ÜberfischungEntscheidende Stunden in Europas Umweltpolitik
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Noch ein Coup: Jeder Fisch soll an Land gebracht werden

Der Rodust-Report könnte das ändern. Zum ersten Mal legt er das vorrangige Ziel des "höchstmöglichen Dauerertrags" fest. Im Klartext heißt das: Die Fischer dürfen zwar weiter ihre Netze nach Makrelen und Schollen auswerfen. Sie dürfen aber den langfristigen Bestand in den Meeren nicht mehr gefährden. Haben sich aber die Bestände erholt, sollen die Fischer langfristig mehr Gewinne einfahren. Bis zum Jahr 2020 sollen Europas Fischbestände das nachhaltige Niveau erreicht haben. Halten sich die Minister der Nationalstaaten nicht an das Ziel, drohen Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof.

Der Report enthält jedoch noch einen zweiten Coup. Künftig soll jeder Fisch im Netz auch an Land kommen. Das ist bislang alles andere als selbstverständlich. Bislang dürfen Fischer nur den Fisch fangen, für den sie auch eine Quote nachweisen können. Doch im Netz landen natürlich nicht immer nur Makrelen und Heringe. Hat der Fischer keine Quote für den Beifang, schmeißt er ihn zurück.

Jeder vierte Fisch wird zurückgeworfen

Rund ein Viertel der Fänge landet bisher wieder im Meer. Rodust will nun, dass die Fischer ab kommendem Jahr ihren Fang komplett anlanden müssen. Es wäre der Anreiz, so gezielt wie möglich zu fischen. Denn das Rückwurfverbot stellt die Fischer vor enorme Probleme: Die Kühlräume an Bord sind schneller voll, die Fischer müssen öfter zurück in den Hafen und eine Infrastruktur aufbauen, um den ungewünschten Fisch zu Fischmehl zu verarbeiten.

Marlies Uken
Marlies Uken

Marlies Uken ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft und bloggt bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Die Fischereiszene ist beeindruckt, wie radikal der Rodust-Report geworden ist. Sogar Umweltschützer und Wissenschaftler loben ihn unisono. "Der gesunde Menschenverstand hat sich gegenüber der Fischereilobby durchgesetzt", sagt Rainer Froese, Meeresbiologe am Kieler Geomar Helmholtzzentrum für Ozeanforschung. Mit dem Richtwert "höchstmöglicher Dauertrag" würden sich viele Probleme von selbst lösen. Zukünftig bräuchte nicht mehr bis auf Anschlag gefischt werden, weil nach der Erholung der Bestände genügend Fische im Wasser schwimmen. Der Meeresboden muss dann nicht mehr mit Grundschleppnetzen umgepflügt werden, um noch den letzten Fisch zu fangen.

"Der Entwurf hätte kaum positiver ausfallen können"

Auch Markus Knigge vom Netzwerk Ocean2012, das sich seit Monaten für eine ökologische Reform einsetzt, lobt das Papier. "Der Entwurf hätte kaum positiver ausfallen können", sagt er.

Im Parlament kommt es nun auf die politischen Mehrheiten an. Rodust weiß die Sozialdemokraten und die Grünen hinter sich. Entscheidend wird sein, wie die größte Fraktion, die konservative EVP, abstimmen wird. Sie ist gespalten: Der deutsche Flügel etwa unterstützt Rodust. Der EVP-Abgeordnete Werner Kuhn aus Mecklenburg-Vorpommern lobt den Report, plädiert aber trotzdem für großzügigere Übergangsfristen beim Rückwurfverbot und den Fangquoten. Abgeordnete aus Frankreich oder Spanien werden wohl dagegen stimmen.

Rodust hofft dennoch auf den ein oder anderen Abweichler. Denn nach der Abstimmung im EU-Parlament ist das Gesetz noch nicht fertig. Dann muss sie ihr Papier mit den Fischereiministern und der EU-Kommission weiterverhandeln. Die Minister zu überzeugen, wird die Herausforderung der kommenden Monate sein. Ihre Freundin Damanaki wird sie kaum überzeugen müssen.

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