Martin Schulz "Zypern hat ein Recht auf Gleichbehandlung"
Zypern muss ebenso geholfen werden wie anderen Euro-Ländern, sagt EU-Parlamentspräsident Martin Schulz im Interview. Das Land sei bereit, nötige Auflagen zu erfüllen.
© Thierry Charlier/AFP/Getty Images

Europaparlamentspräsident Martin Schulz vergangenen Dezember in Brüssel
Frage: Herr Schulz, der kommunistische zyprische Präsident Christofias hat in seiner Neujahrsansprache kritisiert, dass durch den Sparkurs in der Euro-Zone die wirtschaftlichen Probleme nicht gelöst worden seien. Hat er recht?
Martin Schulz: Er hat insofern recht, als sich die These nicht bewahrheitet hat, wonach sich mit einseitigen Haushaltskürzungen automatisch das Vertrauen in die Wirtschaft zurückgewinnen lässt. Wir brauchen beides: sowohl eine nachhaltige Konsolidierung der Finanzen als auch Wachstum. Dabei muss es insbesondere um den Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit gehen.
Frage: Zypern hat im Sommer einen Hilfsantrag bei der EU gestellt. Angeblich liegt der Finanzierungsbedarf bei mindestens 17 Milliarden Euro. Soll das Land Geld aus dem Euro-Rettungsschirm ESM erhalten?
57, ist seit Januar 2012 Präsident des Europaparlaments. Zuvor leitete der SPD-Politiker acht Jahre lang die Fraktion der Sozialdemokraten im EU-Parlament.
Schulz: Die Zyprioten haben das Recht auf gleiche Behandlung wie alle Mitglieder der Euro-Zone auch. Wer unter den Rettungsschirm will, muss bestimmte Auflagen erfüllen. Wenn Zypern dazu bereit ist – was sichtlich der Fall ist –, dann sollte das Land genauso stabilisiert werden wie andere Länder in der Euro-Zone auch. Das zypriotische Problem ist von einer großen Dimension für das Land. Wenn man aber auf die Euro-Zone insgesamt schaut, dann ist das Problem beherrschbar.
Frage: Welche Auflagen müsste Zypern erfüllen?
Schulz: Ich vermag aus meiner Sicht nicht abschließend zu beurteilen, was die besten Maßnahmen für Zypern sind, sicher gibt es aber in mehreren Punkten Reformbedarf: Zypern hat im Verhältnis zu seiner Realwirtschaft einen völlig überdimensionierten Finanzsektor – da muss wieder ein normales Verhältnis hergestellt werden. Auch die öffentlichen Ausgaben müssen unter die Lupe genommen werden. Zwar ist es richtig, dass Zypern wegen der besonderen politischen Verhältnisse – der Norden der Insel ist von türkischen Truppen besetzt – Lasten schultern muss, die in anderen EU-Ländern nicht anfallen. Andererseits verfügt das Land auch über Möglichkeiten, um seine Einnahmesituation zu verbessern – etwa dank seines Zugangs zu Gas- und Ölressourcen im Mittelmeer. In jedem Fall sollten die mit der zypriotischen Regierung und der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds vereinbarten Inhalte eines möglichen Rettungspakets schnell öffentlich diskutiert werden. Wenn die Bedingungen und Auflagen eines Hilfspakets zu lange geheim oder unerklärt blieben, würde das nur den Unmut der Öffentlichkeit in Zypern schüren.
Frage: Eine EU-Hilfe für Zypern gilt als problematisch, weil auf der Insel angeblich russisches Schwarzgeld gewaschen wird – auch über Banken. Was ist dran am Vorwurf?
Schulz: Das kann ich nicht beurteilen. Ich kann es weder ausschließen noch kann ich es bejahen. Nach meinem Kenntnisstand ist die Krise in Zypern in erster Linie durch die enge Verflechtung des dortigen Bankensystems mit den griechischen Finanzhäusern ausgelöst worden. Insofern haben wir es hier mit einer Folgeerscheinung der Griechenlandkrise zu tun. Was dieses Schwarzgeld angeht, so wird man prüfen müssen, inwieweit die Unterstellungen den Tatsachen entsprechen.
Frage: Es gibt in der EU eine Diskussion über eine direkte Rekapitalisierung von Banken aus dem Euro-Rettungsschirm ESM. Eine solche Hilfe könnte etwa spanischen Banken zugute kommen, Kanzlerin Merkel bremst bei dem Thema. Wie stehen Sie dazu?
Schulz: Die Frage der Rekapitalisierung von Banken aus dem ESM ist keine Frage der Ideologie, sondern der praktischen Vernunft. Man wird von Land zu Land schauen müssen, wie im Einzelfall geholfen werden kann. Spanien hat eine sehr hohe Verschuldung des Privatsektors mit großen Risiken und fordert mit teils nachvollziehbaren Argumenten die direkte Rekapitalisierung seiner Banken aus dem Euro-Rettungsschirm ESM. Wenn die Spanier ihr Bankensystem über die öffentliche Hand sanieren müssen, dann treibt das den Schuldenstand in die Höhe – mit dem Risiko, dass die Ratingagenturen das Land dann herabstufen. Das könnte wiederum zu höheren Zinslasten führen, womit sämtliche Konsolidierungseffekte wieder zunichte gemacht würden. Auch in Irland gilt Ähnliches: Die Iren hatten eine nachhaltige öffentliche Finanzwirtschaft. Sie geriet aber in eine dramatische Schieflage, weil die Iren ein Zusammenschmelzen des gesamten europäischen Bankensystems durch ihr Eingreifen zu Beginn der Krise verhindert haben.
- Datum 09.01.2013 - 11:26 Uhr
- Quelle Tagesspiegel
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tatsächlich haben die Isländer sich 2 mal in Referenden gegen eine Übernahme der Ansprüche der Gläubiger isländischer Banken gewehrt.
So muss das laufen!
Nicht den Steuerzahler mit 1,5 billionen Euro an Kosten und Bürgschaften zur Kasse zu bitten, wie dies der Kanzlerkandidat gemacht hat.
wahrscheinlich durften die Isländer bei den Banken auch keine Vorträge halten!
Die wesentlichen isländischen Banken wurden seinerzeit verstaatlicht.
In den Referenden haben sich die Isländer dagegen ausgesprochen, für die Ansprüche AUSLÄNDISCHER Gläubiger zu haften, die der Inländer wurden m.E. vom Staat übernommen.
Das macht schon einen deutlichen Unterschied und ist nicht ganz so heldenhaft, wie oft behauptet.
Grüße
Die wesentlichen isländischen Banken wurden seinerzeit verstaatlicht.
In den Referenden haben sich die Isländer dagegen ausgesprochen, für die Ansprüche AUSLÄNDISCHER Gläubiger zu haften, die der Inländer wurden m.E. vom Staat übernommen.
Das macht schon einen deutlichen Unterschied und ist nicht ganz so heldenhaft, wie oft behauptet.
Grüße
...mit dem ESM am Hut?
Wenn ich mir den Vertrag durchlese, steht da nichts vom Europaparlament drin. Seine Meinung als Privatperson sollte auch als solche gekennzeichnet werden, das kann man von seriösem Journalismus erwarten.
Ob Herr Schulz der Auffassung ist, jemand habe diese oder jene Rechte ist dann auch seine (nicht maßgebliche) Privatmeinung.
Grüße
Die wesentlichen isländischen Banken wurden seinerzeit verstaatlicht.
In den Referenden haben sich die Isländer dagegen ausgesprochen, für die Ansprüche AUSLÄNDISCHER Gläubiger zu haften, die der Inländer wurden m.E. vom Staat übernommen.
Das macht schon einen deutlichen Unterschied und ist nicht ganz so heldenhaft, wie oft behauptet.
Grüße
und: das Land steht noch, es hat sich sogar gesundet.
Und nun schauen wir mal zu den Ländern, in denen das unmöglich ist und gucken, ob die sich schon gesundeten?
Darüber hinaus haben die Isländer nach der Staatspleite eine Partei namens besti flokkurinn gegründet, die hohe Ämter stellt. In Island ist es doch tatsächlich möglich, dass ein Anwalt im Justizministerium und ein Künstler im Bildungsministerium sitzt.
Da sollten wir uns mal 'ne Scheibe abschneiden, allerdings müssten wir Bürger unser Verhalten und Denken ändern.
und: das Land steht noch, es hat sich sogar gesundet.
Und nun schauen wir mal zu den Ländern, in denen das unmöglich ist und gucken, ob die sich schon gesundeten?
Darüber hinaus haben die Isländer nach der Staatspleite eine Partei namens besti flokkurinn gegründet, die hohe Ämter stellt. In Island ist es doch tatsächlich möglich, dass ein Anwalt im Justizministerium und ein Künstler im Bildungsministerium sitzt.
Da sollten wir uns mal 'ne Scheibe abschneiden, allerdings müssten wir Bürger unser Verhalten und Denken ändern.
und: das Land steht noch, es hat sich sogar gesundet.
Und nun schauen wir mal zu den Ländern, in denen das unmöglich ist und gucken, ob die sich schon gesundeten?
Darüber hinaus haben die Isländer nach der Staatspleite eine Partei namens besti flokkurinn gegründet, die hohe Ämter stellt. In Island ist es doch tatsächlich möglich, dass ein Anwalt im Justizministerium und ein Künstler im Bildungsministerium sitzt.
Da sollten wir uns mal 'ne Scheibe abschneiden, allerdings müssten wir Bürger unser Verhalten und Denken ändern.
die ist ja immerhin Miss Europa und die mächtigste Frau der Welt. Was sagt die dazu? Es ist nicht Herr Schulz, der das entscheidet.
Ein Land was kleiner ist als Hessen mit soviel Geld helfen?
Die EU sollte sich an die russischen Ganoven wenden,
die sollten bei jeder Transaktion mit gewaschenen Geld
50% Steuern zahlen.
Nur durch die Erpressung Griechelands wurde Zypern voreilig in die EU aufgenommen, da Griechenland damit drohte, ansonsten den Beitritt einiger osteuropäischer Saaten zu blockieren. Seitdem Südzypern in der EU ist, hat es kein Interesse mehr an einer Wiedervereinigung und einem Friedensschluß mit dem türkischen Teil. Daher auch die Ablehnung des von beiden Seiten ausgehandelten Annan-Friedensplans in einer Volksabstimmung im Süden. Wenn Herr Schulz angebliche Belastungen durch die sogenannte türkische Besetzung im Norden beklagt, dann muss man ehrlicherweise sagen, dass Südzypern allein für diesen Zustand verantwortlich ist. Der türkische Teil hatte in der Volksabstimmung für die Wiedervereinigung im Rahmen des Annan-Plans gestimmt.
Ausserdem gibt es eine UNO-Friedenstruppe, die dort immer noch beide Seiten auseinander hält, auch wenn die UNO immer mehr die Geduld verliert angesichts immer neuer ergebnisloser Verhandlungen. Dazu kommt noch die britische
Militärpräsenz auf der Insel durch deren Militärstützpunkte.
Also allzu große Militärausgaben aus Angst vor dem Natopartner Türkei sind nicht gerechtfertigt.
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