ZEIT ONLINE: Und das ist unideologisch?

Altmaier: Die breite Mehrheit hat ihren Frieden gemacht. Die Union war nie eine ideologische Partei. Wir haben Grundwerte und Prinzipien, aber wir machen pragmatische Politik. Die SPD hat sich unserer Haltung unter Gerhard Schröder und seiner Agenda 2010 angeschlossen. Die Basis aber hadert noch immer mit der Reform.

ZEIT ONLINE: Ihre Partei brauchte ebenfalls ein Atomunglück wie Fukushima, um sich zur Energiewende durchzuringen. Erinnern Sie sich noch, was Sie damals gedacht haben, als sie die Bilder der Havarie sahen?

Altmaier: Mir ist damals klar geworden, dass wir das Thema nur befrieden können, wenn wir uns auf einen Ausstieg in absehbarer Zeit einigen können. Deshalb habe ich diese Politik unterstützt. Mir fiel das auch deshalb nicht schwer, weil ich schon Ende der achtziger Jahre als Vorsitzender der Jungen Union eine Enquete-Kommission gefordert habe, die Risiken und Chancen der Kernenergie und eventuell auch einen Ausstieg prüft.

ZEIT ONLINE: Das ist eine Geschichte, die Sie gern erzählen. Tatsächlich zieht Schwarz-Gelb einige Dinge durch, die Rot-Grün nie gelungen sind: einen parteiübergreifenden Atomausstieg und möglicherweise ein Gesetz für ein Atomendlager.

Altmaier: Das Atomthema war für die Grünen jahrelang die ideologische Klammer, welche die Partei zusammengehalten hat. Die praktische Umsetzung stand für die nicht so im Vordergrund wie für die CDU. Wir haben immer pragmatische Politik gemacht. Es spricht doch für uns, dass wir den parteiübergreifenden Konsens zum Atomausstieg nicht permanent infrage stellen. Und jetzt treiben wir die Projekte Asse, das Thema Gorleben und die Energiewende so voran, dass ihnen das Schicksal des Berliner Flughafens nach Möglichkeit erspart bleibt.

ZEIT ONLINE: Jetzt gibt es in Niedersachsen eine neue, rot-grüne Regierung. Stephan Weil will Gorleben nicht weiter erkunden lassen – dabei hatten Sie ein entsprechendes Gesetz schon fast hinbekommen. Kommt ihnen die neue Landesregierung in die Quere?

Altmaier: Ich will den weiteren Runden jetzt nicht vorgreifen, aber: Wir würden eine große Chance vergeben, wenn wir es nicht schafften, die Endlagerfrage noch vor der Bundestagswahl im Konsens zu lösen. Nur so halten wir das Thema aus dem Wahlkampf heraus.

ZEIT ONLINE: Die Menschen im Wendland pochen vor allem auf ein faires Verfahren. Sie fühlen sich seit Jahrzehnten von der Politik hintergangen. Wie wollen Sie Vertrauen schaffen?

Altmaier: Ich habe am Montag zweieinhalb Stunden mit den Beteiligten in Gorleben diskutiert. Das war nicht einfach, aber fair und konstruktiv. Ich habe die Zusage gemacht, dass wir bundesweit nach einem Endlager suchen und dass Gorleben nicht privilegiert wird: Es wird kein Referenzstandort.

Atommüll-Endlager - Gorleben-Kritiker zum Regierungswechsel in Niedersachsen

ZEIT ONLINE: Haben Sie denn Sympathien für die Gorleben-Aktivisten?

Altmaier: Oh ja, das habe ich. Ich habe ihnen am Montag auch meine Anerkennung ausgesprochen. Aber ich habe ihnen auch gesagt: Ihr Ziel ist es, einen bestimmten Standort auszuschließen – und mein Ziel ist es, in ganz Deutschland mindestens einen Standort zu finden.

ZEIT ONLINE: Hat sich Ihr Bild von der Anti-AKW-Bewegung im Laufe der Jahre verändert?

Altmaier: Wir alle haben Bilder von fliegenden Steinen und verletzten Demonstranten und Polizisten im Kopf. Das habe ich immer kritisiert. Aber diese Proteste haben sich mit der Qualität über die Diskussion der Kernenergie verändert. Heute sind sie friedlich und konstruktiv.

ZEIT ONLINE: Aber wie wollen Sie auch andere Standorte in die Diskussion einbeziehen? Wer will schon den Atommüll vor der Tür?

Altmaier: Wir sind uns einig, dass es in Deutschland ein Atommüllendlager geben soll. Unser hochradioaktiver Atommüll darf nicht im Ausland landen. Wir können ihn auch nicht auf den Mond schießen. Also müssen wir ihn hier lagern – und zwar so, dass keine Gefahr für Mensch und Umwelt ausgeht. Beim Atomausstieg war die Frage: ja oder nein? Beim Thema Endlager geht es nur um die Fragen: wie und wo?