StrompreiseAltmaiers merkwürdige Billion

Die Energiewende könnte eine Billion Euro kosten, sagt Umweltminister Peter Altmaier. Nun rätseln selbst seine eigenen Fachleute, wie der Mann auf diese Zahl kommt. von 

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU)

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU)  |  © Ina Fassbender/Reuters

Bundesumweltminister Peter Altmaier lässt an diesem Mittwochmorgen die Fachleute ratlos zurück – selbst die Mitarbeiter seiner eigenen Fachabteilung. Auf eine Billion Euro schätzt der Minister in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Kosten der Energiewende in den kommenden Jahrzehnten. Woher er diese Zahl hat, darüber rätseln selbst seine engsten Mitarbeiter.

Altmaier hingegen hat die Aufmerksamkeit einmal mehr auf sein großes Thema gelenkt: die Energiewende. Erst vergangene Woche hatte er medienwirksam zusammen mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler eine Strompreisbremse angekündigt. Dem Minister, so scheint es, geht es darum, die Debatte über die Kosten der Energiewende am Leben zu halten und für seine politischen Zwecke nutzbar zu machen. Diesmal aber könnte er sich verrechnet haben.

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"Es ist verantwortungslos, eine solche Milliardensumme zu nennen, ohne schlüssige Berechnungen vorzulegen", sagt Claudia Kemfert, Energiefachfrau am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Auch Felix Matthes, Energiespezialist am Öko-Institut, das selbst regelmäßig für das Bundesumweltministerium Studien erstellt, ist ratlos. "Die Zahlen sind nicht nachvollziehbar", sagt Matthes, "ihnen liegt ein merkwürdiger Kostenbegriff zugrunde, der systematisch die Erlöse der Energiewende unterschlägt."

Unklare Kostenkalkulation 

Tatsächlich wirft Altmaiers Kostenkalkulation gleich mehrere Fragen auf. Offenbar geht Altmaier von einem festen Börsenstrompreis für die kommenden Jahrzehnte aus. In Wahrheit aber schwankt der Börsenstrompreis täglich – und damit auch die Kosten für Ökostromumlage. Weil Altmaier so rechnet wie er rechnet, kommt er auf Kosten für die Einspeisevergütung von Ökostrom von rund 680 Milliarden Euro. Auf welchen Zeitraum er sich dabei bezieht und wie er überhaupt diese Zahl berechnet hat, verrät Altmaier nicht.

Marlies Uken
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Marlies Uken ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft und bloggt bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Damit am Ende die Billion zusammenkommt, rechnet er die Ausgaben für den Stromnetzausbau, für Reservekapazitäten, für Forschung, Elektroautos und bessere Gebäudesanierung zusammen. Offenbar kostet dies rund 320 Milliarden Euro, so eindeutig sagt Altmaier das nicht. Auch diesen Posten schlüsselt der Minister nicht auf. Er macht auch keine Gegenrechnung, obwohl ja gerade Energieeffizienzmaßnahmen die Strompreiskosten reduzieren werden.

Zu einer Gesamtrechnung müsse auch gehören, auf die positiven Effekte der Energiewende zu verweisen, heißt es beim Bundesverband der Erneuerbaren Energien. In den vergangenen fünf Jahren habe Deutschland zum Beispiel 43 Milliarden Euro gespart, weil man wegen des Ökostroms auf fossile Brennstoffe verzichten konnte.

Unklar bleibt auch, welche Effekte Altmaiers geplante Strompreisbremse hat. Im Interview sagt Altmaier, er habe mit Wirtschaftsminister Rösler vereinbart, "die Einspeisevergütungen für neue Anlagen von jährlich 1,8 Milliarden Euro um eine Milliarde Euro" zu senken. "Das würde bedeuten, dass wir binnen 20 Jahren 200 Milliarden Euro bei der Einspeisevergütung sparen würden." Multipliziert man allerdings die geschätzten Einsparungen von jährlich einer Milliarde Euro mit dem Faktor 20 (denn es geht ja um 20 Jahre), käme man eigentlich auf nur auf 20 Milliarden Euro. Ein Rechenfehler?

Das entscheidende Problem spricht Altmaier ohnehin nur kurz an: der nicht funktionierende Markt für Emissionszertifikate innerhalb der EU. Altmaier hält es für "schade und tragisch", dass der Preis für Verschmutzungsrechte am Boden liege. Auf eine ehrgeizige Reform des europäischen Emissionshandels beharrt er hingegen nicht. Er werde "versuchen, gemeinsam mit Wirtschaftsminister Rösler einen Beitrag zu leisten." Der ist allerdings als vehementer Kritiker des Emissionshandels bekannt.

Und "versuchen", das klingt eben alles andere als ambitioniert.

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Leserkommentare
  1. Unglaublich wie man hier aus wahlkampftaktischen Gründen.
    Einen guten Ansatz umdrehen will.

    Durch geschicktes Weglassen einiger Fakten, wird Herr Altmeier als blauäugig dargestellt.

    Kein Wunder, da diese Zeitung ja auch dem ehemaligen SPD Kanzler Helmut Schmidt gehört.

    Wenn man an den ganzen Subventionierungen nicht bald was ändert, müssen wir bald selbst noch unter den Rettungschirm.

  2. Das Stromnetz muss erneuert und ausgebaut werden.
    Es stellt sich nur die Frage warum der Bürger den privaten Betreibern deren Infrastruktur finanzieren soll.
    Derart Wichtiges wie Stromnetze und die Wasserversorgung gehören in staatliche Hand und sollten nicht privatisiert werden.
    Wenn man das Stromnetz sowieso neu baut, dann sollte man es auch dem Volk als Eigentümer lassen anstatt es Konzernen zu schenken.

    3 Leserempfehlungen
  3. Auch ich habe mal ein paar Erinnerungshilfen, Frau Uken!
    http://www.3sat.de/page/?...
    http://www.focus.de/finan...
    http://www.sueddeutsche.d...
    http://www.contratom.de/2...–-die-wahrheit-teil-9-der-atomausstieg-kostet-keine-milliarden/
    hans-josef-fell.de/content/index.php?...

    und viele, viele anderer mehr!

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zahlenrealismus"
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    Bei so manchen "Grünlingen" muss das Gedächtnis offenbar aufgefrischt werden:
    Ja, nur 1,50 bis 1,70 Euro pro Monat sollten die Kosten für die Energiewende betragen.
    Spottbillig also!
    ...
    Das ist noch gar nicht lange her.
    Schon damals war es (leider) Ideologie ...

  4. Die von unserem Umweltminister Altmeier genannte Zahl, welche die Kosten der "Energiewende" auf etwa eine Billion Euro beziffert, ist nicht merkwürdig oder aus der Luft gegriffen.

    Es gibt eine Meldung der Firma Reuters, die besagt, dass die Firma Siemens in internen Berechnungen auf eine noch hörere Zahl gekommen ist:

    http://uk.reuters.com/art...

    Hier ist dokumentiert, dass die Ingenieure und Betriebswirtschaftler von Siemens die Kosten des Atom-Ausstiegs und den Ausbaue der sogenannten "Erneuerbaren Energien" auf insgesamt 1.7 Trillion Dollar berechnet haben.

    Die amerikanische Trillion ist gleichbedeutend mit der deutschen Billion.
    Ich persönlich halte die Energiewende und den Atomausstieg für falsch und ineffizient. Die Amerikaner zeigen mit dem Fracking und dem Abbau von Ölsanden und Schiefergas, wie eine Energiewende funktionieren kann.
    Preiswerte Energie ist die Voraussetzung für Wirtschaftswachstum und Wohlstand.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Xarx
    • 20. Februar 2013 18:44 Uhr

    dass erneuerbare Energien schon heute deutlich günstiger sind als fossile Energieträger insbesondere irgendwelche Großkraftwerke? Dazu kommen mal eben 2012 knapp 100 Milliarden Kosten für Energieimporte aufgrund besagter konventioneller Brennstoffe dazu. Warum beschwert sich eigentlich niemand darüber? Mal angenommen die Importpreise bleiben konstant (und das werden sie sicher nicht, da sie in den letzten Jahren enorm gestiegen sind): da hätte man ALLEIN in den kommenden 10 Jahren schon die eine Billionen zusammen.

    • Wupert
    • 20. Februar 2013 19:28 Uhr

    Kommen Sie doch nicht mit sachorientierten Zahlen und Argumenten wenn es um das Thema Energiewende in Deutschland geht ;-)

    Haben Sie sich mal die Bilder vom Abbau von Ölsanden in Kanada angesehen? Können Sie die Risiken von Fracking auch nur annähernd einschätzen? Haben Sie irgendein Bewusstsein für Natur, Lebensbedingungen für nachfolgende Generationen, Lebensraumzerstörung? Leute wie Sie müssen einer anderen Spezies angehören, wenn Sie das vollkommen kalt lässt.

  5. Als noch in Millionen (DM) gerechnet worden ist !
    Nein, war das schön !
    1 Billionen für den Aufbau Ost, 1 Billionen für die Energiewende, X Billionen für die EU Pleitestaaten, X Billionen für die "Bad Banks" ! Da ist das finanzielle Desaster in Stuttgart und Berlin nur noch ein Obolon !

    2 Leserempfehlungen
    • Xarx
    • 20. Februar 2013 18:32 Uhr

    ... das diese offensichtlich erwürfelte Zahl auch nur irgend etwas mit realen Kosten der Energiewende zu tun hat.

    Wobei: wenn er noch ein paar mehr Golfclubs Sondergenehmigungen aufgrund ihrer energieintensiven Branche zur Wettbewerbsfähigkeit verteilt und parallel dazu noch mehr Großprojekte zugunsten von EnBW, E.on und Co. fördert dann könnte er die Billion vielleicht tatsächlich irgendwann erreichen...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Warum wohl ?"
    • Xarx
    • 20. Februar 2013 18:44 Uhr

    dass erneuerbare Energien schon heute deutlich günstiger sind als fossile Energieträger insbesondere irgendwelche Großkraftwerke? Dazu kommen mal eben 2012 knapp 100 Milliarden Kosten für Energieimporte aufgrund besagter konventioneller Brennstoffe dazu. Warum beschwert sich eigentlich niemand darüber? Mal angenommen die Importpreise bleiben konstant (und das werden sie sicher nicht, da sie in den letzten Jahren enorm gestiegen sind): da hätte man ALLEIN in den kommenden 10 Jahren schon die eine Billionen zusammen.

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    • cwvb
    • 20. Februar 2013 18:47 Uhr

    Wie schwierig ist es eine Mathematische Formel zu entwickeln, die den Börsenstrompreis aus der Berechnung der Ökoumlage heraushält und umgekehrt die Ökoumlage so gestaltet, das der Börsenstrompreis davon unbeeinflusst bleibt?
    Oder anders gefragt: Wie bekommt man die Ökokosten an die Börse?

    Und wie kann man ein ehrliches Gesetz dazu machen?

    Also: die Öko-Kosten für Strom aus fossilen und aus nuklearen Energiequellen sind wohl nur über Werte-Diskussionen bestimmbar. Was ist ein Umweltschaden wert? Was ist ein gesundheitlicher Schaden wert? Was also ist am Sonnen-, Wind oder Geothermiestrom weniger schädlich, also was macht ihn daher 'billiger'? (Billig und recht...)
    Was zählt ein Menschenleben?
    Was zählt ein Baum?

    Rechnen kann ich nicht: Was wäre, wenn nicht der Sonnenstrom subventioniert würde mit der Differenz zum Börsenstrompreis, sondern der konventionell hergestellte Strom um die Differenz verteuert würde, die seine Produktion im Vergleich zum Ökostrom kosten würde? Dann wäre es doch sinnvoll, auf konventionelle Stromproduktion zu verzichten und insgesamt käme ein Energiespareffekt heraus. (Weil vermutlich die Energiekosten steigen würden.) Ah, ich hab's: die Uninon und die Blauen wollen gar nicht am Strom sparen und auch die Umwelt ist ihnen als solche egal: Sie sind wie die Tierliebhaber, die jedes Hähnchen lieben, solange es auf ihrem Teller landet.

    Alles sehr verwirrend, alter Meyer....

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