Lebensmittel : Das Rätseln am Supermarktregal

Apfelsaft mit Konzentrat aus China, Heidehonig aus Südamerika: Wer im Supermarkt wissen will, woher die Produkte stammen, hat es immer noch schwer.
Honig auf der Grünen Woche in Berlin © Sean Gallup/Getty Images

Der Wiesenblüten-Honig von "Meine Hanse" wird beworben mit dem Slogan "Feiner hanseatischer Genuss". Auf der Rückseite des Glases, auf der "beste Rohstoffe aus der Region und aus aller Welt" angepriesen werden, findet sich sogar das genaue Herkunftsland. Doch das hat herzlich wenig mit hanseatischem Genuss zu tun – der Honig kommt aus Argentinien. Auch der Wildblütenhonig von Dreyer, der mit der "Lüneburger Heide" und einer idyllischen Landschaft wirbt, offenbart auf der Rückseite, dass die "sorgfältige Auswahl und Mischung von Honig aus EG-Ländern und Nicht-EG-Ländern" dem Produkt "sein typisches Aroma" verleihe.

Das ist legal, aber ärgerlich. Verbraucher müssen im Supermarkt sehr genau hinsehen, wenn sie ein Produkt von heimischen Bienen finden wollen. "Gut 80 Prozent des in Deutschland verkauften Honigs wird aus dem Ausland eingeführt", sagt Armin Valet, Ernährungsexperte der Verbraucherzentrale Hamburg. Das meiste kommt aus Südamerika. Denn die Deutschen verspeisen pro Jahr knapp 90.000 Tonnen des süßen Stoffs, ein Vielfaches dessen, was heimische Imker produzieren können.

Wer im Supermarkt genau wissen will, woher die Lebensmittel kommen, die er kauft, hat es schwer. Denn nur auf einigen Produkten müssen Angaben zum Herkunftsland stehen. Das gilt zum Beispiel für die meisten frischen Obst- und Gemüsesorten. Allerdings entfällt die Pflicht dann, wenn die Produkte bearbeitet wurden – etwa geschnitten oder geschält. Besonders streng sind die Vorgaben seit der BSE-Krise bei Rindfleisch. Hier muss sogar genau angegeben werden, wo das Tier geboren, aufgezogen und geschlachtet wurde. Hühnerfleisch muss dagegen nur gekennzeichnet werden, wenn es außerhalb der EU hergestellt wurde. Und auch hier gilt: Wird das Fleisch verarbeitet, etwa zu Wurst, oder landet es auf Pizzen und in Eintöpfen, muss nicht mehr angegeben werden, wo das Tier einmal gelebt hat.

Bei Eiern lässt sich anhand des Stempels genau nachvollziehen, aus welcher Haltungsart und welchem Betrieb sie kommen. Und auch Milch, Käse und Butter müssen nach ihrer Herkunft gekennzeichnet werden – allerdings wird hier nur der Verarbeitungsbetrieb angegeben, woher die Rohstoffe stammen, bleibt das Geheimnis des Herstellers. Anders beim Fisch: Auch bearbeiteter Fisch muss eine Angabe zum Herkunftsgebiet enthalten.

Bei verarbeiteten Produkten, die aus verschiedensten Zutaten zusammengesetzt sind – von der Kartoffelsuppe über Ketchup bis zum Müsli – gibt es dagegen gar keine verpflichtenden Herkunftsangaben. So muss auf dem Apfelsaft oder der Schorle nicht stehen, aus welchem Land die Früchte kommen. Aus Europa, könnte man denken. Doch weit gefehlt: Deutschland importierte 2011 mehr als 50.000 Tonnen Apfelsaftkonzentrat aus China – einem Land, in dem bekanntlich der Einsatz von Pestiziden oder Hygienevorschriften nicht sonderlich streng kontrolliert werden.

Richtig kompliziert wird es dann, wenn Lebensmittel im Ausland verarbeitet werden. So wurde jüngst ein italienischer Unternehmer verurteilt, der Tomatenmark "Made in Italy" verkauft hatte. Das Konzentrat dafür stammte jedoch aus China, die italienische Firma hatte es nur pasteurisiert, Wasser und Salz hinzugesetzt. Auch Deutschland importiert verarbeitete Tomaten, den Großteil aus Spanien und Italien. 2011 kamen aber auch mehr als 28.000 Tonnen aus China.

Verbraucherschützer klagen schon seit langem über die Lücken bei der Kennzeichnung und fordern schärfere Vorschriften. Auf dem Portal Lebensmittelklarheit.de, das der Bundesverband der Verbraucherzentralen betreut, gingen in den vergangenen 18 Monaten knapp 7.000 Beschwerden zu Produkten ein, von denen Kunden sich getäuscht fühlten. Auf Platz drei der Mängelliste: die Herkunftsbezeichnung.

Die EU arbeitet derzeit an einer Verbesserung der Kennzeichnung. In der Diskussion ist, ob künftig jedes frische Fleisch – von der Ziege bis zum Schwein – eine Herkunftskennzeichnung tragen muss, und ob das auch dann gelten soll, wenn Fleisch eine Zutat ist, etwa der Schinken auf einer Tiefkühlpizza. Auch bei Hauptzutaten – etwa den Tomaten im Ketchup – wird über eine generelle Pflicht diskutiert, das Ursprungsland anzugeben. Das wäre besonders interessant für Produkte, die eine geschützte Bezeichnung tragen, wie der Schwarzwälder Schinken. Denn diese "geschützte geografische Angabe" bedeutet nur, dass der Schinken im Schwarzwald hergestellt werden muss, das Fleisch dafür darf aber auch aus anderen Ländern kommen.

Noch in diesem Jahr will die Kommission einen Reformvorschlag vorlegen. Die Lebensmittelindustrie gibt sich abwartend. Man stehe im Dialog mit der EU. Allerdings gebe es in vielen Fällen komplexe Herstellungsprozesse, sagte der Geschäftsführer des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), Peter Loosen. "Es gibt auch Grenzen des Machbaren bei Herkunftsangaben."

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

41 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Vergleich

Ich schließe mich den anderen Posts an und füge hinzu, dass:
Menschen mit Sachen gleichzusetzen ist äußerst priminitiv. Mit gleicher Logik könnten wir auch Sklaverei wieder einführen. Menschen haben einen "Mehrwert", der sich nicht in Geld messen lässt. Man nennt das Würde. Wer jemandem anderen grundlos die Würde abspricht, besitzt wohl selbst keine.
Interessanterweise kann man die Herkunft vom Menschen ja auch oft am Namen ablesen bei den Produkten geht das nicht.

Beispiel.

Es ist natürlich einfach sich auf ein Beispiel zu konzentrieren.

Deutschland ist Fleischexporteur. Hier kann sich jeder Verbraucher entscheiden, ob es unbedingt das Steak aus Argentinien sein muss (auch der arme Mitbürger, auf den Sie schon angespielt haben, da Massentierhaltung einen nicht geringen Teil in Deutschland ausmacht).
Und am besten wird außerdem noch vermerkt, ob die Kuh schon einmal die Sonne gesehen hat oder ob sie mit 20 anderen auf 35m² ihr kurzes, aber fettes Leben verbringen musste (und Bildchen drauf, wie bei den Zigaretten ;)). Bei den Eiern funktioniert der letzte Punkt doch schon super, warum nich bei allen tierischen Produkten?

Regional kaufen

wäre auch meine Empfehlung, nur weiß ich durch meinen Vater (Kleinbauer), das das für die meisten Menschen zu teuer ist.

Haben es wieder zu Weihnachten erlebt, die Enten und Gänse konnten sich nur noch die Besserverdiener leisten, 30 Euro für ein Ente ist schon heftig oder für Gänse ab 50 Euro aufwärts und das sind Preise die gerade so die Kosten decken, wenn man Gewinn machen will oder Mitarbeiter bezahlt muss man noch 10-20% draufschlagen.
Wenn ich auf Heimaturlaub mal über den lokalen Bauernmarkt gehen fällt mir auch alles preistechnisch aus dem Gesicht.

@Thema
Bin jedoch für die Kennzeichnung, denn bei einigen Regionen wäre mir die gesundheitlichen Risiken (Stichwort Kontamination) zu hoch.
Wird sich jedoch nicht durchsetzen, da es dann für die Supermärkte zu teuer wird. Obwohl es den meisten egal sein wird, da der Preis die Musik macht.

Verzicht I

Ich glaube, da haben wir uns mißverstanden: Ich "predige" nicht Verzicht, ganz im Gegenteil! Jeder sollte die Möglichkeit haben, hochwertige Produkte zu konsumieren, in der Menge, die er benötigt. DEm steht momentan jedoch die Produktionsweise entgegen, die eben nicht Bedürfnisse der Konsumenten, sondern den Profit im Blick hat. Polnische Stopfgänse werden nicht produziert, weil der Konsument es eben so will, sondern weil man damit Profit machen kann, indem man in dem Preissegment Waren anbietet, welches dem Großteil der arbeitenden Bevölkerung eben erreichbar ist.
"Hinsichtlich der Kasse hapert es natürlich beim großen Publikum. Aber auch das stürzt die Geschäftswelt nicht unbedingt in eine Verlegenheit. Eher schon den König Kunden, nicht weil er ignoriert, sondern weil er bedient wird. Mit einem Produkt nämlich, das genauso fadenscheinig wie seine Kaufkraft ist, für die es extra maßgeschneidert wird. Das führt beispielsweise in der Kunst des Automobilbaus zu der interessanten Frage: Wieviel Auto kann man für 3000 € bauen? Warum angesichts der breiten Palette von Kraftfahrzeugen mit allem Komfort und gediegener Sicherheitstechnik auch noch die 3000-€-Billig-Version her muss, ist kein Geheimnis. >>>

Verzicht II

Hier wird bei Tata oder VW nicht aus dem Aufwand für die Herstellung eines nützlichen Dings der gewinnbringende Preis deduziert. Umgekehrt, aus dem am Markt anvisierten und abzuräumenden Kaufkraftniveau leiten Konzerne und ihre Ingenieure die unbedingt notwendigen und vor allen Dingen verzichtbaren Eigenschaften des Gebrauchswerts her, damit auch das große Kundensegment mit minderbemitteltem Lohneinkommen für den gewinnbringenden Verkauf der abgespeckten Billigkutschen ausgenutzt werden kann. Nur die Ideologie vom Kunden, der König ist, stellt die Welt auf den Kopf: Für jeden etwas dabei! Auch die Wünsche der kleinsten Leute werden, dem Markt sei Dank, in der großen Produktion erhört. Als wäre diesem Bedürfnis nicht anzusehen, dass es kein frei gewähltes, sondern wesentlich ein durch die kapitalistische Benutzung und Entlohnung geformtes darstellt."
http://www.gegenstandpunk...

Oder:

Tomatenmark LaLiLu:
Produziert aus spanischen Tomaten der Region BlaBlup und aus ital. Tomaten der Region BlupBla

Wie wärs damit? Es ist ja nicht so, dass alle Lebensmittel an der Börse gehandelt werden. Das heißt dann aber auch, dass die Zahl der Zulieferer eben begrenzt ist.
Und mit einer einfachen Nummer oder Suchfunktion ist eine große Datenbank kein Problem mehr.
Ich bin auch kein Minister. An so einem Projekt würde 200 überbezahlte Menschen mitarbeiten, die werden sich schon was ausdenken können. Wenn man nur mal bedenkt, wofür die USA alles Datenbanken hat (dieser Eintrag landet wahrscheinlich auch in einer), werden diese paar Lebensmittel wohl kein großes Problem bereiten..

Ich bin spät dran, sorry.

Das mit der Herstellernumme ist ja bereits seit Jahren gelöst, sogar die Produkte selbst - nennt sich EAN.

Ich sehe neben der "scherzhaft" aufgeblähten Datenbank eben noch weitere Probleme, die nichts mit der Datenerfassung zu tun haben.

1. Werden über Jahre, wenn nicht Jahrzente, menschen von diesen Systemen ausgenommen bzw. solche Informationen erschwert -> siehe Alte
2. Die vielbeschworene "volle" Transparenz ist genauso wie der neo-liberale Weg nicht Verbraucherfreundlich. Bei der Tranzparenz werden Datenmengen erzeugt, die durch Überflutung an Informationen eher zum Gegenteil tendieren - einige Vollzeitanalytiker mal außen vor gelassen. Die Kennzeichnung vieler Lebenmittel z.b. mt den E-Nummern ist ein Beweis wie mit Information auch Desinformation erzielt werden kann.