Mario Monti "Ich bin wirklich für Haushaltsdisziplin"

Die Zinsen für die Südländer sinken, doch was ist mit den Reformen? Ein Gespräch mit Italiens Premier Mario Monti am Rande des Weltwirtschaftsforums

Mario Monti auf dem Weltwirtschaftsforum 2013 in Davos

Mario Monti auf dem Weltwirtschaftsforum 2013 in Davos

Ein bemerkenswertes Gespräch in Davos mit einem bemerkenswerten Professor als Premier, der nach den Wahlen in Italien wohl wieder an die Universität zurückkehren wird. Mario Monti, wie er mit ironischem Lächeln von sich berichtet, wurde zwar vom Staatspräsidenten vor zwei Jahren nicht "gezwungen", das Amt zu übernehmen, sondern nur "gebeten". Aber er hat Erstaunliches geschafft. Zum Ersten wurde der Parteilose mit 85 Prozent der Parlamentsstimmen bestätigt, zum Zweiten hat er Italien aus der Pleitezone bugsiert.

Damals lag der Zinssatz für italienische Anleihen fast sechs Prozentpunkte über dem deutschen Goldstandard. Heute beträgt der Abstand etwas mehr als zwei Punkte. Er wisse es nicht so genau, lächelt er, weil er nicht mehr jeden Tag nachschaue, aber die Entwicklung sei doch "eine gute Sache".

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Monti rühmt sich in seiner leisen, professoralen Art auch einer dritten Leistung. Er habe Italien aus den Klauen der Zahlungsunfähigkeit gerettet, ohne sich dem Regiment von Angela Merkel, Brüssel und des Weltwährungsfonds zu unterwerfen. Die alle wollten Rom unter den europäischen Rettungsschirm stellen, also unter internationales Kuratel. Eine "lästige Prozedur" sei das, wie Monti anmerkt.

Italien und Europa haben sich dank des Geldsegens der Europäischen Zentralbank eine Ruhepause erkauft, auch das zeigen die dramatisch gefallenen Zinsen für die Südländer. Wie aber steht's mit den brutalen Reformanstrengungen daheim, die nicht finanzielles, sondern viel politisches Kapital kosten? Monti lächelt wieder leise. "Ihr Nordstaatler habt so eine mütterliche Attitüde uns gegenüber eingenommen. Nach dem Motto: Ihr seid eigentlich gute Jungs, aber könnt ihr wirklich reformieren, wenn der Druck der Märkte und Zinsen nachlässt?" Wen er wohl mit "Mutti" meint?

Nein, sagt Monti, er schulde Frau Merkel Dank. Sie verstehe die "verschiedenen Probleme der verschiedenen Länder". Italien, mit anderen Worten, sei nicht Griechenland. "Aber Reformen brauchen ihre Zeit." Die Leute müssten erkennen können, dass ihre Opfer ihnen am Ende auch etwas bringen. Wenn nicht, wird das Parlament "mehr Anti-Europa, mehr Anti-EU, mehr Anti-Merkel" werden.

Der Markt dürfe nicht die "einzige Peitsche sein; das könne sogar kontraproduktiv sein" und eine Revolte auslösen. Welche Strukturreformen habe er denn schon angepackt? Nun denn, die Zahl der Gerichte in den Provinzen sei gesenkt worden. Leider hingen an diesen Institutionen viele Staatsbedienstete, folglich "riskiere man stets einen Widerstand, der sich wie eine Welle von Region zu Region fortpflanzt".

Wie lange müsse Italien mit null oder wenig Wachstum leben? "Lange", lautet die knappe Antwort. "Ich bin wirklich für Haushaltsdisziplin, aber die darf nicht die öffentliche Hand und damit die öffentlichen Investitionen lähmen." Könnte es Pier Luigi Bersani besser, der Sozialdemokrat, der als nächster Premier gehandelt wird? Ein "vertrauenswürdiger Mann" sei das, sagt Monti lächelnd, "aber die Antwort hängt davon ab, ob er der CGIL, der größten und stärksten Gewerkschaft, widerstehen kann, die eng mit seiner Partei verknüpft ist" plus: der "extremen Linken". Die Botschaft ist klar: Monti ist besser für Europa. Leider, sagt Monti, sei er populärer in Europa als in seinem Heimatland.

 
Leser-Kommentare
  1. 9. Warum?

    Monti und Frau Merkel sind doch ein Team.
    Frau Merkel verliert nicht nur in Deutschland ihre Partner sondern in ganz Europa.

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    Antwort auf "[...]"
  2. und deren Rechte nicht ständig einschränken!

    Die politische Kaste in Italien hat bisher auch noch nicht genug gespart. Überall sind es nur die kleinen Leute die das müssen!

    2 Leser-Empfehlungen
  3. >> Wenn Frau Merkel die "verschiedenen Probleme verschiedener Länder versteht" - <<

    ... vesteht lediglich, dass man manche Ziele nicht zu laut kommunzieren darf, weil einem sonst nach und nach die Erfüllungsgehilfen ausgehen.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. "Denn wenn das Tatsache werden sollte, werden doch die Wohlstandsunterschiede innerhalb Europas nur noch zementiert."

    Wenn das so kommen sollte müßten wir schon wahnsinniges Glück haben. Ich persönlich halte das für unwahrscheinlich, weil wir uns wohl eher in eine Abwärtsspirale begeben würden.
    Bei allem ach so tollen Zusammenwirken in Europa, geht doch kein Weg daran vorbei, daß sich die Unternehmen der europäischen Staaten auch weiterhin in Konkurrenz miteinander befinden werden. Wenn also die "Wettbewerbsvorteile" der deutschen Wirtschaft dadurch entfallen, daß sich andere Staaten die gleichen Sozialdumpingmechanismen zu eigen machen, wird Deutschland noch stärkere Kostensenkungen einführen müssen, die dann wiederum die anderen Staaten wieder in Zugzwang setzen.
    Das können wir dann so lange fortsetzen, bis China und Indien Spielwaren, Plastiknippes und Bekleidung aus der EU-Zone importiert.
    Und dann: Gute Nacht.

    3 Leser-Empfehlungen
  5. Sie wissen schon das Mario Monti ein Chef-Banker von Goldman Sachs ist und als eine Art "Zwangsvollstrecker" ungewählt als Berlusconiersatz "gekrönt" wurde ?

    Mario Monti ist wesentlich reicher und mächtiger als Angela Merkel...

    3 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Monti ist ein Looser!"
    • y5rx
    • 25.01.2013 um 10:22 Uhr

    auch andere Schlagzeilen über den Italiener:
    http://deutsche-wirtschaf...

    3 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... wäre jeden Tag einen Artikel in jeder europäischen Zeitung wert.
    Aber leider, leider ...

    ... wäre jeden Tag einen Artikel in jeder europäischen Zeitung wert.
    Aber leider, leider ...

  6. Sie sang das alte Entsagungslied,
    Das Eiapopeia vom Himmel,
    Womit man einlullt, wenn es greint,
    Das Volk, den großen Lümmel.

    Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
    Ich kenn auch die Herren Verfasser;
    Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
    Und predigten öffentlich Wasser.

    Was für eine Legitimation hat eine Regierung oder auch die EU eigentlich noch, wenn es dem Großteil der Menschen immer schlechter und einer Minderheit immer besser geht? Soll das Demokratie sein? Es ist doch kein Naturgesetz, dass die Völker immer mehr Macht verlieren. "Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will" skandierten früher die Gewerkschaften. Und das stimmt noch heute. Was sind diese "Märkte" denn eigentlich ohne uns, die große Masse? Genau, gar nichts.

    Warum bestehen die Visionen der Politik eigentlich nur noch darin, wie man Rechte von Bürgern abbauen kann? Der Begriff "Reformen" hatte früher einen verheißungsvollen Klang, inzwischen ist er zur Drohung verkommen.

    Das soll Demokratie sein? Wie gesagt, dass ist alles kein Naturgesetz, auch wenn man uns das noch so oft weismachen will. Das alles wird durchgesetzt von Menschen, die in ihrer Gier alles aufs Spiel setzen. Von Menschen, die soviel Geld haben, dass es sich überhaupt nicht auf deren Lebensstandard auswirken würde, wenn sie sich endlich gerecht an der Finanzierung des Staatswesens beteiligen würden.

    3 Leser-Empfehlungen
  7. Mario Monti ist mit seinen sogenannten Reformen auf ganzer Linie gescheitert. Er verteidigt sich mit der von Silvio Berlusconi her bekannten Kommunismus-Keule. Berlusconi führt seine Probleme mit der Justiz nur auf die Umtriebe "kommunistischer" Richter zurück. Monti erklärt das Scheitern seiner Reformen mit dem Widerstand der "kommunistischen" Gewerkschaften. Daher hat er auch den bösen "Kommunisten", also dem kleinen Mann, mit neuen Steuern das Geld aus der Tasche gezogen, um es dann "guten" Kapitalisten wie der Bank Monte dei Paschi di Siena zuzustecken. Sorgen machen muss sich der Professor deswegen aber nicht. Als Senator auf Lebenszeit genießt er ja auch lebenslange Immunität, und für seine Altersrente dürfte er wohl vorgesorgt haben.

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