Wirtschaftskrise Spaniens Verzweifelte

Seit dem Ausbruch der Krise wurden in Spanien mehr als 400.000 Wohnungen zwangsgeräumt. Nun rüttelt eine Reihe von Selbstmorden das Land auf.

Protestplakat in Madrid: "Stoppt Zwangsräumungen" steht darauf.

Protestplakat in Madrid: "Stoppt Zwangsräumungen" steht darauf.

Málaga, 2. Januar in diesem Jahr: Ein Mann, 57 Jahre alt, übergießt sich vor dem Eingang eines Krankenhauses mit Brandbeschleuniger. Dann zündet er sich an. Kurz darauf stirbt er an seinen Verbrennungen.

Veléz, ein Vorort der gleichen Stadt, ein Tag später: Ein Mann, 63 Jahre alt, sitzt in seinem Auto und setzt sich in Brand. Auch er stirbt.

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Zwei Fälle, in einer langen Kette von Selbstmorden in Spanien. Allein in der Provinz Málaga nahmen sich im Dezember 2012 vier Menschen das Leben. Überall im Land geschah Ähnliches.

Die Selbsttötungen haben Spaniens Bürger aufgerüttelt. Die Verstorbenen einte das gleiche Schicksal: Sie waren hochverschuldet, arbeitslos und ihre Wohnung sollte zwangsversteigert werden. Glaubt man den Zahlen von Nichtregierungsorganisationen, werden derzeit jede Woche 500 Wohnungen zwangsgeräumt, seit dem Ausbruch der Krise im Jahr 2008 waren es mehr als 400.000. In keinem anderen Industrieland müssen derzeit so viele Menschen ihre Wohnung verlassen, weil sie den Kredit nicht mehr bedienen können.

Im Unterschied zu anderen Staaten trifft es die Bürger in Spanien besonders hart. Wer zum Beispiel in den USA seinen Immobilienkredit nicht mehr bezahlen kann, verliert zwar seine Wohnung an die Bank, ist aber anschließend meistens schuldenfrei. In Spanien gerät die Immobilie nach der Zwangsversteigerung ebenfalls oft in die Hände der Gläubigerbank, aber das Institut muss sich damit nicht zufrieden geben. Viele Wohnungen haben an Wert verloren und die Banken lassen sich den Verlust von ihren einstigen Schuldnern bezahlen. Oft sind das viele tausend Euro plus Verzugszinsen.

Die Raten waren flexibel, das Risiko groß

Die hohe Zahl der Zwangsvollstreckungen sind eine Folge von Spaniens jüngster Vergangenheit. Bis zum Jahr 2008 und nach der Einführung des Euro ging ein wahrer Geldregen auf das Land nieder. Die Europäische Zentralbank hielt die Zinsen niedrig, das Kapital strömte vom Norden in den Süden – auch nach Spanien. Das billige Geld wurde vor allem genutzt, um Immobilien zu finanzieren. Die Hauspreise stiegen immer weiter, bis die Blase schließlich platzte.

Viele Bankkunden übersahen damals, dass 98 Prozent der Immobilienkredite keine festen Rückzahlungsraten vorsahen. Die Bank konnte also jederzeit die Summe ändern, die sie monatlich zurückfordern konnte. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Anteil solcher flexibler Kredite bei nur 15 Prozent. Als die Hauspreise in Spanien schließlich sanken, riss das Löcher in die Bilanzen von Banken und Sparkassen, weshalb die Bankhäuser die Raten schlagartig nach oben korrigierten. Die wenigsten Bürger kannten das Risiko, viele konnten nicht zahlen. Oft überstieg die neue Rate den Monatslohn.

Leser-Kommentare
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    Antwort auf "Dankesehr....."
  2. möglicherweise ist genannter Artikel eine Anspielung auf die sozialistische Regierung in Andalusien ?

  3. Zeit, ZEIT-ON ein Kompliment zu machen für eine hervorragend ausleuchtende, freilich auch leider ziemlich erschütternde Bestandsaufnahme.

  4. 164. .........

    "Denkt auch mal jemand daran, dass die Gläubiger nun auf ihrer Forderung sitzen bleiben werden?"

    Tun sie doch gar nicht! Fuer 'noleidende Banken' steht ja bekanntlich der Steuerzahler ein.

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    Hinzu kommt, daß von den EU-Hilfsgeldern der größte Teil
    an die Gruppe BANKIA geht, zwar mit Auflagen u. Kontrollen,
    aber ich bezweifle, daß es funktioniert u. möchte daran erinnern, daß 32 Ex-Manager genannter Gruppe wegen "Unregelmäßigkeiten" bzw. Veruntreuung von Geldern angeklagt sind. Vermisse eine derzeitige Berichterstattung über diesen Fall u. was hat eigentlich Roland Berger herausgefunden ?

    Hinzu kommt, daß von den EU-Hilfsgeldern der größte Teil
    an die Gruppe BANKIA geht, zwar mit Auflagen u. Kontrollen,
    aber ich bezweifle, daß es funktioniert u. möchte daran erinnern, daß 32 Ex-Manager genannter Gruppe wegen "Unregelmäßigkeiten" bzw. Veruntreuung von Geldern angeklagt sind. Vermisse eine derzeitige Berichterstattung über diesen Fall u. was hat eigentlich Roland Berger herausgefunden ?

  5. 165. BANKIA

    Hinzu kommt, daß von den EU-Hilfsgeldern der größte Teil
    an die Gruppe BANKIA geht, zwar mit Auflagen u. Kontrollen,
    aber ich bezweifle, daß es funktioniert u. möchte daran erinnern, daß 32 Ex-Manager genannter Gruppe wegen "Unregelmäßigkeiten" bzw. Veruntreuung von Geldern angeklagt sind. Vermisse eine derzeitige Berichterstattung über diesen Fall u. was hat eigentlich Roland Berger herausgefunden ?

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    Antwort auf "........."
    • AndreD
    • 23.01.2013 um 15:52 Uhr

    wie wäre es damit?

    So haben nur die Banken gewonnen....

    Antwort auf "Süss..."
  6. in Spanien bringt mich auf einen Gedanken.

    War das Ziel des Spieles die Enteignung? Mit nichtbezahlten Raten für die neue Wohnung ist wohl auch über kurz oder lang die Immobilie der Eltern vakant. Usw.?
    Vielleicht war es auch kein explizites Ziel, sondern es ist eine Zwangsläufigkeit, folgend aus der immer größeren Kapitalkonzentration?
    Das heisst dann letztlich, irgendwann wohnen wir zur Miete, müssen das Auto mieten, wenn wir als Arbeitskraft gemietet worden sind. Und arbeiten dort in gemieteten Fabriken an vom Unternehmer gemieteten Maschinen. Und die Miete fließt letztlich an die wenigen, denen alles gehört.

  7. Im Fall Griechenland haben "Experten" immer wieder auf die dortigen Vorkommnisse u. die möglichen Folgen hingewiesen. Wo waren die Experten mit Ihren Warnungen im Falle der spanischen Immobilienblase ? Sämtliche namhaften deutschen Firmen waren u. sind in Spanien vertreten u. werden regelmäßig von ihren Verbänden, Handelskammern, Instituten für Außenhandel etc.
    zur eigenen bzw. zur Wirtschaftslage des Landes abgefragt.
    Warum haben die Verantwortlichen genannter Verbände nicht rechtzeitig vor den Gefahren genannter Blase gewarnt, vor dem Wegzug ganzer Industriezweige u. davor, daß sich Spanien als Produktionsstätte nach u. nach verteuerte u. demzufolge Millionen von Jobs in Gefahr waren.
    Gab es keine von den Verbänden erstellte "Akte Spanien" zur Vorlage bei Fr. Merkel bzw. H. Schröder. Oder war jeder Sektor nur bemüht sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, vornweg natürlich die Banken.
    Jetzt macht sich Deutschland zum zweiten Male schuldig, man sieht wieder weg oder will nicht begreifen, daß Spanien keine Chance hat, Millionen wieder in Arbeit zu bringen (siehe auch mein Kommentar nr. 156). Bin mir sicher, daß die vorgenannten Institute Bescheid wissen, aber aus unerklärlichen Gründen wieder schweigen ?
    Merkel & Co. begnügen sich mit der Aussage "Spanien sei mit den Sparmaßnahmen u. vorgenommenen Änderungen" auf dem besten Wege in eine erfolgreiche Zukunft.

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    Die Aufgabe die wirtschaftliche Entwicklung in Spanien zu koordinieren und zu planen haben zuerst die gewählten Politiker in Spanien ! Erinnern Sie sich noch wie Aznar gegenüber Schröder aufgetreten ist und das neoliberale Spanien als das Erfolgsmodel für die Zukunft gepriesen hat von dem Deutschland lernen müsse ?

    Wenn von deutscher Seite Hinweise auf die Risiken der Immobilienblase gegeben hätte, wäre es meiner Vermutung nach schon viel eher zu "Nazi Vergleichen" und zu Gefasel vom "IV. reich" gekommen, wie es jetzt von einigen in Spanien zu hören ist.

    Ihr Argument der zu hohen Lohnkosten in Spanien ist auch nicht überzeugend. Länder wie Frankreich, Italien, Deutschland, die Niederlande und Österreich haben trotz ähnlich hoher Lohnkosten eine industrielle Basis behalten. Die auch in diesen Staaten weggebrochene Produktionsbasis wurde durch Firmen, die qualitativ hochwertige Produkte anbieten und höhere Löhne zahlen können, ersetzt.... Aber vielleicht weniger spektakulär Betriebe und die Qualifikation von Facharbeitern zu fördern als Prachtbauten zu errichten und mit der höchsten Akademikerquote unter Jugendlichen zu prahlen.

    Noch mehr EU Milliarden zum Bauen würden die Krise in Spanien auch wieder nur kurzfristig lindern.

    Die Aufgabe die wirtschaftliche Entwicklung in Spanien zu koordinieren und zu planen haben zuerst die gewählten Politiker in Spanien ! Erinnern Sie sich noch wie Aznar gegenüber Schröder aufgetreten ist und das neoliberale Spanien als das Erfolgsmodel für die Zukunft gepriesen hat von dem Deutschland lernen müsse ?

    Wenn von deutscher Seite Hinweise auf die Risiken der Immobilienblase gegeben hätte, wäre es meiner Vermutung nach schon viel eher zu "Nazi Vergleichen" und zu Gefasel vom "IV. reich" gekommen, wie es jetzt von einigen in Spanien zu hören ist.

    Ihr Argument der zu hohen Lohnkosten in Spanien ist auch nicht überzeugend. Länder wie Frankreich, Italien, Deutschland, die Niederlande und Österreich haben trotz ähnlich hoher Lohnkosten eine industrielle Basis behalten. Die auch in diesen Staaten weggebrochene Produktionsbasis wurde durch Firmen, die qualitativ hochwertige Produkte anbieten und höhere Löhne zahlen können, ersetzt.... Aber vielleicht weniger spektakulär Betriebe und die Qualifikation von Facharbeitern zu fördern als Prachtbauten zu errichten und mit der höchsten Akademikerquote unter Jugendlichen zu prahlen.

    Noch mehr EU Milliarden zum Bauen würden die Krise in Spanien auch wieder nur kurzfristig lindern.

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