SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück an der LSE © Tal Cohen/epa/dpa

Dieser Abend war für Peer Steinbrück eine willkommene Ablenkung. Am Montag trat er an der renommierten London School of Economics auf und diskutierte mit Studenten über "Regaining Democracy and Taming the Financial Markets" – frei übersetzt: Wie man Demokratie wiedererlangt und Finanzmärkte zähmt.

Es gab: intelligente Fragen zu ernsthaften Problemen. Es gab nicht: Fragen über Nebeneinkünfte oder ob denn das Gehalt für eine Bundeskanzlerin angemessen sei. Die Erleichterung darüber war Steinbrück anzumerken. Er sprach frei, lief locker auf der Bühne hin und her und hielt eine fast britisch anmutende Rede mit trockenem, hanseatischem Witz und Selbstironie.

Es war eine erstaunliche Veranstaltung, denn Steinbrück gab unumwunden zu, dass er seine Positionen in manchen Fragen mittlerweile geändert habe. Nach der Finanz- und Schuldenkrise sehe er manche Vorschläge, etwa die sogenannte Finanztransaktionssteuer, die er einst als sozialistischen Humbug abgetan hatte, anders. Inzwischen hält er sie für eines der Mittel, um die Folgen der Krise zu bewältigen und den Vertrauensverlust der Bürger abzuwenden.

Auch dürften Banken nicht "zu groß sein, um unterzugehen", sagte er – um sogleich einzuschränken: Keine deutsche Regierung könne es sich leisten, eine Institution wie etwa die Deutsche Bank mit mehreren Milliarden Euro Bilanzsumme im Ernstfall nicht mit Steuergeldern zu retten – und schuldbewusst hinzuzufügen: "Wir haben uns den Märkten ergeben als Politiker, wir tragen Mitverantwortung."

Sorgen bereiten Steinbrück vor allem die politischen und gesellschaftlichen Kosten der Krise. Denn schließlich berühre dies die Legitimation von Politik. Wo anonyme Finanzmärkte entgrenzt seien und Banker keine Risiken trügen, breiteten sich Zweifel an der Verlässlichkeit der Demokratie aus. So entstehe ein Nährboden für Ressentiments, nicht nur gegen Politiker, sondern gegen die Demokratie als Ganzes. "Hunger frisst Demokratie", sagt Steinbrück, "wir Deutschen sind darin katastrophal erfahren."

Ausdrücklich lobt Steinbrück die jüngste Ankündigung des konservativen britischen Schatzkanzlers George Osborne, Geschäfts- vom Investitionssektor in den Banken zu trennen. "Eine stramme Rede" sei das gewesen, sagt der Sozialdemokrat. Im Ernstfall sei es richtig, dass Banken und Aktionäre herangezogen würden, wenn ein Institut in Schwierigkeiten gerate, weil es versäumt habe, einen Schutzwall zwischen diesen Bereichen einzuführen.