Zwei Milliarden Euro. Die Zahl ist eine Warnung, ausgesandt von der Deutschen Bahn. So teuer, sagt das Unternehmen, wird es werden, wenn man jetzt noch aussteigen würde aus dem Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Wohlgemerkt: Nicht etwa der Bau eines alternativen Bahnhofs würde soviel kosten, sondern lediglich die Rückabwicklung der bereits beschlossenen Verträge. Die Bahn hält das für ausgeschlossen. "Die Verträge sehen keinen Ausstieg aus dem Projekt vor", sagt ein Sprecher. Das werde man auch im Aufsichtsrat des Unternehmens zur Kenntnis nehmen.

Das ist die Gemütsverfassung der Befürworter des Bahnhofs im Februar 2013. Während die Zahl der Kritiker zunimmt, die Kanzlerin ein Machtwort spricht und der frühere Schlichter Heiner Geißler dem Tiefbahnhof öffentlich die wirtschaftliche Vernunft abspricht, tun die Unterstützer des Projekts weiter so, als sei im Land eine Geisterdebatte im Gang. Empört gibt sich die Stadt Stuttgart, wenn man sie auf einen möglichen Baustopp anspricht. "Eigentlich ist der Gedanke unanständig. Das Ding wird gebaut", sagt ein Sprecher. Es gebe "keinerlei Planung für den Fall, dass die Bahn den Bahnhof nicht baut". 

Tatsächlich hängt viel dran an Stuttgart 21. Für die Stadt Stuttgart selbst, aber auch für Geldgeber und Investoren. Deshalb werden Zweifel nicht geduldet. Für die Politik geht es um die Weiterentwicklung der Stadt und um die historische Chance, im Stuttgarter Talkessel auf mehr als 100 Hektar Fläche ein neues Viertel mit bezahlbarem Wohnraum zu schaffen. Für die Investoren geht es um ihr Geschäft.

Ein neues Quartier für zehn Milliarden Euro

Schon immer sollte der Bahnhof Stuttgart 21 nicht nur ein Bahnhof sein. Durch die Verlegung der Gleise unter die Erde sollten neue Wohnflächen in der Innenstadt entstehen. Das war ein wesentlicher Bestandteil des Finanzierungsplans. Rainer Reddehase ist Geschäftsführer des Immobilienentwicklers Real Estate Stuttgart. Für ihn ist der Bahnhof auch eine große Chance, den "völlig verengten Immobilienmarkt" der Stadt zu entspannen. Freie Flächen sind in der schwäbischen Landeshauptstadt knapp, unter anderem weil die Stadt von Anhöhen umringt ist, die ihre Expansion erschwert haben. Wenn dann doch mal Flächen in der Innenstadt frei geworden seien, hätten Unternehmen wie seines bei Ausschreibungen "kaum eine Chance gehabt, zum Zuge zu kommen", sagt Reddehase.

Der neue Bahnhof soll das ändern. Schon im Jahr 1995 verpflichtete sich die Stuttgarter Stadtverwaltung in einer Rahmenvereinbarung mit der Bahn, den Weg zum Bau von Wohnungen für mindestens 11.000 Einwohner frei zu machen. Platz soll auch für Bürobauten geschaffen werden, in denen mindestens 24.000 Menschen arbeiten können. Das gesamte Investitionsvolumen liegt bei rund zehn Milliarden. 

Die Bahn hat bereits begonnen, die Pläne umzusetzen. Ihre Tochter DB Services Immobilien GmbH verkauft derzeit auf eigene Rechnung 16 Hektar der gesamten innerstädtischen Planungsfläche, das sogenannte Europaviertel. Das neue Quartier soll auf dem Grund des ehemaligen Stuttgarter Güterbahnhofs entstehen. Der Gewinn aus dem Flächenverkauf, sagt ein Bahnsprecher, dient dazu, die Baukosten für den Bahnhof zu finanzieren. So sehen es die Verträge vor.