Flughafen Berlin Das Großversagen

Die peinlichste Baustelle der Republik wirft eine Frage auf: Warum gehen Großprojekte wie der Berliner Flughafen immer schief?

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (Archiv) vor dem Logo des Großflughafens Berlin Brandenburg

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (Archiv) vor dem Logo des Großflughafens Berlin Brandenburg

Rainer Schofer ist genervt. Der Mitgründer des Berliner Ingenieurbüros smv leitet den Verband der Projektmanager in der Bau- und Immobilienwirtschaft, einen Zusammenschluss von mehr als 170 Firmen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Baustellen so organisiert werden können, dass sie funktionieren. Schofer ist Fachmann für große Bauprojekte, für Bahnhöfe, Hochhäuser oder aber für Baustellen wie den Großflughafen BER.

"Schrecklich" sei das, was gerade in Berlin geschehe, sagt Schofer, "das färbt auf die ganze Branche ab". So oft musste er zuletzt erklären, was beim Großflughafen falsch gelaufen ist, dass er die nächste Tagung seines Verbandes dem Thema widmen will. Arbeitstitel: "Das Scheitern von Großprojekten".

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Anlass für die Tagung gibt es genug. Die Elbphilharmonie in Hamburg, der Stuttgarter Hauptbahnhof – fast immer, wenn Deutschland zuletzt etwas Großes vorhatte, lief die Planung gehörig schief, explodierten die Kosten, verzögerten sich die Eröffnungstermine, wenngleich oft aus unterschiedlichen Gründen. Der Flughafen BER ist nur das krasseste Beispiel in einer Kette von Fehlplanungen öffentlicher Großprojekte in Deutschland.

Seit dem Wochende ist bekannt, dass der Flughafen nicht wie geplant im Oktober 2013 eröffnet werden kann. Es ist die fünfte Verschiebung des Eröffnungsdatums binnen zwei Jahren. Die Verantwortlichen – die Flughafengesellschaft, die Bundesländer Berlin und Brandenburg sowie die Bundesregierung – wollten die erneuten Verzögerungen erst geheimhalten, was ihnen offensichtlich misslang. Nun stellt sich die Frage nach der Verantwortung der Politik, aber vor allem nach den Ursachen: Wie kann es zu solch einer gewaltigen Fehlplanung kommen?

Fachmann: Es fehlte ein unabhängiger Projektplaner

Wer Experten wie Rainer Schofer heute fragt, bekommt mehrere Antworten. Schofer hält es für einen Kardinalfehler, dass die Stadt Berlin darauf verzichtet habe, gleich zu Beginn eine Projektgesellschaft zu gründen, die sich ausschließlich um den Bau kümmert. Stattdessen plante die Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg das Großprojekt selbst – die genug damit zu tun habe, die Flughäfen Tegel und Schönefeld zu betreiben.

Immer wieder konnte sich die Gesellschaft nicht dem Einfluss der Politik widersetzen. Immer wieder kam es zu Planänderungen. Einige Gebäudeteile, die vorher einer klaren Struktur folgten, wurden umgetauscht – etwa, um das Großflugzeug A380 abfertigen zu können. Auch wurden die Ladenflächen ausgeweitet, um noch mehr Geschäfte auf dem Flughafengelände unterbringen zu können. Jede dieser Änderungen brachte das Gesamtkonzept durcheinander.

Das enthielt nach Ansicht von Experten ohnehin Schwächen. Vor allem der Brandschutz erweist sich heute als Problem. "Idiotisch" seien die ersten Planungen gewesen, urteilt ein Experte, der mit dem Bau des Flughafens vertraut ist. Das Thema ist sensibel: Seit der Brandkatastrophe am Düsseldorfer Flughafen, bei der 17 Menschen starben, wollen die Behörden hier auf keinen Fall an der Sicherheit sparen.

Das wird den Managern nun zum Verhängnis. Zwar wollten die Verantwortlichen im Juni des vergangenen Jahres, als der erste Eröffnungstermin bereits wegen des Brandschutzes verschoben werden musste, einen großen Befreiungsschlag wagen. Sie kündigten dem Generalunternehmen pgbbi die Zusammenarbeit, einem Zusammenschluss von Planungsbüros, der bislang den Bau plante. Die Verantwortlichen aber blieben im Amt.

Das Krisenmanagement versagt seit Monaten

Seitdem versagt das Krisenmanagement. Zwar wurde ein neues Brandschutzkonzept erarbeitet, doch auch dieses erfüllt kaum die Bedingungen der Aufseher. Ein Gutachten des neu beauftragten Berliner Ingenieurbüros hhp zeigte bereits im Herbst, dass offenbar von den Behörden genehmigte Brandschutzvorgaben nicht umgesetzt wurden. Vor allem die automatische Steuerung von Türen und Fenstern macht Probleme. Selbst die Sprinkleranlage wurde offenbar anders gebaut als geplant.

Auch an anderen Stellen werden aus scheinbaren Petitessen handfeste Probleme. Die Größe der bisherigen Kabelschächte reicht etwa nicht aus, um alle notwendigen Kabel aufzunehmen. Für die weiteren Arbeiten fehlen nun technische Pläne, die bei dem Generalunternehmen liegen, dem ja zuvor gekündigt wurde. Handwerksbetriebe verweigern die Arbeit, weil sie erst einmal ihre bisherigen Rechnungen bezahlt bekommen wollen.

Das alles kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Nach aktuellen Berechnungen wird der Bau des Flughafens nun mindenstens 4,3 Milliarden Euro kosten. Das ist mehr als doppelt so viel wie ursprünglich geplant. Wie kann das nur sein?

Leser-Kommentare
  1. ...nur wenn inkompetente Menschen mitmachen, vor allem Politiker die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben.
    Besonders für unser System finde ich mal wieder, wie die Verantwortlichen die Verantwortung übernehmen. Sie treten von einem Vorstandsposten zurück. Das ist alles. Grinsen weiterhin in die Kamera. Werden die persönlich belangt? Für die Fehlentscheidungen, die sie getroffen haben? Finanzielle Konsequenzen? Nicht die Bohne. Insgeheim zeigen sie dem Steuerzahler dann noch den Stinkefinger.
    Ein Angestellter wäre gefeuert worden. Mit einem Vermerk im Arbeitszeugnis und hätte es schwer einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Wowereit grinst und geht zum nächsten Vorstandsposten wo er wieder Knete einstreicht. DAS finde ich zum Kotzen an unserer "Demokratie". Kann der Bürger was dagegen machen? Beim nächsten Mal nicht die Partei wählen, ja... Aber die Person bleibt ungeschoren es sei denn jemand erhebt zivilrechtliche Klage... Aber da haben sich die Politiker abgesichert wie niemand sonst in D, wetten?

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  2. Darf man daran erinnern, dass vor nicht so vielen Jahren in München ein großer Flughafen neu gebaut wurde und danach noch einmal bedeutend erweitert und dass das alles mehr oder weniger glatt und planmäßig verlief.

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  3. Bei privaten Großprojekten ist es relativ selten, dass so ein Chaos entsteht.

    Ein typisches Beispiel sind auch die Banken. Sicher haben auch Private versagt. Die teuersten Versager waren aber die, in denen aktive oder ehemalige Politiker im Vorstand oder Aufsichtsrat mitwirkten.

    Aus diesem Grund muss, so wie die Trennung zwischen Religion und Staat, auch die Trennung zwischen Politik und Wirtschaft betrieben werden.

    Wenn die Politik einmal den Entschluss für ein Großprojekt gefasst hat, muss der Auftrag an kompetente Projektträger gehen, die unter strikten Auflagen und Vorgaben für die Ausführung verantwortlich sind.

    Natürlich muss eine begleitende Aufsicht und Kontrolle geführt werden, damit rechtzeitig bemerkt wird, wenn die Sache aus dem Ruder läuft. Aber doch nicht durch einen Zirkel von fachfremden Ministerpräsidenten, Ministern und Staatssekretären und ähnlichen Frühstücksdirektoren, sondern durch Fachbehörden wie z. B. Hoch-und Tiefbauämtern.

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    ist es doch weitgehend auch gelaufen. Die Politiker sind doch allg. unzureichend kompetent für den Projektablauf. Sie sind auf die Vorlagen ihrer Fachbehörden oder der externen Planer angewiesen. Problematisch wird es ab dem Punkt, wo Politiker Druck ausüben und sich qualifizierten Sachargumenten im opportunistischen Interesse politischer Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit (meist zu Termin- und Kostenfragen, Ausbaustandards, Kosten der Altlastenentsorgung, periphere u.Folgekosten)und wo Fachbehörden und externe Gutachter sich gängeln lassen, "frisierte" Weitergabe ihrer Argumente akzeptieren. Auch wenn Ämter aus Kosten- und/oder Prestigegründen Planungsleistungen übernehmen sollen oder nicht abgeben wollen, für die sie nicht qualifiziert sind, keine adäquate Personalausstattung erhalten u.a..
    Meist fehlt auch innerhalb der (z.B.) Stadtverwaltung eine koordinierende Instanz, die aufgeschlossen, qualifiziert und weitblickend Ressortdenken und Erbhöfe der Einzelämter bzw. Referate kompensiert.
    Das sind verbreitete Probleme, nicht nur in Berlin und nicht nur wegen Wowereit und Platzeck. Bei diesem Projekt fällt es allerdings besonders auf.
    Und klar: Die Aufsichtsräte müssen stärker in Haftung genommen werden. Wozu sind diese Posten sonst so hoch dotiert? Ihre unzureichende Qualifikation müssen sie halt mit einem qualifizierten Beraterstab kompensieren.
    "Verantwortung übernehmen" als polittaktische Phrase, die dann gegen hoch dotierten Abgang "eingelöst" wird, reicht nicht.

    ist es doch weitgehend auch gelaufen. Die Politiker sind doch allg. unzureichend kompetent für den Projektablauf. Sie sind auf die Vorlagen ihrer Fachbehörden oder der externen Planer angewiesen. Problematisch wird es ab dem Punkt, wo Politiker Druck ausüben und sich qualifizierten Sachargumenten im opportunistischen Interesse politischer Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit (meist zu Termin- und Kostenfragen, Ausbaustandards, Kosten der Altlastenentsorgung, periphere u.Folgekosten)und wo Fachbehörden und externe Gutachter sich gängeln lassen, "frisierte" Weitergabe ihrer Argumente akzeptieren. Auch wenn Ämter aus Kosten- und/oder Prestigegründen Planungsleistungen übernehmen sollen oder nicht abgeben wollen, für die sie nicht qualifiziert sind, keine adäquate Personalausstattung erhalten u.a..
    Meist fehlt auch innerhalb der (z.B.) Stadtverwaltung eine koordinierende Instanz, die aufgeschlossen, qualifiziert und weitblickend Ressortdenken und Erbhöfe der Einzelämter bzw. Referate kompensiert.
    Das sind verbreitete Probleme, nicht nur in Berlin und nicht nur wegen Wowereit und Platzeck. Bei diesem Projekt fällt es allerdings besonders auf.
    Und klar: Die Aufsichtsräte müssen stärker in Haftung genommen werden. Wozu sind diese Posten sonst so hoch dotiert? Ihre unzureichende Qualifikation müssen sie halt mit einem qualifizierten Beraterstab kompensieren.
    "Verantwortung übernehmen" als polittaktische Phrase, die dann gegen hoch dotierten Abgang "eingelöst" wird, reicht nicht.

  4. Grundsätzlich kann man Bauvorhaben in Berliner Bauvorhaben nicht mit dem Rest der Republik vergleichen. Die Stadt ist es gewohnt das Geld von Anderen auszugeben. Daher ist es auch völlig egal, wie teuer die Bauvorhaben hinterher werden. Hauptsache man bekommt vorher grünes Licht. Das ist beim Flughafen nicht anders, als beim Stadtschloss, dass zuerst ja auch rein privatwirtschaftlich finanziert werden sollte. Die Mehrkosten wird mal wieder der Bund übernehmen. Der Wowereit ist auch viel weniger ein „Stadt-Manager“, als ein Grußaugust, der für schöne Stimmung sorgen soll. Bei dem Flughafenprojekt haben die jetzt aber doch etwas übertrieben. Eine Budgetüberschreitung wäre ohne viel Federlesens abgenickt worden, aber die ewigen Terminverschiebungen machen die Sache auch für Berlin und Deutschland langsam ziemlich peinlich.(Zumal in den Sternen steht, wann denn nun wirklich Eröffnung ist.)

    Viele Großprojekte mit großer Budgetüberschreitung leiden daran, dass hier Dilettanten auf Seiten der Auftraggeber am Werke sind. Es herrscht keine Kenntnis darüber, wie der Projektstand wirklich ist. Änderungen werden nicht richtig gemanagt: Da wird locker/flockig umgeplant, ohne sich große Gedanken über Mehraufwände zu machen. Dafür bekommt der Auftragnehmer eine entsprechende Handhabe, um Mehrkosten durchdrücken zu können.

  5. Letztendlich dürfte auch das Thema Korruption eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Weniger das Geldköfferchen, als das gegenseitige zuschanzen von Aufträgen zu Lasten des Steuerzahlers. Bei unseren Politikern gibt es genug Juristen, deren Kanzleien sich über einen waren Segen von Aufträgen aus der Wirtschaft freuen können. Da sich die Honorare an den Streitwerten orientieren, kann da für wenig Aufwand sehr viel Geld fließen. Oder ein warmes Gnadenbrot in der freien Wirtschaft. Welcher ehem. Ministerpräsident ist nochmal Vorstandsvorsitzender eines großen Baukonzerns geworden?

    Das man solche Bauprojekte auch unter Plan fertigstellen kann, hatten uns eindrucksvoll die Schweden/Dänen bei der Öresundbrücke gezeigt, Obwohl das wirklich Neuland war, hatten die die Brücke sogar zwei Monate vor Termin fertig. Die Berliner hätten ja auch einfach einmal in München anklopfen können. Das Projekt wurde auch im Rahmen beendet.

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  6. gab es einen Baumeister, der die Planung einer Kirche konzipierte. Das ganze wurde, wenn man die damaligen Mitteln und Technicken berücksichtigt (außer der Kölner Dom) früh genug fertig. Wenn 170! Unternehmen an so einem Projekt arbeiten, dann brauch ich mich nicht mehr zu wundern.

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  7. ThyssenKrupp ist in Brasilien wohl schon bei der Bedarfsplanung unqualifizierten, aber als "honorig" geltenden Spekulanten in der eigenen Geschäftsführuung unterlegen und bei der Ausführungsplanung und Vergabe dem selbst auferlegten Zwang zum billigsten Preis erlegen. Statt solider Planung und Vergabe an eigene qualifizierte Unternehmensteile nach europäischen Standards wurde ein chinesischer Billigheimer mit den Hochöfen beauftragt, der untaugliche Technik hinstellte und wohl nicht mal belangt werden kann. Thyssens eigene Ausschreibung war wohl nicht konkret genug und vernachlässigte vor allem, die auch in Brasilien zunehmend greifenden Umweltauflagen zu berücksichtigen, die man meinte, dort umgehen zu können.

    Antwort auf "@RGFG"
  8. Sperenberg wurde zwar damals als besserer Standort betrachtet, aber da man Angst vor den Naturschützern hatte, wählte man Schönefeld, weil da hat Politik "nur" Lärmschutzprobleme mit den Anwohnern erwartet.

    Die privaten Investoren haben dann aus diesem, letzteren Grund gepasst.
    Und Politik hat es dann selbst übernommen, fatal billig zu planen und bauen.

    Also nichts mit Wutbürgern, Protestierenden , Schlechtrednern: Einfach nur dramatisches Versagen der Politik. Und zwar aller Parteien. Also wohl unseres politischen Systems!

    Im Übrigen wird keiner, dem frühmorgens um 5Uhr ein Flieger in 300 Meter übers Dach fliegt, jemanden deshalb einen Job gönnen. Zu Recht!

    Antwort auf "Ein Grund"

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