Stuttgart 21Der abgefahrene Bahnhof

Plötzlich flammt die Debatte um Stuttgart 21 wieder auf. Doch ist es dafür nicht längst zu spät? Vier Antworten zu einem ewigen Streit. Von A. Endres, R. Bäßler und J. Fiedler von , und

Der Stuttgarter Hauptbahnhof

Der Stuttgarter Hauptbahnhof  |  © Matthias Hangst/Getty Images

Warum flammt die Debatte um Stuttgart 21 wieder auf?

Dass der Großbahnhof Stuttgart 21 deutlich teurer werden wird als geplant, ist bereits seit Dezember bekannt. Ursprünglich sollte das Bauwerk 4,5 Milliarden Euro kosten, nun veranschlagt die Bahn die Gesamtkosten von 6,8 Milliarden Euro. Ein internes Papier des Bundesverkehrsministeriums, das an diesem Dienstag öffentlich wurde, legt nun aber nahe, dass es dem Vorstand der Bahn bisher nicht gelungen ist, die Vertreter der Bundesregierung im Aufsichtsrat von der Wirtschaftlichkeit des Bahnhofs zu überzeugen. Damit ist unklar, ob weiter gebaut wird oder nicht.

Was die Sache außerdem aktuell macht: Am heutigen Dienstag tagte der Aufsichtsrat der Bahn, in dem auch Vertreter der Bundesregierung sitzen, die als Eigentümer der Bahn auftritt. In Gespräch sei es vor allem darum gegangen, zu klären, wer für die bereits offiziellen Mehrkosten aufkomme, heißt es bei der Bahn. Weitere Kostensteigerungen stünden überhaupt nicht zur Debatte, und die Fortführung des Projekts sei auch nicht gefährdet. Man sei "im Gespräch". Auch eine Sprecherin des Bundesverkehrsministeriums äußerte sich ähnlich. Die Aufsichtsräte des Bundes ließen sich in der Gesprächsrunde lediglich über den Stand der Dinge informieren.

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Die Bahn hat bereits dargelegt, wie es sich die Finanzierung der Mehrkosten vorstellt. 1,1 Milliarden Euro will sie selbst übernehmen, die Zustimmung des Aufsichtsrats vorausgesetzt. Die restlichen 1,2 Milliarden Euro sollen die Projektpartner schultern, also Land, Stadt, Regionalverband und Flughafen Stuttgart. Doch die Landesregierung in Baden-Württemberg hat bereits angekündigt, keinen zusätzlichen Cent zu geben. Und auch die Bundesregierung will nicht mehr als den bisher vertraglich vereinbarten Festbetrag von 564 Millionen Euro beisteuern.

Warum das interne Positionspapier vor der Aufsichtsratssitzung an die Öffentlichkeit gelangte, darüber darf spekuliert werden. Ein Ziel könnte es gewesen sein, den Druck auf die Bahn zu erhöhen, ihre Kostenkalkulation endlich vollständig transparent zu machen – und zugleich Verkehrsminister Ramsauer die Möglichkeit zu geben, weiterhin die offizielle Regierungslinie vom Weiterbau zu vertreten.

Ist ein Ausstieg aus Stuttgart 21 überhaupt noch möglich?

Auf den ersten Blick ist das schwer vorstellbar. Wo früher der Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs stand, klafft nun eine große Baugrube, mehr als 170 Bäume sind schon gefällt worden. Auch das alte Bahnhofsgebäude des Architekten Paul Bonatz ist zerstört, teilweise durch Abrissbagger, teilweise durch jahrelange Vernachlässigung. Wer den Stuttgarter Bahnhof besucht, der steht vor einer grotesken Ruine, an deren Stelle etwas Neues entstehen muss.

Dennoch ist ein Ausstieg aus Stuttgart 21 noch immer möglich. Die Baugruben könnten zugeschüttet, die Bäume wieder gepflanzt werden. Das Projekt Stuttgart 21 ist weitgehend unbegonnen. Für sieben Planfeststellungsabschnitte hat die Deutsche Bahn noch keine Genehmigung, ihr fehlt also das notwendige Baurecht. Das unterscheidet den Bahnhof vom Großflughafen Berlin, einem Baumonument, das unverrückbar steht, selbst wenn einige Rolltreppen zu kurz und Kanalschächte zu eng geraten sind.

Teuer wäre ein Ausstieg allerdings nicht nur, weil umsonst gebaut worden wäre. Auch die Grundstückskäufe, die bisher geschlossen wurden, müssten rückabgewickelt werden. Baufirmen blieben auf ihren Aufträgen sitzen, die Auflösung der Verträge würde viel Geld kosten. Der größte Gläubiger wäre die Stadt Stuttgart: Sie kaufte der Bahn im Jahr 2001 zum Preis von 460 Millionen Euro die durch den Tiefbahnhof frei werdende Gesamtfläche von 109 Hektar ab. Eigentlich soll ein Europaviertel über dem Bahnhof entstehen, mit einer Moskauer Straße als zentraler Verkehrsachse, einem zentralen Platz und gehobenen Wohnhäusern. Wird Stuttgart 21 nicht gebaut wie geplant, verlöre das Europaviertel sein Herzstück. Viele Pläne wären passé.

Gegen ein Scheitern von Stuttgart 21 steht außerdem eine starke politische Mehrheit. Erst am Montag hatte sich die Ratsmehrheit aus CDU, SPD, Freien Wählern und FDP in Stuttgart für den Weiterbau des Tiefbahnhofs ausgesprochen. Auch der Volkswille würde ignoriert: Bei einer landesweiten Volksabstimmung Ende 2011 stimmt eine Mehrheit der Bürger für das Projekt. Zur Abstimmung war es auch gekommen, weil viele Bürger das Gefühl hatten, die Planungen spielten sich in Hinterzimmern ab. Würde die Politik den Willen der Bürger erneut missachten, dürften es zu neuen Konflikten kommen. Vom Vertrauensverlust der Wähler bliebe am Ende niemand verschont: die Parteien so wenig wie die Bahn.

Leserkommentare
  1. 25. Ist das

    "Die Baugruben könnten zugeschüttet, die Bäume wieder gepflanzt werden. Das Projekt Stuttgart 21 ist weitgehend unbegonnen. ... Das unterscheidet den Bahnhof vom Großflughafen Berlin, einem Baumonument, das unverrückbar steht, selbst wenn einige Rolltreppen zu kurz und Kanalschächte zu eng geraten sind."

    für eines der reichsten Länder der Erde, das einen Ruf als Standort von Wissenschaft, Technologie und Ingenieurskunst zu verlieren hat, nicht ein vernichtendes Armutszeugnis?

    4 Leserempfehlungen
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    Ein Armutszeugnis für unseren Ruf als Standort von Wissenschaft, Technologie und Ingenieurskunst dürfte aber eine fast unendliche Baustelle mit einem schlecht funktionierenden Bahnhof sein.

    Mit dem Geld, das hier nicht sinnlos verbuddelt wird, können wir durchaus an mehreren anderen Stellen mit unserer Wissenschaft, Technologie und Ingenieurskunst glänzen.

    Sehenden Auges eine weitere Baustelle nach Art des Berliner Flughafens zu riskieren, ist ganz bestimmt kein internationaler Standortvorteil.

    Widerstand gegen fehlgeplanten Größenwahn nenne ich gesunden Menschenverstand und Protest gegen Großprojektepfusch nenne ich verantwortungsvoll.

    So wie das Spielchen bis jetzt lief dürften wir nicht gerade als Land der Wissenschaft und Technik gelten, nimmt man den BER und die Elbphilharmonie noch dazu kann man uns sogar in die Schublade "Treppenwitz" stecken.

    Was wirklich tragisch ist: wir haben (noch) die Ingenieusrkunst, aber unsere gigantomanen Bürokraten und Verwaltungsangestellten haben das Sagen, das ist unser Problem.

    • doof
    • 05. Februar 2013 19:28 Uhr

    dann beim loch mitten in der stadt anstatt dem gleisvorfeld.
    ich erinnere nur an staufen.

    Antwort auf "So ein Unfug!"
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    • doof
    • 05. Februar 2013 19:34 Uhr

    auch ne idee für ihren fiktiven vater: schau, da wo die löcher rundrum sind wegen denen ihr nicht mehr im schlosspark spielen dürft, die entstanden als man damals anfing den tunnel für den bahnhof zu bauen, dessen turm du dort aus dem see ragen siehst. pass nur auf dass diese schiefe wand nciht auf dich fällt."

    und die chinesen kommen, um die grösste ruinenstadt der bundesrepublik zu erkunden und das schiefe daimlerwerk - auch ne einnahmequelle.

    • fxe1200
    • 05. Februar 2013 19:33 Uhr

    Gewachsen ist die Idee des S21 auf der maßlosen Gier und dem Unvermögen der Beteiligten und nicht etwa auf der rationalen Erkenntnis, dass der Bahnhof "nach unten" verlegt werden muss. Die Ergebnisse der Volksabstimmung sind ohnehin nicht verwertbar, da damals, im Vorfeld der Abstimmung, schon gelogen wurde, dass sich die Balken biegen.

    Damit sich das Ganze nicht so lange hinzieht, ist es nun an der Zeit den Rückbau zu beginnen, inklusive einer integrierten Dauerausstellung wie es dazu kam, sozusagen als Mahnung an folgende Generationen.

    Da die Bahn durch den Rückbau einiges spart, sind dann sicherlich noch Mittel genug, für die auf die Bahn zukommenden Klagen vorhanden.

    Wäre super, wenn die Verantwortlichen in D für diesen Unsinn S 21 zur Kasse gebeten würden.

    Grube kann schon mal seinen Hut nehmen.

    4 Leserempfehlungen
    • doof
    • 05. Februar 2013 19:34 Uhr

    auch ne idee für ihren fiktiven vater: schau, da wo die löcher rundrum sind wegen denen ihr nicht mehr im schlosspark spielen dürft, die entstanden als man damals anfing den tunnel für den bahnhof zu bauen, dessen turm du dort aus dem see ragen siehst. pass nur auf dass diese schiefe wand nciht auf dich fällt."

    und die chinesen kommen, um die grösste ruinenstadt der bundesrepublik zu erkunden und das schiefe daimlerwerk - auch ne einnahmequelle.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "viel spass"
  2. Ein Armutszeugnis für unseren Ruf als Standort von Wissenschaft, Technologie und Ingenieurskunst dürfte aber eine fast unendliche Baustelle mit einem schlecht funktionierenden Bahnhof sein.

    Mit dem Geld, das hier nicht sinnlos verbuddelt wird, können wir durchaus an mehreren anderen Stellen mit unserer Wissenschaft, Technologie und Ingenieurskunst glänzen.

    Sehenden Auges eine weitere Baustelle nach Art des Berliner Flughafens zu riskieren, ist ganz bestimmt kein internationaler Standortvorteil.

    11 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ist das"
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    muss sich der Standort Deutschland in Form seiner politischen und wissenschaftlich-technischen Verantwortungsträger verbittert fragen lassen, wie es überhaupt erst zu derartigen Milliardengräbern kommen konnte.

    • Hampara
    • 05. Februar 2013 19:37 Uhr
    30. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Danke, die Redaktion/jp

    Eine Leserempfehlung
  3. Dies bestreiten selbst die Prüfer des Bundes nicht mehr -> http://www.stuttgarter-ze...
    Nicht mehr ganz Neues vom dümmsten Bahnprojekt weit und breit -> http://www.tunnelblick.es...

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  4. Der Stuttgarter Flughafen liegt doch ein ganzes Stück außerhalb der Stadt. Den von Ihnen erwähnten Zug gibt es bereits, er nennt sich S2 bzw. S3, fährt tagsüber 4mal in der Stunde und braucht 27 Minuten vom Flughafen zum Hbf. Okay, mit Hochgeschwindigkeit wären es etwas weniger.

    Würde man den Flughafenbahnhof zum wichtigsten Bahnhof ausbauen, dann wäre die ganze Stadt immer noch 15 bis 20 Minuten weiter weg von der Welt als bisher.

    Laut Wiki hat der Stuttgarter Hbf täglich 240.000 Passagiere, der Flughafen nur etwa 26.000, von denen bei weitem nicht alle mit der Bahn anreisen. Die Zubringer müssten also erheblich mehr (man kann mindestens mit der zehnfachen Menge rechnen) Fahrgäste transportieren als heute. 40 Highspeed-S-Bahnen pro Stunde passen gar nicht auf die Verbindungsbahn.

    In Frankfurt, HalleLeipzig, Berlin, Köln, Düsseldorf, Hannover und wie die Städte alle heißen, denkt auch keiner daran, den Hbf zu opfern und an den Flughafen zu verlegen. Da hat der Flughafen seinen eigenen Bahnhof mit mehr oder weniger regelmäßigen Verbindungen in die Stadt. Bei den angesprochenen Fahrgastzahlenverhältnissen ergibt das auch in Stuttgart deutlich mehr Sinn.

    5 Leserempfehlungen
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    Ja ich kenne die S-Bahn, aber wie bereits gesagt fährt diese nicht sonderlich schnell und hält überall.

    Ich meine eine Direktverbindung ohne Zwischenhalte, die beispielsweise im 10 Minuten Takt fährt. Wer von Stuttgart nach München möchte, der kann auch binnen 10/15 Minuten an den Flughafen fahren und spart dort ja wiederrum Zeit aufgrund der besseren Anbindung des Hochgeschwindigkeitsverkehr. Hervorragendes Beispiel ist hier doch Frankfurt mit seinem Flughafen Fernbahnhof. Hier fahren bereits sehr viele Züge ausschließlich über den Fernbahnhof am Flughafen. Der Regionalverkehr soll und muss ja auch unbedingt in der Stadt bleiben, aber wenn ich 3 Stunden mit dem ICE unterwegs bin, dann kann ich doch noch die 15 Minuten Flughafentransit in Kauf nehmen. Es muss ja kein Transrapid sein, aber ich stell mir das schon sehr interessant vor.

    braucht einen Fernbahnhof mitten in der Stadt? Die meisten, die dort ankommen, steigen in Regionalzüge um, fahren umständlich mit Bussen, Taxi oder per Park and Ride wieder aus der Stadt heraus.
    Warum nimmt man sich nicht ein Beispiel an Kassel-Wilhelmshöhe? Dort wurde ein zweckmäßiger Fernbahnhof zusätzlich zum bestehenden Kopfbahnhof angelegt.
    Auch haben die meisten wirklichen Metropolen Kopfbahnhöfe, Paris, London und auch München usw. Stuttgart wäre da in guter Gesellschaft.
    Deshalb mein Vorschlag: Kopfbahnhof erhalten, zusätzlich einen neuen Fernbahnhof z.B. am Flughafen bauen und damit ein wirkliches internationales Drehkreuz schaffen, die beauftragten Firmen mit Nachverhandlung auf die neue Bauaufgabe fixieren und die restlichen Verträge rückabwickeln. Dann wird das Auge zwar auch noch blau, hat aber eine zukunftsfähige Lösung bei insgesamt vertretbaren Investitionen.
    Stiernackiges Kleben an Illusionen / Scheinleuchttürmen schadet dem Standort BaWü und Restdeutschland nur, weil sich rumsprechen wird, dass "wir" nicht mit Geld umgehen können.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bundesregierung | Heiner Geißler | CDU | Deutsche Bahn | SPD | Anton Hofreiter
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