ZEIT ONLINE: Herr Fratzscher, ist der Euro im Moment zu teuer? 

Marcel Fratzscher: Nein. Kein einziger Indikator belegt diese These: Weder der reale effiziente Wechselkurs, also der Vergleich mit allen anderen Währungen. Noch der direkte Vergleich mit dem Dollar. Auch unsere statistischen Modelle zeigen keine systematische Überbewertung des Euro. 

ZEIT ONLINE:Frankreichs Präsident Francois Hollande behauptet das Gegenteil: Der Euro sei so stark, dass er alle Reformbemühungen im Süden zunichte mache. Auch Italien und Spanien sehen das so.

Fratzscher: Hollande hat Unrecht. Den Ländern im Süden der Währungsunion fehlt es an Wettbewerbsfähigkeit. Sie haben über Jahre Marktanteile im Export verloren, und zwar nicht weil ihre Produkte im Ausland zu teuer gewesen wären. Länder wie Portugal oder Griechenland produzieren heute schlicht die falschen Produkte und Dienstleistungen. Sie schaffen es nicht, sich an die Veränderungen am Markt anzupassen. Und sie sind nicht flexibel genug.

ZEIT ONLINE: Das klingt abstrakt. Geht es konkreter?

Fratzscher: Nehmen Sie Griechenland oder Portugal. Was haben sie vor zwanzig oder dreißig Jahren exportiert, was exportieren sie heute? Damals verkauften sie zum Beispiel Textilien, aber diese Märkte sind ihnen komplett weggebrochen. China und osteuropäische Länder haben sie verdrängt – und beide Länder haben es nicht geschafft, sich dem Wandel anzupassen. Heute exportieren Griechenland und Portugal vor allem Tourismus und Agrarprodukte. Die Produktpalette ist zu klein geworden. Auf den Wachstumsmärkten spielen die Südländer kaum eine Rolle.

ZEIT ONLINE: Früher konnten solche Länder sich mit einer Abwertung ihrer Währung behelfen.

Fratzscher: Stimmt, aber ohne ihre strukturellen Probleme zu lösen! Eine Abwertung kauft Zeit, mehr nicht. Sie hilft einem Land nicht, sich an Veränderungen anzupassen und die Produkte herzustellen, die auf dem Markt gefragt sind. Hinzu kommt, dass Wechselkursanpassungen die globalen Handelsströme in einem immer geringeren Maß beeinflussen. Unternehmen sichern sich dagegen ab. Und ausgerechnet Exportprodukte haben häufig einen hohen Anteil an importierten Gütern. Wechselkursveränderungen bringen deshalb nicht viel: Die Hersteller können ihre Waren zwar im Ausland günstiger verkaufen, aber sie zahlen mehr für die Vorprodukte.

ZEIT ONLINE: Wäre eine Abwertung denn wenigstens als vorübergehende Krisenmaßnahme sinnvoll, um Strukturanpassungen zu erleichtern?