Schwacher Staat : Wie die Entwicklungshilfe Haiti schadet

In den vergangenen drei Jahren flossen Milliarden nach Haiti, um die Not nach dem Beben zu lindern und das Land aufzubauen. Zu oft bewirkte das Geld das Gegenteil.

Kaum ein Land erhält, gemessen an der Zahl seiner Einwohner, so viel Entwicklungshilfe wie Haiti. Das war schon vor dem Beben so, durch das im Januar 2010 geschätzte 250.000 Menschen starben und mehr als eine Million obdachlos wurden. Auf die Jahrhundertkatastrophe folgten eine Choleraepidemie und Wirbelstürme, die dramatische Überschwemmungen verursachten und einen großen Teil der Ernten zerstörten – dies alles in einem Land, das ohnehin zu den ärmsten der Welt gehört.

Die Entwicklungshilfe, die Haiti nach dem Beben versprochen wurde, übersteigt die jährliche Wirtschaftsleistung des Landes. Zwölf Milliarden Dollar betrug das Bruttoinlandsprodukt Haitis im Jahr 2011. Zum Vergleich: Für die Zeit von 2010 bis 2012 sagten öffentliche Geldgeber einen Betrag von etwas mehr als zehn Milliarden Dollar zu, ein Viertel davon für die unmittelbare Nothilfe. Hinzukommen mindestens drei Milliarden Dollar an privaten Spenden.

Doch statt zu helfen, hat das Geld Haiti schwach gehalten. Das behauptet zumindest der langjährige Korrespondent der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) in Haiti, Jonathan M. Katz, in seinem Buch The Big Truck That Went By. How the World Came to Save Haiti and Left Behind a Disaster. Ihm zufolge ist ein großer Teil der versprochenen Summen noch gar nicht ausgezahlt worden. Und wo Geld floss, agierten die internationalen Helfer, ohne sich mit der Regierung Haitis oder den Organisationen der haitianischen Zivilgesellschaft abzustimmen.

Das Geld floss völlig an Haitis Regierung vorbei

Die Zahlen stützen Katz’ Befund. Zwar wurde das versprochene Geld für die unmittelbare Nothilfe, also die Verteilung von Lebensmitteln, medizinische Betreuung und die Errichtung von Notunterkünften, fast komplett an die zuständigen Organisationen ausgezahlt. Aber die für langfristige Entwicklung vorgesehene Summe ist erst zur Hälfte überwiesen. Das könnte zwar daran liegen, dass die Umstände in Haiti schwierig sind und Geld alleine nicht automatisch Fortschritte bringt. Aber dennoch wäre schnelleres Handeln notwendig. Auch Bill Clinton, der UN-Sondergesandte für Haiti, forderte im vergangenen November im Bericht Can More Aid Stay in Haiti and Other Fragile Settings?, die Auszahlungen zu steigern.

Viel schwerer als die finanziellen Verzögerungen wiegt aber: Der größte Teil des Hilfsgelds in den vergangenen drei Jahren, 99 Prozent der Nothilfe und 86 Prozent der langfristigen Wiederaufbauhilfe, floss völlig an der haitianischen Regierung und ihren Behörden vorbei.

Guido Ashoff

leitet das internationale Forschungsprojekt "Wirksamkeit der Entwicklungspolitik" am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Das DIE zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten zu Fragen internationaler Entwicklungspolitik.

Selbst wenn man einräumt, dass ihre Handlungsfähigkeit in der ersten Zeit nach dem Beben stark eingeschränkt war und es bei humanitärer Hilfe auf rasches Handeln ankommt, ist das problematisch. Immerhin hatte die haitianische Regierung für die Geberkonferenz im März 2010 in New York einen Wiederaufbauplan vorgelegt. Die internationalen Geber wären verpflichtet gewesen, ihre Hilfe so umzusetzen, dass die Autorität des Staates gestärkt und die Handlungsmöglichkeiten seiner Institutionen verbessert werden.

Das hatten sie in New York eigentlich auch versprochen. Zudem gehört es zu den Grundsätzen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, die öffentlichen Strukturen der Empfängerländer möglichst zu stärken und die Staatenbildung als zentrales Ziel zu verfolgen.

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Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

wird nun kritisiert,

dass nun zu viel Geld geflossen ist oder zu wenig?
Des weiteren bleibt offen, warum vom Staat ausgezahlte Gelder mehr Wirkung hätten? Gerade auch im Bezug auf die angesprochene Korruption.
Wäre der Staat tatsächlich effektiver, dann wäre nicht die Enetwicklungshilfe an sich zu kritisieren, sondern deren Umsetzung (vgl. Uberschrift)
So ist der Artikel eher effektheischend.