Wenn es nach einigen der berühmtesten Ökonomen der Welt geht, erleben die Griechen morgens beim Bäcker derzeit ein Wunder: Sie bezahlen immer noch mit Euro. Dabei müsste das Land die Währungsunion doch eigentlich längst verlassen haben. So haben es schließlich Nobelpreisträger Paul Krugman, Citigroup-Chefvolkswirt Willelm Buiter und Star-Ökonom Nouriel Roubini prognostiziert.

Besonders Roubini gilt als Hellseher, seit er als einer der wenigen die Finanzkrise 2008 vorhergesagt hat. "Der einzige Ausweg besteht in einer Insolvenz Griechenlands und dem Ausstieg aus der Euro-Zone", sagte er im Mai 2012. Citigroup-Volkswirt Willelm Buiter schätzte die Wahrscheinlichkeit für einen Euro-Austritt Griechenlands auf 90 Prozent. Paul Krugman sah bereits das ganze Euro-System zusammenbrechen. Und John Paulson, einer der bekanntesten und erfolgreichsten Investoren der Welt, wettete viel Geld auf das Ende der Währungsunion.

Gekommen ist es bekanntlich anders. Inzwischen gibt es sogar zaghafte Anzeichen, dass sich die Euro-Krise beruhigt: Die Regierungen in Italien und Spanien können sich wieder zu bezahlbaren Zinsen am Kapitalmarkt Geld leihen, die Handelsdefizite der Peripherieländer sinken, der Euro-Kurs steigt. Von Zusammenbruch keine Spur. Wie konnten sich Ökonomen und Investoren dermaßen irren?

"Prognosen sind im Moment nicht einfach", sagt Jürgen Michels, Europa-Chefsvolkswirt bei der Bank Citigroup. Auch er sagte im Mai 2012 voraus, dass Griechenland mit bis zu 75 prozentiger Wahrscheinlichkeit aus dem Euro austreten werde, und lag damit falsch.

Viel zu positive Prognosen in Deutschland

Schon vor der turbulenten Euro-Krise waren Wirtschaftsforscher nicht gut darin, ein verlässliches Bild der Zukunft zu zeichnen. Mit ihrer Prognose des Wirtschaftswachstums lagen die großen Forschungsinstitute regelmäßig deutlich daneben. Zwischen 1996 und 2006 überschätzten die Ökonomen, die für die Bundesregierung die Gemeinschaftsdiagnose erstellen, das Wachstum im Durchschnitt um 50 Prozent, zeigt eine selbstkritische Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das bis 2007 an dem Gutachten mitarbeitete. In Wirklichkeit war das Wirtschaftswachstum also nur halb so groß wie von den Forschern erwartet.

Als 2008 die Finanz- und Wirtschaftskrise ausbrach, kamen die Ökonomen erst recht durcheinander. Für 2009 sagten sie noch voraus, dass die deutsche Wirtschaftsleistung leicht wachsen würde. Stattdessen gab es eine dicke Rezession mit einem Minus von 5,1 Prozent. Für 2010 waren sie viel zu pessimistisch und prognostizierten ein Wachstum von rund einem Prozent, als die deutsche Wirtschaft bereits wieder um vier Prozent zulegte. Bei der Prognose für 2011 verschätzten sie sich etwa um einen Prozentpunkt.

Warum lässt sich Wirtschaft so schwer vorhersagen? "Sie ist nun mal ein sehr komplexes Phänomen mit vielen Unsicherheiten", sagt Konstantin Kholodilin, Prognose-Forscher am DIW. Anders als in der Physik gelten in der Wirtschaft keine Naturgesetze, die man berechnen kann. Außerdem müssen Ökonomen oft mit unvollständigen Datensätzen arbeiten. Wenn sie das Wirtschaftswachstum voraussagen, schauen sie zum Beispiel auf Umfragen unter Unternehmern oder in die Auftragsbücher der größten Konzerne. Diese Zahlen versuchen sie dann auf die gesamte Volkswirtschaft hochzurechnen.

 Ohne Bundestagswahl wäre das Schicksal Griechenlands ein anderes

In der Euro-Krise ist jedoch noch ein entscheidender Faktor hinzugekommen, der ökonomische Prognosen schwierig macht. Wer das Wirtschaftswachstum oder die Zukunft des Euros vorhersagen will, kann mit Daten über Unternehmensinvestitionen oder Statistiken zur Kauflaune der Bürger nur wenig anfangen. Denn über das Schicksal Griechenlands bestimmt längst die Politik: Wie lange man in Athen mit Euro bezahlen kann, entscheiden die Regierungschefs in Berlin und Paris. Rein ökonomisch gesehen ist Griechenland seit Jahren insolvent.

"Politische Befindlichkeiten spielen eine immer größere Rolle", sagt Citigroup-Volkswirt Jürgen Michels. Die nahende Bundestagswahl in Deutschland habe auch das Schicksal Griechenlands beeinflusst. "Ein Austritt würde die Wirtschaft der Euro-Zone hart treffen und eine Rezession im Wahljahr ist nicht gut für eine Bundesregierung, die wiedergewählt werden will", sagt Michels.

Außerdem hätten viele Ökonomen die griechische Regierung unterschätzt. In der Tat: Dass sich Ministerpräsident Antonis Samaras vom knallharten Oppositionsführer, der mehrmals Verhandlungen über Rettungspakete an den Rand des Scheiterns brachte, zu einem beherzten Reformpolitiker entwickeln würde, war schwer abzusehen.

Auch die Untergangspropheten Roubini und Krugman geben inzwischen zu, von der Hartnäckigkeit der EU-Politiker und der Entschlossenheit der Europäischen Zentralbank überrascht worden zu sein.

Ohne Politikverständnis geht nichts

Die Lehre aus ihrem Versagen ist: Ökonomisches Fachwissen reicht in der Euro-Krise nicht. Wirtschaftsforscher müssen zu Politikanalysten werden, um treffsichere Vorhersagen zu machen. Nur wer sich mit Parteipolitik auskennt und Wählergruppen beobachtet, kann abschätzen, wann Rettungspakete beschlossen werden und wie weit Sparprogramme gehen. Ökonomische Vorhersagen, die Politik als vernachlässigbare Größe behandeln, sind weitgehend wertlos.

Der Euro aber war von Anfang an ein politisches Projekt.

Womöglich lässt sich die Politik erst recht schwer vorhersagen. Das komplexe Verhandlungsspiel der nächtelangen EU-Krisensitzungen präzise abzusehen, ist nahezu unmöglich. Ökonomen können in dieser Situation eigentlich keine konkreten Zahlen mehr prognostizieren. Sie sollten daher lediglich Szenarien beschreiben: Wenn ein Schuldenschnitt kommt, bleibt Griechenland in der Währungsunion. Mit einer umfassenden Bankenunion überlebt der Euro. "Szenarien und die Angabe von Bandbreiten bei den Wachstumsraten sind deutlich sinnvoller als Punkt-Prognosen", sagt DIW-Forscher Kholodilin.

Sie sind aber auch weniger schlagzeilenträchtig als düstere Untergangsszenarien. Wohl auch deshalb sehen viele populäre Ökonomen lieber weiter schwarz. Nouriel Roubini sagt, Griechenlands Austritt aus dem Euro sei nur verschoben. Im kommenden Jahr könnte es endgültig so weit sein, die Chancen stünden 50 zu 50. Auch Cititgroup-Volkswirt Michels glaubt weiterhin, dass der Grexit kommt. "In unserem Basisszenario rechnen wir mit einem Austritt in den kommenden 12 bis 18 Monaten, wahrscheinlich Anfang 2014". Dann ist immerhin einer der größten Störfaktoren aus dem Spiel: Die Bundestagswahl.