Dharmendra Sulbhewar hat aufgehört, sich zu wundern. Dass sich auf der Haut von Neugeborenen rote Ezkzeme bilden, gehört für den Arzt fast zur gewöhnlichen Entwicklung von Kleinkindern. 70 Prozent der Babys in Chandrapur leiden unter der Krankheit, schätzt Sulbhewar. Meistens dauert es mehrere Wochen, bis der Ausschlag verschwindet.

Das Krankenhaus, in dem der Mediziner arbeitet, steht in einem gewaltigen Industriegebiet in einer der schmutzigsten Städte in ganz Indien, in Chandrapur, einer Stadt mit rund 350.000 Einwohnern in der Mitte des Landes. Draußen, vor den Fenstern des Hospitals, produzieren Tausende Arbeiter jeden Tag Tonnen von Papier und Zement. Die Schlote mehrerer Kohlekraftwerke sind gleich um die Ecke. Sie blasen giftige Asche in die Luft.

Wenn Besucher kommen, erzählt Sulbhewar von einem Experiment, das er vor einiger Zeit gemacht hat. Der Arzt hatte eine eingeölte Visitenkarte vor das Krankenhaus gelegt, einen Tag lang. Als er das Stück Papier abends wieder einsammelte, war es komplett schwarz. "Die Babyhaut kann eine so hohe Schadstoffbelastung nicht ertragen, sie muss sich erst einmal daran gewöhnen", sagt er.

Chandrapur ist nach den Angaben der indischen Regierung die Industrieregion mit der viertschlimmsten Luftverschmutzung des Landes. Weltweit ist die Stadt eine der schmutzigsten der Welt. Die Öffentlichkeit mag derzeit nach China und Peking schauen, doch in Indien ist die Luftverschmutzung seit Jahren weit gefährlicher. Auf dem aktuellen Luftqualitätsindex der amerikanischen Universitäten Columbia und Yale erreicht Indien noch nicht einmal vier von 100 möglichen Punkten. Das Land liegt damit auf dem letzten Platz. China geben die Wissenschaftler immerhin knapp 20 Punkte. Deutschland erreicht auf der Skala die volle Punktzahl.

Das Beispiel Chandrapur zeigt auch: Nicht nur die Millionenmetropolen sind ein Problem. Mindestens genauso besorgniserregend ist die Belastung in den mittelgroßen Städten, warnt der Think Tank Centre for Science and Environment in Neu Delhi. Nur bekommen die in der Regel nicht so viel Aufmerksamkeit von den Medien. Gemeint sind damit Städte wie Chandrapur: Sechs Kohlekraftwerke direkt im Zentrum, eine Stadt, die nahezu umzingelt ist von Tagebaugruben. Der Reichtum an Kohle lockte zudem eine gewaltige Schwerindustrie an, deren Anlagen sich nur wenige Kilometer entfernt vom Stadtzentrum auftürmen.

"Wir können dem Leid nicht mehr zusehen"

Wer sich mit den Einwohnern unterhält, der hört Geschichten von kranken und hustenden Kindern, von unfruchtbaren Feldern und giftigem Trinkwasser. Die Stadt, die ziemlich genau in der Mitte des Subkontinents liegt, steht sinnbildlich für die kontinuierliche Vergiftung eines ganzen Landes.

Selbst der Internationale Währungsfonds (IWF), ansonsten nicht gerade für sein Bekenntnis zum Umweltschutz bekannt, schätzt die Zahl der Todesopfer in Indien durch Kohlekraftwerke auf 70.000 jährlich. "Wir können dem Leid der Menschen nicht weiter zusehen", sagte IWF-Chefin Christine Lagarde über die Situation in Indien.

Kohle ist Indiens wichtigste Stromquelle. Mehr als die Hälfte des Stroms in Indien stammt aus dem Rohstoff. Zugleich ist Indien auf Kohle angewiesen, wenn es sein Energieproblem im Zukunft lösen will. Die Vereinten Nationen schätzen, dass noch immer rund 300 Millionen Menschen auf dem Subkontinent ohne Elektrizität auskommen müssen. Fast jeden Tag kommt es zu Stromausfällen.

Die indische Industrie- und Handelskammer berichtete im Januar, dass jedem dritten Betrieb wöchentlich mehr als zehn Stunden Strom fehlt. Für eine Volkswirtschaft ist das eine enorme Belastung – und damit auch für die Armutsbekämpfung.

Indien wird deshalb auch weiterhin den Bau von Kohlekraftwerken vorantreiben. Die Internationale Energieagentur rechnet damit, dass der Anteil der Kohle an der Energiegewinnung bis 2020 eher steigen als sinken wird. Laut dem World Resources Institute in Washington werden in den kommenden Jahren in Indien rund 450 neue Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von insgesamt rund 500.000 Megawatt entstehen.