Büschelbohnen-BlaseWie der Fracking-Boom der USA indische Bauern ruiniert

Die Bauern Rajasthans wurden über Nacht reich, weil US-Energiekonzerne sie zu wichtigen Lieferanten machten. Die Farmer investierten – und stehen jetzt vor dem Ruin. von Frederic Spohr

Zwei Bauersfrauen im Dorf Budhi Bawal im indischen Bundesstaat Rajasthan (Archiv)

Zwei Bauersfrauen im Dorf Budhi Bawal im indischen Bundesstaat Rajasthan (Archiv)  |  © Sajjad Hussain/AFP/Getty Images

Rajasthan gehört zu den ärmsten Regionen Indiens. Doch im vergangenen Sommer erlebte der Wüstenbundesstaat ein wirtschaftliches Wunder. Die abgelegenen Ortschaften blühten auf. Bauern verließen ihre Lehmhütten und zogen in Häuser aus Stein. Autos parkten in den Hofeinfahrten, neue Traktoren tuckerten über die Felder.

Hinter dem plötzlichen Wohlstand steckte eine unscheinbare Frucht. "Es ist das Geschenk der Büschelbohne", sagten die Bauern. Der Preis der Bohne, die in Rajasthan traditionell als Viehfutter angebaut wird, hatte sich innerhalb kürzester Zeit verzehnfacht. Die Bauern wollten das Geschenk klug nutzen und mehr aus dem unerwarteten Boom machen. Sie kauften mehr Saatgut als sonst. Viele verschuldeten sich dafür.

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Das könnte sie jetzt in den Ruin treiben. Denn die Preise fallen ebenso schnell, wie sie zuvor gestiegen sind. Wenn der Trend sich nicht umkehrt, "könnte es ein Desaster geben", sagt Ankur Paliwal, Mitarbeiter beim Thinktank Centre for Science and Environment in Delhi.

Die Ursachen für die heftigen Preisschwankungen liegen geografisch weit entfernt. Die Geschichte der Büschelbohnenfarmer Rajasthans zeigt, wie schnell Menschen in einer globalisierten Wirtschaft aufsteigen und wieder fallen können – angetrieben von Kräften, die außerhalb ihres Einflussbereichs liegen. Die Geschichte handelt von der Macht großer Konzerne und dem unermesslichen Energiebedarf der reichen Industriestaaten. Und sie erzählt von der Abhängigkeit und den Existenznöten kleiner Bauern wie jenen aus Rajasthan.

Energierevolution nur mit Bohne

Ohne eigenes Zutun waren die indischen Farmer für eine kurze Zeit von wenigen Monaten zu wichtigen Lieferanten einiger US-Energiekonzerne geworden. Dabei diente ihr Hauptprodukt, die Büschelbohne, noch bis vor anderthalb Jahren hauptsächlich als Futter für Ziegen und Kühe. Ein kleiner Teil der Ernte wurde in Nahrungsmitteln und Zahnpasta verarbeitet.

Dann kam der Fracking-Boom in den USA und änderte alles. Für die Bohrtechnik des Fracking ist ein Gummi unverzichtbar, das aus der Büschelbohne gewonnen wird. Plötzlich brauchten US-Konzerne Büschelbohnen, und zwar in enormen Mengen. Rund 90 Prozent der Lagerbestände wurden im vergangenen Sommer von den Energieunternehmen aufgekauft, schätzt die Großbank UBS. Die Preise schossen in die Höhe.

Durch Fracking lassen sich früher unattraktive Gasfelder rentabel ausbeuten. Die Technologie hat den USA einen neuen Energieboom beschert: Dank des ausgeweiteten Angebotes haben sich die Gaspreise in den USA im Vergleich zu 2008 um mehr als 60 Prozent reduziert. Experten rechnen damit, dass sich die USA bald von einem Gasimporteur zu einem Gasexporteur wandeln werden. Der globale Erdgasmarkt steht vor gewaltigen Umbrüchen.

Beim Fracking wird eine Flüssigkeit in Gesteinsrisse gepresst, aus denen das begehrte Erdgas entweichen soll. Aber erst durch Guargummi, das aus der Büschelbohne gewonnen wird, erhält die Bohrflüssigkeit ihre perfekte Viskosität. Ohne die Bohne wäre die Fracking-Revolution nicht möglich.

Bohnen wurden knapp

Im Frühjahr 2012 wurden Büschelbohnen in den USA allmählich knapp. Die Energiemanager richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Einöde Rajasthans im Nordwesten Indiens, woher rund 80 Prozent der weltweiten Büschelbohnen-Ernte stammten. Den Firmenlenkern wurde klar, dass von diesem Flecken Erde die Zukunft ihrer Unternehmen abhängen könnte. "Der US-Konzern Halliburton und andere Firmen sind stärker in den Markt eingestiegen und haben die Preise in extreme Höhen gedrückt", sagt Stephen Schork, Herausgeber des amerikanischen Energiebranchendienstes Schork Report.

Die Firmen rafften teils gewaltige Vorräte zusammen. Halliburton griff so tief in die Tasche, dass der Konzern anschließend seine Gewinnaussichten nach unten korrigieren musste. Das Unternehmen gab an, dass die Ausgaben für das Guargummi bis zu 30 Prozent der Kosten pro Bohrloch ausmachten. "Halliburton hatte in seiner Panik viel zu viel gekauft", sagt Schork. Die Preise schossen immer schneller in die Höhe.

Leserkommentare
    • UM
    • 02. Januar 2013 13:41 Uhr

    Und der nächste Fall von Lebensmitteln, die eigentlich mißbraucht werden. Bislang wurden Kühe und Ziegen mit Büschelbohnen gefüttert. Womit wurden die Tiere ernährt, als die Büschelbohnen für das Fracking verwendet wurden? Und als nächstes Johinnesbrotmehl? Was folgt darauf, Speisestärke aus Kartoffeln und Mais? Auf jeden Fall bedenklich. Noch bedenklicher jedoch sind die Auswirkungen des Frackings. Statt Energie zu sparen, werden immer neue Wege eröffnet, auch noch den letzten Tropfen bzw. Kubikmeter aus dem Erdinneren herauszuholen. Was passiert dann eines Tages? Rotten sich die Menschen - vielleicht aus Versehen - doch bald aus? Wir spielen Russisches Roulett, haben aber noch nicht gemerkt, das nicht eine sondern 5 Patronen in 6-schüssigen Revolver stecken.
    Allen Lesern ein Frohes Neuen Jahr 2013.

    19 Leserempfehlungen
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    "Und der nächste Fall von Lebensmitteln, die eigentlich mißbraucht werden."
    Das ist nicht die ganze Wahrheit.
    Aus quasi allen Lebensmitteln werden noch andere Waren hergestellt. Auch die Definition "Lebensmittel" ist sehr schwer. Schließlich ist beinahe alles essbar oder war es einmal, wie z.B. Öl und Kohle.
    Nehmen wir doch einmal Papier.
    Das kann man ebenso gut an Insekten verfüttern, die für uns eine Nahrungsgrundlage bieten können.
    Es ist dann auch kein Missbrauch, wenn er es zum Schreiben benutzen.

    • UM
    • 02. Januar 2013 15:08 Uhr

    Nun, es ist sicher eine Frage der jeweiligen Sichtweise. Ich meinte mit Lebensmitteln derzeitige Lebensmittel und nicht Stoffe, die im Laufe der Evolution mal Pflanzen waren und später versteinerten oder zu Kohle oder Erdöl wurden. Papier zähle ich ebenfalls nicht zu den Lebensmitteln, auch wenn man das eine oder andere Insekt mit füttern könnte. Auch Bäume werden vom Holzwurm vertilgt, aber sind das nicht eher unbedeutende Beispiele. Problematischer sehe ich die Verwendung von Mais für Benzin.

    • RlUh
    • 02. Januar 2013 13:43 Uhr

    Scheint überall auf der Welt so zu sein.

    18 Leserempfehlungen
  1. zu investieren. Dann hätten die Bauern das Ende wahrscheinlich vorausgesehen. Ansonsten ist es sehr gut, dass mehr Boden für Lebensmittel statt in Industrieprodukte genutzt wird.
    Leider hat sich das bei uns noch nicht herumgesprochen. Hierzulande wird in einer Bodenzestörenden Einfelderwirtschaft Raps und Mais zur Energieerzeugung verschwendet. Und alle finden es gut.

    8 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/au

    • einname
    • 02. Januar 2013 19:33 Uhr

    Und dreimal dürfen Sie raten, was Bildung kostet...

    • marxo
    • 02. Januar 2013 13:45 Uhr

    Die Farmer kauften ihr eigenes Saatgut? Während die Preise stiegen. Dadurch hatten sie ja entscheidend am Preisanstieg teil. Oder sie behielten es ein, dann hatten sie aber keinen allzu großen Verlust. Wahrscheinlicher ist, dass es diese Entität "die Farmer" nicht gab, sondern klügere und weniger kluge Farmer und eine Menge anderer individueller Akteure. Marktschwankungen gibt es bei allen Exportgütern, Kakaoboom in Afrika, Kaffee-boom, der Roibos-Tee, Bubble-Tea... Und auf lokaler Ebene wissen auch Bauern, dass sie nur mit Kapital spekulieren sollten, das sie übrig haben. Ein Bauer, der seine letzte Kuh verkauft, um Tulpenzwiebeln zu kaufen, wird von anderen Bauern für dumm erklärt. Man sollte auch hier so ehrlich sein, und die Varianz der Handlungsmöglichkeiten und die Eigenverantwortlichkeit von Selbstständigen (Bauern) erwähnen - so wird alles auf einen Konzern geschoben, der einfach das gemacht hat, was sich viele Bauern wünschen: Ihre Produkte zu besten Preisen aufkaufen.

    11 Leserempfehlungen
  2. Walden Bello "Politik des Hungers"
    http://www.dradio.de/dkul...
    Das treibt einem die Tränen der Wut in die Augen.

    6 Leserempfehlungen
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    • rena85
    • 02. Januar 2013 19:36 Uhr

    Jean Ziegler: Das Imperium der Schande.

  3. 8. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/au

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  • Schlagworte USA | Halliburton | Indien | Pakistan | Delhi | Texas
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