ItalienSparen, bis Berlusconi kommt

Das Wahlchaos in Italien hat einen alten Streit neu belebt: Wie viel Sparpolitik hilft dem Süden Europas wirklich? von , Yascha Mounk, und

Obdachlose in Rom

Obdachlose in Rom  |  © Andreas Solaro/AFP/Getty Images

Am Chaos sind nicht die Italiener Schuld. Kein Silvio Berlusconi, kein Mario Monti. Schuld sind die Deutschen. Sagt zumindest Frankreichs Industrieminister Arnaud Montebourg. Die Italiener hätten sich eben gegen die "drakonische Sparpolitik" aufgelehnt, die das Land seit Monaten durchmache, sagte der Minister am Dienstag nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse. Italiens Wahlentscheidung, ein Veto gegen die deutsche Sparwut also. Ähnlich äußerte sich der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman. Er wolle zwar nicht der Politik Berlusconis das Wort reden, aber: "Was genau hat das, was gerade alle als 'erwachsener Realismus' verkaufen, den Italienern gebracht – und Europa?"

So kann man das sehen – zumindest wenn man kein deutscher Mainstream-Ökonom ist. Hierzulande wurde die Wahl als "Schicksalswahl für den Euro" interpretiert, als Test für die Reformfähigkeit der Italiener. Die Frage, die im Vordergrund stand, lautete: Entscheiden sich die Italiener für eine Fortsetzung des Sparkurses? Nun, da Italiens Wähler die Antwort gegeben haben, wird eine andere Frage wieder lauter werden: Übertreiben es die Europäer mit dem Sparen? Wie viel Sparen kann gesund sein, wenn das Zusammenstreichen des Budgets am Ende Politiker wie Berlusconi an die Macht spült?

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Es sind nicht nur Lautsprecher wie Paul Krugman, die diese Bedenken äußern. Der bedeutendste Kritiker des Sparkurses heißt Paul de Grauwe. Der Belgier, ein renommierter Währungsexperte, glaubt schon lange, dass die Schuldenkrise in Wahrheit keine Schuldenkrise ist, und dass die Anleger irren, wenn sie den Staaten ihr Vertrauen entziehen. Nun meint er, seine These beweisen zu können.

Läuft Europa dem Markt hinterher?

Mit der Chinesin Yuemei Ji hat der Ökonom untersucht, wie sehr die Politiker in den einzelnen Staaten auf die steigenden Zinsen für die heimischen Staatsanleihen reagiert haben, wie sehr sie also dem Druck des Marktes gefolgt sind. Das Ergebnis ihrer Untersuchung: In den Ländern, in denen die Zinsen wegen der Sorgen der Anleger am stärksten stiegen, sparten die Regierungen auch am heftigsten. Entsprechend stark brach anschließend die Wirtschaft ein. Die Politik sparte also dem Markt hinterher – und die eigenen Volkswirtschaften in die Rezession. "Europas Politik lässt sich von der Stimmung des Marktes treiben", schreibt de Grauwe.

Ein Fehler, findet der Ökonom. Um das zu belegen, betrachtet er die Situation an den Anleihemärkten nach dem Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) im September 2012. Die Notenbank hatte damals angekündigt, im Notfall unbegrenzt Staatsanleihen der Krisenstaaten aufzukaufen – also Geld zu drucken. Die Botschaft der Zentralbank kam damals an, die Zinsen sanken.

De Grauwe kann nun zeigen, dass die Zinsaufschläge fast genau auf den Stand sanken wie vor dem Ausbruch der Marktpanik. Sprich: Im Rückblick waren es nicht fundamentale Daten, die die Zinsen nach oben schnellen ließen, sondern die Angst der Investoren. Hätte die Zentralbank also schneller eingegriffen, wäre die Panik womöglich nicht entstanden. Die Staaten hätten mehr Zeit gehabt, ihre Defizite abzubauen, die Stimmung der Bürger wäre weniger explosiv als heute. Womöglich hätte Italien heute eine stabile Regierung.

Klingt plausibel. Doch ist es das wirklich?

Es gibt Gründe, warum die These im Fall von Italien nur bedingt zutrifft. Zum einen hat Italien im Vergleich zu anderen Krisenländern nicht so hart gespart, wie Ökonomen wie Paul Krugman meinen. "Die italienische Regierung hat zuletzt weder die Wirtschaft stimuliert noch einen Sparkurs betrieben", sagt Waltraud Schelkle, eine Ökonomin, die an der London School of Economics forscht. Zwar werden die Italiener ihr strukturelles Defizit in diesem Jahr auf 0,1 Prozent senken, schätzt die Europäische Kommission. Noch im Jahr 2011 lag es bei 3,7 Prozent. Andere Krisenländer haben jedoch härter gespart. Zudem lässt sich das Wahlergebnis in Italien eher als Votum gegen das politische Establishment lesen denn als eine Absage an die Reformpolitik.

Leserkommentare
  1. 81. Teil II

    Der Staat verschuldet sich, um diese Renditen zu zahlen, damit das System nicht anfängt sich aus dem Innerem sich aufzufressen (was ökonomisch als "Rezession" bezeichnet wird).

    Nur:

    Auch der Staat kann sich nicht im Übermass verschulden, weil seine einzige Einnahmequelle die sind, die wirklich Macht (zumindest bis die Bürger endlich aufwachen) noch im Staate haben.

    Antwort auf "Teil I"
  2. Nein, diese Aussage ist falsch, ein endlich lebendes Individuum muss sich daran halten nur soviel auszugeben wie es einnimmt. Fuer einen Staat, der ja nicht stirbt, gilt dies nicht unter der Voraussetzung, dass das BSP pro Kopf schneller waechst als der reale Zinssatz betraegt. Und dies ist der Fall wenn die Wachstumsrate der Arbeitsproduktivitaet den realen Zinssatz uebersteigt. Unter dieser Bedingung, kann der Staat jedes Jahr neue Schulden aufnehmen ohne die Gesamtschulden jemals tilgen zu muessen. Diesen Sachverhalt hat Peter Diamond schon 1965 (American Economic Review) bewiesen. Und deshalb ist der Vergleich von Frau Merkel mit der schwaebischen Hausfrau auch grober Unfug und beweist auch dass in unserer Regierung nur oekonomische Irrlaeufer taetig sind.

    2 Leserempfehlungen
  3. Stellen Sie sich vor, sie kaufen ein Familien-Auto und stellen fest, der Motor bewegt nicht die Räder, sondern das Lenkrad.

    Was machen Sie? Machen Sie den Kauf rückgängig oder lassen Sie das Auto neu konstruieren (Kardanwelle anstatt mit Lenkrad mit Rädern verbinden)?

    Oder kommen Sie auf eine ganz verwegene Idee? Sie behalten das Fahrzeug setzen sich tagein, tagaus mit ihrer Familie vor ihrem Haus ins Auto, starten, geben Gas und beobachten das drehende Lenkrad?

    Genau die letzte Alternative passiert zurzeit. Das Auto ist Europa, der Motor die Wirtschaft und das Währungssystem ist die Kardanwelle. Sie und ihre Familie sind das Volk und der Kaufpreis eine Investition in die Zukunft Europas.

    Funktioniert? Ja, man muss es den Menschen nur erklären, wie unsere klugen Euro- und Friedensprojekt-Konstrukteure und ihre medialen Hofberichterstatter so schön sagen.

    2 Leserempfehlungen
  4. ... genau umgekehrt?!?
    Wir produzieren Waren wie blöde, exportieren sie in die ganze Welt und erhalten ... Papierschnipsel oder Target-Salden.

    Eine Leserempfehlung
  5. Wir leben auf einem Planeten. Alle Wirtschaftsstandorte und Subjekte sind miteinnander verbunden. Sprich die Einnahmen des einen, sind die Ausgaben des anderen.

    Es wird durch die Bilanzen geregelt, die im allgemeinem immer die gleiche Bilanzsumme auf BEIDEN Seiten aufweisen müssen.

    Sprich:

    Egal ob wir direkt nach Italien, Frankreich, Griechenland und Co. weniger exportieren, es kommt immer auf eines raus: Indirekt exportieren unsere Handelspartner (z.B. China oder USA) dorthin und gleichen die Rechnung aus.

    Sinken die Exporte Chinas oder der USA nach Griechenland, wird sich unser Handelspartner (wohin wir exportieren) entweder sich selbst weiter verschulden (durch den Exporteinbruch) oder seine eigenen Importe senken (was auch uns betreffen wird).

    [Erwarten Sie, dass China sich nun deswegen hoch verschulden und in eine Rezession geraten wird wie Italien?]

    Wenn die nicht exportieren können, aber den Import in gleicher Höhe sich leisten können - dann ja! Bis eben das System zusammenbricht.

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    Es ist schon interessant, wie manche sog. Ökonomen, die eigentlich von Bilanzen verstehen müssten, sich über das Thema keinen Gedanken machen, sondern einzelne Standorte lediglich betrachten.

    PPS:....

    Jeder Buchhalter und Prüfer, würden bei unterschiedlichen Summen auf der Aktiv- und Passivseite EINER Bilanz Alarm schlagen.

    Sprich:

    Jeder Unternehmer würde hier bei solchen Vorfällen mit der Staatsanwaltschaft bekanntschaft machen.

  6. 86. PS:...

    Es ist schon interessant, wie manche sog. Ökonomen, die eigentlich von Bilanzen verstehen müssten, sich über das Thema keinen Gedanken machen, sondern einzelne Standorte lediglich betrachten.

    PPS:....

    Jeder Buchhalter und Prüfer, würden bei unterschiedlichen Summen auf der Aktiv- und Passivseite EINER Bilanz Alarm schlagen.

    Sprich:

    Jeder Unternehmer würde hier bei solchen Vorfällen mit der Staatsanwaltschaft bekanntschaft machen.

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    Ich verstehe Sie nicht, was meinen Sie mit damit dass die Aktivseite nicht mehr der Passivseite entspricht? Bilanzen sind immer ausgeglichen per Definition, oder ein Buchhalter konnte nicht buchen. Aber Italien oder Griechenland haben doch kein negatives Saldo. Das Problem der Merkelglaeubigen ist dass man nict sieht, dass ein Privathaushalt etwas voellig anderes ist als ein Staatshaushalt. Der Unterschied ergibt sich dadurch, dass ein Mensch stirbt ein Staat aber prinzipiell nicht. Duerfte man Schulden vererben mit der Massgabe, dass die Erben diese begleichen muessten, waere Staat und Privathaushalt etwas aehnliches, da das aber nicht moeglich ist, haben wir unterschiedliche Objekte. Und glauben Sie mir, Paul de Grauwe und Paul Krugman sind uns interlektuell einiges voraus. Oekonomie ist auch nichts fuer Amateure, und von solchen werden wir regiert, oder genauer von einem Juristen, einer Physikerin und einem Arzt. Das sind nicht die besten Voraussetzungen.

  7. Also was ist das denn fuer eine irre Wirtschaftstheorie? Wuerden Sie Ihre Theorie in Gleichungen niederschreiben, wuerden Sie schnell feststellen, dass das grober Unfug ist. Natuerlich muss der Konsument alles zahlen, wer auch sonst? Etwa ein Marsmaennchen? Aber wer sind denn die Konsumenten? Natuerlich alle lebenden Individuen, also inklusive aller Superreichen. Ich will damit keinesfalls die Vermoegens- und Einkommensverteilung in DE verteidigen, aber wenn man kritisiert muss das auch Hand und Fuss haben und nicht einfach aus dem hohlen Bauch argumentiert werden. Rein historisch ist die These schon falsch oder glauben Sie ernsthaft, die DM ist entstanden, weil sich jemand -ja was eigentlich, wenn es keine DM gab-leihen wollte. Was Sie meinen, ist die Geldschoepfung der Banken, die man aber auch, wenn man wollte jederzeit beschraenken koennte, aber die Geldmenge muss steigen, denn ansonsten droht eine Deflation, und dass ist das worst-case Szenario einer Oekonomie. Natuerlich kann man streiten, ob die Wachstumsrate der Geldmenge zu hoch ist, aber das ist dann auch schon. Und was Ihre Theorie voellig irgnoriert ist, reale Investitionen werfen einen Zins in Form von Guetern ab, und aus dem Verkauf der Gueter werden die Profite, Zinsen und Loehne finanziert. Und aus dem Zins-, Lohn- und Profiteinkommen werden die Kaeufe finanziert. Das ganze nennt man Kreislaufmodell und wurde schon glaube ich in seinen Grundzuegen von Quesnay 1758 ("Tableau économique" ) niedergeschrieben.

    Antwort auf "Teil I"
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    "Wuerden Sie Ihre Theorie in Gleichungen niederschreiben, wuerden Sie schnell feststellen, dass das grober Unfug ist."

    Versuchen Sie es, dann werden Sie sehen, dass ich recht habe.

    [atuerlich muss der Konsument alles zahlen, wer auch sonst? [...]Aber wer sind denn die Konsumenten?]

    Und jeder gibt etwa das aus, was er auch einnimmt? Der mit geringem Lohn, kann ohne Unterstützung nicht konsumieren - obwohl er einen Bedarf hat. Der Mittelstand hält sich in Waage. Die die mehr einnehmen als ausgeben, haben zwar die Kaufkraft, aber nicht den Bedarf.

    Und jetzt denken Sie mal scharf nach (wenn unser Geld aus einem Kredit, welcher mit Zinsen versehen wird, entsteht).

    So lange ein bestimmtes Wachstum durch Nachfrage generiert werden kann, vergeben die Banken gerne Kredite, die Unternehmen nehmen mehr Schulden auf. Der Staat bekommt mehr Einnahmen und gibt es für Soziales, etc. aus.

    BIS:

    Ja, wenn das Wachstum in der Nachfrage nicht im hohem Maße generiert werden kann. Die Lasten der auseinnanderdriftenden Vermögensverteilung treten auf den Finanz- und Realmarkt ein. Kaum einer nimmt neue Kredite auf, die aber bedient werden müssen. Diese fressen an der Einnahmeseite der Unternehmen.

    Die Unternehmen versuchen diese Entwicklung durch Kostensenkung (Abbau der Kapazitäten, Lohnsenkung, etc.) es auszugleichen.

    Und in diesem Fall, kann nur noch der Staat durch Überschuldung positive Impulse abgeben - bis der Staat selbst überschuldet ist.

    • Cindri
    • 27. Februar 2013 14:58 Uhr

    Ihrem Kommentar, es spiele eine große Rolle, wofür man sich verschuldet, stimme ich zu. Ich möchte allerdings anmerken, dass es in unsererm pervertierten Kapitalismus der Euro-Zone geradezu systemrelevant ist, nicht nur für hohe Investitionen, sondern auch für hohen Konsum zu sorgen. Hoher Konsum auf Kredit spielt eine Schlüsselrolle zum Erreichen guten "Wachstums". Die Einführung des Euros ebnete dafür besonders in den Südländern den Weg. Auf einmal konnte sich jeder kreditfinanziert Dinge leisten, von denen man früher nur träumen konnte. Genau diese immense Nachfrage im Konsumbereich, Kostendeckung hin oder her, braucht doch eine nicht-nachhaltige, kurzfristig ausgerichtete Gewinnwirtschaft im Gegensatz zu einer Lohnwirtschaft, wie ein Vorkommentator treffend analysierte. Wohin diese führt scheint egal zu sein. Traurigerweise scheint es so, dass man fast schon verschuldet sein MUSS, um zu den "reichen" Ländern der Welt zu gehören. Ein Blick auf diese Karte lässt einiges erkennen: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dette_publique2011.jpg

    Länder, die nicht über ihre Verhältnisse leben, gelten gemeinhin als arm. Irgendwie seltsam, nicht? Betrachtet man z.B. Russland, erkennt man, dass dessen Staatsschulden im Jahr 2011 irgendwo zwischen 10 und 20% des BIP liegen. Russland als reiches Land zu bezeichnen, in welchem es den Leuten gut geht, wäre töricht. Fazit: Wer nicht über seine Verhältnisse lebt (= konsumiert, nicht investiert), ist arm. Italien hat das verstanden... ??

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