Schuldenkrise"Griechenland ist für die Troika ein Versuchstier"

Die Reformer der Troika gehen zu weit, sagt Griechenlands Gewerkschaftschef Jannis Panagopoulos. Im Interview fordert er neue Milliarden an Aufbauhilfe für sein Land. von Ferry Batzoglou

ZEIT ONLINE: Herr Panagopoulos, Ihre Gewerkschaft ruft an diesem Mittwoch erneut zum Generalstreik auf – obwohl Griechenland doch zuletzt einige Fortschritte gemacht hat. Wie begründen Sie ihren Aufruf?

Jannis Panagopoulos: Wir protestieren gegen das Ende von 42 Branchenverträgen, die 400.000 Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft betreffen. Die Verträge werden einfach nicht erneuert. Unser Protest richtet sich auch gegen die Abschaffung des Nationalen Tarifvertrages und die Reduzierung des Mindestlohnes um 22 Prozent. Er soll jetzt 586 Euro brutto pro Monat betragen. In Griechenland gibt es außerdem kein Arbeitsrecht mehr, wie wir es in anderen Ländern Europas kennen.

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ZEIT ONLINE: Was heißt das für die Arbeitnehmer?

Panagopoulos: Die Arbeitslosigkeit ist auf offiziell 27 Prozent gestiegen. In Wahrheit beträgt sie wohl mittlerweile mehr als 30 Prozent, denn in der Krise grassiert die Schwarzarbeit und unversicherte Arbeit. Ferner sind die Arbeitseinkommen drastisch gesunken. Berücksichtigt man die Reduzierung beziehungsweise Streichung des Steuerfreibetrags sowie die Steuererhöhungen für die Arbeitnehmer, dann sind die Arbeitseinkommen im privaten und öffentlichen Sektor um bis zu 50 Prozent eingebrochen.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein repräsentatives Beispiel nennen?

Panagopoulos: Die Gehälter für Busfahrer betrugen einst 1.500 Euro netto pro Monat. Jetzt sind sie auf 750 Euro gesunken.

ZEIT ONLINE: Was fordern Sie?

Jannis Panagopoulos

ist seit 2006 Chef der Dachgewerkschaft der Privatangestellten in Griechenland.

Panagopoulos: Dass der Mindestlohn wieder auf 751 Euro brutto pro Monat angehoben wird. Auch muss hierzulande wieder das europäische Arbeitsrecht gelten. Auch wenn Löhne und Gehälter massiv gesenkt wurden: Griechenlands Wettbewerbsfähigkeit ist nicht gestiegen. Im Gegenteil. Unser Land hinkt in diesem Punkt sogar einigen afrikanischen Ländern hinterher.

ZEIT ONLINE: Der Generalstreik ist der 34. seit dem Ausbruch der Krise. Sie müssen sich fragen lassen, was die 33 Streiks zuvor gebracht haben.

Panagopoulos: Wir haben verhindert, dass die Kürzungen bei Löhnen und Gehältern noch stärker ausgefallen sind. Und wir haben Zeit gewonnen. Ich habe die Technokraten von Griechenlands Geldgeber-Troika kennengelernt und festgestellt, welche Lust sie auf noch größere Einschnitte haben. Griechenland ist für sie ein Versuchstier. Die Troika glaubt an das Dogma des Schocks – für die Wirtschaft und auch für die Gesellschaft. Das Problem ist: Die Troika-Technokraten kennen sich zwar damit aus, wie man Löhne, Gehälter und Renten kürzt. Sie haben aber keine Ahnung davon, wie man Preise zum Fallen bringt. Die Lebenshaltungskosten sind weiterhin hoch, Griechenland ist ein teures Land. Die Folge ist, dass der Grieche nicht einmal mehr seine Steuern zahlen kann. Nicht weil er nicht will, sondern weil er nicht mehr kann.

Leserkommentare
  1. Man kann sich über die Position eines Gewerkschaftlers zwar streiten, doch unmissverständlich Recht hat Panagopoulos mit der Aussage, dass Griechenland Versuchstier in den Händen von Unfähigen ist. Unfähig, weil sie nur den ökonomischen Teil berücksichtigen und das Problem nicht global angreifen.

    Was in Griechenland passiert, ist für uns alle relevant: Man versucht, Europa umzukrempeln und es durch Zwang in einen neoliberalen Rahmen zu pressen. In diesem Rahmen hat nicht mehr jeder Einzelne eine demokratische Stimme (die wird er weiterhin haben, aber sie wird nichts wert sein), sondern nur derjenige, der Geld besitzt. Parlamente entmachten sich, die neuen Machthaber wären die einflussreichsten Marktmonopolisten. Vor diesem Hintergrund bekäme das bedingungslose Grundeinkommen ironischerweise eine ganz neue Farbe: Nämlich als Minimalgarant politischer Partizipation.

    Ich bin der Ansicht, wir sollten mehr Solidarität mit Griechenland zeigen. Nicht nur aus Altruismus, sondern auch, weil es nicht nur bei Griechenland bleibt. Ein Land nach dem anderen wird strukturell so umgeformt, dass es marktkonform wird. Nach Südeuropa und Frankreich wird auch Deutschland irgendwann an der Reihe sein. Von einem demokratischen Europa sind wir dann aber allemal weit entfernt. Wehret also, wie es so schön heißt, den Anfängen.

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    <em>Ich habe die Technokraten von Griechenlands Geldgeber-Troika kennengelernt und festgestellt, welche Lust sie auf noch größere Einschnitte haben. Griechenland ist für sie ein Versuchstier. Die Troika glaubt an das Dogma des Schocks – für die Wirtschaft und auch für die Gesellschaft.</em>

    Das ganze hat definitiv System. Genau wie damals in Chile ist die Schocktherapie jetzt mitten in Europa angekommen. Wer Naomi Klein gelesen hat, erkennt die Muster 1 zu 1 wieder.

    "Reformen", die zu normalen Zeiten niemals umgesetzt werden können, werden in Krisen von "Technokratenregierungen" durchgeboxt. Eine Art Notstandsgesetz für die Wirtschaft.

    Ziel ist die Zerschlagung öffentlich rechtlicher Besitzstrukturen und Umverteilung zu privaten Kapitaleignern.

    Kurz: Eine Enteignung von Volksvermögen und Zerschlagung demokratischer Strukturen und Macht von Arbeitnehmervertretern.

    Griechenland hätte vor 2 Jahren schon aus dem Euro austreten sollen. Dann wären sie weiter als jetzt.

  2. Leider hat Herr Panagopolous bisher aber auch keine Roadmap, Marshallplan oder was auch immer vorgelegt anhand derer man sich vorstellen koennte, in was Investitionen fliessen sollen.
    Eines der groessten Probleme in Griechenland ist doch eher, dass man an das Ende der Investitionskette gelangt ist. Wir befinden uns bereits am Ende des europaeischen Marshallplans und nicht an dessem Anfang. Griechenland hatte seit 1981 Zugang zu erheblichen Subventionen durch die EU dazu kam dann mit Beitritt zum Euro noch der Zugang zu guenstigen Krediten. Es ist also bereits jede Menge Geld nach Griechenland geflossen, zum Teil wurde dieses ja auch durchaus sinnvoill genutzt. Die Infratsruktur ist bis auf einige Ausnahmen sehr gut, die Eigenheimquote liegt zudem bei 80%, dementsprechend muss es in der Bauwirtschaft einen Rueckgang geben es sei dann man faengt an in jedem Dorf Museen und Flughaefen zu bauen.
    Ein grosser Investitionsbereich der noch beackert werden kann in Griechenland ist die komplette Muellwirtschaft. Griechenland hat trotz zusaetzlichem Zeitaufschub, bisher alle Auflagen bzgl Recycling und Deponien grandios verfehlt. Die Recyclingquote liegt bei etwa 10% (in D 90%). Um die 400 Muelldeponien in Gr. entsprechen nicht den europaeischen Standards, (nur eine!!! erfuellt die Auflagen) und trotz verfuegbarer EU Mittel, wird auch gerade Dank den Gewerkschaften, jede Investition in diesem Bereich erfolgreich verhindert und sabotiert.

    Gruss aus Patras

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    • bayert
    • 20. Februar 2013 9:28 Uhr

    ohne eigene Währung, die man abwerten könnte, müssen Löhne und Gehälter sinken, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Vielleicht wäre ein Euro-Austritt die bessere Alternative?

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    • HeidiS
    • 20. Februar 2013 11:55 Uhr

    bei 80 Prozent liegen, wäre der momentane Mindestlohn - verglichen mit Deutschland - eher hoch. Auf jeden Fall haben die Rentner - verglichen mit Deutschland - einen Vorteil. Sieht dort, in den südueorpäischen Euro-Ländern, überhaupt jemand?

  3. "in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit hinkt Griechenland sogar einigen afrikanischen Ländern hinterher."

    Es ist klar, dass mit einem Niveau eines Entwicklungslandes nicht der Wohlstand einer Industrienation geschaffen werden kann. Die harte Realität ist dann, dass man sich weniger leisten kann, weil die Preise dem Gehalt entfliehen.
    Ich habe viele russische und ukrainische Freunde. Dort sind viele Dinge einfach unerschwingliche Luxusgüter. Was sich die Menschen hier mal so eben kaufen, wie ein Iphone oder ein Computer, sind dort Anschaffungen, für die man ein bis mehrere Monatsgehälter beiseite legen muss.
    Woran liegt das? Die Wirtschaft ist nicht wettbewerbsfähig genug, den Menschen entsprechenden Wohlstand zu bieten.
    So bedauerlich es ist, werden die Griechen, so lange ihre Wirtschaft keine Grundlage dafür bietet sondern sich auf dem Niveau eines Entwicklungslandes befindet, keine Mindestlöhne auf dem Niveau eines Industrielandes bezahlen können.
    Ausser natürlich die geizigen Deutschen lassen dauerhaft etwas springen :)

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    @Krude These
    Eines der Probleme in Griechenland sind tatsaechlich die sehr hohen Lebenshaltungskosten die Herr Panagopolous anspricht. Griechenland liegt in der Wettberwerbsfaehigkeit tatsaechlich sehr weit zurueck hat aber teilweise ein Preisniveau wie Frankreich. (1 Liter Milch 1,20-1,50E)
    Und wir reden hier nicht nur von Importpprodukten sondern auch von griechischen Produkten.
    Allerdings hat Herr Panagopolous lieber verschwiegen, dass seine Gewerkschaften da wiederum einen nicht unerheblichen Beitrag leisten. Die Troika weiss schon wie man Kosten senkt aber die Gewerkschaftn beharren lieber auf Ihren Privilegien die wiederum alle bezahlen muessen. Transportkosten in Griechenland sind jenseits von Gut und Boese da LKW Lizenzen limitiert sind und zu irren Summen weiter verkauft wurden, diese Summen muss der Spediteur ueber die Frachtkosten wieder reinholen. Wenn ich in Deutschland einen billigen Umzug machen will, miete ich mir einen Transporter, in Griechenland werden keine Transporter vermietet weil Transporte nun mal von Transportfirmen durchgefuehrt werden. Also muss ich eine Spedition bezahlen. Die Liste kann man endlos weiter fuehren...

  4. Wo Herr Panagopoulos recht hat, da hat er recht. In Griechenland wird offensichtlich ausprobiert was Regierungen der Bevölkerung alles zumuten können ohne die Kontrolle zu verlieren. Ein Gesellschaftlicher Großversuch unter realen Bediengungen sozusagen. Denn, was heute in Griechenland abgeht, das wird mit einigen Jahren Verzögerung auch hierzulande Realität werden. Schöne Grüße auch von den Schuldenbergen und dem demografischen Wandel...!

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    Sowohl am demografischen Wandel, als auch an ihren Regierungen und deren Politik sind die Bevölkerungen allerdings in unseren Staaten selber schuld.
    Wenn wie in Deutschland Kinder großflächig als belastend und nicht als Lebensbereicherung empfunden werden für die es sich lohnt, in anderen Bereichen Abstriche zu machen und diejenigen politischen Lager, die am meisten Blaues vom Himmel versprechen in die entsprechende Verantwortung gewählt werden, dann ist unausweichlich, dass es irgendwann zur demografischen und politischen Katastrophe kommt.
    Die Regierung die das dann ausbaden und die entsprechenden Schritte ergreifen muss, ist nur der Bote der Apokalypse. Nicht der Grund.
    So wie jetzt in Griechenland...

  5. Sowohl am demografischen Wandel, als auch an ihren Regierungen und deren Politik sind die Bevölkerungen allerdings in unseren Staaten selber schuld.
    Wenn wie in Deutschland Kinder großflächig als belastend und nicht als Lebensbereicherung empfunden werden für die es sich lohnt, in anderen Bereichen Abstriche zu machen und diejenigen politischen Lager, die am meisten Blaues vom Himmel versprechen in die entsprechende Verantwortung gewählt werden, dann ist unausweichlich, dass es irgendwann zur demografischen und politischen Katastrophe kommt.
    Die Regierung die das dann ausbaden und die entsprechenden Schritte ergreifen muss, ist nur der Bote der Apokalypse. Nicht der Grund.
    So wie jetzt in Griechenland...

    6 Leserempfehlungen
  6. ... der in meinen Augen sicher berechtigte Forderungen stellt.
    Nur warum kommt er denn nicht darauf zu fordern, dass jener Teil der Griechischen Gesellschaft, der durchaus in der Lage ist Steuern zu zahlen oder zu investieren dieses auch macht.

    Selbst die Griechischen Gewerkschaften suchen die Verantwortlichen überall, nur nicht in den eigenen Reihen.

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  7. Den satz wuerde ich so unterschreiben. Frage was will das deutsche oder europaeische Volk? Ich glaube es ist zeit fuer eine Volksabstimmung, ansonsten glaube ich steuern wir auf eine revolution zu.

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