Debatte über Kanzlergehalt"Steinbrück hat die Wähler gekränkt"

Der SPD-Kandidat hat ein deutsches Tabu gebrochen, sagt der Psychologe Stephan Grünewald. Der Wähler erwarte von Politikern vor allem bedingungslose Selbstaufopferung. von 

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück  |  © Adam Berry/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Grünewald, Peer Steinbrück, der Kanzlerkandidat der SPD, sagt etwas, das stimmt, nämlich dass jeder Sparkassendirektor mehr verdient als die Bundeskanzlerin. Dennoch erklären einige Medien und viele Bürger das zum Skandal. Warum?

Stephan Grünewald: Weil Steinbrück mit seinen Äußerungen die deutsche Mentalität verletzt hat. Die Deutschen orientieren sich eher am Ideal einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft: Das Paradeauto unserer Gesellschaft ist der klassenlose VW Golf, wir kaufen fast alle bei Aldi ein. Hierzulande redet man eben kaum über Geld oder stellt nicht soziale Vergleiche an. Das passt nicht zu unserer Mentalität.

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ZEIT ONLINE: Aber es gibt doch auch in Deutschland Angeberei und Prunk.

Grünewald: Das stimmt, aber das geschieht auf einer ausbalancierten Ebene. Die Deutschen fahren BMW oder Mercedes, nur selten einen Ferrari oder Lamborghini – und wenn, dann wird der Wagen eher in der Garage versteckt. Wir Deutschen betonen den Zusammenhalt, die Einheitlichkeit. Der Grund für die ganze Aufregung, die wir nun erleben ist, dass Steinbrück genau gegen diese Werte verstoßen hat.

Stephan Grünewald
Stephan Grünewald

Der Psychologe Stephan Grünewald ist Gründer und Leiter des Kölner Marktforschungsinstituts Rheingold. Er ist Autor des Buches "Die erschöpfte Gesellschaft – Warum Deutschland neu träumen muss".

ZEIT ONLINE: Ist Neid mit im Spiel?

Grünewald: Das Gefühl von Neid sorgt doch dafür, dass die Nivellierung der Gesellschaft erhalten bleibt. Wer gegen ein bestimmtes Gehaltsmaß verstößt, der erregt Neid, der entblößt sich als Angeber. Ich denke aber nicht, dass die Deutschen neidischer sind als etwa die Amerikaner.

ZEIT ONLINE: Nochmals: Was ärgert denn die Deutschen genau an Steinbrücks Äußerungen?

Grünewald: Steinbrück will Bundeskanzler werden, also eine Art oberster Vater des Staates. Die Wähler haben, psychologisch betrachtet, ein ähnliches Verhältnis zum Spitzenpolitiker wie Kinder zu Eltern: Sie wollen die Vorstellung haben, dass Mutter Merkel und Vater Steinbrück aus Liebe und Pflichtgefühl ihre Jobs machen. Man träumt von bedingungsloser Liebe und will nicht sehen, dass auch der Arbeitsplatz des Bundeskanzlers in gewissem Umfang ein ganz normaler Job ist, für den ein Politiker Geld bekommt. Diese Einsicht würde den Beschützernimbus schwächen.

ZEIT ONLINE: Der Wähler fühlt sich verraten?

Grünewald: Das würde jeder natürlich erst einmal verneinen. Aber unbewusst hofft man doch, dass der Ober-Vater der Nation seine Arbeit macht, weil er uns liebt und weil er nur unser Wohl im Kopf hat – und eben nicht, weil er viel Geld verdienen will.

ZEIT ONLINE: Steinbrück vergleicht doch nur das Kanzlergehalt mit dem eines Sparkassendirektors – und findet, dass beide in keinem Verhältnis stehen.

Grünewald: Ja, aber genau damit hat er ein weiteres Tabu gebrochen. Durch den Vergleich rückt Steinbrück die finanzielle Minderbemitteltheit des politischen Spitzenpersonals in den Fokus. Wenn wir uns aber schon unter die Obhut von Merkel oder Steinbrück begeben, dann wollen wir, dass das die potentesten Männer oder Frauen im Staat sind. Durch die Debatte aber wird nun aufgedeckt, dass jeder Sparkassendirektor finanziell potenter ist. Das kränkt die Wähler. Schauen Sie nach Italien. Da stand jahrelang ein Mann an der Spitze des Staates, der auch der reichste Mann des Landes war, nämlich Silvio Berlusconi.

Leserkommentare
  1. Ein Kanzlerkandidat sollte den Kanzlerjob aus Überzeugung innehaben wollen. Aus Überzeugung, dass er (ob nun Steinbrück oder XY ist egal) dem Land und dem Volk, dessen Diener er sozusagen ja ist, Gutes tut!
    Mir persönlich hat Steinbrück zu wenig Fingerspitzengefühl, als dass ich ihn als verantwortungsvollen und vertrauensvollen Kanzler sehe. Er strebt im Moment die Kanzlerposition an, lässt sich aber jetzt schon über „die Bezahlung der Kanzlerin“ sprich seine (erwünschte) spätere Bezahlung aus?! Das kommt nicht gut an, da es den Eindruck erweckt, er täte es eben wegen des Geldes und nicht aus Überzeugung.
    Das Bild mit „Vater“ und „Mutter“ ist recht häßlich, aber wahr, wenn man mal ehrlich zu sich ist. Die Regierenden sollen schließlich diejenigen sein auf die das Volk sich verlässt, denen das Volk vertraut, durch die man sich gerade in Zeiten der Globalisierung eben in seinem Land (hier Deutschland) wohl fühlt und in gewisser Weise beschützt und (auch im Hinblick auf Geld) sicher. Dafür wählt das Volk schließlich seine Vertreter.
    Wie schon jemand vor mir geschrieben hat, glaube ich auch, dass die Zeiten der Polterer vorbei sind. Westerwelle, Kohl, Steinbrück, Seehofer. Daher kommt wohl auch dieses „Mutti“, wenn man von Merkel spricht.
    Das muss man sich – auch wenn es schwer fällt – einfach mal vor Augen führen, anstatt sofort mit Abwehr zu reagieren. Die Besonnenheit, die wir von unseren Vertretern erwarten, sollten wir selbst auch mal an den Tag legen.

    2 Leserempfehlungen
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    Wollen Sie sich einlullen lassen?
    Im Übrigen finde ich nichts unpassender als den Vergleich von Dr. Merkel mit einer Mutti. Vielleicht wenn sie mir am Bett wie am Silvesterabend Sozialmaerchen vorliest, dannn... ja dann vielleicht. *Kopf schüttel*

    • Puh
    • 03. Januar 2013 16:57 Uhr

    Wenn ich nicht selber u.a. einen Abschluss in dieser Profession hätte, wäre ich jetzt geneigt, einige der gängigen Vorurteile zu zitieren. Jetzt frage ich mich nur, wie und wo der Mann mit dieser oberflächlichen Küchenpsychologie seinen Abschluss gemacht hat.

    3 Leserempfehlungen
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    Und da Sie ja der Fachmann sind: Wie ist es denn nun wirklich? Wo liegt tatsächlich der Hund begraben? Wie ist die Beziehung zwischen Regierenden und Regierten?

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/jz

  2. Wollen Sie sich einlullen lassen?
    Im Übrigen finde ich nichts unpassender als den Vergleich von Dr. Merkel mit einer Mutti. Vielleicht wenn sie mir am Bett wie am Silvesterabend Sozialmaerchen vorliest, dannn... ja dann vielleicht. *Kopf schüttel*

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    Antwort auf "Mutti Merkel"
    • beat126
    • 03. Januar 2013 17:00 Uhr

    Wenn Sie den Namen eines solchen von Ihnen zitierten Menschen in der Deutschen Bundes-Politik nennen könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.

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    #3 peregrinans hat es sehr gut formuliert was sich viele Wähler wünschen und seit langer Zeit in der 1. Reihe der Politiker nicht mehr finden. Darunter gibt es allerdings mehrere, die vielleicht diese Anforderungen erfüllen würden, aber nicht zum Zug kommen. In der SPD vielleicht Ottmar Schreiner, in der CDU der späte Geißler, bei den Grünen vielleicht Ströbele

    Das Dilemma ist, daß potentiell gute (dem Allgemeinwohl und mit sozialer Einstellung)Leute entweder nicht ganz nach oben kommen oder abgeschossen werden.

  3. ...das auch noch, jetzt langt es. Und jetzt bitte noch diverse Uniprofessoren und Steinbrückexperten. Glauben sie nicht dass das stört, wenn man das tagtäglich hört...

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  4. Es ist ja nicht zu glauben, dass jetzt auch noch Psychologen, die wissen, was 'der Wähler' angeblich will, herhalten müssen, um ein Thema, dass von den Medien durch verzerrte Wiedergabe zu einem gemacht wurde, weiter am Kochen zu halten. Ich jedenfalls gehöre nicht zu dem 'Wähler', der hier gezeichnet wird. Ich will keine kinderlose Mutti als Kanzlerin und angebliche Selbstaufopferung ist für mich grenzenloser Egoismus und Machtausübung auf Kosten Anderer. Wird die Presse etwa so sehr vom Kanzleramt umsorgt und gepflegt, dass die Vorstellung, dass Medienmenschen auch in vier Jahren so nett bedient werden als mit kantigen Menschen zu tun zu haben, die nicht so pflegeleicht und stets zu Diensten sind, leitend für solch eine Berichterstattung ist? Frau Merkel soll doch auch so einen tollen Humor haben?

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  5. er einfach ein absoluter Unsympath ist... ; der Prototyp des Ellenbogen - Strebers. Nein, der Mann ist nicht kantig (kantig war z.B. Peter Struck - RIP); er is einfach nur eitel, selbstgerecht und rechthaberisch. Jedenfalls kommt er so rüber....

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  6. dass ein Teil der Wähler Äußerungen zur Kanzlerin-Entlohnung oder hohe Honorare für Vorträge als Disqualifizierung und deshalb den SPD Kandidaten negativ sieht. Die Presse hilft dabei auch fleißig mit immer neuen Aufgüssen des ausgelutschten Themas.

    Im Wahlkampf wird es aber letztendlich um die (aus meiner Sicht unterirdische) Leistung der schwarz/gelben Koalition gehen und was die Wähler an Veränderung wollen. Ich finde es gut, dass die SPD sich nicht beirren lässt – sie hat noch genügend Zeit, das zu thematisieren und die Ein-Mann-Regierung A. Merkel „liefert“ ja weiterhin für diese Diskussion.

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    Antwort auf "Aha, Herr Grünewald"

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