Bill Emmott"Italien liegt im Koma"

Die Mafia ist mächtig, Politiker korrupt. Im Interview spricht der frühere "Economist"-Chefredakteur Bill Emmott über seinen Italien-Film und enttäuschte Liebe. von 

ZEIT ONLINE: Mister Emmott, sind Sie verliebt?

Bill Emmott: Wenn man so will, ja. Italien ist meine Freundin.

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ZEIT ONLINE: In Ihrem neuen Film, den Sie zusammen mit der Regisseurin Annalisa Piras gedreht haben, wirken Sie gar nicht so verliebt, eher besorgt und traurig.

Emmott: Stimmt. Deshalb haben wir den Film Girlfriend in a Coma genannt. Italien ist krank. Das Land liegt im Koma.

ZEIT ONLINE: Wie kommen Sie zu der Diagnose?

Emmott: Dem Land geht es nicht nur schlecht, und seit 20 Jahren wird es immer schlimmer. Die Italiener wollen auch den Ernst der Lage nicht wahrhaben. Daher der Titel: Es ist, als ob ein ganzes Land im Koma liegt. 

Bill Emmott
Bill Emmott

Bill Emmott ist freier Journalist und Autor. Bis 2006 war er Chefredakteur des Economists.

ZEIT ONLINE: Im Film nennen Sie das "La mala Italia – Das schlechte Italien". Was läuft schief?

Emmott: Vieles. In der Wirtschaft gibt es zu viele Barrieren. Es ist schwierig, neue Firmen zu gründen oder zu expandieren. Der Wettbewerb wird blockiert. Investitionen von ausländischen Firmen gibt es viel zu wenig. Die italienische Wirtschaft ist sehr von Eigeninteressen geleitet, es gibt viel Klientelismus. Die Mafia ist zu mächtig. Die Politiker sind korrupt.

ZEIT ONLINE: Übertreiben Sie nicht ein bisschen?

Emmott: Es ist so: Wer einen Job will, egal ob Taxifahrer, Architekt oder Journalist, muss jemanden kennen, der einem hilft. Nicht die Besten bekommen die Jobs, sondern die mit den besten Beziehungen. Das reduziert die Qualität der Arbeit. Italien bewegt sich von einer Leistungsgesellschaft weg. Kein Wunder, dass das Land eine der schlechtesten Wachstumsraten Europas in den vergangenen Jahren hatte.

ZEIT ONLINE: Was müsste denn geschehen?

Emmott: Eine Lösung ist sicherlich mehr Liberalisierung. Italien muss endlich einen funktionierenden Binnenmarkt schaffen. Handel zwischen Italien und einem europäischen Mitgliedsstaat ist oft einfacher als innerhalb Italiens. Der lokale Markt wird von der Mafia dominiert. Diese Barrieren müssen fallen, damit sich Kreativität und Innovation entfalten können.

Leserkommentare
    • Conte
    • 15. Februar 2013 18:25 Uhr

    Wenn wir schon Freude bei der Auseinandersetzung haben wollen, dann sollte man auch die Aussagen von H. Emmott ins richtige Licht rücken. Unabhängig davon, was ihn bei seiner fantasiereichen Darlegung antreibt auch ihm sollten Grenzen gesetzt werden. Seine Worte sind weder zutreffend noch zeugen sie einer Kenntnis, die ihn befähigen sich über ein Land wie Italien zu äußern. Die Maßstäbe, auf die Sie hindeuten sollten für beide Seiten gelten. Wenn Sie sich zu Bürgen solcher widerlegbaren Behauptungen machen, dann möchte ich mich nicht weiter darüber äußern. Sie sorgen, wenn es um Italien und Italien-Themen geht stets dafür, dass eine destruktive Stimmung unterstrichen und gefördert wird. Der Artikel soll zuerst den Weg bahnen, danach gesellen sich stets die jenigen zum Kommentar, die ein Problem, warum auch immer, mit Italien haben und versüssen das Nachspiel mit einer von Neid geprägter Neigung. Ich möchten niemanden Therapieren, aber die Notwendigkeit die Dinge mit einer gewissen Gelassenheit zu sehen sollten Sie nicht verwerfen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  1. Mich erstaunt auch immer wieder aufs neue wie Berlusconi es schafft Wähler zu gewinnen..als wäre nichts gewesen...

    Ich habe mir gestern die offizielle Facebook Page von Silvio Berlusconi und von Pier Luigi Bersani angeschaut (von Mario Monti und alle anderen auch), die Fans von Berlusconi sind in der Mehrheit und zwar eindeutig (das 4fache gegenüber Bersani und doppelt so viel wie die von Angela Merkel). Vielleicht müssen sich seine Fans profilieren, mag ja sein, aber dennoch...da war ich doch wieder überrascht...Der Populist Grillo bleibt aber unschlagbar (Volkskrankheit Populismus).

    Wie oft habe ich Berlusconi reden hören um so mehr in den letzten Wochen, da musste ich arg aufpassen, dass ich nicht auch tatsächlich infizierte werde...er kann das, auch wenn man die Hälfte streichen sollte von dem was er erzählt...Sie reden alle schön, das kennen Sie doch vermutlich ebenso aus Deutschland...

    Da ich in hier überwiegend lebe, habe ich schon gewählt, eine Briefwahl meine. Ich habe mir alle Programme durchgelesen und zigfach politische Sendungen mir angeschaut auf alle ITA Kanäle...ich kann Ihnen garantieren, die Aufgabe war alles andere als einfach.

    Jetzt warte ich gespannt was passieren wird.

    Grüße

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    Antwort auf "Na hoffen wir mal"
  2. ...über die Mafia hingegen nicht, fürchte ich.

    Die mächtigste wirtschaftliche Macht Europas hängt nicht nur wie ein Blutsauger an der italienischen Wirtschaft, sondern hat auch ein reges Interesse daran, dass Italiens Wirtschaft nicht erstarkt - denn Armut und schlechte Aussichten auf ein besseres Leben treiben die Menschen in die Arme der Mafia. Italien wird seine Probleme erst lösen können, wenn es sich von der Mafia löst.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "vergängliche Liebe"
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    echt mal neue Worte...als wenn wir das nicht besser wüssten...!

  3. echt mal neue Worte...als wenn wir das nicht besser wüssten...!

  4. Italien liegt im Koma. das will ich gerne glauben wenn man die Dumpfbacke so sieht. ausserdem geht es dann anderen Ländern ebenso wenn die knalltüte regierungsschef werden sollte.

    • genius1
    • 15. Februar 2013 21:06 Uhr

    Kann nicht sein! In Spanien, Griechenland usw. geht es doch Aufwärts!?

    Europa ist Gerettet!

    Satire Inklusive.

  5. ...den der Autor, dessen Namen ich schon beim Hinunterscrollen und Lesen der anderen Kommentare erfolgreich vergessen habe, mit seinen "liberalen reformen" in Itaien einführen will, kann er selbst behalten.

    Wir haben schon die Mafia, die uns gandenlos ausbeutet, und dann auch noch die katholische Kirche, mehr können wir wirklich nicht verkraften.

    Es gibt wichtigere Dinge im Leben als Wirtschaftswachstum, Konsum und materiellen Wohlstand. Die hohle Kälte der transalpinen Welt zu ertragen, das haben Generationen von Gastarbeitern auf sich genommen.

    Und zum Glück ist die Mafia ja ein rein italienisches Problem, die es in suaberen Ländern wie Deutschland nicht gibt und keinerlei Einfluss besitzt. Nun ja, felice è chi lo crede.

    3 Leserempfehlungen
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    "Und zum Glück ist die Mafia ja ein rein italienisches Problem, die es in suaberen Ländern wie Deutschland nicht gibt und keinerlei Einfluss besitzt."

    Nun, die Mafia ist hochinfektiös und ehedem "saubere" Länder wie Deutschland haben sich angesteckt. Das ist bedauerlich genug, muss aber nicht beleidigterweise dahingehend gedeutet werden, dass im Ursprungsland der Mafia keine Modernisierung nötig wäre. Man muss ja unter "Modernisierung" nicht das Gleiche wie Emmott verstehen.

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