Wirtschaftsabkommen : Der Traum von der Wirtschafts-Nato

Einheitliche Steuern und Industriestandards in den USA und Europa? Die Idee einer transatlantischen Freihandelszone gewinnt plötzlich Fürsprecher.

Manch eine politische Idee hat zwar viele Fans, bleibt aber trotzdem ewig ein Wunschtraum. Eine Freihandelszone zwischen den USA und der EU gehörte lange in diese Kategorie. Zumindest bis jetzt. Nun aber scheint plötzlich möglich, was lange undenkbar schien.

Den Anfang machte Joe Biden auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Amerikas Vizepräsident hielt ein erstaunlich deutliches Plädoyer für ein Freihandelsabkommen zwischen den beiden Wirtschaftsräumen. Kurz darauf sagten die EU-Regierungschefs ihre Unterstützung zu. Wenn Amerikas Präsident Barack Obama an diesem Dienstagabend seine Rede zur Lage der Nation hält, wird er das Thema wohl zu einem der wichtigsten Themen seiner zweiten Amtszeit erklären.

Der Vorteil des Plans liegt auf der Hand. Wenn Zölle sinken und Handelsschranken fallen, profitieren in der Regel beide Seiten. Ökonomen gehen davon aus, dass im Falle eines Abkommens den USA und Europa jährlich 1,5 Prozent mehr Wirtschaftswachstum beschert werden könnte. Nur scheiterte ein Freihandelsabkommen bisher am Streit im Konkreten. Wenn es um einheitliche Industriestandards oder um milliardenschwere Agrarsubventionen ging, kamen Amerikaner und Europäer nicht zusammen.

Nun sollen die Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen neu beginnen und die Frage steht im Raum: Wie umfassend kann ein solcher Vertrag über eine Wirtschafts-Nato werden?

Das Kernstück aller Planspiele betrifft die Schutzzölle. Für den Import von Schuhen, Lebensmitteln und Computern fallen an der Grenze weiterhin große Summen an. Laut einer Studie der amerikanischen Handelskammer würde das Bruttoinlandsprodukt der USA um 180 Milliarden Euro steigen, wenn die verbliebenen Zölle endlich abgeschafft würden. Eine Einigung an dieser Stelle gilt als sehr wahrscheinlich.

Bei den Einfuhrverboten gehen die Meinungen auseinander

Bei den "tarifären Handelsbarrieren" handelt es sich in Wahrheit jedoch nur um den kleinsten gemeinsamen Nenner. In den meisten Wirtschaftszweigen sind die Zölle zwischen Europa und Amerika schon heute klein oder nicht mehr vorhanden. Einen weit größeren Schub für die Wirtschaft würde die Beseitigung "nicht-tarifärer Handelsbarrieren" auslösen, also verschiedene Qualitäts- und Sicherheitsstandards.

Tatsächlich stellen sich hier die größten Probleme. Jedes Jahr geben Autofabrikanten und Pharmakonzerne viele Millionen Dollar aus, um die Erlaubnis zu erhalten, ihre Produkte auf der jeweils anderen Seite des Atlantiks anbieten zu dürfen. Eine Verschwendung, die verschwinden würde, wenn beide Seiten gemeinsam die Zulassung von Konsumprodukten und Medikamenten planen oder auf eigene Kontrollen verzichten würden. Das aber wird schwierig. 

Noch größer sind die Meinungsunterschiede bei Einfuhrverboten, dem Urheberrecht oder den Agrarsubventionen. Aus europäischer Sicht erscheint es zum Beispiel abstrus, dass die Amerikaner den Verkauf mancher Rohmilchprodukte, etwa den französischen Käse Roquefort, partout nicht erlauben wollen. Die Amerikaner hingegen verstehen nicht, warum die Europäer gentechnisch veränderten Lebensmitteln skeptisch gegenüber stehen. Beide Seiten müssten über ihre Schatten springen. Das ist kaum vorstellbar.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

95 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Vielleicht setzt sich doch noch die Vernunft durch!

Man wird dann erkennen, daß der Mensch schon immer Pflanzen und Tiere durch Genmanipulationen geändert hat. Im übrigen tut die Natur auch das ständig. Da bei kommen dann u.U. schwere Krankheiten heraus, die sich zu Seuchen entwickeln können.
Wann kommen wir endlich von ideologischen Betrachtungsweisen weg. Die Zukunft der Menschheit und die von Deutschland ist auf diese Weise nicht zu sichern.