ÜberfischungEntscheidende Stunden in Europas Umweltpolitik

Drei Frauen in Brüssel haben einen Plan: Sie wollen das Leerfischen der Meere stoppen. Eine Revolution – wenn das EU-Parlament heute zustimmt. von 

EU-Fischereikommissarin Maria Damanaki

EU-Fischereikommissarin Maria Damanaki  |  © Olivier Hoslet/dpa

Vielleicht brauchte es drei Frauen, damit die Revolution gelingt: Ulrike Rodust, eine ehrgeizige SPD-Europaabgeordnete aus dem Örtchen Holzdorf an der Ostsee. Ihre Freundin Maria Damanaki, die griechische EU-Fischereikommissarin. Und Isabella Lövin, eine schwedische Journalistin und Fischereifachfrau der Grünen-Fraktion.

Dem Trio könnte dieser Tage gelingen, woran Umweltschützer jahrelang scheiterten: dem zügellosen Leerfischen der Meere ein Ende zu bereiten. An diesem Mittwoch stimmt das EU-Parlament über den Entwurf zur Reform der europäischen Fischereipolitik ab, den sogenannten "Rodust-Report". Es ist ein Papier, das die Handschrift der drei Frauen trägt. Damanki hat es geschrieben, die SPD-Frau Rodust hat die 2.500 Änderungsanträge der Abgeordneten eingewebt, Lövin kämpfte für den Entwurf in stundenlangen Verhandlungen mit dem konservativen Fischereiausschuss.

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Stimmt das Parlament zu, wäre dies nicht nur ein historischer Moment in der Geschichte des EU-Parlaments. Zum ersten Mal darf das Parlament in der Fischereipolitik mitreden, die Fischereiminister können diesmal nicht im Alleingang entscheiden. Eine Zustimmung wäre auch ein "riesiger Erfolg für Europas Meere und Fischer", sagt Rodust. Für sie ist die Reform inzwischen "die wichtigste politische Aufgabe meines Lebens".

Den Fischbestand langfristig sichern

Lohnt sich das Fischen langfristig? Antwort gibt das Verhältnis von Ertrag, Fangkosten und Aufwand. Die Ökonomie spricht vom "höchstmöglichen Dauerertrag" (maximum sustainable yield, kurz: msy). Diese Größe gibt die maximale jährliche Fangmenge an, die entnommen werden darf, aber zugleich einen Fischbestand langfristig sichert.  Der Alaska-Seelachs, der Fischstäbchenfisch, wird in einigen Fischereien weltweit bereits entsprechend befischt. Mit Erfolg: Die Bestände erholen sich.

Missstände der EU-Fischereipolitk

Die aktuelle Fischereipolitik der EU gilt als weitgehend gescheitert. Umstritten sind neben der Vergabe der Fangquoten auch die milliardenschweren Subventionen für die Fangflotte, entweder für den Bau oder die Modernisierung von Schiffen oder für den Treibstoff. Dies führt dazu, dass Überkapazitäten nicht abgebaut werden. Noch immer ist die Flotte der EU viel zu groß.

Worum geht es genau? Es geht um den Fisch auf unserem Teller, ums Krabbenbrötchen im Nordseeurlaub, um die Fischstäbchen auf dem Kindergeburtstag. Denn so beliebt Fisch auch ist: Wird weiter gefischt wie bisher, dann bedeutet das wohl das Ende der europäischen Fischerei. 47 Prozent der atlantischen Bestände und mehr als 80 Prozent der Mittelmeerbestände gelten heute unter Wissenschaftlern als überfischt.

Die Hälfte der gefangenen Fische ist so klein und jung, dass sie sich noch nicht einmal fortpflanzen konnten. Das hat nicht nur dramatische Folgen für die Natur, sondern am Ende auch für die Fischer. Sie müssen sich mit einem enormen Kosten- und Personalaufwand auf die Suche nach den letzten Fischen machen. Inzwischen schicken sie gigantische Fischtrawler los, vor allem nach Afrika, weil Europas Meere leer sind.

In der Fischereipolitik zeigte die EU bisher ihre hässliche Seite

Alle zehn Jahre überarbeitet die EU ihre Fischereipolitik – nun steht die nächste Reform an. Sie ist dringend nötig, denn bisher geht es zu wie auf einem türkischen Basar: Jedes Jahr im Dezember verhandeln die Fischereiminister in einer nächtlichen Marathonsitzung in Brüssel die Fangquoten für das nächste Jahr. Ob Scholle oder Hering, für jede Fischart legen sie eine maximale Fangmenge fest. Fischer, die Quoten haben, dürfen genau diesen Fisch fangen und später verkaufen.

Zwar liegen den Ministern in der Nacht zahlreiche wissenschaftliche Empfehlungen vor, damit die Bestände nicht kollabieren. Doch die Ratschläge werden in der Regel ignoriert. Schließlich sind die Quoten ein Milliardengeschäft. Was stattdessen zählt, sind Arbeitsplätze im Fischereigewerbe, Wählerstimmen im Heimatland der Minister. Südländer wie Spanien und Frankreich verteidigen ihre gigantischen Fangflotten. Nordländer wie Schweden, die auf eine ökologischere Politik pochen, ziehen oft den kürzeren. Diese Nachtsitzungen sind die hässliche Seite der EU.

Leserkommentare
    • moppelg
    • 06. Februar 2013 14:20 Uhr

    die pöse EU....

    Es gibt unzählige Verbraucherschutzregelungen die wir ihr zu verdanken haben im Versicherungsrecht genauso wie z.B. gedeckelte Roamingebuhren.
    Allerdings wird immer nur gemeckert. ...

  1. "Mit der Reform ihrer Gemeinsamen Fischereipolitik will die EU die eigenen Gewässer vor Überfischung schützen. Gleichzeitig subventioniert sie Hochleistungstrawler, die in Westafrika und anderswo die Küstenmeere plündern und die einheimischen Fischer ruinieren."

    http://www.monde-diplomatique.de/pm/.search?ik=1&mode=erw&tid=2013%2F01%...

    • brazzy
    • 06. Februar 2013 14:39 Uhr

    Es könnte eigentlich ganz einfach sein: die effektivste Method des Bestandsschutzes ist die Einrichtung von großen Schutzgebieten, in denen *gar nicht* gefischt werden darf. Sind die Schutzgebiete groß genug, dann wandern ständig ausreichende Bestände in die nicht geschützten Gebiete ab.

    Im Gegensatz zu Fangquoten ließe sich das sehr einfach kontrollieren und durchsetzen: jedes Fangschiff dass im Schutzgebiet mit heruntergelassenen Netzen erwischt wird, wird beschlagnahmt.

    2 Leserempfehlungen
  2. Hallo Frau Uken,

    ich lese Ihre Beiträge zu den Themen Umwelt, Energie und Klima in der ZEIT-online jetzt seit einer ganzen Weile und da ich sehe, dass Sie sich offenbar sogar hin und wieder die Zeit nehmen, die Kommentare zu Ihren Artikeln zu lesen, möchte ich Ihnen ein Kompliment machen: Ihre Artikel sind gut geschrieben, gut recherchiert, sachlich fundiert und sie informieren vor allem über Themen die wichtiger sind, als die meisten Menschen es bisher begriffen haben.
    Es freut mich, dass die ZEIT sich diesen Themen widmet und ich hoffe sehr, dass das auch weiterhin so bleibt.
    Und ich hoffe, Sie werden noch ne ganze Weile so weitermachen...

    Eine Leserempfehlung
  3. Der hier vorgebrachte Einwand bezüglich der Überprüfbarkeit des Beifangs ließe sich ganz unbürokratisch lösen: es gibt sicherlich statistisch gesehen Anhaltspunkte, wie hoch der Beifang ist. Also lässt sich bei jedem einlaufenden Schiff eben diese Menge kontrollieren.
    Im Fall, dass beispielsweise der Fang aus nahezu 100% Hering besteht, hätte der Kaptitän dann durch Fotos bzw. Filmaufnahmen zu belegen, dass im Netz tatsächlich nur Heringe waren. Eine Beweislastumkehrung würde hier unbürokratisch Wunder wirken.

    Eine Leserempfehlung
  4. Sie haben sich mit der Materie gar nicht befasst oder?

    Die EU und niemand anders ist der größte Gauner auf dem Meer.
    http://www.greenpeace-freiburg.de/index.php/wissenswertes/130-bedrohunge...

    Selbst die abgeschlagensten Bananenrepubliken haben nachhaltigere Gesetze zur Erhaltung des Fischbestandes als die EU. (zum Beispiel St. Lucia (Karibik) oder Kenia)

    http://www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/meere/Meere.pdf

    Eine Leserempfehlung
    • TDU
    • 07. Februar 2013 10:06 Uhr

    Nichts gegen diese Frauen. Noch ist aber gar nichts geschafft und ohne die Männer von Rot-Grün hätte der Antrag vermutlich keine Chance. Und wie immer sind die Gründe fürs Dagegen natürlich Profitinteresse und böse Motive.

    Mir wäre auch dei Verteilung wie auf der Hochzeit von Kanaan lieber. Aber bis das erreicht ist, ist die Versorgung der Menschen eben ein Problem, was man auch durch Definition von "bösen Essern" nicht aus der Welt schafft.

  5. ...sondern billiger wird der Fisch! Wie ein Vorgänger bereits (fast) richtig schrieb, sinkt der Aufwand, wenn weniger Schiffe die derzeit vorhandenen Bestandsgrößen befischen, allerdings erst nach Bestandswachstum. Zu Beginn ändert sich nichts, sie sind immer noch relativ lange unterwegs, und für einige Zeit bedeutet dies weniger Fisch = Verknappung der Märkte = Preisanstieg. ABER wenn die Bestände sich erholen, wird mit geringem Aufwand mehr Fisch gefangen = die Preise sinken wieder. Somit ist der Preisanstieg nur temporär. Mal abgesehen davon, dass hierzulande nun wirklich nicht nur Fisch aus europäischen Meeren konsumiert wird, und somit nicht alle Fische im Laden von dem Preisanstieg betroffen sein werden.

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