Deutsche BankDie Legende vom bösen Nahrungsmittelspekulanten

Die Deutsche Bank und die Allianz wollen wieder mit Nahrungsmitteln spekulieren. Ein Skandal? Die meisten Studien zeigen: eher nicht. von Malte Buhse

Sind die Banker nun endgültig verrückt geworden? Etwa die Deutsche Bank: Das Institut fürchtet ohnehin um seinen Ruf, seit im Dezember Polizisten und Steuerfahnder vor der Frankfurter Zentrale vorfuhren. Und nun verkündet Vorstandschef Jürgen Fitschen seelenruhig, die Deutsche Bank werde "im Interesse ihrer Kunden" weiter auf dem Nahrungsmittelmarkt spekulieren. Sprich: mit steigenden Lebensmittelpreisen Geld verdienen – obwohl steigende Nahrungspreise in vielen Länder mehr Hunger bedeuten. Auch die Allianz will auf dem Markt wieder mitmischen. Kann denn das wahr sein?

Tatsächlich ist die Entscheidung der Bank nicht ganz so verrückt wie es auf es den ersten Blick scheint. Denn Ökonomen bezweifeln immer öfter, dass die Geschichte von den profitsüchtigen Banken, die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben, überhaupt stimmt.

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Dabei sieht die Geschichte auf den ersten Blick schlüssig aus. Seit 2004 bieten immer mehr Banken und Versicherungen Indexfonds auf Agrarprodukte an. Dabei wird das Geld der Anleger meistens in Feldfrüchte wie zum Beispiel Weizen, Mais oder Sojabohnen investiert. Allerdings kaufen die Fondsmanager die Ernte nicht wirklich ein, sondern handeln lediglich mit Terminkontrakten. Das Ganze funktioniert wie ein Vertrag: Der Bauer muss zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Menge Weizen zu einem festgelegten Preis liefern. Kurz bevor der Weizen geliefert wird, verkaufen die Fondsmanager den Terminkontrakt an jemanden, der das Getreide wirklich braucht, zum Beispiel eine Mühle. Zahlt die Mühle mehr als die Bank dem Bauern versprochen hat, macht der Fonds Gewinn. Die Bank und die Anleger profitieren also immer dann, wenn die Lebensmittelpreise steigen.

Früher war der Terminmarkt eine Sache für Spezialisten. "Da waren eigentlich nur Händler unterwegs, die auch ein wirkliches Interesse an der physischen Ware hatten", sagt die Ökonomin Stephanie Grosche, die an der Universität Bonn zur Spekulation auf Agrarmärkten forscht. "Inzwischen kann dank der Indexfonds jeder auf Agrar-Terminmärkten investieren, dadurch sind die Transaktionen deutlich gestiegen." Vor allem aber sind die Preise deutlich gestiegen. Der Weizenpreis verdreifachte sich zwischen Sommer 2007 und 2008 nahezu. Auch die Maispreise stiegen ähnlich stark an. In mehreren Ländern kam es wegen der steigenden Preise für Grundnahrungsmittel zu Aufständen und Protesten.

Der Vorwurf: Die Fondsmanager treiben die Preise

Immer mehr Agrar-Indexfonds, immer höhere Preise – für Verbraucherschutzorganisationen und NGOs wie Foodwatch, Oxfam und die Welthungerhilfe ist die Sache eindeutig. Weil die Fondsmanager der Banken und Versicherungen riesige Mengen Getreide als Termingeschäft aufkaufen, treiben sie die Preise nach oben. Letztlich sind die Institute also auch für Hungerkrisen verantwortlich. Kein Wunder also, dass die Organisationen die Banken mit griffigen Slogans ("Mit Essen spielt man nicht") und groß angelegten Kampagnen angreifen. Einige Institute – etwa die Commerzbank oder die Deka-Bank – sind wegen der Kritik aus dem Geschäft ausgestiegen.

Doch sind die Banken wirklich verantwortlich für die steigenden Preise? Immerhin gibt es noch andere Erklärungen: Vielleicht sind Mais, Weizen und Soja auch deshalb teurer geworden, weil die Weltbevölkerung wächst und damit die Nachfrage nach diesen Produkten. Oder aber das Angebot wurde knapper, weil Dürreperioden und Überflutungen weite Teile der Getreideernte vernichteten. Die Anleger mit ihren Indexfonds hätten in diesem Fall zwar von den steigenden Lebensmittelpreisen profitiert. Den Preisschub ausgelöst hätten sie nicht.

Tatsächlich legte die ökonomische Forschung diesen Schluss nahe. Etliche Agrarökonomen und Finanzmarktforscher haben in den vergangenen Jahren die Preisausschläge bei Grundnahrungsmitteln und die Rolle der Agrar-Indexfonds genauer untersucht. Mit statistischen Werkzeugen haben sie vor allem versucht, Ursache und Wirkung möglichst klar voneinander zu trennen. Ihr Ergebnis: Einiges spricht dafür, dass die Investitionen in Agrar-Indexfonds für die starken Preisausschläge überhaupt nicht verantwortlich waren.

Leserkommentare
  1. Ich kann schon verstehen, dass der Artikel dem Weltbild einiger stark entgegensteht. Ist klar, Banken sind immer schlecht usw...
    Wenn allerdings Staaten oder die EU als große Nachfrager von Getreide, das zur Treibstoffherstellung benötigt wird, auftreten hat das viel höhere Auswirkungen auf den Preis.
    Natürlich habe ich nicht alle 190 bisherigen Kommentare gelesen aber dieses Argument habe ich bisher noch nicht gefunden.

    Eine Leserempfehlung
    • laborde
    • 08. Februar 2013 11:34 Uhr

    Wenn Bauern sich über Futures absichern (davon spricht ihr Artikel), gibt es keine Versicherungsprämie, die sich verbilligen könnten, da es sich bei Futures nicht um eine Versicherung handelt, sondern um einen Kaufvertrag.
    Wenn also durch Agrar-Indexfonds für die Agrarproduzenten etwas billiger wird, wie sie behaupten, dann kann das neben Börsengebühren (die wir hier als unbedeutend vernachlässigen können) nur der Put-Future selbst sei, womit sie sich gegen fallende Preise absichern. Ein billigerer Put bedeutet nun aber einen teureren Call (der Gewinn des Bauern ist der Verlust der Brotfabrik, die sich mit Calls gegen Preissteigerungen „versichert“). Da die Preise am Spotmarkt und am Terminmarkt durch Arbitrage aneinander gekettet sind, bedeutet eine Verteuerung der Calls aber einen höheren Preis am Spotmarkt.
    Aber genau das wollten sie doch in ihrem Artikel widerlegen!
    Sie müssen sich schon entscheiden.

    Schon erstaunlich, wie es den Banken gelingt, zwei offensichtlich unvereinbare Behauptungen in die Köpfe von Ökonomen zu implantieren: dass nämlich Agrarspekulation die Preise nicht treibe, aber sehr gut sei wegen der „Liquidität“. Und wofür ist die Liquidität zu nutze (außer zum Gebührenschneiden), wenn sie doch auf die Preise keine Auswirkung hat?
    Muss ich jetzt Angst haben, dass ich für mein Auto keine Haftpflichtversicherung mehr abschließen kann, weil es darauf keine Derivate gibt?
    Ich glaube eher nicht.
    jean laborde

  2. insbesondere, weil foodwatch ja eine total unbefangene Quelle ist.

    Ihre Argumentation fehlen sachliche, objektive, wissenschaftliche Belege

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    http://foodwatch.de/kampagnen__themen/nahrungsmittel_spekulation/aktuell...

    Sollte man die DB Research u die Allianz als Quelle nun gelten lassen, oder ist das jetzt zu unwissenschaftlich?

    Wann darf man mit der Stellungnahme der Zeit rechnen? Oder werden journalistische Fehltritte heutzutage ausgesessen?

  3. http://foodwatch.de/kampagnen__themen/nahrungsmittel_spekulation/aktuell...

    Sollte man die DB Research u die Allianz als Quelle nun gelten lassen, oder ist das jetzt zu unwissenschaftlich?

    Wann darf man mit der Stellungnahme der Zeit rechnen? Oder werden journalistische Fehltritte heutzutage ausgesessen?

    Antwort auf "foodwatch..."
  4. Also mit Aluminium hats Spekulieren doch schon mal super geklappt und dank Lobbyarbeit wohl bald auch mit Kupfer *ironie off*

    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/rohstoffspekulation-bei-goldman-sa...

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