WirtschaftscheckWarum Niedersachsen glänzt

Der Wirtschaft in Niedersachsen geht es ausgezeichnet. Das verdankt sie aber nicht dem Boom der Erneuerbaren, sondern vor allem der Autoindustrie. von 

Große Hoffnungen hatten sie in Emden. Hier, in einem der nördlichsten Zipfel Deutschlands, wollten die Bürger die Energiewende schneller als andere durchziehen. Die Siag Nordseewerke sollten die gigantischen Fundamente für Windräder auf hoher See bauen. Eiserne Stahlkolosse, tonnenschwer. Es war die zweite Chance für die Traditionswerft, die ThyssenKrupp wegen der schlechten Geschäftsaussichten vor vier Jahren verkauft hatte.

Nun scheint die Hoffnung zu zerbersten. Im vergangenen Oktober musste die Siag Insolvenz anmelden. Der Ausbau der Windkraft auf dem Meer kommt nur langsam voran, überall hakt es, vor allem beim Netzanschluss der maritimen Windparks. Entsprechend schlecht ist die Auftragslage für Siag. Seit Wochen sucht die Firma einen Investor. 750 Mitarbeiter fürchten um ihre Zukunft.

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Eine Firmenpleite wäre ein denkbar schlechter Zeitpunkt. Am Sonntag wählt Niedersachsen einen neuen Landtag. Die Bürger stimmen auch über die Wirtschaftspolitik der Landesregierung ab, über Zukunftsperspektiven und den Kurs der Energiewende. Ob Union, FDP, Grüne oder Linke: Alle Parteien betonen die Bedeutung der Energiewende für Niedersachsen. Der Haken an dieser Argumentation ist nur: Hier an der Küste, da floppt sie gerade mächtig.

Dabei weist Niedersachsen eigentlich eine beeindruckende Bilanz auf. Kein Bundesland setzt so stark auf die Offshore-Windenergie – das bringt die Küstenlage des Landes mit sich. Hafenstädte wie Emden oder Cuxhaven versprechen sich neue Jobs und werben eifrig um Investoren.

Auch an Land sind die Norddeutschen Spitze: Kein Bundesland hat mehr Windkraftkapazität installiert als Niedersachsen. Weltmarktführer wie der Windradhersteller Enercon haben ihr Hauptquartier in Ostfriesland. Rund 22.000 Beschäftigte hat die Windbranche laut einer aktuellen Studie, so viel, wie in keinem anderen Bundesland. Für Anlagenhersteller, für Planer, vor allem für die zahlreichen Landwirte ist der Ausbau der Ökoenergien ein gutes Geschäft.

Wie ernst meint es Schwarz-Gelb mit der Energiewende?

Seit der Siag-Pleite aber fragt sich das Land: Wie ernst meint es Schwarz-Gelb mit der Energiewende tatsächlich? Die Siag Werke werden dabei ein Lackmustest für Hannover. Opposition und Gewerkschaften schlachten das Thema genüsslich aus. Die IG Metall schimpft über das Planungschaos. SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil wirft Ministerpräsident David McAllister (CDU) "unerklärliche Passivität" und eine "chaotische Energiepolitik" vor. Im Falle eines Wahlsiegs will Weil gleich am kommenden Montag alle Betroffenen zusammenbringen, um die Nordseewerke zu retten.

Marlies Uken
Marlies Uken

Marlies Uken ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft und bloggt bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Schwarz-Gelb will unter keinen Umständen im Wahlkampf als Energiewende-Bremser dastehen. Siag mit einer Landesbürgschaft zu retten, wäre theoretisch möglich – doch wohl kaum unter einem FDP-Wirtschaftsminister: Jörg Bode will nur neue Gelder bewilligen, wenn sich tatsächlich ein Investor findet. Ansonsten sei eine Rettung willkürlich und wäre Verschwendung von Steuergeldern.

Wie die Landesregierung mit Siag umgeht, das bewegt die Menschen, vielleicht auch in der Wahlkabine. Was aber bei der Debatte um Windkraft und Erneuerbare Energien gerne übersehen wird, ist etwas anderes: Das Land hängt noch immer zu einem großen Teil vom Wohl der heimischen Autoindustrie ab.

Kein anderes Unternehmen hat einen so großen wirtschaftlichen Einfluss in Niedersachsen wie Volkswagen. Mit rund 100.000 Menschen, die direkt in den vier niedersächsischen Werken arbeiten, ist Volkswagen das größte Unternehmen des Landes. Rechnet man Zulieferer und andere Branchen ein, liegt die Zahl noch höher. Noch immer gilt: Wenn es VW gut geht, dann geht es auch Niedersachsen gut. Für 2012 peilt VW erneut einen Rekordgewinn an. Wegen des schwachen Absatzes in Europa rechnen Fachleute allerdings mit einem Abschwung in diesem Jahr.

Leserkommentare
  1. Das Land Hessen ist gerade durch "Bankfurt" sehr reich und lange Jahre der größte Nettozahler unter den BL gewesen.
    Hätte Merkel nicht eifrig die Rettungsschirme aufgespannt, wäre die Region dort unten ganz schnell in eine Schieflage geraten.

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    Antwort auf "Kein guter Indikator"
  2. In Wirklichkeit ist nicht alles Gold was glänzt in Niedersachsen.Trotz hoher Steuereinnahmen ist immer noch Nettoneuverschuldung im Haushalt nötig. Es fehlen Kinderbetreuungsplätze. Die Chance, erneuerbare Energien regional und überregional mit einem kräftigen Schub voran zu bringen und in D die Nr. 1 bei Windstrom zu werden, wurde aus ideologischen Gründen versäumt.(Wind weht mehr als genug in Niedersachsen).Weiterhin ist unklar, was mit der Asse passieren soll und wer die erforderlichen Kosten (die Rede ist von 46 Milliarden € !) für die Rückholung tragen wird.

    off topic:
    Hallo Zeit online, was soll das? Wenn schon 3 Tage vor der Landtagswahl ein Artikel über die wirtschaftlichen Verhältnisse in Niedeersachsen erscheint, weshalb werden dann die kritischen Punkte nicht aufgeführt, einfach ausgeblendet?

    Muss ich mich jetzt auch von Ihrer von mir eigentlich sehr geschätzten Publikation verabschieden, weil nur noch unkritische tendenziöse PRO CDU Jubelberichte erscheinen?
    Wenn ich unkritische einseitige Jubelberichte haben wollen würde, könnte ich ja WELT lesen oder Focus. Will ich aber nicht. Ich will kritische Berichterstattung und keinen jubelnden Einheitsbrei.

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    • LJA
    • 18. Januar 2013 1:34 Uhr

    Die Asse ist zunächst einmal Bundessache. Die technischen Probleme der "erneuerbaren" Energien (mangelnde Zuverlässigkeit und Speicherbarkeit) können sicher auch nicht allein in Hannover gelöst werden. Das mit den Schulden stimmt, gilt aber für fast alle Bundesländer. Zumindest besteht da unter McAllister ein konkreter und einigermaßen realistischer Fahrplan. Die SPD hat erst einmal angekündigt, kräftig neue ÖD-Stellen schaffen zu wollen.
    Sooo schlecht sieht es in Niedersachsen gar nicht aus. Immerhin musste es sich auch in den letzten 15 Jahren feindlicher Übergriffe auf seine drei größten Industrieunternehmen erwehren. Tatsächlich ist das Land Stück für Stück immer weiter nach vorne gekommen, seit Gerhard Schröder MP war. Dessen vernünftige Industriepolitik wurde von den Nachfolgern weiter geführt.

    Die Drohungen von Herrn Weil lassen allerdings befürchten, dass es damit bald zu Ende sein könnte.

    • Felefon
    • 17. Januar 2013 22:39 Uhr

    "Gerhard Schröder. Dessen hemdsärmelige Wirtschaftspolitik, mit der er etwa die Pleite des Baukonzerns Holzmann im Jahr 1999 verhinderte, gilt manchem Niedersachsen noch immer als Vorbild."

    Moin, moin, Frau Uken:

    Gerhard Schröder:
    am 27. Oktober 1998 zum siebten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt. (1)

    Philipp Holzmann:
    endgültige Insolvenz am 21. März 2002.(2)

    Gerhard Schröder:
    Wiederwahl zum Bundeskanzler am 22. Oktober 2002 (1)

    Soweit zu "die Pleite des Baukonzerns Holzmann im Jahr 1999 verhindert"

    (1): http://de.wikipedia.org/w...
    (2): http://de.wikipedia.org/w...

    Eine Leserempfehlung
    • Felefon
    • 17. Januar 2013 23:19 Uhr

    Dem Artikel fehlt, um eine 'Rettung' der SIAG zu rechtfertigen leider jedwede belastbare Kostenangabe.

    Es muß klar und deutlich gesagt werden:
    Ohne staatliche Renditegarantien werden keine Offshore-WKA gebaut.
    Zahlen muß es der Bürger.

    Bei der Angabe der Kosten von Offshorestrom werden stets nur Anlagenkosten und EE-Vergütung genannt.

    Die Anlagenkosten der Netzanbindung liegen in etwa gleichhoch. Auch die Netzanbindung muß bezahlt werden und den Kosten der Offshorestromproduktion zugeschlagen werden.

    Ohne Speichermöglichkeit ist eine kontinuierliche Nutzung von Offshorestrom nahezu unmöglich. Offshoreanlagen werden mit zunehmendem Ausbau zunehmend aus dem Netz genommen werden müssen.
    Durch die staatliche Abnahmegarantie müssen auch diese Kosten den Gesamtkosten zugeschlagen werden.

    Anmerkung:
    Die Nutzung 'Norwegischer Pumpspeicher' ist blanke Fantasie.
    Es gibt dort weder ausreichend Pumpspeicherkraftwerke noch die Leitungen dorthin, noch lohnt es sich solche Pumpspeicherkraftwerke oder gar HGÜ-Leitungen bis nach Nordnorwegen zu bauen. Die Speicherung des Stromes wäre um ein Mehrfaches teurer als seine Produktion !

    Kurzum:
    Es zeichnet sich derzeit das Scheitern der Illusion 'Energiewende', insbesondere der Offshoreproduktion ab.

    Eine Leserempfehlung
    • LJA
    • 18. Januar 2013 1:34 Uhr

    Die Asse ist zunächst einmal Bundessache. Die technischen Probleme der "erneuerbaren" Energien (mangelnde Zuverlässigkeit und Speicherbarkeit) können sicher auch nicht allein in Hannover gelöst werden. Das mit den Schulden stimmt, gilt aber für fast alle Bundesländer. Zumindest besteht da unter McAllister ein konkreter und einigermaßen realistischer Fahrplan. Die SPD hat erst einmal angekündigt, kräftig neue ÖD-Stellen schaffen zu wollen.
    Sooo schlecht sieht es in Niedersachsen gar nicht aus. Immerhin musste es sich auch in den letzten 15 Jahren feindlicher Übergriffe auf seine drei größten Industrieunternehmen erwehren. Tatsächlich ist das Land Stück für Stück immer weiter nach vorne gekommen, seit Gerhard Schröder MP war. Dessen vernünftige Industriepolitik wurde von den Nachfolgern weiter geführt.

    Die Drohungen von Herrn Weil lassen allerdings befürchten, dass es damit bald zu Ende sein könnte.

  3. Im Windland Niederachsen gibt es Gewinner: „Für Anlagenhersteller, für Planer, vor allem für die zahlreichen Landwirte ist der Ausbau der Ökoenergien ein gutes Geschäft.“ Richtig. Das ist die polierte Seite der Medaille.

    Und nun zur Rückseite: Zufallsstrom zu Höchstpreisen. Umverteilung von den Finanzschwachen zu denen, die sich Investitionen leisten können. Gefährdete Versorgungssicherheit. Sondermüll auf Hausdächern. Ruinierte Landschaften mit Vogelschreddern bis zum Horizont. Verunreinigte Gewässer.

    Niedersachsen hat durch die Ökoindustrialisierung insgesamt verloren. Besserung ist nicht in Sicht.

    Eine Leserempfehlung
  4. 15. Quatsch

    NS iss eine arme Land und musse schon Geld aus dem LFA beziehen - NS muß gerettet werden ;-)

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