Falsche PrognosenWarum Griechenland noch im Euro ist

Mehrere Top-Ökonomen sagten für 2012 den Euro-Austritt Griechenlands voraus und lagen falsch. Das zeigt: Wirtschaftsforscher verstehen zu wenig von Politik. von Malte Buhse

Eine Passantin vor einem Werbeplakat in Athen

Eine Passantin vor einem Werbeplakat in Athen  |  © Aris Messinis/AFP/Getty Images

Wenn es nach einigen der berühmtesten Ökonomen der Welt geht, erleben die Griechen morgens beim Bäcker derzeit ein Wunder: Sie bezahlen immer noch mit Euro. Dabei müsste das Land die Währungsunion doch eigentlich längst verlassen haben. So haben es schließlich Nobelpreisträger Paul Krugman, Citigroup-Chefvolkswirt Willelm Buiter und Star-Ökonom Nouriel Roubini prognostiziert.

Besonders Roubini gilt als Hellseher, seit er als einer der wenigen die Finanzkrise 2008 vorhergesagt hat. "Der einzige Ausweg besteht in einer Insolvenz Griechenlands und dem Ausstieg aus der Euro-Zone", sagte er im Mai 2012. Citigroup-Volkswirt Willelm Buiter schätzte die Wahrscheinlichkeit für einen Euro-Austritt Griechenlands auf 90 Prozent. Paul Krugman sah bereits das ganze Euro-System zusammenbrechen. Und John Paulson, einer der bekanntesten und erfolgreichsten Investoren der Welt, wettete viel Geld auf das Ende der Währungsunion.

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Gekommen ist es bekanntlich anders. Inzwischen gibt es sogar zaghafte Anzeichen, dass sich die Euro-Krise beruhigt: Die Regierungen in Italien und Spanien können sich wieder zu bezahlbaren Zinsen am Kapitalmarkt Geld leihen, die Handelsdefizite der Peripherieländer sinken, der Euro-Kurs steigt. Von Zusammenbruch keine Spur. Wie konnten sich Ökonomen und Investoren dermaßen irren?

"Prognosen sind im Moment nicht einfach", sagt Jürgen Michels, Europa-Chefsvolkswirt bei der Bank Citigroup. Auch er sagte im Mai 2012 voraus, dass Griechenland mit bis zu 75 prozentiger Wahrscheinlichkeit aus dem Euro austreten werde, und lag damit falsch.

Viel zu positive Prognosen in Deutschland

Schon vor der turbulenten Euro-Krise waren Wirtschaftsforscher nicht gut darin, ein verlässliches Bild der Zukunft zu zeichnen. Mit ihrer Prognose des Wirtschaftswachstums lagen die großen Forschungsinstitute regelmäßig deutlich daneben. Zwischen 1996 und 2006 überschätzten die Ökonomen, die für die Bundesregierung die Gemeinschaftsdiagnose erstellen, das Wachstum im Durchschnitt um 50 Prozent, zeigt eine selbstkritische Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das bis 2007 an dem Gutachten mitarbeitete. In Wirklichkeit war das Wirtschaftswachstum also nur halb so groß wie von den Forschern erwartet.

Als 2008 die Finanz- und Wirtschaftskrise ausbrach, kamen die Ökonomen erst recht durcheinander. Für 2009 sagten sie noch voraus, dass die deutsche Wirtschaftsleistung leicht wachsen würde. Stattdessen gab es eine dicke Rezession mit einem Minus von 5,1 Prozent. Für 2010 waren sie viel zu pessimistisch und prognostizierten ein Wachstum von rund einem Prozent, als die deutsche Wirtschaft bereits wieder um vier Prozent zulegte. Bei der Prognose für 2011 verschätzten sie sich etwa um einen Prozentpunkt.

Warum lässt sich Wirtschaft so schwer vorhersagen? "Sie ist nun mal ein sehr komplexes Phänomen mit vielen Unsicherheiten", sagt Konstantin Kholodilin, Prognose-Forscher am DIW. Anders als in der Physik gelten in der Wirtschaft keine Naturgesetze, die man berechnen kann. Außerdem müssen Ökonomen oft mit unvollständigen Datensätzen arbeiten. Wenn sie das Wirtschaftswachstum voraussagen, schauen sie zum Beispiel auf Umfragen unter Unternehmern oder in die Auftragsbücher der größten Konzerne. Diese Zahlen versuchen sie dann auf die gesamte Volkswirtschaft hochzurechnen.

Leserkommentare
  1. Doch WELT-Online weiß es ja eigentlich auch selbst besser, ich erinnere nur an den jüngst erschienen Artikel "Notenbankpresse gerät außer Kontrolle" an selber Stelle. Bleibt das Fazit der Euro-Rettungspolitik aus dem Munde von Bundesbankpräsident Jens Weidmannn: „Heutiges Geld ist durch keinerlei Sachwerte mehr gedeckt. Banknoten sind bedrucktes Papier - die Kenner unter Ihnen wissen, dass es sich im Fall des Euro eigentlich um Baumwolle handelt“.

    Und so gilt wohl weiterhin, was Europa-Abgeordneter Nigel Farage kürzlich im EU-Parlament Barroso & Co. vor versammeltem Hause ins Gesicht sagte:: "I don't think money grows on trees, I think the money is limited of what the Germans, Dutch and Finish taxpayers" (http://m.youtube.com/#/wa...). Frau Merkels "all-in" macht Berlin erpressbar, der Dammbruch kommt die Deutschen nun teuer zu stehen. Und Europa braucht noch rund 2,5 Billionen Euro, um den Boden des Fasses zu sichten...

  2. " Das zeigt: Wirtschaftsforscher verstehen zu wenig von Politik."-----------------------------------------Wohl eher anders rum: Politiker verstehen zu wenig von Wirtschaft

  3. Hi,

    Die Einführung der D-Mark im Osten Deutschlands war doch ein guter "Probelauf" für die Euro-Union.

    Beide führen zum zu einem anfänglichen Anstieg der Kaufkraft der Einwohner.

    Dann kollabieren nicht wettbewerbsfähige Wirtschaften, es kommt zu Massenarbeitslosigkeit, die zu einem Sparzwang für den Staat führt (in Dtl. Hartz IV)

    Die Abwertung der zunächst angezogenen Einkommen, die Senkung der Lohnnebenkosten durch das Sparen und das Aus für nicht wettbewerbsfähige Unternehmen, verbunden mit der Erholung der verbliebenen Unternehmen und Neugründungen, bringen die Wirtschaft langsam wieder in Regionen, die von der Mehrheit der Bevölkerung als akzeptabel hingenommen wird.

    Was _nicht_ akzeptabel ist, sind zwei Dinge: Die Lebenserhaltung kollabierender Banken durch den Steuerzahler, ohne ausreichenden Return.

    Und die Weigerung, über die Transferunion offen zu reden.

    Es hat die "Aufbauhilfe Ost" gegeben, und es gab vor dem Euro Fonds zur Entwicklung strukturschwacher Regionen.

    Beide gehören zum Gemeinschaftsprojekt Deutscland und Europa hinzu, wenn man aus der ursprünglichen Wirtschaftsunion ein politisches Projekt entwickeln will.

    Auch den Deutschen ist damit gedient, da nur ein offenes Europa ohne gigantisches Reichtumsgefälle dazu führt, daß der Druck des Kapitals nachläßt, welches mit der Abwanderung in die Billiglohngebiete droht.

    Grüße aus Melbourne downunder
    Peter

    Eine Leserempfehlung
    • Bornie
    • 30. Januar 2013 6:20 Uhr

    Ich habe 2008 mein Urlaubsgeld in griechichen Staatsanleihen angelegt.
    2012 als ich meine Kreuzfahrt machen wollte hab ich den Sommer auf dem Balkon meiner Wohnung verbracht.
    Kurzfristig ist Griechenland gerettet, ich spare weiter auf meinen Urlaub. Ob ich je wieder Staatsanlehen kaufe? Nein, der Sommer auf dem Balkon war mir eine Lehre.
    Langfristig bekommen die Staaten der EU wohl ein Finanzierungsproblem.

  4. Manche Ökonomen glauben eben immer noch an einen kleinen Rest von ökonomischer Vernunft in den Kreisen der Politiker - es sind diejenigen, die die Lehren des jüngst verstorbenen James M. Buchanan entweder vergaßen oder sie einfach nicht wahrhaben wollen.

    Pikanterweise sind diese "Glaubensbrüder" gerade in den Reihen der Ökonomen zu finden, die auch glauben, daß eine "easy money" Geldpolitik ohne Ende ziemlich harmlos ist und man absehbar mögliche negative Folgen problemlos in den Griff bekommen kann.

    Aber bekanntlich stirbt die Hoffnung ja zuletzt.

  5. Wenn etwas verteilt werden soll, muß es zunächst einmal erwirtschaftet sein, d.h. produziert und verkauft. Erst da nach kann vielleicht aber wirklich nur vielleicht etwas zum Verteilen übrig sein.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Was wäre gewesen,"
    • u.t.
    • 30. Januar 2013 9:04 Uhr

    und die anderen Großschwätzer...

    Ich stimme dem Artikel im Allgemeinen zu, finde allerdings, dass so "illustre" Gestalten wie Roubini und Krugman nicht unbedingt als Zeugen aufgerufen werden sollten.

    Beide "Sorten" an "Experten" verfolgen doch in erster Linie eigene Ziele.
    Die Flut von Roubini-ähnlichen Konsorten an Finanzanalysten (besonders aus der Londoner City und von der Wall Street) haben natürlich gerne Katastrophenschlagzeilen produziert und einige von ihnen damit Geld verdienen wollen (und manche sich dabei um ein paar Milliönchen verzockt haben, hahaha).

    Und der Krugman spinnt doch seine Deficit-Spending-Ideologie weiter und analysiert sich gnadenlos die Welt so, dass sie in seine Ideologie passt (und nicht andersrum). Gerade bei Krugman habe ich S.c.h.w.a.c.h.s.i.n.n zu den einzelnen Euro-Ländern gelesen, die klar zeigten, dass er eigentlich gar kein Detailwissen zu den Ländern hatte, sondern nur irgendwie sein Argument bekräftigen wollte, dass man möglichst viel Geld reinhauen sollte.

  6. Eigentlich hätte es den Ökonomen doch klar sein müssen, dass Griechenland nicht einfach fallen gelassen wird:

    1. Was wäre passiert wenn Griechenland aus der Währungsunion ausgeschlossen worden wäre? Das Vertrauen in die "Stabilität" des Euros wäre dahin und schon bald wären Portugal, Spanien und Italien in die Pleite gefolgt, und hätten die Währungsunion verlassen (müssen).

    2. Exportland Deutschland hat seinen größten Absatzmarkt in der EU. Ein Verlassen mehrerer aktueller (südlicher) EU-Länder würde dazu führen, dass der Euro insbesondere durch Deutschlands Aussenhandelsüberschuss aufgewertet werden würde. Dadurch würde die deutsche Wirtschaft weniger Produkte im (weltweiten) Ausland absetzen. Allein aus diesem Grund konnte Frau Merkel nicht riskieren, dass Griechenland die EU verlässt.

    3. Ein Land in das man bereits Milliarden zur Förderung und Erhaltung gesteckt hat, lässt man nicht am langen Arm verhungern. Wenn der Ausstieg gewollt gewesen wäre, hätte man die Griechen gleich zu Beginn fallen gelassen wie ein heisse Kartoffel.

    Die sicherste Möglichkeit für den Bestand der Währungsunion wäre ein Austritt Deutschlands. Dies wird jedoch -zu unserem Wohl- keine Regierung untersützen aus den o.g. Gründen. Allerdings würde dadurch der Euro abgewertet und die Produkte der andreren EU-Staaten, insbesondere der südlich gelegenen würden konkurrenzfähiger [durch die allgemeine Abwertung des Euros].

    2 Leserempfehlungen
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    • u.t.
    • 30. Januar 2013 9:49 Uhr

    würde es keinen Euro mehr geben.

    Würde D. aus dem Euro austreten, kämen spätestens eine halbe Stunde danach die Austrittserklärungen mindestens von den NL, Öst, Fin, Est, wahrscheinlich aber auch Bel, Lux, Swk.

    Danach würde ich sehr, sehr stark anzweifeln, dass Fra, Ita, etc. Lust oder auch die Fähigkeit hätten, noch weit schwächere Partner wie Gr zu stützen.

    Der Euro würde enden und jeder seine eigene Währung bekommen. Ggf. würden die "Nordländer" einen "Nord-Euro" bekommen oder es so machen wie Jahrzehnte lang zuvor, Mark, Gulden, Schilling sind fest aneinander gebunden.

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