Leserartikel

LandwirtschaftBauer werden für besseres Essen

Industrielle Landwirtschaft und Lebensmittelskandale hatte Leser T. Trueblood satt. Er übernahm einen Bauernhof in Frankreich. Zwei Initiativen unterstützen ihn dabei. von Thomas Trueblood

Die Ziegen auf dem Hof in Bresse

Die Ziegen auf dem Hof in Bresse  |  © Thomas Trueblood

Nach jedem Lebensmittelskandal ist die öffentliche Empörung groß. Von vielen Konsumenten wird das betroffene Produkt einige Wochen gemieden – und dann geht alles weiter wie gewohnt. Verbraucher die möchten, dass sich wirklich etwas ändert, können sich der Landwirtschaft zuwenden, als Kunden oder als Produzenten. Den zweiten Weg habe ich beschritten.

Vor zehn Jahren ging ich nach Frankreich und sammelte Erfahrungen in der Landwirtschaft. Seit 2009 bin ich an einem Hof in der Bresse beteiligt, einer ländlichen Gegend nördlich von Lyon. Zu dritt bewirtschaften wir 40 Hektar, bauen Gemüse an, halten Schafe und Ziegen. Wir sind weder auf einem Bauernhof noch überhaupt auf dem Land aufgewachsen. Leute wie un, die dennoch Höfe gründen, nennen die Franzosen Neorural. In Deutschland haben solche Projekte unter dem Begriff Solidarische Landwirtschaft bereits Auszeichnungen erhalten.

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Zwei Initiativen ist die Existenz unseres Hofes zu verdanken. Zum einen Terre de Liens: Die französische Bewegung kauft Höfe und verpachtet sie an junge Landwirte. Die Bauern haben zur Auflage, biologisch und nachhaltig zu wirtschaften sowie die Landschaft zu pflegen. Terre de Liens finanziert sich über Spenden und den Verkauf von solidarischen Aktien. Die Teilhaber legen ihr Geld für fünf Jahre fest, bekommen aber keine Zinsen. Die Bewegung hat auf diese Weise an die 100 Höfe gekauft.

Jedes Jahr verschwinden in Frankreich hunderte Bauernhöfe. Das ist in anderen europäischen Ländern ähnlich. Die bleibenden Höfe werden immer größer. Seit 2001 ist in Frankreich einer von vier Höfen verschwunden und die durchschnittliche Hofgröße um 30 Prozent angestiegen. Terre de Liens will diese Entwicklung bremsen. Die Bewegung entzieht Höfe der Bodenspekulation, begleitet sie bei der Übergabe an die nächste Generation und hilft, sie langfristig zu bewahren.

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Die zweite Initiative, die unseren Hof trägt, heißt AMAP. Das französische Akronym bedeutet auf Deutsch "Verein zu Unterstützung einer bäuerlichen Landwirtschaft". Eine AMAP vereint Kunden und Landwirte. Die Kunden verpflichten sich für ein Jahr einen Teil der Ernte zu kaufen. Meist ist das eine wöchentliche Gemüsekiste. Bezahlt wird im Voraus. Der Landwirt verpflichtet sich im Gegenzug auf eine nachhaltige Wirtschaftsweise. Wir haben nach einem halben Jahr Vorlaufzeit eine AMAP mit 50 Abonnenten gründen können. Unser Betrieb ist einer von über 1.200 in ganz Frankreich, die insgesamt über 50.000 Haushalte beliefern.

In den kommenden Jahren wollen wir unseren festen Kundenstamm weiter ausbauen. Außerdem suchen wir bald nach neuen Mitstreitern. Unser Ziel ist, den Hof weiter zu vervielfältigen, Obst, Getreide und Eier zu produzieren oder Bienen zu halten.

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Leserkommentare
    • truetom
    • 23. Februar 2013 18:01 Uhr

    Ich lebe ja nicht nur von den 40 Familien, das macht einen kleinen Teil des Umsatzes ist aber ein Standbein am Anfang. Es gibt durchhaus amaps mit hunderten von Abonnenten.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ein zentraler Punkt"
  1. Mit 1 ha kann man 4 Menschen ernähren. Die Fläche in Deutschland würde somit locker genügen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ein heres Ziel aber"
    • TDU
    • 23. Februar 2013 15:41 Uhr

    Deutschland ist auch für möglichst viel Naturschutzgebiete. Urbanes Leben, Bioversorgung, Naturschutzgebiete, Biosprit. Andere Länder merken eben und akzeptieren, dass man nicht alles 100% haben kann. Also viel Glück und gutes Gelingen.

    Und selbst wenn sie nicht viel ändern. Sie leben gesund, bleiben es und werden vielleicht alt und grau und haben möglicherweise einigen Mut und Beispiel gegeben.

    Eigentlich viel, aber in Deutschland natürlich, im Hinblick auf die Verbesserung der ganzen Welt, viel zu wenig.

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  2. " Unser Betrieb ist einer von über 1.200 in ganz Frankreich, die insgesamt über 50.000 Haushalte beliefern."

    Ich will etwas Wass in den Wein schütten und nach den Grenzen des Machbaren fragen.

    Ein Betrieb beliefert runtergerechnet 42 Haushalte oder ca 120-150 Personen.

    Für 80 Millionen Personen oder 20 Millionen Haushalte ausgelegt braucht man also mehr als 475.000 Höfe nur für Deutschland.

    Aus dem Artikel geht nicht hervor, wieviel Fläche die 1.200 Höfe bewirtschaften müssen. Eine Frage wäre wieviel braucht man für mehr als 475.000 Höfe oder 20 Millionen Haushalte?

    Ansonsten: ein ehrlich gemeintes alle gute und viel Erfolg.

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    • truetom
    • 23. Februar 2013 18:01 Uhr

    Ich lebe ja nicht nur von den 40 Familien, das macht einen kleinen Teil des Umsatzes ist aber ein Standbein am Anfang. Es gibt durchhaus amaps mit hunderten von Abonnenten.

  3. Im März 2011 gründete sich die Bundesorganisation Solidarische Landwirtschaft zur Unterstützung des Wunsches nach Bio Fair und Transparenz Landwirtschaft. Damals waren es ganze vier Höfe. Heute sind es ca. 60 Initiativen. Wer einen Hof sucht, sei es als Bauer oder Verbraucher, kann sich hier im Internet schlau machen:

    http://www.entrup119.de/m...

    http://www.facebook.com/s...

    http://www.solidarische-l...

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    • gw1200
    • 26. Februar 2013 15:54 Uhr

    Die Bewirtschaftung von 40 Hektar mit 3 Personen ist ja ganz nett aber wieviele Menschen können damit ernährt werden? Und ich meine jetzt nicht beliefert sondern komplett abgedeckt mit landwirtschaftlichen Produkten. Es ist mir klar, dass ein Hof nicht alles produziert aber man kann zumindestens hochrechnen. Spätestens dann wird einem klar, dass der Ansatz nur eine Utopie ist.
    Außerdem ist es ein Fehlurteil, industrielle Landwirtschaft zu verteufeln. Schlechte Qualität gibt's auch auf kleinen Höfen.

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    • truetom
    • 26. Februar 2013 21:12 Uhr

    Es gibt niemanden unteren unseren Kunden, deren Lebensmittelbedarf wir komplett abdecken, warum auch wir bauen weder Bananen noch Kaffee an. Das ist auch nicht der Anspruch, sondern nachhaltige und vielfältige Landwirtschaft betreiben, die auch produktiv ist und im direkten Kontakt mit dem Konsumenten. In Deutschland gibt es auch immer mehr deartige Projekte, siehe Kommentar 5, utopisch vielleicht aber auch konkret und zum anfassen.

    Mit 1 ha kann man 4 Menschen ernähren. Die Fläche in Deutschland würde somit locker genügen.

    • truetom
    • 26. Februar 2013 21:12 Uhr

    Es gibt niemanden unteren unseren Kunden, deren Lebensmittelbedarf wir komplett abdecken, warum auch wir bauen weder Bananen noch Kaffee an. Das ist auch nicht der Anspruch, sondern nachhaltige und vielfältige Landwirtschaft betreiben, die auch produktiv ist und im direkten Kontakt mit dem Konsumenten. In Deutschland gibt es auch immer mehr deartige Projekte, siehe Kommentar 5, utopisch vielleicht aber auch konkret und zum anfassen.

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    Antwort auf "Ein heres Ziel aber"
  4. Ich finde den Ansatz sehr gut. Und eigentlich sollte es viel mehr davon geben. Wir im Einklang mit der Natur und nicht mit brachialer Gewalt dagegen.

    Wenn wir nur soviel produzieren wie wir brauchen und uns mit dem begnügen, was das Land hergibt (also BioHaltung und schonende Resourcennutzung und nicht jeden Tag Steak mit Pommes), dann würden wir alle satt werden, gesund leben und vielleicht am Ende glücklich sein.

    Aber damit wird sich der Homo Economicus kaum zufrieden geben und so bleibt es ein Traum. Wie oft sehe ich Kollegen völlig unbedacht zu Mittag essen. Hauptsache billig...

    Ihnen, Thomas Trueblood, wünsche ich alles Gute und viel Erfolg weiterhin. Und wer weiß, vielleicht irre ich mich ja, zu wünschen wäre es.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte UN | Aktie | Auszeichnung | Biene | Ernte | Frankreich
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