WerksschließungUS-Firmenchef lästert über französische Arbeitsmoral

"Sogenannte Arbeiter", die zu viel Geld bekommen und nur drei Stunden am Tag arbeiten: So schimpft der Chef eines US-Reifenherstellers über französische Angestellte.

Eine Angestellte vor dem von Schließung bedrohten Goodyear-Werk im nordfranzösischen Amiens

Eine Angestellte vor dem von Schließung bedrohten Goodyear-Werk im nordfranzösischen Amiens  |  © Pascal Rossignol/Reuters

Mit herablassenden Äußerungen über die Arbeitsmoral der Franzosen hat ein US-Firmenchef in Frankreich für Empörung gesorgt. Die Zeitung Les Echos veröffentlichte einen Brief von Maurice Taylor, Chef des US-Reifenherstellers Titan. Darin macht er sich über die "sogenannten Arbeiter" in einem französischen Reifen-Werk lustig, die höchstens "drei Stunden" pro Tag arbeiten würden.

Gerichtet ist der Brief an Frankreichs Industrieminister Arnaud Montebourg, der Titan gebeten hatte, das von der Schließung bedrohte Reifenwerk des US-Konzerns Goodyear im nordfranzösischen Amiens zu übernehmen. Taylor erteilt dem Ansinnen des Ministers eine barsche Absage: "Was glauben Sie eigentlich, wie dumm wir sind?"

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Hämisch führt Taylor aus: "Ich habe diese Fabrik mehrfach besucht. Die französischen Arbeiter bekommen hohe Löhne, arbeiten aber nur drei Stunden. Sie haben eine Stunde für ihre Pausen und für ihr Mittagessen, diskutieren drei Stunden lang und arbeiten drei Stunden." Er habe dies Gewerkschaftsvertretern auch "ins Gesicht" gesagt, schreibt Taylor in dem Brief. Die hätten ihm geantwortet: "So ist das in Frankreich!"

Titan werde nicht in Frankreich investieren, sondern vielmehr ein Reifenwerk "in China oder Indien kaufen, einen Stundenlohn von unter einem Euro zahlen, und alle Reifen einschiffen, die Frankreich braucht", schreibt Taylor. Dem französischen Reifenhersteller Michelin prophezeit Taylor, in fünf Jahren keine Reifen mehr in Frankreich herstellen zu können.

Gewerkschaft spricht von "totaler Beleidigung"

Französische Gewerkschaften reagierten empört auf den Brief. Als eine "totale Beleidigung" wies der Vertreter der Gewerkschaft CGT in dem Goodyear-Werk in Amiens-Nord, Mickaël Wamen, die Äußerungen im Sender Europe 1 zurück. Der Titan-Chef sei "näher an einer psychiatrischen Anstalt als in der Lage, die Zügel eines multinationalen Unternehmens in der Hand halten zu können". CGT-Generalsekretär Bernard Thibault bezeichnete den Brief "als Beleidigung nicht nur für die Arbeiter", sondern auch für die "Demokratie".

Industrieminister Montebourg, der sich die Verteidigung des "Made in France" auf die Fahnen geschrieben hat, reagierte zurückhaltend auf das Schreiben. Er werde einen Antwortbrief schreiben. Regierungssprecherin Najat Vallaud-Belkacem sagte, es könne nun nicht darum gehen, die Äußerungen Taylors zu "überbieten". In der Auseinandersetzung seien "Respekt und Ruhe" nötig.

Der US-Reifenhersteller Goodyear, der in anderen Ländern mit Titan zusammenarbeitet oder Werke an Titan verkauft hat, hatte Ende Januar angekündigt, das Werk in Amiens-Nord schließen zu wollen. Bedroht sind 1.173 Arbeitsplätze.

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Leserkommentare
  1. Tja...französische Arbeiter sitzen auch nicht mit ihrer Familie auf der Straße und übernachten im Auto wenn sie gefeuert werden. Da kann man sich schonmal ein bisschen Stolz leisten hier und da.

    Ob man das jetzt "Arbeitsmoral" oder Angst nennt, ist reine Definitionssache.

    19 Leserempfehlungen
  2. Titan werde nicht in Frankreich investieren, sondern vielmehr ein Reifenwerk "in China oder Indien kaufen, einen Stundenlohn von unter einem Euro zahlen, und alle Reifen einschiffen, die Frankreich braucht

    Ich prognostiziere einen deutlichen Rückgang der Nachfrage nach Titan-Reifen in Frankreich. Mal sehen...vielleicht können die 1€ Chinesen diese Nachfrage irgentwann ausgleichen.

    18 Leserempfehlungen
    • Gerry10
    • 20. Februar 2013 19:43 Uhr

    ...sowas zu diktieren, frage ich mich ob da nicht doch was dran ist.
    Andererseits ist es ein Lehrstück darin wie das System funktioniert bzw. nicht mehr funktioniert.
    "in China oder Indien kaufen, einen Stundenlohn von unter einem Euro zahlen, und alle Reifen einschiffen, die Frankreich braucht" - das macht mit allem das in Fabriken hergestellt wird und wundert sich dann, warum es so viele Arbeitslose gibt und warum sich kaum einer in Europa neue Reifen (oder was auch immer) leisten kann.

    11 Leserempfehlungen
    • jagu
    • 20. Februar 2013 20:15 Uhr

    Das dürfte wohl den Absatz seiner Reifen in Frankreich deutlich senken.

    Das ist halt die amerikanische Menthalität, dass der Mensch in Wirklichkeit nichts zählt - auch der Amazon-Skandal ist in meinen Augen absolut kein Zufall.

    Europa sollte sich auf seine wahren Werte konzentrieren.

    24 Leserempfehlungen
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    Sie schliessen von den Aussagen eines US Managers auf "die Amis"? Auf solche "europäischen Werte", die dort ja immer häufiger so vertreten werden, kann die Welt gut verzichten. Hierbei handelt es sich wieder einmal - egal ob auf Amerikaner, "Südländer", Israelis, Juden, oder sonstigen "Anderen" - um simplistische Verallgemeinerungen, die einen starken Wertverfall demonstrieren.

    In der Tat, solche Aussagen sind nicht besser als die ebenfalls generalisierenden Aussagen dieses Managers. Da haben Sie etwas mit ihm gemein.

    • jagu
    • 21. Februar 2013 2:45 Uhr

    Es dürfte auch Ihnen nicht entgangen sein, dass in Europa eine gewisse soziale Verantwortung gelebt wird (auch wenn wir uns zunehmend verantwortungsloseren, amerikanischen Verhältnissen nähern) und man sich in den USA unter dem Credo "hier kann jeder wenn er will" jeglicher sozialer Verantwortung entledigt hatte und hat.

    Das hat in den USA genauso wie der Colt eine gewisses Geschichte.

  3. dass da was dran ist. Verdammt - ich mag dieses Land eigentlich sehr, aber an der Einstellung des ganzen Landes muss sich einiges ändern um das Land nicht völlig an die Wand zu fahren. Habe übrigens mehrere Monate in Frankreich gearbeitet und deshalb klingt die Aussage sehr glaubwürdig in meinen Ohren. Auch was die Streikmoral der Franzosen angeht... schon komisch, dass man in wenigen Monaten Frankreichaufenthalt mehr Streiks miterlebt als in mehr als 25 Jahren davor in Deutschland zusammengenommen. Wacht endlich auf, Franzosen. Bitte!

    14 Leserempfehlungen
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    • jagu
    • 20. Februar 2013 20:38 Uhr

    stellen Sie sich mal bei dem kontinuierlichen Abbau der AN-Rechte seit der Zeit vor, wenn es die damalige Ausgangssituation nicht gegeben hätte.

    Heute haben die Deutschen kein Geld mehr in der Tasche, die kleinen Betriebe sterben immer mehr aus, die Konzerne diktieren und kassieren ab und schaffen ins Ausland - was haben wir als Bürger und Menschen davon?

    Dieses Land krankt an einer falsch verstandenen Arbeitgebersolidarität, man könnte es auch kollektive Kriecherei nennen.

    Demokratie gibts nicht zum Nulltarif - das ist Druck und Gegendruck Programm, sonst geht sie in die Hose.

    Habe auch einige Zeit in Südfrankreich gearbeitet und ähnliche Erfahrungen gemacht wie in Kommentar #5 beschrieben. Der Spruch "Leben wie Gott in Frankreich" ist ja schließlich eine Redewendung, die nicht von ungefähr kommt.

    • jagu
    • 20. Februar 2013 20:38 Uhr

    stellen Sie sich mal bei dem kontinuierlichen Abbau der AN-Rechte seit der Zeit vor, wenn es die damalige Ausgangssituation nicht gegeben hätte.

    Heute haben die Deutschen kein Geld mehr in der Tasche, die kleinen Betriebe sterben immer mehr aus, die Konzerne diktieren und kassieren ab und schaffen ins Ausland - was haben wir als Bürger und Menschen davon?

    Dieses Land krankt an einer falsch verstandenen Arbeitgebersolidarität, man könnte es auch kollektive Kriecherei nennen.

    Demokratie gibts nicht zum Nulltarif - das ist Druck und Gegendruck Programm, sonst geht sie in die Hose.

    25 Leserempfehlungen
  4. > Die französischen Arbeiter [...] diskutieren drei Stunden lang
    > und arbeiten drei Stunden. [...]
    > Titan werde [...] ein Reifenwerk "in China oder Indien kaufen,
    > einen Stundenlohn von unter einem Euro zahlen [...]

    ...dann ist das nicht nur eine Beleidigung gegenüber französischen Arbeitern sondern letztlich eine glatte Verhöhnung aller Arbeiter.
    Die europäischen oder wohl auch amerikanischen hält Taylor offenbar für überbezahlt, den indischen oder chinesischen Arbeiter spricht er im Prinzip gleich jede Würde ab.

    Jedenfalls kann ich seinen Aussagen keine andere Interpretation abgewinnen.

    21 Leserempfehlungen
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    Freien-Markt-Ideen der FDP und die Attacken eines Guido Westerwelle gegen alle faulen Sozialschmarotzer in den gemütlichen Hängematten. - Eigentümlich auch, warum die billig hergestellten Reifen dann für Frankreich sein sollen und nicht für die USA. Ob China oder Indien die Firma Titan noch reinlassen? -

    • Koon
    • 20. Februar 2013 21:11 Uhr

    Ich bin für einen französischen Konzern tätig. Bei dem in meiner Überschrift zitierten Spruch musste ich laut auflachen, denn in ähnlicher Form habe ich diesen in der Tat schon vor fast 15 Jahren von einem französischen Kollegen gehört. Wortwörtlich sagte mein französischer Freund, der im Management in der Zentrale in Paris arbeitet: "Das ist halt unsere mediterane Gelassenheit!". Ich unterschreibe nicht die "Feststellungen" des Herrn Taylor. Allerdings mache ich täglich aufs Neue die Erfahrung, dass man bei Problemen, die man nach Frankreich meldet, zunächst einmal viel Geduld aufbringen muss, denn diese Probleme, so einfach sie zeitweise zu lösen sind, werden, analysiert, überwacht, diskutiert, besprochen, verschoben und wiedervorgelegt. Dann werden Meetings in Deutschland und Frankreich einberufen, die Ergebnisse ausgetauscht und zusammen konferiert. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, Kunden, die nicht die nötige Geduld mitbringen, an die Konkurenz zu verlieren, wenn eine sofortige Problemlösung wegen Produktionsausfall erforderlich ist. Vor diesem Hintergrund; und als Fan von Douglas Adams und seinem "The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy", kommt mir die Arbeitsweise der dort beschriebenen "Vogonen" seltsam vertraut vor;-)

    13 Leserempfehlungen
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    > [...] denn diese Probleme [...] werden, analysiert, überwacht,
    > diskutiert, besprochen, verschoben und wiedervorgelegt.
    > Dann werden Meetings in Deutschland und Frankreich einberufen,
    > die Ergebnisse ausgetauscht und zusammen konferiert

    Mir scheint, Sie beziehen sich hier auf die Mentalität im Management.

    Der einfache Arbeiter hat meines Wissens nach auch in Frankreich keine ernsthaften Mitspracherechte in derlei Angelegenheiten... geschweige denn die Möglichkeit, hierzu grenzüberschreitend Meetings einzuberufen.

    Eine möglicherweise bestehende unterschiedliche "Problemlösungsorientierung" zu kritisieren - wie Sie das tun - ist aber etwas völlig anderes, als - wie Taylor - auf eine höhnische Art Arbeitnehmern pauschal Faulheit zu unterstellen und nebenbei noch eine "Überbezahltheit" zu suggerieren.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, rav
  • Schlagworte Frankreich | Michelin | Bernard Thibault | Brief | Echo | Fabrik
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