WirtschaftswachstumDie Notenpresse ist Japans letzte Chance
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Inflation, für Japan ein bislang unbekanntes Problem

Doch die extrem lockere Geld- und Ausgabenpolitik könnte die Probleme Japans auch verschlimmern. Ein Grund ist die Inflation selbst. Seit mehr als 20 Jahren plagt sich Japan mit Deflation: Die Güterpreise sinken – und genau das erwarten auch die Konsumenten. Das hemmt die Investitions- und Konsumbereitschaft.

Eine mögliche Inflation könnte die Kaufkraft allerdings mindern: Das Lohnniveau ist in Japan zuletzt gefallen, die Bürger können weniger Geld ausgeben. Zudem überaltert die Gesellschaft – und die älteren Menschen leben nur von Pensionen. Sie fürchten höhere Preise.

"Es ist unvermeidlich, dass die Lage durch steigende Preise zunächst schwieriger wird", sagt Kazuo Endo von Nippon Keidanren, Japans mächtigster Wirtschaftslobby. "Wenn die Inflationsrate vorsichtig angehoben wird, tut es aber dem Geschäftsklima gut und Unternehmen werden wieder mehr einstellen." Dass eine Inflationsrate von zwei Prozent aber definitiv positiv für Japan sei, hänge vom Yen ab. "Grundsätzlich unterstützen wir die Politik. Aber wenn der Yen dadurch zu schwach wird, werden wir in der Zukunft teurer importieren müssen."

Das könnte etwa den Energiesektor belasten. Nach dem Atomunglück in Fukushima vor knapp zwei Jahren wurden fast alle Reaktoren heruntergefahren. Nun muss das ohnehin ressourcenarme Land massiv Gas und Öl importieren – ein Grund, warum Japans Handelsdefizit im vergangenen Jahr einen Rekordwert erreicht hat. Mehrere Wirtschaftsvertreter, darunter die Firmenchefs von Toshiba und dem Baumaschinenhersteller Komatsu, haben daher gewarnt, dass ein allzu schwacher Yen gefährlich sein könnte. Einige Mitglieder der Regierung haben ähnliche Bedenken geäußert.

Riskant hohe Schuldenlast

Riskant ist auch Japans weltweit beispiellose Schuldenlast. Sie beträgt rund 240 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Schon im neuen Haushalt ist der Schuldendienst mit 24 Prozent der zweitgrößte Ausgabenposten. Angesichts des jüngsten Konjunkturprogramms wird die Last in Zukunft wohl steigen. Die Regierung will zwar vor allem in Infrastruktur in den Regionen investieren, die der Tsunami zerstört hat. Und ein weiterer Teil soll innovative Geschäftsideen unterstützen. Aber die Gefahr, dass das Geld nach einem kurzfristigen Bauboom einfach verpufft, ist groß. "Inflation und Geld ausgeben allein hilft nicht", warnt der Ökonomieprofessor Naoyuki Yoshino, der auch Shinzo Abe wirtschaftspolitisch berät. "Wir müssen dringend Strukturreformen durchführen, insbesondere im Bezug auf die alternde Bevölkerung."

Yoshino plädiert vor allem für eine Arbeitsmarkt- und Rentenreform. Schon heute ist ein Viertel aller Japaner im Rentenalter, jedes Jahr werden es mehr. Die arbeitende Bevölkerung dagegen schrumpft seit 15 Jahren. "Wir müssen das Rentenalter anheben, um die Älteren wieder in den regulären Arbeitsmarkt zu integrieren", sagt er. Damit die Wirtschaftslobby mitmache, müssten Gehälter sich an der Produktivität orientieren nicht am Dienstalter.

Vergleicht man das Wirtschaftswachstum pro Kopf mit dem anderer Industrienationen, dann ist Japan in den vergangenen zwanzig Jahren kaum weniger gewachsen als andere Industrienationen. Japans Stagnation hängt also stark mit dem Schrumpfen der arbeitenden Bevölkerung zusammen. "Nur wenn wir es schaffen, mehr Menschen in den Arbeitsmarkt einzugliedern, wird uns lockeres Geld und ein weiterer Stimulus helfen", erwartet Yoshino.

Immerhin bestehen Chancen, dass die Regierung die seit Jahren fälligen Strukturreformen endlich anpackt. Denn seit Shinzo Abe der japanischen Notenbank den Entzug ihrer gesetzlichen Unabhängigkeit angedroht hat, falls sie seinen Wünschen nicht folge, bleiben der Regierung kaum noch Ausreden für politisches Scheitern. "Es stimmt, die Regierung steht jetzt unter verstärktem Druck", sagt Yoshino.

Es ist die Angst vor dem Komplettabsturz Japans. Sollten die Reformen ausbleiben, würden nicht nur Unsummen an Geld verpuffen, sondern auch womöglich 15 weitere Jahre Stagnation folgen. Yoshino ist sicher, dass eine Schuldenkrise dann nur eine Frage der Zeit wäre.
 

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Leserkommentare
  1. Seien wir ehrlich.Die Welt befindet sich in einem Währungskrieg ungekannten Ausmasses.Nachdem die FED den ersten Schuss abgefeuert hat,haben die EZB,die BoE und die Schweizer Nationalbank aus allen Röhren geschossen.Jetzt die BoJ (Bank of Japan) geht auf Kamikaze-Modus über.

    Die Notenpressen spucken Papier wie Irre,irgendwann wird anstatt Papier Blei gespuckt,fürchte ich.

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  2. Dann ist Schluss und es wird Tabula rasa gemacht.

    Für die klugen Japaner ist es bis dahin natürlich wichtig, dass sie möglichst viel Buchgeld in Sachwerte verwandeln:

    http://portal.wko.at/wk/f...

    Es ist wichtig, dass rechtzeitig vor der Katastrophe das Problem weltweit gestreut wird.

    Noch wird der Yen mit Handkuss genommen. Diejenigen, die im falschen Moment darauf sitzen bleiben, werden womöglich pleite sein.

    Wir können nur hoffen, dass diese Personen bzw. Unternehmen nicht systemrelevant genug sind, damit für sie Rettungsschirme aufgespannt werden müssen.

    • pitgis
    • 01. Februar 2013 22:28 Uhr

    In dem befinden wir uns schon immer, da es weltweit immer eine dominante Währung gibt, mit der das gerade herrschende Imperium versucht Vorteile für sich heraus zu schlagen. Früher waren es die Engländer mit dem Pfund-Sterling und dem Goldstandard. Danach kamen eben die USA. Das interessante finde ich ist, dass wir mittlerweile ein Währungssystem haben, das nur noch auf Schuldscheinen und Versprechungen beruht und trotzdem noch funktioniert. Das derzeitige Problem ist nur - identisch zu Japan - dass sich die Guthaben bei nahezu exponentiellem Geldmengenwachstum immer mehr konzentrieren während der Rest sich via Staatsverschuldung in die Sackgasse manövriert. Das scheinen mittlerweile sogar japanische Politiker bemerkt zu haben. Nun gibt es also einen Versuch die Insolvenzverschleppung der japanischen Bankenwirtschaft mittels Inflationierung - sprich Umverteilung des neu geschaffenen Geldes - zu beenden. Nach immerhin 20 Jahren. Bravo! Wann wird das auch Frau Merkel verstehen? Wenn die Akropolis brennt? Oder das Brandenburger Tor? Die PIIGS-Bürger sind jedenfalls überraschend leidensfähig! Wozu? Das wissen nur die Götter...

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  3. Jeder versucht seine Währung zu drücken, die Briten, die Japaner und die USA (und damit auch das an den Dollar gekoppelte China). Das zwingt den Euro immer mehr zum Steigen, was leider unsere Konkurrenzfähigkeit im Export reduziert.

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    Wenn der EURO durch den Abfall anderer bedeutsamer Währungen ansteigt, wird der Druck zunehmen, ebenfalls eine lockere Gelpolitik zu betreiben. Das widerum verführt Politiker die Schuldenbremse zu lockern.

    Letzendlich führt das politische Eingreifen zu "gleichen Währungen"; Wasser kann auch nicht punktuell in einem Trinkglas wärmer sein, als die Umgebung - es passt sich dem Umfeld an. Wenn vergleicbare Staaten in einem Wirtschaftsverbund Ihre Währungen ändern, zieht es automatisch ein Verhalten nach.

    Japans Deflationswelle führt später zu einem Inflationsschub. Konservative Geldsparer a la Sparkasse und Co. werden die eigentliche Last tragen, da ihr Geld an Kaufkraft verliert.

    • rjmaris
    • 01. Februar 2013 23:42 Uhr

    Achtung, Inflationsgefahr in Japan:

    "Forscher haben die Geschichte der Hyperinflation untersucht. Ihr Fazit: Nicht freigiebige Zentralbanken lösen Preisexplosionen aus, sondern nur die Politik."

    http://www.zeit.de/wirtsc...

    • Xdenker
    • 02. Februar 2013 0:26 Uhr

    Was die Entwicklung des BIP pro Kopf angeht, muss sich Japan nicht hinter den übrigen entwickelten Industrieländern verstecken. Außerdem ist es das Land mit dem absolut gesehen höchsten Nettoauslandsvermögen.

    Das alles passiert, wenn eine alternde schrumpfende Gesellschaft hoch produktiv wirtschaftet. Dann kommt sie, dem Bevölkerungsschwund entsprechend, mit immer weniger Beschäftigten aus und produziert dennoch erheblich mehr, als sie selbst verbrauchen kann. Das Geld wird dann im Ausland angelegt oder dem eigenen Staat geliehen.

    So lange der Staat schön brav die ihm von seinen Bürgern angedienten Kredite bedient und in seiner Finanzierung nicht von ausländischen Geldgebern abhängt und unter Druck gesetzt werden kann, kann es den Japanern auch relativ egal sein, wieviel Geld seiner Bürger er quasi als eine Art Sparkasse ertragbringend für sie "verwaltet".

    Dass der JPY aufgrund der hohen Produkivität der japanischen Wirtschaft stark ist, was wiederum den Export dämpfen und den Import fördern kann, entspricht ebenfalls der wirtschaftlichen Logik. Und dass dann ggf. eine Regierung Maßnahmen ergreift, welche die Wechselkurse drücken, ist auch nicht ungewöhnlich.

    Japan ist m.E durchaus in keiner ökonomisch kritischen Situation, der Wohlstand der Japaner ist nicht gefährdet. Allerdings muss Japans Bedeutung in der Welt allein aufgrund seiner demographischen Entwicklung zwangsläufig abnehmen. Ich halte es daher für nachvollziehbar, dass es nun mehr für seine Sicherheit tut.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Danke, die Redaktion/jp

  4. Was viele bei "ökonomischen" Aktivitäten nicht verstehen, ist, dass es (wie beim Sex) auf die (gute) Intention ankommt.

    In diesem Sinn ist Japan ziemlich oben (im Gegensatz zu sagen wir mal (ich schweige lieber)).

    Ich habe in meiner Diplomarbeit an der Rheinischen Friedrich Wilhelmsuniversität Bonn über "Die außenwirtschaftliche Abhängigkeit der Geldpolitik der Bundesrepublik Deutschland von 1974-1983" bei einem Theorie-Professor ein sog. Irrelevanztheorem ausgerechnet. War nicht ganz einfach, mußte mich erst krankmelden und einen (untauglichen) Psychoanalyseversuch starten. Aber ich hab die Arbeit abgegeben.

    Das war ziemlich kompliziert, man kann Studenten mit einfacheren ökonomischen Gleichungen schnell zur Verzweiflung bringen, wenn sie die verstehen müssen, bei dem Versuch eine einfache mathematische Transformation durchzuführen.

    Natürlich ist das nicht irrelevant, ich wollte eigentlich nur ausdrücken, dass es mehr darauf ankommt w a s mit Geld gemacht wird, als wieviel (und eben mit welcher Absicht.

    Das ist das Gegenteil von irrelevant.

  5. Bzgl. Japan (die schönsten Geräte, die ich besitze kommen daher (vermutlich, man weiß das heute nie ganz sicher, insbesondere ein sehr schönes Feuerzeug (auf jeden Fall aus Asien), möchte ich auf meinen Beitrag zur "Arabellion" hinweisen, wo ich versuchte, zu erklären, dass man die Araber mittels sehr schwer zu durchschaubarer "Informationstechnik" sowie der primitiven Intrige, das Volk gegen die recht weisen Herrscher mittels "Bestechung" aufzuhetzen.

    Ich argumentierte, dass das blinde, rücksichtslose und immense Kollateralschäden in Kauf nehmende Rache war, die zwar verständlich, aber letztlich nicht ganz wirklich schlau ist.

    Japan hat ähnliches erlebt (Abwurf der Atombombe auf Hiroshima, weit schlimmer, sozusagen unglaublich brutal).

    Dafür gilt die gleiche Beurteilung.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Shinzo Abe | Japan | Canon | Deflation | Inflation | Nintendo
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