In der Euro-Krise ist jedoch noch ein entscheidender Faktor hinzugekommen, der ökonomische Prognosen schwierig macht. Wer das Wirtschaftswachstum oder die Zukunft des Euros vorhersagen will, kann mit Daten über Unternehmensinvestitionen oder Statistiken zur Kauflaune der Bürger nur wenig anfangen. Denn über das Schicksal Griechenlands bestimmt längst die Politik: Wie lange man in Athen mit Euro bezahlen kann, entscheiden die Regierungschefs in Berlin und Paris. Rein ökonomisch gesehen ist Griechenland seit Jahren insolvent.

"Politische Befindlichkeiten spielen eine immer größere Rolle", sagt Citigroup-Volkswirt Jürgen Michels. Die nahende Bundestagswahl in Deutschland habe auch das Schicksal Griechenlands beeinflusst. "Ein Austritt würde die Wirtschaft der Euro-Zone hart treffen und eine Rezession im Wahljahr ist nicht gut für eine Bundesregierung, die wiedergewählt werden will", sagt Michels.

Außerdem hätten viele Ökonomen die griechische Regierung unterschätzt. In der Tat: Dass sich Ministerpräsident Antonis Samaras vom knallharten Oppositionsführer, der mehrmals Verhandlungen über Rettungspakete an den Rand des Scheiterns brachte, zu einem beherzten Reformpolitiker entwickeln würde, war schwer abzusehen.

Auch die Untergangspropheten Roubini und Krugman geben inzwischen zu, von der Hartnäckigkeit der EU-Politiker und der Entschlossenheit der Europäischen Zentralbank überrascht worden zu sein.

Ohne Politikverständnis geht nichts

Die Lehre aus ihrem Versagen ist: Ökonomisches Fachwissen reicht in der Euro-Krise nicht. Wirtschaftsforscher müssen zu Politikanalysten werden, um treffsichere Vorhersagen zu machen. Nur wer sich mit Parteipolitik auskennt und Wählergruppen beobachtet, kann abschätzen, wann Rettungspakete beschlossen werden und wie weit Sparprogramme gehen. Ökonomische Vorhersagen, die Politik als vernachlässigbare Größe behandeln, sind weitgehend wertlos.

Der Euro aber war von Anfang an ein politisches Projekt.

Womöglich lässt sich die Politik erst recht schwer vorhersagen. Das komplexe Verhandlungsspiel der nächtelangen EU-Krisensitzungen präzise abzusehen, ist nahezu unmöglich. Ökonomen können in dieser Situation eigentlich keine konkreten Zahlen mehr prognostizieren. Sie sollten daher lediglich Szenarien beschreiben: Wenn ein Schuldenschnitt kommt, bleibt Griechenland in der Währungsunion. Mit einer umfassenden Bankenunion überlebt der Euro. "Szenarien und die Angabe von Bandbreiten bei den Wachstumsraten sind deutlich sinnvoller als Punkt-Prognosen", sagt DIW-Forscher Kholodilin.

Sie sind aber auch weniger schlagzeilenträchtig als düstere Untergangsszenarien. Wohl auch deshalb sehen viele populäre Ökonomen lieber weiter schwarz. Nouriel Roubini sagt, Griechenlands Austritt aus dem Euro sei nur verschoben. Im kommenden Jahr könnte es endgültig so weit sein, die Chancen stünden 50 zu 50. Auch Cititgroup-Volkswirt Michels glaubt weiterhin, dass der Grexit kommt. "In unserem Basisszenario rechnen wir mit einem Austritt in den kommenden 12 bis 18 Monaten, wahrscheinlich Anfang 2014". Dann ist immerhin einer der größten Störfaktoren aus dem Spiel: Die Bundestagswahl.