandard weiter verbessert werden können.
    Aber der Zentralrat der Ökos wird uns noch viele Prügel
    zwischen die Beine werfen.
    Vielleicht wird unser Wirtschaftsminister noch eine Wirtschaftsminister, leicht hat er es nicht, denkt man
    nur an die Energiepolitik.

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    Meinen Sie die Energiepolitik, die gemeinhin als viel zu Unternehmensfreundlich kritisiert wird? Die eine mehr oder weniger offene Subvention energielastiger Unternehmen zulasten des Verbrauchers darstellt?
    Es gibt schon Gründe warum sich von Unternehmensseite eigentlich nur die Konzerne EON, RWE und Vattenfall beschweren. Die restlichen Unternehmen insbesondere die Großindustrie fährt eigentlich ganz gut mit der "Energiewende" und wird den Teufel tun da irgendwas dran zu ändern, nur weil die Stromkonzerne Angst um ihre Goldesel haben.

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