Sozialistenchef Venizelos"Deutschland braucht eine klare Vision für Europa"

Die Debatte über einen Euro-Austritt war schädlich, sagt Griechenlands Sozialistenchef Venizelos im Interview. Zum ersten Mal kritisiert er damit die deutsche Kanzlerin. von  und

Der Vorsitzende der griechischen Sozialisten, Evangelos Venizelos

Der Vorsitzende der griechischen Sozialisten, Evangelos Venizelos  |  © Lousia Gouliamaki/AFP/GettyImages

ZEIT ONLINE:Griechenland erlebt das sechste Jahr der Rezession. Wann geht es mit Ihrem Land wieder aufwärts?

Evangelos Venizelos: Die wirtschaftliche Situation hat sich auch Dank der Unterstützung unserer internationalen Partner deutlich gebessert, ist aber trotzdem nicht gut. Es gibt positive Signale von den Rating-Agenturen, auch der Finanzmarkt hält es momentan für sehr unwahrscheinlich, dass Griechenland noch aus dem Euro ausscheiden könnte.

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ZEIT ONLINE: Davon spüren die Menschen und die Unternehmen aber noch nicht viel. Gerade wird wieder gestreikt in Athen.

Venizelos: Das Hauptproblem ist: Wir brauchen mehr Liquidität in der Realwirtschaft, kleine und mittlere Unternehmen haben es immer noch sehr schwer, an Kredite für Investitionen zu gelangen. Wir müssen daher zunächst mit Hilfe unserer Partner unser Bankensystem sanieren.

Evangelos Venizelos

ist Vorsitzender der sozialistischen Partei Pasok in Griechenland, welche in einer Koalition die Regierung von Premier Antonis Samaras stützt. Venizelos war bis März 2012 Finanzminister und verhandelte den Schuldenschnitt Griechenlands mit den privaten Gläubigern des Landes. Zuvor war Venizelos sieben Mal Minister in verschiedenen Regierungen. Der Jurist promovierte an der Universität Thessaloniki in Verfassungsrecht, wo er mit 29 Jahren Professor wurde.

ZEIT ONLINE: Der Eindruck in Deutschland ist: Griechenland hat viel Geld bekommen und wenig reformiert.

Venizelos: Und dieser Eindruck ist falsch. Wir haben weitreichende Reformen umgesetzt. Die Arbeitskosten wurden ganz erheblich gesenkt, wir haben ein völlig neues Rentensystem aufgebaut und den Arbeitsmarkt flexibler gemacht. Viele Berufsgruppen haben ihre Privilegien verloren. Das Fundament für eine wettbewerbsfähige Wirtschaft ist gelegt.

ZEIT ONLINE: Die Privatisierung von Staatsunternehmen kommt nicht voran.

Venizelos: Wir haben die Voraussetzungen dafür geschaffen. Aber es gibt zu wenige Interessenten, weil im Moment nur wenige Unternehmen aus dem Ausland in Griechenland investieren wollen. Wir brauchen besonders aus Deutschland Hilfe bei der Suche nach Investoren.

ZEIT ONLINE: Viele potenzielle Interessenten werden von den hohen Schulden abgeschreckt.

Venizelos: Wir werden in diesem Jahr erstmals wieder einen Überschuss im Primärhaushalt erzielen. Wir nehmen also mehr ein, als wir ausgeben, wenn man die Schulden nicht berücksichtigt. Das ist die große Wende in der Haushaltspolitik: Die Ära eines defizitären Primärhaushalts ist endgültig vorbei. Wir haben innerhalb von drei Jahren unser Defizit um zwölf Prozentpunkte gesenkt – das ist einmalig unter den Industrieländern.

ZEIT ONLINE: Der Sparkurs belastet die Konjunktur. Wann kommt die Wende?

Venizelos: 2013 ist das sechste, aber auch das letzte Jahr der Rezession. Im kommenden Jahr wird die Wirtschaft wieder wachsen. Das sage nicht nur ich, das sagen auch unsere internationalen Partner. Wir brauchen dieses Wachstum: Viele Menschen leiden, die Sparmaßnahmen gefährden den sozialen Zusammenhalt in unserem Land.

ZEIT ONLINE: Warum setzen Sie sie dann um?

Venizelos: Das war nicht unsere Entscheidung! Wir haben uns das nicht ausgesucht. Wir standen vor der Wahl, die Auflagen unserer Partner zu akzeptieren oder einen Bankrott zuzulassen.

Leserkommentare
    • zfat99
    • 06. Februar 2013 11:53 Uhr

    ... bestätigt alles Negative über Griechenland, es ändert sich nichts.

    via ZEIT ONLINE plus App

    10 Leserempfehlungen
  1. "Wir nehmen also mehr ein, als wir ausgeben, wenn man die Schulden (und die 4,6Mrd. Nettozahlungen aus dem EU-Haushalt) nicht berücksichtigt."

    3 Leserempfehlungen
    • ZPH
    • 06. Februar 2013 11:57 Uhr

    Ich wäre für das Modell Camerons.

    16 Leserempfehlungen
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    • S.Kunze
    • 06. Februar 2013 16:27 Uhr

    Rechtstaatlichkeit und Marktwirtschaft.

    D.h.: Beachtung von Maastricht 125 und das Zulassen von (Staats)bankrotten anstelle von:

    Nahezu unbegrenzter Monetisierung von Bank- und Staatsanleihen trotz dedizierter Bad Banks und monetärer Zentralbankplanwirtschaft.

    Nix wie weg. Oder Britenrabatt für D!

  2. hätte Griechenland eine ehrliche Problemlösung haben können. Wenn man das ausschlägt, muss man auch die Folgen akzeptieren. Im Euro wir Grichenland niemals genesen, wie auf meiner website begründet. Und Cameron hat natürlich Recht gehabt. So wie die Eurozone aufgestellt ist, kann man sich wohl kaum hinzugesellen. Mehr ist dazu auch nicht zu sagen, außer dass eine Horrormeldung nach der anderen kommt. Jetzt soll auch noch die Niederlande herabgestuft werden.

    11 Leserempfehlungen
  3. Euro-Beitritt erschummelt hat und das ohne das Geld des deutschen Steuerzahlers PLEITE ist.
    Unsere Regierung sollte sofort alle Gr-Hilfen (auch die indeirekten über die EZB) einstellen. Der Austritt Gr aus der Euro-Zone is t unvermeidbar und sollte möglichst schnell kommen. Das wäre ein Dienst, den das Land Europa erwiesen könnte.

    Fragen an Herrn Venezelos:
    Wieviele Verurteilungen in Verfahren gegen Steuerhinterzieher gab es in Gr in den letzten Jahren?

    9 Leserempfehlungen
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    ... mit dem Austritt Griechenlands gewonnen?
    Mit Spanien steht Griechenland 2.0, nur ungleich monströser, vor der Tür.
    BIP Griechenland 2008: 357 Mrd. US-$.
    BIP Spanien 2008: 1.611 Mrd. US-$.

    • Mortain
    • 06. Februar 2013 12:25 Uhr

    Da gehören zwei zu. Mir kann niemand erzählen, Griechenlands Situationwäre nicht vor dem Beitritt zum Euro bekannt gewesen. Die Mitarbeiter des deutschen Konsulates in Thessaloniki wussten davon, und so vermute ich die der Botschaft in Athen auch. Wir können uns bei Schröder und CO dafür bedanken.

  4. Was passiert mit den darin stehenden Politikern und Wirtschaftsbossen?Taucht da auch der Name Venizelos auf ?Wird auch da kompromisslos vorgegangen?Erst dann kann es aufwärts gehen !
    Avanti!

    3 Leserempfehlungen
  5. Zitat: "Das Hauptproblem ist: Wir brauchen mehr Liquidität in der Realwirtschaft, kleine und mittlere Unternehmen haben es immer noch sehr schwer, an Kredite für Investitionen zu gelangen. Wir müssen daher zunächst mit Hilfe unserer Partner unser Bankensystem sanieren."

    Richtig erkannt ist der Umstand, daß Griechenland Liquidität in der Realwirtschaft benötigt. Noch wichtiger erscheint mir allerdings die Notwendigkeit, Liquidität für die Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Wer sollte auch sonst die griechischen Produkte kaufen? (Vom Außenhandel kann Griechenland keinesfalls leben.)
    Grauenhaft daneben ist allerdings die Aussage, wonach zunächst das Bankensystem zu "sanieren" sei. Die griechischen Banken sind ein Schwarzes Loch. Mit der Reihenfolge "Erst die Banken, dann die Realwirtschaft und die Bevölkerung" bleibt eine Gesundung Griechenlands außerhalb der Sichtweite.

    5 Leserempfehlungen
  6. für ein gedeihliches Europa?
    Die große Vision kann man erstmal beiseitelassen, die hatten wir schon.

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