Flughafen BerlinDas Großversagen

Die peinlichste Baustelle der Republik wirft eine Frage auf: Warum gehen Großprojekte wie der Berliner Flughafen immer schief? von Jan Guldner und

Rainer Schofer ist genervt. Der Mitgründer des Berliner Ingenieurbüros smv leitet den Verband der Projektmanager in der Bau- und Immobilienwirtschaft, einen Zusammenschluss von mehr als 170 Firmen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Baustellen so organisiert werden können, dass sie funktionieren. Schofer ist Fachmann für große Bauprojekte, für Bahnhöfe, Hochhäuser oder aber für Baustellen wie den Großflughafen BER.

"Schrecklich" sei das, was gerade in Berlin geschehe, sagt Schofer, "das färbt auf die ganze Branche ab". So oft musste er zuletzt erklären, was beim Großflughafen falsch gelaufen ist, dass er die nächste Tagung seines Verbandes dem Thema widmen will. Arbeitstitel: "Das Scheitern von Großprojekten".

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Anlass für die Tagung gibt es genug. Die Elbphilharmonie in Hamburg, der Stuttgarter Hauptbahnhof – fast immer, wenn Deutschland zuletzt etwas Großes vorhatte, lief die Planung gehörig schief, explodierten die Kosten, verzögerten sich die Eröffnungstermine, wenngleich oft aus unterschiedlichen Gründen. Der Flughafen BER ist nur das krasseste Beispiel in einer Kette von Fehlplanungen öffentlicher Großprojekte in Deutschland.

Seit dem Wochende ist bekannt, dass der Flughafen nicht wie geplant im Oktober 2013 eröffnet werden kann. Es ist die fünfte Verschiebung des Eröffnungsdatums binnen zwei Jahren. Die Verantwortlichen – die Flughafengesellschaft, die Bundesländer Berlin und Brandenburg sowie die Bundesregierung – wollten die erneuten Verzögerungen erst geheimhalten, was ihnen offensichtlich misslang. Nun stellt sich die Frage nach der Verantwortung der Politik, aber vor allem nach den Ursachen: Wie kann es zu solch einer gewaltigen Fehlplanung kommen?

Fachmann: Es fehlte ein unabhängiger Projektplaner

Wer Experten wie Rainer Schofer heute fragt, bekommt mehrere Antworten. Schofer hält es für einen Kardinalfehler, dass die Stadt Berlin darauf verzichtet habe, gleich zu Beginn eine Projektgesellschaft zu gründen, die sich ausschließlich um den Bau kümmert. Stattdessen plante die Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg das Großprojekt selbst – die genug damit zu tun habe, die Flughäfen Tegel und Schönefeld zu betreiben.

Immer wieder konnte sich die Gesellschaft nicht dem Einfluss der Politik widersetzen. Immer wieder kam es zu Planänderungen. Einige Gebäudeteile, die vorher einer klaren Struktur folgten, wurden umgetauscht – etwa, um das Großflugzeug A380 abfertigen zu können. Auch wurden die Ladenflächen ausgeweitet, um noch mehr Geschäfte auf dem Flughafengelände unterbringen zu können. Jede dieser Änderungen brachte das Gesamtkonzept durcheinander.

Das enthielt nach Ansicht von Experten ohnehin Schwächen. Vor allem der Brandschutz erweist sich heute als Problem. "Idiotisch" seien die ersten Planungen gewesen, urteilt ein Experte, der mit dem Bau des Flughafens vertraut ist. Das Thema ist sensibel: Seit der Brandkatastrophe am Düsseldorfer Flughafen, bei der 17 Menschen starben, wollen die Behörden hier auf keinen Fall an der Sicherheit sparen.

Das wird den Managern nun zum Verhängnis. Zwar wollten die Verantwortlichen im Juni des vergangenen Jahres, als der erste Eröffnungstermin bereits wegen des Brandschutzes verschoben werden musste, einen großen Befreiungsschlag wagen. Sie kündigten dem Generalunternehmen pgbbi die Zusammenarbeit, einem Zusammenschluss von Planungsbüros, der bislang den Bau plante. Die Verantwortlichen aber blieben im Amt.

Das Krisenmanagement versagt seit Monaten

Seitdem versagt das Krisenmanagement. Zwar wurde ein neues Brandschutzkonzept erarbeitet, doch auch dieses erfüllt kaum die Bedingungen der Aufseher. Ein Gutachten des neu beauftragten Berliner Ingenieurbüros hhp zeigte bereits im Herbst, dass offenbar von den Behörden genehmigte Brandschutzvorgaben nicht umgesetzt wurden. Vor allem die automatische Steuerung von Türen und Fenstern macht Probleme. Selbst die Sprinkleranlage wurde offenbar anders gebaut als geplant.

Auch an anderen Stellen werden aus scheinbaren Petitessen handfeste Probleme. Die Größe der bisherigen Kabelschächte reicht etwa nicht aus, um alle notwendigen Kabel aufzunehmen. Für die weiteren Arbeiten fehlen nun technische Pläne, die bei dem Generalunternehmen liegen, dem ja zuvor gekündigt wurde. Handwerksbetriebe verweigern die Arbeit, weil sie erst einmal ihre bisherigen Rechnungen bezahlt bekommen wollen.

Das alles kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Nach aktuellen Berechnungen wird der Bau des Flughafens nun mindenstens 4,3 Milliarden Euro kosten. Das ist mehr als doppelt so viel wie ursprünglich geplant. Wie kann das nur sein?

Leserkommentare
  1. volkswirtschaftlich! Es gibt immer was zu tun, Jippijajajippijippijää.
    Und Geld wird unter die Leute gebracht. Unter wenige halt. War in Wien genauso.

    • liborum
    • 08. Januar 2013 22:45 Uhr

    Und so langsam gingen dann in der Bank mit angeschlossener Elektroabteilung die klassischen Komponenten den Bach runter, die Umsätze brachen massiv ein ......

    Aber die Elektro-Bank lebt noch.

  2. aber nach der Sendung im ZDf (Titel habe ich vergessen)
    hat die Geschäftsführung systematisch Berichte geschönt, Probleme verschwiegen oder kleingeredet usw.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber versetzen Sie sich doch mal selbst (in Ihrer Vorsetllung) in die Lage eine Geschäftsführung beaufsichtigen zu müssen. Letzlich sind Sie immer darauf angewiesen, den Berichten und Argumenten zu glauben, die Ihnen Ihre GF vorlegt. Mit anderen Worten: Sie müssen den Leuten vertrauen.

    Ich wiederhole mich: Solange das Ausschreibungs- und Vergaberecht so ist, wie es ist (und in der Öffentlichkeit Erwartungen geschürt werden bzw. die Öffentlichkeit solche Erwartungen hegt, die schlicht einfach unrealisitisch sind, weil niemand in die Zukunft schauen und alle Eventualitäten voraussehen kann)weren solche Grßprojekte IMMER viel teuerer werden und länger brauchen, als (offiziell) projektiert. Das ist einfach systemimmannet und hat gar nichts damit zu tun, ob der Aufsichtsrat mit Politikern, Managern oder Besenstielen besetzt ist.

  3. aber versetzen Sie sich doch mal selbst (in Ihrer Vorsetllung) in die Lage eine Geschäftsführung beaufsichtigen zu müssen. Letzlich sind Sie immer darauf angewiesen, den Berichten und Argumenten zu glauben, die Ihnen Ihre GF vorlegt. Mit anderen Worten: Sie müssen den Leuten vertrauen.

    Ich wiederhole mich: Solange das Ausschreibungs- und Vergaberecht so ist, wie es ist (und in der Öffentlichkeit Erwartungen geschürt werden bzw. die Öffentlichkeit solche Erwartungen hegt, die schlicht einfach unrealisitisch sind, weil niemand in die Zukunft schauen und alle Eventualitäten voraussehen kann)weren solche Grßprojekte IMMER viel teuerer werden und länger brauchen, als (offiziell) projektiert. Das ist einfach systemimmannet und hat gar nichts damit zu tun, ob der Aufsichtsrat mit Politikern, Managern oder Besenstielen besetzt ist.

    Antwort auf "Keine Korruption"
    • sjdv
    • 09. Januar 2013 17:29 Uhr

    Das Problem tritt vor allem dann auf, wenn es sich um öffentliche Bauvorhaben handelt. Übbrigens nicht nur bei Großprojekten, auch bei kleineren kommunalen Projekt gilt die Regel: Es wird doppelt so teuer und dauert doppelt so lange.
    Bei ähnlichen Projekten in der Privatwirschaft tritt das Problem nicht so massiv auf. Da werden Bürogebäude, Fabriken, Kraftwerke etc. meistens in Time und Budget fertiggestellt.
    Ich vermute, ein Grund ist, dass bei öffentlichen Bauvorhaben die Kosten von vornherein unrealistisch kalkuliert sind um die Projekt politisch durchzusetzen. Ein anderer Grund mag sein, dass zu viele Akteure mitreden und die Wünsche aller berücksichtigt werden müssen. Zuletzt spielt wahrscheinlich eine Rolle, dass es keine persönliche Budgetverantwortung gibt und die Budgets mit Steuergelder nachträglich beliebig aufgestockt werden können. Ein Privatunternehmen kann nicht beliebig nachschießen, wenn das Geld ausgeht.

    Eine Leserempfehlung
    • liborum
    • 09. Januar 2013 18:40 Uhr

    http://www.spiegel.de/pol...

    Es läuft, quer durch alle Parteien, aus dem Ruder

  4. 95. Endlich

    Endlich mal ein gelungener Artikel in der ZO.
    Sauber recherchiert und ohne das übliche "Sau-durchs-Dorf-treiben" und Parteien-/ Personen-Bashing.

    Was ich noch ergänzen möchte, ist der menschliche Faktor bei dem Ganzen.
    Leider gibt es bei solch großen Bauvorhaben zu viele Eitelkeiten, die gestillt werden möchten - der Architekt braucht ein Denkmal, der Politiker eine Hinterlassenschaft, die Firma einen Stern im Portfolio, städtische Baudezernenten wollen Karriere machen, Sachbearbeiter den Kollegen überholen ... Da gönnt/schenkt gönnt dem anderen nichts und schon garnicht den Ruhm und das viele Geld!!! Läuft es dann schief, sucht man eben zuerst nach dem Schuldigen und zeigt mit dem Finger auf den anderen. Somit können sich alle anderen bequem dahinter verstecken, denn sie haben damit ja nichts zu tun.
    Es gibt halt zu viele (unwissende) Häuptlinge und zu wenig (wissende) Krieger. Denn wer im Vorwege mahnt oder es meint besser zu wissen, der stört und behindert nur. So wurschtelt man sich halt bis zum bitteren Ende durch ...
    MM

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  • Schlagworte Berlin | Bundesregierung | Elbphilharmonie | Eurotunnel | Flughafen | Frankreich
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