"Weitreichende Strukturreformen" hatte Gerhard Schröder im März 2003 im Bundestag versprochen, als er die Agenda 2010 formulierte. Die Reformen würden Deutschland "bis zum Ende des Jahrzehnts bei Wohlstand und Arbeit wieder an die Spitze bringen". Viele zogen damals in Zweifel, dass die Agenda-Reformen überhaupt einen größeren Effekt entfalten würden.

Stattdessen hat die Agenda 2010 – gemeinsam mit den bereits zuvor in Teilen beschlossenen Hartz-Reformen – in vergleichsweise kurzer Zeit eine erstaunliche Wirkung erzielt. Schröder argumentierte in seiner Rede vor dem Hintergrund einer stetig steigenden Sockelarbeitslosigkeit seit den siebziger Jahren: Mit jedem Abschwung hatte die Zahl der Langzeitarbeitslosen zugenommen. Würde sich diese Entwicklung fortsetzen, sei der Sozialstaat in Gefahr, weil er zu teuer werde, warnte der Kanzler. Er verwies auf die Lohnnebenkosten, die von 1982 bis 1998 von 34 auf fast 42 Prozent gestiegen seien. Der Umbau des Sozialstaates sei "unabweisbar".

Das war der Kernsatz der Agenda-Reformen. Er lautete in den Worten von Gerhard Schröder: "Entweder wir modernisieren, und zwar als soziale Marktwirtschaft, oder wir werden modernisiert, und zwar von den ungebremsten Kräften des Marktes, die das Soziale beiseite drängen würden." Das erinnert an den berühmten Ausspruch des Prinzen von Salina in Giuseppe di Lampedusas Leopard: "Alles muss sich ändern, damit alles so bleibt, wie es ist."

Das Herzstück der Agenda 2010 waren die Veränderungen am Arbeitsmarkt. Als Schröder sprach, war ein Teil der Hartz-Reformen bereits auf den Weg gebracht – ein weiterer Teil stand noch aus. Die Hauptbotschaft der Reform lautete: Fördern und Fordern. Der Staat verschärfte die Kriterien, nach denen eine Arbeit zumutbar ist, er schuf neue Sanktionen, falls Arbeitslose Jobangebote ausschlugen. Er legte die Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammen und beschloss neue Instrumente der aktiven Arbeitsmarktpolitik.

Zugleich senkte er die Bezugsdauer für das Arbeitslosengeld für alle Arbeitslosen unter 55 Jahren auf zwölf Monate, für die über 55-Jährigen auf 18 Monate. Der Kündigungsschutz wurde reformiert, ebenso wie das Handwerksrecht. Von den Tarifparteien forderte Schröder, noch mehr flexible Regelungen zur Standort- und Arbeitsplatzsicherung zu vereinbaren. Das alles brachte für viele Bürger schmerzhafte Einschnitte. Da nicht absehbar war, wann die positiven Wirkungen eintreten würden, musste Schröder klar sein, dass er damit den Machtverlust riskierte. Dass das Reformpaket dennoch durchgesetzt wurde, war mutig und verlangt Respekt.

Dennoch hatte die Reform auch Schwächen. Die Deregulierung von Arbeitsverhältnissen brachte unerwünschte Folgen mit sich, die teilweise vermeidbar gewesen wären. Auch hat sich die deutsche Gesellschaft im Zuge der Arbeitsmarktreformen zweifellos stark verändert. Kritiker monieren, dass die soziale Balance nicht gewahrt wurde. In ihren Augen haben die Reformen das deutsche Modell, das auf sozialer Partnerschaft, Absicherung und Verteilungsgerechtigkeit basierte, aus dem Lot gebracht. Es gebe zu viele Verlierer, die in prekäre und schlecht bezahlte Jobs gezwungen werden. Mit anderen Worten: Bei dem Versuch, den Sozialstaat zu retten, habe man das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Analysiert man die Daten nüchtern, relativiert sich diese pauschale Kritik jedoch. Zum einen zeigt sich, dass die Arbeitslosigkeit nach den Reformen massiv zurückgegangen ist. Es gibt heute erheblich mehr sozialversicherungspflichtig Beschäftigte als noch vor zehn Jahren. Die Geringqualifizierten im Land erleiden zudem nicht erst seit den Agenda-Reformen Reallohnverluste, sondern bereits seit den Neunziger Jahren. Auch der Trend zu einer größeren Spaltung in Arm und Reich beginnt nicht im Jahr 2005, sondern weit früher. Ähnlich sieht es bei der Zunahme von atypischen Beschäftigungsformen aus. Richtig ist allerdings auch, dass die Reformen diese Trends nicht gestoppt, sondern teilweise verstärkt haben. Behutsame Korrekturen sind deshalb angesagt.