LebensmittelDer Schmu mit der norddeutschen Kaffeebohne

Gerne werben Lebensmittelhersteller mit dem Siegel "Aus der Region". Schließlich boomt der Markt mit heimischen Produkten. Doch oft wird der Verbraucher getäuscht. von Esra Gürsel

Apfelsortiment auf der Grünen Woche in Berlin

Apfelsortiment auf der Grünen Woche in Berlin   |  © Odd Andersen/AFP/Getty Images

Zu Köln gehört ohne Frage das Kölsch. Aber die Cola? Seit es die erste Kölner Cola coelna gibt, anscheinend auch. Georg Pünder, einer der drei Gesellschafter erklärt: "Wir kriegen sehr positives Feedback. Die Kölner identifizieren sich mit dem Getränk." Dabei hat der Ursprung des Erfrischungsgetränks eigentlich nichts mit der Stadt gemeinsam. Abgefüllt wird es gar außerhalb der Stadtgrenzen.

Doch die Masche wirkt: Ein Stadt- oder Regionalbezug auf dem Etikett macht das Produkt gleich viel attraktiver für die Verbraucher. Denn regionale Produkte sind nach der Bio-Welle der nächste große Lebensmitteltrend. Regionale Anbieter von Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln erleben nach den Lebensmittelskandalen der vergangenen Jahre einen Boom. Der Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé schätzt, dass mehr als ein Drittel der Deutschen bereits regelmäßig Produkte aus der Region kauft.

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Konkrete Zahlen zur wachsenden Nachfrage gibt es jedoch nicht. Da der Begriff regional von jedem Lebensmittelhersteller anders definiert wird, gibt es keine zuverlässigen Erhebungen zum Umsatz. Je nachdem, wie man eine Region definiert, fällt die Antwort darauf, was ein Regionalprodukt ist anders aus. "Der Markt boomt", heißt es im Ernährungsministerium von Ministerin Ilse Aigner (CSU). Auch der Bauernverband und der Einzelhandelsverband HDE stimmen zu.

Das zeigt sich ab morgen auch auf der 87. Internationalen Grünen Woche in Berlin (bis 27. Januar), der Ausstellung der Ernährungs- und Landwirtschaft. Regionalmarken nehmen dort viel Raum ein. Denn Produkte, die aus der eigenen Region kommen, stehen bei vielen Verbrauchern sogar höher im Kurs als Bio-Ware.

Aber woher kommt die starke Nachfrage nach Lebensmitteln aus der unmittelbaren Heimatregion? Laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens Gruppe Nymphenburg aus dem Jahr 2012 verbinden Verbraucher mit Regionalmarken Frische, eine hohe Qualität und das gute Gefühl, etwas für die Produzenten der Region zu tun. "Regionalmarken werden von Verbrauchern sehr positiv empfunden, weil sie Nähe und Vertrautes bedeuten – gerade in den undurchsichtigen Bezugssystemen der Globalisierung", sagt Eckhard Gabersek, Leiter der Studie.

Anders als der Bio-Trend, den vor allem ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein förderte, ist der Regional-Trend auch ein emotionales Thema, ist er doch letztlich mit der Heimat, der eigenen Kultur und Lebensart verbunden. Das wiederum birgt bei undifferenziertem Wissensstand die Gefahr irregeführt zu werden. "Verbraucher glauben, Produkte, die vermeintlich aus ihrer Region kommen, seien de facto besser, weil sie dabei an den idyllischen Bauernhof um die Ecke denken", erklärt Gabersek. Eine Studie der FH Münster bestätigt, dass für 60 Prozent der Verbraucher, die Qualität der Lebensmittel von der Herkunft abhängt.

Problematisch ist eine uneinheitliche, gesetzliche nicht klar geregelte Nutzung der Bezeichnung "Produkt aus der Region". Der Begriff regional wird von den Herstellern zudem großzügig ausgelegt. Von "30 Kilometer Umkreis" bis deutschlandweit reicht die Bandbreite der Herkunftsangaben. Als regionale Produkte werden auch solche verkauft, die ihren Ursprung zwar in der Region haben, aber woanders produziert werden oder die Bestandteile aus anderen Regionen, manchmal auch aus anderen Ländern beinhalten. Verbraucher können sich also nicht immer auf solche Herkunftsangaben verlassen. Oft versprechen die Verpackungen der Lebensmittel mehr Heimatbezug, als die Produkte wirklich zu bieten haben.

Der Lebensmittelhersteller Vossko beispielsweise bezieht das Fleisch für seine Chicken Nuggets, die unter dem Label Unser Bauernhof vermarktet werden, aus Brasilien – Entfernung fast 10.000 Kilometer. Ein Sprecher von Vossko erklärt: "Die Bezeichnung bezieht sich auf die Formen der Nuggets, die Bauernhoftiere darstellen. Es ist nicht unsere Intention, einen Bezug zur Region zu vermitteln." Allerdings überlege das Unternehmen, das Unser aus dem Namen zu streichen.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Nutzen Sie die Kommentarbereiche bitte um sachliche Argumente und Meinungen zum konkreten Thema des Artikels auszutauschen. Danke, die Redaktion/jk

  2. Ich denke, bei manchen Produkten ist das oft eine Sache, wie das hergestellt wurde. Der SChwarzwälder Schinken ist doch dann eher die Bezeichnung eines Schinkens, der nach schwarzwälder Art herrgestellt wurde.
    Ich bin eher dafür nach wirklichen Herkunftsangaben zu schauen, als nach "Region".
    Außer das würde nicht stimmen, dass bei den Äpfeln diese nicht aus Deutschland stammen, obwohl dies darauf steht.

    Eine Leserempfehlung
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    Schwarzwälder Schinken darf nur im Schwarzwald hergestellt werden.
    Ähnlich wie Parma etc.,

    Woher das Fleisch dafür kommt ist wieder eine andere Frage.

    https://de.wikipedia.org/...

  3. In Schleswig-Holstein gibt es eine Eigenmarke der Coop, welche sich "Unser Norden" nennt. Diese Marke wurde vor nicht allzu langer Zeit erdacht und dem Kunden ausdrücklich als Regionalmarke angepriesen ("Produkte aus unserer Region"). Neben völlig albernem Merchandising - es gibt davon tatsächlich Kapuzenpullover - gibt es noch andere Details, die mir diese Marke mittlerweile höchst unsympathisch machen. So gibt es unter diesem Label beispielweise Bananenchips zu kaufen!
    Immerhin: Kurt Tucholsky wurde erhört.

    Frage an die PR-Fuddels von der Coop Schleswig-Holstein: Wie bescheuert seid Ihr eigentlich?

    5 Leserempfehlungen
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    Lieber Timo,

    ich würde gerne einige Dinge zu deinem Kommentar loswerden:

    1. "vor nicht allzu langer Zeit" - Unser Norden wurde 2005 eingeführt, inzwischen grobe 7-8 Jahre her. Das ist in diesem Bereich eigentlich schon eine ganz schöne Hausnummer...

    2. "albernes Merchendising" - Klar, nicht jeder will einen "Unser Norden - Pullover". Aber insgesamt ist die Markenkommunikation der "Unser Norden" - Marke eigentlich sehr geschickt. U.a. sehr stark auf der Kieler Woche vertreten, auch auf anderen (Volks-)Festen im Norden. Zu dem passen die Merch-Artikel eigentlich alle sehr gut in Norden. Ob es ein Bollerwagen oder eine 2-Liter Milchkanne ist. Weckt (zumindest bei mir) Heimatgefühle.
    Allgemein wirkt die Markte sehr norddeutsch. Nicht viel schick, eher nüchtern-kühl aber zum lieb haben.

    Von daher kann man in meinen Augen den "PR-Fuddels" eigentlich nur gratulieren, so frühzeitig einen Trend ausgemacht und dementsprechend reagiert zu haben. Kleine Anmerkung: 2009 veräußerte coop 39 Märke ihres Filialnetzes, allesamt aus dem Süden, an die REWE Hintergrund dürfte auch hier der Trend zur Regionalisierung sein und somit auch passend zur Gesamtwirkung.

    Ich stimme allerdings zu, Bananenchips gehören nicht in den Norden. Aber dafür ist vermutlich eher das Produktmanagement verantwortlich...

    Liebe Grüße
    Micha

  4. Schwarzwälder Schinken darf nur im Schwarzwald hergestellt werden.
    Ähnlich wie Parma etc.,

    Woher das Fleisch dafür kommt ist wieder eine andere Frage.

    https://de.wikipedia.org/...

    Eine Leserempfehlung
  5. Abseits der anderen Gründe ist der wichtigste, bis her unerwähnte Vorteil von regional hergestellten Produkten für mich, daß sie nicht über hunderte oder gar tausende Kilometer transportiert werden müssen, bevor sie mich erreichen.
    Die Vorteile dürften auf den Händen liegen.
    Insofern würde ich eine Kennzeichnungspflicht für Verbrauchsgüter begrüßen, z.B.:
    75% der Zutaten / Materialien wurden im Kreis kleiner / gleich 50 Km hergestellt und (!) versrbeitet = Gütesiegel A+
    Etc etc.

    3 Leserempfehlungen
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    • umami
    • 18. Januar 2013 6:36 Uhr

    Da die Emissionen, welche durch weltweite Transporte entstehen, bei vielen Lebensmitteln nur einen sehr geringer Anteil des CO2-Fußabdrucks ausmachen, kann die Weite des Transportweg nicht als maßgebendes Kriterium angesehen werden. Viel wichtiger ist die Art und Weise der Produktion bzw. wie "sauber" und effizient diese abläuft.
    Kaum vorstellbar, aber der Transportweg spielt dabei tatsächlich eine untergeordnete Rolle.

  6. Kann die Kritik nur teilweise nachvollziehen. der ökologische Fußabdruck des Bauernhofes der Nachgemeinde bzw sein Produkt kann größer sein als der eines importierten Produktes einer Großplantage. Die Sorten sind ja oft auch die gleichen, ob die Anti-Matschtomaten jetzt aus Spanien, Holland oder MEckPomm kommen ist Jacke wie Hose. Was ich ganz cool finde sind Genossenschaften, dabei bezahlen die Genossen etwa aus der Stadt einen landwirtschaftlichen Betrieb und dürfen im Gegenzug seine Produkte nehmen. Alles andere ist Augenwischerei.

    2 Leserempfehlungen
    • sjuju
    • 17. Januar 2013 21:19 Uhr

    Hier in NRW gibt es die Marke "Tuffi", die Milchprodukte "aus der Region" anbietet. Sie ist ein gutes Stück teurer als "no name"-Milch. Ein paar Mal habe ich schon zu dieser Tuffi-Milch gegriffen, ohne mich weiter darüber zu informieren. Vielleicht weiß ja hier jemand, wie regional diese Produkte wirklich sind.

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    Die Marke "Tuffi" ist schon uralt. Der Name geht zurück auf die Elefantenkuh "Tuffi", die 1950 aus der Schwebebahn in Wuppertal in die Wupper sprang. Seitdem ist das eine Marke der Milchwerke Köln-Wuppertal gewesen.

    Mittlerweile gehört das alles dem niederländischen Molkereikonzern Campina. Aber ein Blick auf das Produkt zeigt Ihnen schnell, daß es immer noch Milchprodukte aus der Region sind. Einfach mal aufs Veterinärkontrollzeichen (das Oval mit Angaben wie DE NW 1234) schauen.

    Interessanterweise gibt es den Tuffi-Kakao auch in Berlin und Brandenburg unter der Marke "Mark Brandenburg", dort mit nur winzigem Hinweis "Hergestellt in Köln".

    Aber Tuffi können Sie bedenkenlos kaufen, das ist eben keine Regionaltrendmarke, sondern ein Name der seit über 60 Jahren für Milchprodukte aus der Region steht.

    • eluutz
    • 17. Januar 2013 21:36 Uhr

    Ich lehne diesen Zertifizierungswahn ab. Gefühlte 100 Bio-Siegel, deren Aussagekraft sich im Endeffekt doch niemandem mehr richtig erschliesst, sollten uns doch irgendwie geheilt haben. Entweder man orientiert sich bei Zertifizierungsverfahren an so allgemeinen Kriterien, dass es sowieso jeder bekommt, der sich darum bewirbt - reine Geldmacherei der Zertifizierungsstellten - oder die Voraussetzungen werden so speziell gehalten, dass es sich eher um Marktabschottungsversuche zu handeln scheint.

    Was wirklich fehlt, ist eine saubere Dokumentation der Herkunft von Lebensmitteln, die in Deutschland oder wahlweise der EU vertrieben werden. Es sollte dem Verbraucherministerium nicht zu schwer fallen, eine solche öffentlich einsehbare Datenbank zur Verfügung zu stellen. Das lässt den Vermarktern einen gewissen Freiraum, "die Phantasie des Kunden zu wecken" (oder so ähnlich); auf der anderen Seite kann ein Verbraucher nachschauen, was er da kaufen möchte oder gekauft hat.

    Im günstigsten Fall können Sozial- und Umweltinitiativen dann tatsächlich faktisch richtig dokumentieren, wenn Menschen und/oder Umwelt für die Herstellung eines Produkts ausgebeutet werden und wo es enthalten ist.

    Zertifikate sind der bequeme Weg- wir geben uns dabei mit einer Scheinwelt zufrieden. Weder kennen wir dann das Produkt wirklich, noch wollen wir uns mit unserer Nahrung auseinandersetzen.

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