Währungsmanipulation"Hollande hat Unrecht"

Frankreichs Präsident klagt zu Unrecht über den starken Euro, sagt DIW-Chef Marcel Fratzscher. Die Vorschläge der Franzosen würden den Südeuropäern sogar schaden. von 

François Hollande vor wenigen Tagen bei der Einweihung eines neuen Gebäudes für das französische Nationalarchiv

François Hollande vor wenigen Tagen bei der Einweihung eines neuen Gebäudes für das französische Nationalarchiv  |  © Michel Euler/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Fratzscher, ist der Euro im Moment zu teuer? 

Marcel Fratzscher: Nein. Kein einziger Indikator belegt diese These: Weder der reale effiziente Wechselkurs, also der Vergleich mit allen anderen Währungen. Noch der direkte Vergleich mit dem Dollar. Auch unsere statistischen Modelle zeigen keine systematische Überbewertung des Euro. 

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ZEIT ONLINE:Frankreichs Präsident Francois Hollande behauptet das Gegenteil: Der Euro sei so stark, dass er alle Reformbemühungen im Süden zunichte mache. Auch Italien und Spanien sehen das so.

Fratzscher: Hollande hat Unrecht. Den Ländern im Süden der Währungsunion fehlt es an Wettbewerbsfähigkeit. Sie haben über Jahre Marktanteile im Export verloren, und zwar nicht weil ihre Produkte im Ausland zu teuer gewesen wären. Länder wie Portugal oder Griechenland produzieren heute schlicht die falschen Produkte und Dienstleistungen. Sie schaffen es nicht, sich an die Veränderungen am Markt anzupassen. Und sie sind nicht flexibel genug.

Marcel Fratzscher
Marcel Fratzscher

leitet seit 1. Februar 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Zuvor war er Leiter der Abteilung International Policy Analysis der Europäischen Zentralbank. Er forscht zur europäischen und internationalen Geldpolitik und Finanzmarktarchitektur.

ZEIT ONLINE: Das klingt abstrakt. Geht es konkreter?

Fratzscher: Nehmen Sie Griechenland oder Portugal. Was haben sie vor zwanzig oder dreißig Jahren exportiert, was exportieren sie heute? Damals verkauften sie zum Beispiel Textilien, aber diese Märkte sind ihnen komplett weggebrochen. China und osteuropäische Länder haben sie verdrängt – und beide Länder haben es nicht geschafft, sich dem Wandel anzupassen. Heute exportieren Griechenland und Portugal vor allem Tourismus und Agrarprodukte. Die Produktpalette ist zu klein geworden. Auf den Wachstumsmärkten spielen die Südländer kaum eine Rolle.

ZEIT ONLINE: Früher konnten solche Länder sich mit einer Abwertung ihrer Währung behelfen.

Fratzscher: Stimmt, aber ohne ihre strukturellen Probleme zu lösen! Eine Abwertung kauft Zeit, mehr nicht. Sie hilft einem Land nicht, sich an Veränderungen anzupassen und die Produkte herzustellen, die auf dem Markt gefragt sind. Hinzu kommt, dass Wechselkursanpassungen die globalen Handelsströme in einem immer geringeren Maß beeinflussen. Unternehmen sichern sich dagegen ab. Und ausgerechnet Exportprodukte haben häufig einen hohen Anteil an importierten Gütern. Wechselkursveränderungen bringen deshalb nicht viel: Die Hersteller können ihre Waren zwar im Ausland günstiger verkaufen, aber sie zahlen mehr für die Vorprodukte.

ZEIT ONLINE: Wäre eine Abwertung denn wenigstens als vorübergehende Krisenmaßnahme sinnvoll, um Strukturanpassungen zu erleichtern? 

Leserkommentare
    • thomin
    • 13. Februar 2013 14:29 Uhr

    Deutschland hatte nach dem Krieg über Jahrzehnte die stabilste Währung in Europa und gleichzeitig eine florierende Wirtschaft.
    Frankreich wollte ein Stück davon abhaben und hat Deutschland in den Euro gedrängt.
    Und nun merken sie, dass man eine stabile Währung nicht geschenkt bekommt und wollen uns nun dazu bringen auf den altem, gescheiterten, aber bequemeren, französischen Weg einzuschlagen...nein danke!

    8 Leserempfehlungen
    • emi.eu
    • 13. Februar 2013 14:43 Uhr

    Ich gebe meinem 'Vorkommentartor' absolut recht! Frankreich hat wie die meisten Staaten in Europa nie verstanden, das man seine Wirtschaft der Marktlage anpassen muss, weil es umgekehrt nicht geht!
    Statt also jetzt den (endlich) wieder stärkeren Euro dafür schuldig zu halten, da die eigene Wirtschaft nicht anzieht, sollte man lieber einmal schauen, wieso es den 'starken Fünf' in der Eurozone verhältnismäßig gut geht... Und sich entsprechend anpassen!

    via ZEIT ONLINE plus App

    4 Leserempfehlungen
  1. Die o.g. fehlende Anpassung bei den Exporten ist wohl den port. Arbeitern anzukreiden, oder? Fragt sich nur, wer hier zu wenig arbeitet, die Arbeiter und Angestellten oder die Firmeninhaber ?
    Leider sehen die angeblichen "Hilfsprogramme" von EU/IWF keine Sanktionen für schlechte Firmeninhaber vor. Das Rezept ist immer das gleiche. Kürzung auf dem Arbeitsmarkt, in Deutschland und in den südlichen Ländern. Wenn der Inhaber der gleiche ist, löst das kein Problem, sondern verschlechtert nur das soziale Netz.

    Eine Leserempfehlung
  2. dass eine Einheitswährung für Europa falsch ist.

    Dem einem zu stark, dem anderen zu schwach, dass passt halt nicht.

    Everyone's darling Währung ist eben nicht die Lösung.

    Jetzt habt ihr es
    a) schriftlich und
    b) quasi selbst herausgearbeitet.

    Wie lange wird jetzt noch rumprobiert um genau zu dem Schluß zu kommen?

    4 Leserempfehlungen
  3. Ursache ist die französische Reformunwilligkeit und die Industriepolitik, verquickt mit einer gehörigen Staatsgläubigkeit und militanten Gewerkschaften. Und wenn das Probleme macht, und man sich wettbewerbsmäßig ins Aus geschossen hat, ist der Wechselkurs schuld. Das ist lachhaft, vgl. meine website.
    Würde Hollande richtig liegen, müssste auch Deutschand am Wechselkurs zugrunde gehen. So einfach ist das. Tja, man hat sich wohl nach der Euroeinführung auseinander entwickelt. Das ist des Pudels Kern.

    4 Leserempfehlungen
  4. absetzt, kann einem schlecht werden.

    Die Textilienindustrie ist ja nicht nach Asien gewandert, weil die dort effizienter produzieren würden, sondern weil die Menschen dort so brutal ausgebeutet werden können, dass sie während ihrer Arbeit langsam verhungern, weil die Umwelt dort viel rücksichtsloser verdreckt werden darf.

    Natürlich haben wir es mit einem gewaltigen strukturellen Problem zu tun. Die Arbeiter, die Ware produzieren, und die Leute, die Ware konsumieren, sind so weit voneinander entfernt, das sie sich nicht mehr zu Gesicht bekommen. Und natürlich machen die Händler alles, um die Verhältnisse noch weiter zu verschleiern.

    [...]

    Wir müssen nicht glauben, dass wir mit solchen Leuten an der Spitze von Unternehmen und Politik noch nennenswerte zivilisatorischen Fortschritte machen können. Der pure Kapitalismus funktioniert am besten, wenn Mangel herrscht. Diese Herren werden wo immer es möglich ist, die Weichen so stellen, dass möglichst viel Mangel entsteht.

    Angefangen bei den Arbeitsstunden, damit die einen 60 Std/Wochen arbeiten und Mangel an Freizeit haben, während die anderen keine Arbeit mehr abbekommen und Mangel an Arbeit herrscht. Mangel ist die kräftigste Zugfeder des Kapitalismus.Zwar waren wir noch nie reicher als heute, aber so umverteilt, d

    Bitte verzichten Sie auf pauschale Herabwürdigungen. Danke, die Redaktion/fk.

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    ... weil die Menschen dort so brutal ausgebeutet werden können, dass sie während ihrer Arbeit langsam verhungern, weil die Umwelt dort viel rücksichtsloser verdreckt werden darf.

    Ich teile zwar Ihr Argument, dass dies in der Textilindustrie in Asien so ist, dass die Arbeiter ausgebeutet werden, aber die o.g. Schlussfolgerung müssen Sie doch noch mal erläutern: Die Menschen verhungern, weil die Umwelt verdreckt werden DARF? Das klingt jetzt aber doch sehr zusammenhanglos. Ich möchte behaupten, keiner verhungert, weil die Umwelt verdreckt werden DARF, nicht mal, wenn sie verdreckt WIRD. Außerdem müssen wir sehen, dass die Arbeit in den Textilfabriken Bangladeshs z.B. oftmals die einzige Arbeit ist, die diese Menschen ausführen können. Gönnen Sie denen den kleinen Sprung in ein ganz klein bißchen Wohlstand nicht? Dort gibt es kein Hartz IV, die hungern, wenn sie keine Arbeit haben.

    Außerdem sind die Textilunternehmen nicht nach Asien ausgewandert, sonder pleite gegangen, weil die asiatischen Unternehmen Textilien billiger herstellen (aufgrund o.g. Zusammenhänge).

    Zum Thema Arbeitsverteilung: Arbeit ist nicht beliebig teilbar, weil nicht jeder alles KANN. Wenn also jemand 60 Std arbeitet, während andere gar keine Arbeit haben, liegt das meistens daran, dass diejenigen, die gar keine Arbeit haben die Arbeit, bei der 60 Stunden gearbeitet wird, nicht ausführen können.

    Es ist immer wieder erstaunlich wie die Leistungen von Schwellenländern herabgewürdigt werden. Länder die sich auf dem langen Weg der Industrialisierung befinden, den wir bereits vor 100 Jahren durchlaufen haben. Sie können am Anfang dieses Weges nicht auf hohe Produktivität und technologische Spitzenprodukte zurückgreifen. Sie müssen sich auf die Wettbewerbsvorteile konzentrieren, die ihnen zur Verfügung stehen.

    Neben dem Zugang zu Rohstoffen bzw. Handelswegen kommen nur günstige Arbeitsplätze in Frage. Und auch diese Arbeitsplätze stellen für viele Menschen eine Verbesserung ihrer Lebenslage dar. So hat schon Jeffrey Sachs 2005 in seinem Buch „Das Ende der Armut. Ein ökonomisches Programm für eine gerechtere Welt“ eindrucksvoll dargelegt, wie low-tec Arbeitsplätze (unter aus unserer Sicht unmenschlichen Bedingungen) für viele Arbeitnehmer in Entwicklungsländern eine Verbesserung ihrer Lebenslage und des Lebensstandards bewirkt haben.

    Jeder der diese Entwicklung ausschließlich negativ charakterisiert, spricht sich gegen die wirksamste Waffe der Entwicklungspolitik aus. Besonders wenn dieses Argument bezüglich der Verlagerung von Arbeitsplätzen aus industrialisierten Staaten ins Feld geführt wird, halte ich es für unmenschlich.

    Redaktion/fk."

    Liebe Redaktion, ich kann aus Sicherheitsgründen von diesem Computer nicht auf meinen Mailaccount zugreifen, deswegen schreibe ich hier.

    Es ist bekannt und mehrfach durch Test aus der Spieltheorie bewiesen, dass Studenten der Wirtschaftswissenschaften weniger sozial agieren als andere.

    Scheint's hält das im späteren Leben an, wie Schirrmacher in seinem neuen Buch "Ego" schildert:
    "Die Rand-Wissenschaftler testeten eines ihrer wichtigsten Spiele, das 'Gefangenen-Dilemma', mit den Sekretärinnen, die bei Rand arbeiteten, indem sie alle möglichen Szenarien kreierten, in denen die Frauen kooperieren oder einander betrügen konnten. In jedem einzelnen Experiment wählten die Sekretärinnen allerdings nicht den egoistischen Weg, den die Rand-Forscher erwartet hatten, sondern die Kooperation." Die verblüfften Forscher schoben die Schuld für die misslungenen Experimente auf die Sekretärinnen: "Sie seien schwache Subjekte, unfähig, der einfachen Grundregel zu folgen, dass ihre Strategien egoistisch zu sein hatten."
    http://www.spiegel.de/pol...

    Die Gehirnwäsche der Wirtschaftswissenschaftler klingt vielleicht ungerechtfertigt pauschal, ist aber empirisch bewiesen.

  5. Hollande ist leider jetzt schon eine "lahme Ente" und sollte nicht versuchen, seine notwendigen Reformen durch immer mehr Unsinn weg zu reden. Er muss eben langsam mal ran an die Bouletten, ohne andere zu nerven.

    Eine Leserempfehlung
  6. ... weil die Menschen dort so brutal ausgebeutet werden können, dass sie während ihrer Arbeit langsam verhungern, weil die Umwelt dort viel rücksichtsloser verdreckt werden darf.

    Ich teile zwar Ihr Argument, dass dies in der Textilindustrie in Asien so ist, dass die Arbeiter ausgebeutet werden, aber die o.g. Schlussfolgerung müssen Sie doch noch mal erläutern: Die Menschen verhungern, weil die Umwelt verdreckt werden DARF? Das klingt jetzt aber doch sehr zusammenhanglos. Ich möchte behaupten, keiner verhungert, weil die Umwelt verdreckt werden DARF, nicht mal, wenn sie verdreckt WIRD. Außerdem müssen wir sehen, dass die Arbeit in den Textilfabriken Bangladeshs z.B. oftmals die einzige Arbeit ist, die diese Menschen ausführen können. Gönnen Sie denen den kleinen Sprung in ein ganz klein bißchen Wohlstand nicht? Dort gibt es kein Hartz IV, die hungern, wenn sie keine Arbeit haben.

    Außerdem sind die Textilunternehmen nicht nach Asien ausgewandert, sonder pleite gegangen, weil die asiatischen Unternehmen Textilien billiger herstellen (aufgrund o.g. Zusammenhänge).

    Zum Thema Arbeitsverteilung: Arbeit ist nicht beliebig teilbar, weil nicht jeder alles KANN. Wenn also jemand 60 Std arbeitet, während andere gar keine Arbeit haben, liegt das meistens daran, dass diejenigen, die gar keine Arbeit haben die Arbeit, bei der 60 Stunden gearbeitet wird, nicht ausführen können.

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