FrackingNicht noch eine Ideologiefalle!

Auch wenn Umweltschützer und Energiekonzerne noch so überzeugt tun: In der Debatte um das Fracking gibt es keine schnellen Antworten, kommentiert Marlies Uken. von 

Kaum ist die Atomkraft-Debatte halbwegs befriedet, steht Deutschland ein neuer, ideologisch aufgeladener Streit ins Haus. Es geht um das sogenannte Fracking. Oder genauer: darum, ob die neue Gas-Fördertechnik ein energiepolitischer Segen ist – oder ein umweltpolitischer Sündenfall.

Längst haben sich Befürworter und Gegner hinter ihren Positionen verschanzt. Die Energiekonzerne hoffen auf ein Milliardengeschäft und warnen, die Gasförderung in Deutschland werde drastisch sinken, wenn die Technik nicht komme. Außenpolitiker hoffen wiederum darauf, dass das Gas aus Deutschland die Abhängigkeit von Russland verringert. Auf der anderen Seite stehen Umweltschützer und Aktivisten: Sie warnen, das Verfahren sei eine "Hochrisikotechnologie", es verseuche Grundwasser und erhöhe das Erdbebenrisiko. Erst am Wochenende kam es zu Demonstrationen, als der Hollywoodstar Matt Damon seinen Fracking-kritischen Film Promised Land in Berlin zeigte.

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Beiden Seiten mag man raten, etwas runterzukommen. Das Thema Fracking taugt nur bedingt für ideologische Schlachten. Gerade den Gaskonzernen stände mehr Realismus gut an. Dass es in Europa zu einem Fracking-Boom wie in den USA kommt, ist extrem unwahrscheinlich: Der alte Kontinent ist viel zu eng besiedelt, als dass überall Gasbohrtürme aus dem Boden gestampft werden könnten – wie in den USA.

Fracking

Alles begann mit dem perfekten Knick im Bohrgestänge. Zur Jahrtausendwende entwickelten Ingenieure in den USA ein Verfahren, mit dem Trägergestein in Tiefen bis zu 10.000 Meter nicht nur senkrecht erreicht, sondern auch horizontal durchbohrt und erschlossen werden kann. In den Sedimenten, meist Schiefer, lagert Gas. Um es zu fördern, kommt die umstrittene Fracking-Technik zum Einsatz.

Verfahren

Der Name leitet sich vom englischen to fracture ab – aufbrechen. Unter hohem Druck werden Wasser, Sand und kleine Mengen an Chemikalien in das Gestein gepresst, um es aufzubrechen. Das Gas kann entweichen. Allerdings kann niemand garantieren, dass dies ausschließlich kontrolliert geschieht. Das Umweltbundesamt (UBA) hat in einer Studie zum Fracking die größten Risiken aufgelistet. Die teils hoch giftigen Chemikalien, die in den Boden gepumpt werden, könnten das Trinkwasser verseuchen. Kenner der Szene gehen davon aus, dass US-Firmen Salzsäure, Benzol und andere krebserregende Stoffe einsetzen.

Befürworter

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) widerspricht dem Fracking-kritischen UBA. Umweltverträgliches Fracking sei möglich. Oberflächennahes Trinkwasser stehe mit dem Tiefengestein "meist nicht in Verbindung". Unstrittig ist, dass die Fracking-Förderung extrem flächenintensiv ist. Der Schiefer muss immer wieder an neuen Stellen "angezapft" werden. Im Schnitt sind sechs Bohrungen pro Quadratkilometer nötig. Ganzen Landstrichen drohe damit die Zerstörung, sagen Kritiker.

Die Technik ist zudem noch viel zu teuer. Damit sie sich in Europa lohnt, müsste der Großhandelspreis für konventionelles Erdgas bei mehr als 40 Euro je Megawattstunde liegen. Derzeit liegt er bei gerade einmal 27 Euro/MWh. Dass er weiter steigen wird, ist unwahrscheinlich: Aus Staaten wie Aserbaidschan, Turkmenistan und Katar drängen riesige Gasmengen zu weitaus günstigeren Preisen auf den Markt.

Doch auch Umweltschützer und Bürgerinitiativen sollten ihre Reflexe überprüfen. Sie machen die Energiekonzerne zu schnell zu Bösewichten, die um jeden Preis ihre Gewinne maximieren wollen. Die Politik hat keinen Zweifel daran gelassen, dass es Fracking hierzulande niemals in Trinkwasserschutzgebieten geben wird. Man wolle den Einsatz der Technik einschränken, nicht ermöglichen, sagt Umweltminister Peter Altmaier. Umweltverträglichkeitsprüfungen und die Beteiligung der Bürger sollen zwingend sein. Das alles sollte jetzt möglichst schnell gesetzlich fixiert werden, am besten gleich in Brüssel.

Fracking oder nicht Fracking – das Thema eignet sich nicht für eine Schwarz-Weiß-Debatte. Ein pauschales Verbotsgesetz würde bedeuten, dass Deutschland die Chance verpasst, eine neue Technik zu nutzen und vor allem umweltverträglich zu gestalten. In diesem Land gibt es genau die Ingenieure, die es schaffen könnten, dass eben kein giftiger Chemikaliencocktail im Erdreich landet. Den Kritikern sei ebenfalls gesagt: Erdgas ist immer noch klimaverträglicher als Kohle – und sicherer als Atomkraft ist es allemal. Wer die Energiewende will, der kommt an Erdgas nicht vorbei.

Das ist doch die Lehre aus der Energiewende: Das Thema Energiepolitik ist viel zu komplex, als dass es sich für die alten Lagerkämpfe eignet. Stattdessen täten mehr Gelassenheit und Pragmatismus der Debatte gut.

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Leserkommentare
  1. 1. Danke

    Danke, endlich auch auf ZeitOnline ein undogmatischer und sachlich-pragmatischer Artikel zu einem Energie-/Umweltthema. Genau solchen Journalismus brauchen wir.

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  2. aber in Wirklichkeit eine Befürwortung.

    Warum auch nicht, aber ich bin ein Gegner.
    Die sog. Erneuerbaren können letztlich genug liefern. Warum also ein Risiko eingehen. Naja, für 13 Jahre gibt das Gas in Deutschland - danach bin ich sowieso unter der Erde.

    Sicher benötigt man für die Energieerzeugung mit Erneuerbaren auch Rohstoffe. Aber eigentlich sollte es Jedermann klar sein,
    dass wir Techniken brauchen, die fossile Brennstoffe in der Erde belassen, zumindest sollten wir diese nicht in die Luft blasen.

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    Sind Sie so nett und erklären mir, wie die erneuerbaren Energien auf Stand der heute bekannten Technik in der Lage sein sollen, den Energiebedarf in Deutschland sicherzustellen. Mir liegen da andere Informationen zu, aber ich lerne gerne dazu.
    Ach, und beschränken Sie sich doch bitte auf das, was technisch machbar ist und lassen Sie das, was ideologisch wünschenswert wäre, mal aussen vor. Und es wäre auch nett, wenn Sie davon ausgehen, dass Deutschland ein Industrieland bleibt.

  3. ...aber ohne giftigen Chemikaliencocktail !

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    das verfahren gleich mitliefern, ohne diese "zusatz"stoffe funktionierts bisher offensichtlich nicht.

    • Gerry10
    • 11. Februar 2013 15:46 Uhr

    ...wenn Politiker keinen Zweifel am irgendwas lassen, schaut das schon anders aus.
    Ich jedenfalls kontrolliere meine Brieftasche nachdem ich einen Politiker gesehen habe - die Hand schütteln trau ich mich garnicht...

    4 Leserempfehlungen
  4. Es gibt gute, fundierte Gründe dagegen, Gas mithilfe von "Gift in den Boden" zu fördern - genau so wie es sich verbietet, Energie zu produzieren und zu verbrauchen (Kernkraft), und den Nachkommen für ein paar 100.000 Jahre das Problem mit der Entsorgung zu hinterlassen - wer da als Toschlagsargument ins Feld führt, diese Argumentation sei "ideologisch" - dann bitte sehr! Die Gegenseite verfolgt eben auch eine Ideologie - nach uns die Sintflut bzw. "das versickert schon iregendwie" - Bitte: Nur weil eine Argumentation "ideologisch" ist, ist sie deswegen nicht richtig oder falsch!

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  5. ist doch nichts Anderes als die Stützung der Regierungslinie.
    Bleibt schön ruhig, dann können wir machen was wir wollen. Ansonsten müssen wir uns noch mit Euch rumärgern.

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  6. Sind Sie so nett und erklären mir, wie die erneuerbaren Energien auf Stand der heute bekannten Technik in der Lage sein sollen, den Energiebedarf in Deutschland sicherzustellen. Mir liegen da andere Informationen zu, aber ich lerne gerne dazu.
    Ach, und beschränken Sie sich doch bitte auf das, was technisch machbar ist und lassen Sie das, was ideologisch wünschenswert wäre, mal aussen vor. Und es wäre auch nett, wenn Sie davon ausgehen, dass Deutschland ein Industrieland bleibt.

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    genau deshalb dürfen wir diese Rohstoffe nicht verbrennen.
    Unsere chemische Industrie wird sie brauchen. Irgendwann werden wir auch nicht an Fracking vorbeikommen. Aber zum jetzigen Zeitpunkt - zur Zeit werden die Förderungen überwiegend verbrannt - halte ich das für falsch.

    Überschüssige Windenergie muss auch nicht zwingend transportiert werden. Sie könnte z. B. auch verwendet werden
    um damit Isolierstoffe herzustellen (Schaumglas, Perlite u. a.), direkt in Norddeutschland für Wärmepumpen bereitgestellt werden, in warmen Wasser zwischengespeichert werden, die Wärme könnte auch local in Strom (schlechter Wirkungsgrad aber egal) zurückgewandelt werden. Das sind bekannte Techniken keine Utopien. Aber es bedarf des politischen Anschubs. Solange dort nur Lobbyisten wirken wird das allerdings nichts und es ist deshalb zwar keine Utopie, aber Serien Fiction.

    Die Techniken gibt es durchaus. Das deren Aufbau viel Zeit benötigt ist auch klar. Allerdings ist der jetzigen Weg den wir in Deutschland gehen völlig absurd (z. B. Ackerfläche für Biosprit) und ich verstehe, dass viele Leute gegen die Form EE etwas haben. So wie wir das Ganze angehen ist das alles nur eine Förderung der Energieerzeugungsindustrie (nein für das Speichern benötigen wir keine Accus).

    • MTnou
    • 12. Februar 2013 10:14 Uhr

    Realistische Szenarien für eine nachhaltige Energieversorgung für Deutschland gibt es genug. Wenn Sie wirklich dazulernen möchten, empfehle ich als Einstieg bei Greenpeace nachzulesen.

    http://www.greenpeace.de/...

    Wissenschaftlich fundierter, aber zu ähnlichen Ergebnissen kommt das Fraunhofer ISE, das schon seit mehr als 30 Jahren in diesem Bereich international beachtete Spitzenforschung leistet.

    http://www.ise.fraunhofer...

    Man könnte in den Szenarien kritisieren, dass wir als Industriestandort auf Gas (Methan) angewiesen sind - technisch auch überhaupt kein Problem - Pilotanlagen im MW-Maßstab laufen bereits. Greenpeace verkauft übrigens auch schon Gas aus Windstrom. Wer die Energiewende will, kommt also durchaus an E R D gas vorbei.

    http://www.powertogas.info/

    http://www.dena.de/projek...

    Die Frage ist nicht, ob es funktioniert. Die Frage ist tatsächlich eine ideologische. Wollen wir weitermachen wie bisher oder nicht?
    Nur schade, dass Befürworter des "weiter wie bisher" sich keinerlei Gedanken über die Konsequenzen in naher und ferner Zukunft machen. Die giftigen, strahlenden und gefährlichen Hinterlassenschaften für die nächste Generation interessieren in dieser Ideologie überhaupt nicht.

  7. "Auch wenn Umweltschützer und Energiekonzerne noch so überzeugt tun: In der Debatte um das Fracking gibt es keine schnellen Antworten, kommentiert Marlies Uken."
    "Wer die Energiewende will, der kommt an Erdgas nicht vorbei."

    Die Antwort kam ja dann doch ganz schnell. ;)

    5 Leserempfehlungen
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    Ausserdem: es gibt da auch noch den Klimawandel. Selbst ungeachtet der Umweltschäden durch das Fracking ist diese Technologie ein CO2 Verursacher ersten Grades.

    Das liegt an dem schlechten EROEI Koeffizienten. Konventionelles Erdöl hat einen EROEI von ca. 20:1, d.h man setzt einen Liter Erdöl ein um 20 zu bekommen.

    Für Fracking liegt dieser Wert bei 3:1 bis 5:1, Teersande liegen sogar bei 2:1, man kann sich leicht denken wie durch Fracking die CO2 Emissionen explodieren werden.

    Es ist schlichtweg Wahnsinn diese Fördertechnik nicht zu verbieten. Wir werden damit den Klimakollaps sicher bekommen.

    aber die langfristigen Folgekosten (durch Umweltzerstörung und Klimawandel) wird die Bevölkerung (der Zukunft) tragen müssen, die kurzfristigen Gewinne streichen jetzt einige wenige skrupellose Firmen und ihre Sharehoulder ein.

    Fracking ist genau das Gegenteil einer Zukunftstechnologie. Fracking ist eine der Technologien die uns und unseren Kindern die Zukunft kosten kann.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Atomkraft | Bürgerinitiative | Energiepolitik | Erdgas | Hollywoodstar | Matt Damon
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