Alles begann damit, dass Karl-Peter Naumann seine Stelle bei einer Pharma-Firma verlor. Die Suche nach einer neuen Arbeit gestaltet sich schwierig, das Alter, vermutet Naumann – er ist 62. Am ehesten sieht der Diplom-Chemiker noch Chancen im Umfeld der Eisenbahn. Die ist Naumanns Leidenschaft, von 1996 bis 2012 führte er den Fahrgastverband Pro Bahn.

Eine Stelle hat der Diplom-Chemiker nach einem Jahr noch immer nicht. Dafür droht seinem 5.000 Mitglieder zählenden Verband nun die Spaltung. Es stehen sich zwei Lager gegenüber: Auf der einen Seite jene, die dem Ex-Vorsitzenden zu einer neuen Beschäftigung bis zur Rente verhelfen wollen.

Auf der anderen Seite jene, die damit Probleme haben und um die Unabhängigkeit des Verbands fürchten. Denn Naumanns Salär soll mittelbar ausgerechnet von der Deutschen Bahn kommen – mit der Pro Bahn oft über Kreuz liegt. "Der Graben ist tief", heißt es in der Verbandsführung. Aus Protest ist nun einer der Vize-Vorsitzenden zurückgetreten.

"Das rückt uns in ein schiefes Licht"

Begonnen hatte alles mit dem Plan Naumanns, bei der Weiterbildungssparte der Bahn einzusteigen. Konzern-Chef Rüdiger Grube zeigte sich zunächst aufgeschlossen, doch angesichts heftiger Kritik wurde daraus nichts. Dann gab es die Idee zu einer neuen Anstellung: Für die Bahngewerkschaft EVG soll Naumann herausfinden, wie sich das Sicherheitsempfinden von Beschäftigten und Kunden der Bahn erhöhen lässt. Davon verstehe er etwas, sagt Naumann.

340.000 Euro über drei Jahre sollen sein Gehalt und Sachmittel kosten, finanziert vom "Fonds soziale Sicherung" – einem Geldtopf, den die Bahn als Ergebnis von Tarifverhandlungen füllt. Verträge gebe es noch nicht, heißt es bei der Gewerkschaft.

Das sehe aus, als lasse sich Pro Bahn kaufen, sagt Heiner Monheim, nun zurückgetretener Verbandsvorstand. Er sieht "Parallelen zur Causa Norbert Hansen" – dem Gewerkschaftschef, der in den Bahn-Vorstand wechselte. "Das rückt uns in ein schiefes Licht, wir sind doch kein Pensionsverein für Naumann", findet Dieter Doege, Chef des Landesverbandes Berlin-Brandenburg. Auf dem Bundesverbandstag am 9. März will er ein "Misstrauensvotum" gegen die Führung erreichen, zusammen mit anderen Landesgruppen.

Die Gegenseite hat kein Verständnis. Da wolle eine Minderheit "Fundamentalopposition" betreiben und den gesamten Kurs des Verbands ändern, "zurück zur Bundesbahn", sagt Vorstand Alexander Drewes. Nun müsse man den Streit austragen. "Wenn die Konsequenz heißt, dass sich der Verband spaltet, wäre das das kleinere Übel."

Erschienen im Tagesspiegel