WachstumskritikWeniger Arbeiten hilft dem Klima

Der Ökonom David Rosnick belebt mit einer neuen Studie eine alte These: Wenn wir weniger arbeiten, können wir die Erderwärmung bremsen. von 

Klimafreundliches Freizeitvergnügen: Kinder radeln auf dem Tempelhofer Feld in Berlin (Archiv).

Klimafreundliches Freizeitvergnügen: Kinder radeln auf dem Tempelhofer Feld in Berlin (Archiv).  |  © Sean Gallup/Getty Images

Frustrierte Arbeitnehmer und alle, die von mehr Freizeit träumen, werden diese Studie lieben. Ihr Autor, der Ökonom David Rosnick behauptet: Wir könnten die Erderwärmung auch dadurch bremsen, indem wir alle ein bisschen weniger arbeiten. Das klappt natürlich nur dann, wenn wir die freie Zeit nicht für Flugreisen oder ausgedehnte Shoppingtouren nutzen.

Reduced Work Hours as a Means of Slowing Climate Change heißt Rosnicks Studie, die er für das Center for Economic and Policy Research (CEPR) verfasst hat, einer Denkfabrik in Washington. Der grundsätzliche Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Klima, den Rosnick in der Studie aufgreift, ist dabei nicht neu. Schon vor sieben Jahren hat er ihn in einem Papier zusammen mit seinem Kollegen Mark Weisbrot beschrieben. Nun versucht Rosnick den Effekt erstmals zu beziffern.

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Die Gleichung ist im ersten Schritt schlicht: Weniger Arbeit bedeutet weniger Energieverbrauch, und das wiederum bremst den Klimawandel. Andere Wissenschaftler kamen zu ähnlichen Ergebnissen, argumentieren aber grundsätzlicher. Wenn die durchschnittliche Arbeitszeit sinkt, wird weniger produziert, die Konsumgewohnheiten verändern sich, schrieben sie. Vereinfacht gesagt: Weniger Arbeit bremst das Wachstum – und das hilft auch der Umwelt.

Die Details sind freilich kompliziert. Es sei noch ungeklärt, wie Arbeit, Wachstum und Klima genau zusammenhingen, schreibt Rosnick nun. Und natürlich könne niemand exakt im Voraus sagen, wie das Klima auf eine genau bemessene Änderung des weltweiten Treibhausgas-Ausstoßes reagiere. Dennoch hat Rosnick grob überschlagen, wie sehr die Erderwärmung durch kürzere Arbeitszeiten gebremst würde. Als Grundlage für seine Berechnungen dienten dem Ökonomen und Informatiker Szenarien des International Panel on Climate Change.

In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Sein zentrales Ergebnis: Sinkt die Arbeitszeit bis zum Jahr 2100 jährlich um 0,5 Prozent – etwa durch längere Urlaubs- und kürzere Wochenarbeitszeiten – , könnte das maximal die Hälfte genau jener zusätzlichen Erwärmung verhindern, die sich ohnehin schon vollzieht – eben weil bereits Treibhausgase in der Atmosphäre sind. Ganz unabhängig von der Frage, wie exakt solche Zahlen sein können, ist die Botschaft klar: Eine Arbeitszeitreduktion hätte spürbare Effekte für das Klima.

Das mag wie eine banale Erkenntnis scheinen. Aber Rosnick verquickt sie mit einer viel tiefer gehenden Debatte. Er fragt in seiner Studie auch, in welcher Art von Gesellschaft wir leben wollen: In einem auf Arbeit und Konsum ausgerichteten Land wie den USA? Oder lieber in einem Land, in dem das Bruttoinlandsprodukt nicht so stark wächst, die Bürger aber Lebensqualität aus nicht-materiellen Dingen schöpfen – beispielsweise aus mehr Freizeit? Europa dient ihm da, etwas pauschal, als Vorbild.

Alexandra Endres
Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Es geht ihm also auch um Konsumverzicht und Wachstumskritk. Themen also, die vor allem in den entwickelten Ländern ihre Berechtigung haben. Aber auch Entwicklungsländer stünden irgendwann vor dieser Entscheidung: "Wie viel der Produktivitätsgewinne fließt in höheren Konsum, wie viel in die Reduktion von Arbeitszeit?"

Ganz nebenbei bringt Rosnick auch noch einen sozialpolitischen Appell in seiner Studie unter. In sehr ungleichen Gesellschaften sei es sehr schwer, die Arbeitszeit allgemein zu reduzieren. Als Beispiel dienen ihm die USA, wo zwischen 1973 bis 2007 das reichste Prozent aller Haushalte fast zwei Drittel der Einkommenszuwächse für sich vereinnahmt hätten. In einer solchen Volkswirtschaft müsste die Mehrheit der Arbeiter einen niedrigeren Lebensstandard in Kauf nehmen, wenn sie weniger arbeiten würde, schreibt er.

Ärmer werden für das Klima – das kann auch keine Lösung sein. Rosnick nimmt in seiner Studie einfach an, dass künftige Produktivitätsgewinne auch der breiten Masse zugute kommen. Jenseits aller Modellrechnungen steckt hinter seiner Studie das Ideal einer egalitären, umweltfreundlichen Postwachstumsgesellschaft. Es ist ein Ideal, von dem – trotz aller wachstumskritischen Debatten etwa in Deutschland – auch Europa noch weit entfernt ist.

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Leserkommentare
    • Xdenker
    • 07. Februar 2013 13:42 Uhr

    Bei was?

  1. das Buch von Erich Fromm - Haben oder Sein.

    Und hier paar Zitate:

    "Der Konsumideologie liegt der Wunsch zugrunde, die ganze Welt zu verschlingen, der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit."

    "Die Askese mit ihrem ständigen Kreisen um Verzicht und Entsagen ist möglicherweise nur die Kehrseite eines heftigen Verlangens nach Besitz und Konsum. "

    "In der Existenzweise des Habens findet der Mensch sein Glück in der Überlegenheit gegenüber anderen, in seinem Machtbewußtsein und in letzter Konsequenz in seiner Fähigkeit, zu erobern, zu rauben und zu töten. In der Existenzweise des Seins liegt es im Lieben, Teilen, Geben."

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und zwar schon in der 10. Klasse. Wenn die Kinder erst BWL studieren, sind sie eh nicht mehr empfänglich für solche Weisheiten. Das Buch von Erich Fromm ist eine Offenbarung. Seine "Kunst des Liebens" nicht ohne Grund ein Evergreen. Er ist bloß nicht mehr in Mode.

  2. 19. Logik?

    Bessere Verteilung gleicht den Einkommensverlust aus
    - statistisch ja, individuell aber fraglich
    geringere Arbeitszeit
    - Warum, die Arbeitszeit bleibt doch gleich und wird nur anders verteilt?
    und deshalb geringere Produktion
    - also insgesamt geringere Wertschöpfung - woher kommt dann das ausgeglichene Einkommen?
    Konsumgewohnheiten ändern sich?
    - konsumiert eine Gruppe Menschen grundsätzlich weniger, wenn bei gleichem Gruppeneinkommen die Arbeit anders verteilt wird?

    Dem Klima am nützlichsten wäre es sicher, gar nicht zu existieren. Vielleicht sollten wir losen?

    3 Leserempfehlungen
  3. >> Weniger Arbeiten hilft dem Klima <<

    ... Schritt wäre mehr Vertrauen in die Mitarbeiter.

    Führungskräfte sind immer noch darauf gepolt, ihre Schäflein um sich zu scharen. Dabei ließe sich ein beachtlicher Anteil der Bürotätigkeiten ebenso gut von zu Hause aus erledigen.

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  4. too young - to stupid - too old.
    Was auf Individuen nicht selten zutrifft, passt leider häufig auf Politiker. Und wenn sie dann alt klug und weise sind wie Helmut Schmidt, dann sind war alle nett zu ihnen, aber machen tun sie doch, was sie wollen...

  5. "Man kann sich vorstellen, daß viele diesen Lebensbedingungen
    nachtrauern, verbunden mit Reisefreiheit hätte man doch damit leben können."

    Natürlich ist die Trauer groß, wenn es immer heißt, "damals haben wir viel mehr zusammengehalten", ist genau das sozialistisch saufende Kollektiv gemeint. Meist auf dem Niveau eines Kleingartenvereins, aber so war ja der Sozialismus, ein großer Kleingarten mit Gartenzwergen und dem sozialistischen Vereinsvorsitzenden Erich dem Honecker.
    Es hält sich hartnäckig das Gerücht, die DDR-Bürger hätten Freiheit gewollt. Nein, sie wollten Reisefreiheit. Inzwischen hat das demokratische Westvolk aufgeholt, in Umfragen rangiert längst die Gleichheit vor der Freiheit. Das nennen die Progressiven Fortschritt, sie schreiten von der Freiheit fort. Ökologie ist eine wunderbare Gelegenheit, den Menschheitstraum vom Kommunismus zum ruhmreichen Ende zu führen. Wenn ein DDR-Schüler seinen Staatsbürgerkundelehrer naiv fragte, was denn nach dem Kommunismus käme, wurde er streng zurechtgewiesen: Der Kommunismus ist das Himmelreich auf Erden, das Ende der Geschichte, danach kommt nichts mehr! Wenn heute ein demokratischer Schüler seinen Gesellschaftskundelehrer fragt, was denn nach der Demokratie kommt… Ach nein, das führe ich nicht aus, ein paar Denkverbote sollten schon bleiben.

    2 Leserempfehlungen
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    <<< Inzwischen hat das demokratische Westvolk aufgeholt, in Umfragen rangiert längst die Gleichheit vor der Freiheit. Das nennen die Progressiven Fortschritt, sie schreiten von der Freiheit fort. <<<

    Die Frage ist, was ist Freiheit, was zeichnet sie aus.
    Die bürgerliche Freiheit, ist ja vorallem die, des Eigentums und des Rechts, sich die Leistung anderer anzueignen; sofern dies auf "freiwilliger"* Basis bzw. "legal" stattfindet. Die Freiheit als Recht sich auf Kosten anderer zu bereichern.

    Die tatsächliche Freiheit des Individums, die für alle(!) theoretisch wie praktisch gilt, setzt Gleichheit voraus; sowohl rechtlich wie wirtschaftlich.
    Es sind keine Gegensätze sondern 2 Seiten derselben Medaille.

    * "Freiwillig" arbeitet der Plantagenarbeiter für einen Hungerlohn; wenn die Alternative dazu, verhungern ist.

  6. und zwar schon in der 10. Klasse. Wenn die Kinder erst BWL studieren, sind sie eh nicht mehr empfänglich für solche Weisheiten. Das Buch von Erich Fromm ist eine Offenbarung. Seine "Kunst des Liebens" nicht ohne Grund ein Evergreen. Er ist bloß nicht mehr in Mode.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Hier empfehle ich"
    • Halapp
    • 07. Februar 2013 14:04 Uhr
    Antwort auf "Ein erster ..."

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Klima | Energieverbrauch | Arbeitszeit | Freizeit | Konsum | Studie
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