FrankreichRoyale Tristesse in Paris/Die große Tristesse in Paris/

Kein Wachstum, keine Arbeitsplätze: In Frankreich herrscht große Resignation. Und viele fürchten, es wird noch schlimmer. von 

Die Nervosität muss groß sein. Wie sonst lässt sich erklären, dass ein Minister auf eine polemische Bemerkung zur Arbeitsmoral seiner Landsleute nicht mit Lässigkeit, sondern mit einer offenen Drohung reagiert? So geschehen gerade in Frankreich. Arnaud Montebourg, der Mann mit dem blumigen Titel "Minister zur Wiederbelebung der Industrie", warnte den Chef des amerikanischen Reifenherstellers Titan, Maurice Taylor: Die französischen Behörden würden in Zukunft ganz genau auf die Einhaltung von Umweltstandards achten, wenn die Amerikaner mal wieder Reifen nach Frankreich einführen wollen.

Da war jemand offenkundig beleidigt. Tatsächlich schien Taylor und seine Firma Titan für Montebourg noch vor wenigen Tagen ein möglicher Retter zu sein. Das Unternehmen sollte das Reifenwerk von Goodyear im nordfranzösischen Amiens übernehmen und vor der Schließung bewahren. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen erteilte Taylor den Franzosen einen Korb. Etwas verkürzt bezeichnete der Firmenchef die Belegschaft von Goodyear als arbeitsscheue Wesen, die ungern länger als drei Tage am Stück arbeiten. Den Rest ihrer Arbeitszeit würden sie mit Pausen und Diskussionen verbringen.

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Das saß. Montebourg ist wirklich nicht um seinen Job zu beneiden. Seit dem Sieg der Sozialisten sammelt der Mann nur Bankrotterklärungen und Stellenstreichungen ein. Im vergangenen Jahr schlossen 266 Fabriken, rund 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Nur 166 neue entstanden. In diesem Jahr dürfte es kaum besser werden. Die EU-Kommission hat an diesem Freitag die Prognose für dieses Jahr von 04, auf 0,1 Prozent gesenkt. Das Wirtschaftswachstum verharrt an der Nulllinie.

Die schlechten Wirtschaftsnachrichten beunruhigen ganz Europa, vor allem aber Deutschland. Wenn Berlin auf Reformen im Nachbarland dringt, um die Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Unternehmen zu stärken und die Sozialkassen zu entlasten, dann geschieht das aus Sorge um die zweitstärkste Wirtschaftsmacht innerhalb der EU. Ein "kranker Mann" Frankreich hätte das Potenzial, die Euro-Zone zu sprengen.

Immerhin: Die US-Ratingagentur Standard & Poor's lobte zuletzt die "beispiellose Anstrengung" der Regierung von François Hollande, die Staatsausgaben bis 2017 um 60 Milliarden kürzen zu wollen. "Keine Regierung hat so etwas zuvor versucht", sagt Jean-Michel Six, der Europa-Chefökonom der Agentur. "Ich sage nicht, dass dies gelingt. Aber es handelt sich in jedem Falle um eine Absicht, die wir würdigen."

Noch zur Amtszeit des konservativen Staatschefs Nicolas Sarkozy hatte die Agentur anders geklungen. Damals attestierte sie Frankreich eine mangelnde Reformfähigkeit und entzog dem Land das Toprating. Inzwischen haben die Sozialisten den Arbeitgebern eine Steuerentlastung von insgesamt 20 Milliarden Euro binnen drei Jahren versprochen, um die hohen Arbeitskosten zu dämpfen. Zudem einigten sich wenigstens drei von fünf der größten Gewerkschaften mit den Arbeitgebern auf eine Reform, die den strengen Kündigungsschutz lockern und den Unternehmen mehr Flexibilität verschaffen soll. Six: "Wir haben zum ersten Mal seit vielen Jahren den Eindruck, dass die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der französischen Unternehmen für die Politik eine Priorität darstellt."

Für den Ökonomen Bruno Bertez ist das noch zu wenig. "Man kann keine Wirtschaft ohne Schmerzen restrukturieren und sie wettbewerbsfähiger machen", sagt er.  Frankreichs Regierung sei "gefangen in ihrer Ideologie und möchte dieses Wunder ohne Anstrengungen und ohne Schmerzen schaffen."

Leserkommentare
  1. Leider trifft es mit Frankreich unseren wichtigsten Handelspartner und einen zentralen Baustein der europäischen Einigung. Ohne ein einigermaßen wirtschaftlich und politisch stabiles Frankreich wird auch der Traum der europäischen Vereinigung platzen.

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  2. Hören wir doch auf uns etwas vorzumachen, egal ob Mitte-Rechts oder Sozialisten, die haben alle keine Antworten, weil sie nicht die richtigen Fragen stellen.

    Fragen, die anscheinend nicht mehr gesagt werden dürfen, weil man dann, zumindest als Deutscher, sofort schlimmer Nationalist ist: Die EU wurde als europäische Antwort auf den Kapitalismus gegründet und hatte von Anfang an nur Wirtschaftsinteressen im Kopf, dass man dafür Geld braucht, das erwirtschaftet werden muss, kam keinem Experten in den Sinn.

    Nun platzt die Subventions-Blase langsam und die Staaten stecken in der Krise.

    Die EG war den Träumern ja nicht groß genug und den Spekulanten zu wenig risikobehaftet, es musste was größeres her.

    Nun fehlt das Geld für dieses Große an allen Ecken und Enden, nur nicht bei den Banken und Spekulanten, die es aber nicht in den Realkreislauf bringen.

    Tja, während Gauck also die EU lobpreist muss man sich fragen, ob die wirklich alles richtig macht.

    Ich glaube aber kaum, dass die Franzosen so blöd wie wir sind und sich so einen Sozialkahlschlag ala HartzIV verpassen.

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    Die Franzosen haben Hartz 4 nicht nötig,die haben ja den RMI (revenu minimum d'insertion) und eine Bekannte aus Paris sagte mir,dass damit sehr gut sich leben lässt.

    Oh,là,là!

  3. ... Deutschland, hatte, nach dem ihm von "Wissenschaftlern" zum Aderlass geraten worden war, immerhin noch eine durch die €-Blase in den PIIGS und die US-Subprimekredite aufnahmefähige, liquide Absatzmärkte, was zu dem "Aufschwung" oder konkreter, der Verbesserung der Wirtschaftslage während der GroKo führte.
    Darauf kann F nicht bauen, eher brechen noch weitere Märkte weg, dementsprechend werden durch eine franz. Agenda2010 zwar die Profite der Unternehmen steigen, an der miserablen Gesamtsituation aber nichts ändern.
    Die Märkte sind bereits übersättigt; Wachstum gibts vorrangig bei Scheininnovationen und organisierten Betrug.

    Entweder gibts jetzt a) eine weitere industrielle Revolution, die in Europa Millionen neuer Erwerbsarbeitsplätze schafft (eher unwahrscheinlich, da die letzte industrielle Revolution Millionen Arbeitsplätze wegrationalisierte) oder b) ein zünftiger Krieg der Human- wie Sachkapital zerstört, und so die Märkte leert.

    Da der Kapitalismus zwar gesamtgesellschaftlich dysfunktional aber für dessen Profiteure "alternativlos" ist (natürlich!), a) technisch unwahrscheinlich ist und b) nur schwer in seinen Auswirkungen kontrollierbar ist, bleibt wohl erstmal nur die Insolvenzverschleppung und das Verheizen der eigenen Substanz, wie es jedes totale System macht, dessen Lebenszeiger auf 5 vor 12 steht.
    Also Privatisierung der Daseinsversorgung, Ökonomisierung des Sozialen um die Kapitalverwertung aufrecht zu halten und Erwerbsarbeitsplätze zu schaffen.

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    • mcking
    • 22. Februar 2013 20:09 Uhr

    entweder will alles hochgejubelt, oder alles schlecht geredet.
    Die Zeitonline macht da auch keine ausnahmen mehr.
    In der Printzeit geht es ja noch halbwegs.

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  4. Wenn hier geschrieben wird, dass Frankreichs Wirtschaft ab einem Wechselkurs von 1,22 bis 1,24 Dollar je Euro braucht, die deutsche hingegen bis zu 1,54 - 1,94 $ je € stabil bleibt bedeutet dies doch, dass die französischen Löhne im Verhältnis zu den Deutschen zu hoch sind bzw. die Deutschen im Verhältnis zu den Frz. Löhnen zu niedrig - oder?

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    "Wenn hier geschrieben wird, dass Frankreichs Wirtschaft ab einem Wechselkurs von 1,22 bis 1,24 Dollar je Euro braucht, die deutsche hingegen bis zu 1,54 - 1,94 $ je € stabil bleibt bedeutet dies doch, dass die französischen Löhne im Verhältnis zu den Deutschen zu hoch sind bzw. die Deutschen im Verhältnis zu den Frz. Löhnen zu niedrig - oder?"

    Nicht zwingendermaßen.
    Aber man könnte sagen: Entweder die französischen Unternehmen ändern Ihr Produktportfolio in Richtung Nische und Qualität und / oder sie reduzieren den Preis der Produkte, die bislang andere günstiger anbieten können.
    Letzteres kann man mit geringeren Löhnen erreichen, aber auch mit höherer Produktivität oder anderweitig reduzierten Stückkosten.

  5. Die Franzosen haben Hartz 4 nicht nötig,die haben ja den RMI (revenu minimum d'insertion) und eine Bekannte aus Paris sagte mir,dass damit sehr gut sich leben lässt.

    Oh,là,là!

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    gehen sie nach paris und werden "sozialschmarotzer".

    kapitalismus als religion > http://commonman.de/wp/?p...

  6. Politikdarsteller, der einem Reiferhersteller durch die Blume die Benachteiligung durch den französischen Beamtenapparat androht. Da wird Herr Taylor heute Nacht aber wahrscheinlich schlecht schlafen...

    Wenn man sich das Foto mit seinem Smartphone in bleu-blanc-rouge ansieht, könnte man kann man eigentlich nur schmunzeln über solche naive und realitätsfremde Großmannsucht einiger Vetreter der "Grande Nation"

    Wurde das Smartphone in Frankreich produziert? Oder wurde es wenigstens von einem französischen Konzern konzipiert?
    Aäh nein, wahrscheinlich nicht.

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  7. "Frankreichs Regierung sei ,gefangen in ihrer Ideologie'..."

    Handelt es sich bei der neoliberalen Dogmatik etwa um keine Ideologie? Einmal ins Blaue hinein gedacht: Es fällt auf, dass es sich bei den Staaten, die jetzt ins Trudeln geraten, um Staaten mit überwiegend katholischen Gesellschaften handelt - Irland, Frankreich, Portugal, Spanien, Italien. Natürlich verlieren die Kirchen auch dort an Einfluss, die Traditionen wirken aber fort. Das Streben nach Reichtum gilt nicht als Lebenssinn - in früheren Zeiten sogar als Sünde. Den Familien kommt noch ein größerer Stellenwert zu, das soziale Miteinander ist ausgeprägter. Das zum Kapitalismus mutierte Christentum namens Calvinismus wird sich diesen Gesellschaften nicht so einfach überstülpen lassen. Der komische Beweis dafür ist der skurrile Klamauk um Maurice Tayler.
    Warum aber nicht das Bewahrenswerte dieser Gesellschaften erhalten? Warum sollen einer eiskalten Kosten-Nutzen-Rechnung Genuss und Lebensfreude geopfert werden? Warum müssen die Menschen - ausschließlich und angeblich alternativlos - zu Mitteln degradiert werden, wo sie doch - hochtrabend gesagt - in Kants kategorischem Imperativ als Zweck definiert werden? Dem steht auch eine katholische Soziallehre im Sinne Nell-Breunings diametral gegenüber.
    Es wäre für die neolibealen Dogmatiker an der Zeit, zur Besinnung zu kommen und kulturelle Überlieferungen und Prägungen zu respektieren. Nur werden sie das nicht tun! Soziale Konflikte sind damit programmiert.

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    sind innerhalb Deutschlands die Regionen mit der stärksten "katholischen Prägung" wirtschaftlich führend. Dies würde Ihre These widerlegen, trotz des sog. "protstantischen Arbeitsethos".

    "Das Streben nach Reichtum gilt nicht als Lebenssinn - in früheren Zeiten sogar als Sünde."
    So sehen Sie diese weitgehend ehemals kathol. Länder.
    Schauen Sie sich in Deutschland die prosperierenden
    Länder an: Dummerweise und komischerweise in bezug auf
    ihren "blauen" Gedanken, sind das überwiegend kathol.
    Länder.
    Keine Angst, ich versuche nichts zu beweisen. Es geht
    vielleicht gar nicht um Kausalität sondern eher um Korrelierung. Aber in Deutschland gehören inzwischen die Katholiken zusammen mit der FDP zu den verfolgten Minderheiten, die nicht durch polit. correctn. oder Antirassimus-Tabus "geschützt" sind, da darf jeder
    sich äußern, wie ihm der "Schnabel" gewachsen ist(Luther,
    ach ja, der war ja der erste Protestant)

    Daher hat ja schon Max Weber argumentiert, dass protestantsiche Länder wie Amerika, England und Preussen ökonomisch erfolgreicher seien, wenn ich mich recht entsinne.

    Aber: Die besonders erfolgreichen Skandinavier haben einen ausgeprägten Sozialstaat (als Lutheraner) und der innerdeutsche Vergleich stellt die katholisch geprägten Staaten Baden-Württemberg (okay, auch Schwäbische Pietisten) und Bayern an die Spitze, Schlusslichter sind die protestantischen Ostländer und das protestantische Berlin.
    Die USA und Großbritannien stehen zudem zurzeit auch nicht besonders gut da.

    "Warum aber nicht das Bewahrenswerte dieser Gesellschaften erhalten?
    Warum sollen einer eiskalten Kosten-Nutzen-Rechnung Genuss und Lebensfreude geopfert werden?"

    Zu Frage eins: Weil sich eben nur so ein bestimmter, von den Betroffenen ja auch geforderter Lebensstandard halten lässt. Auch wenn es vielen nicht passt. Durch Arbeit produziert man eben mehr als durch Proteste.

    Zu zwei: Genuss und Lebensfreunde in Frankreich? Naja, vielleicht sollten sie die Camambert-Werbung mal einen Moment vergessen.
    Bei so ungefähr jeder Glücksstatistik in den letzten 20 Jahren liegen die Franzosen hinter den Deutschen, etwa hier:
    http://www.gluecksforschu...
    http://www.arte.tv/de/glu...

    Merke: Es ist zwar ok, für seine Rechte einzutreten. Non-Stop-Nörgeln und Streiken schadet aber der Zufriedenheit.

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