ArbeitsmoralDer Mythos vom fleißigen Deutschen

Deutsche Arbeiter sind emsig und pünktlich, heißt es. Aber das Image stimmt nicht mehr. Wie schlecht ist es für den Hochtechnologiestandort, wenn die Disziplin nachlässt? von Moritz Honert

In einem Automobilwerk inspizieren Arbeiter einen fertigen Wagen.

In einem Automobilwerk inspizieren Arbeiter einen fertigen Wagen.  |  © Alexander Hassenstein/Getty Images

Das Selbstverständnis des deutschen Arbeiters hat Platz in vier Songzeilen. "Er backt das beste Brot, er braut das beste Bier, er baut die besten Autos, weil er schuftet wie ein Tier", textete das Liedermacher-Duo Joint Venture in einem seiner Songs. Das Geheimnis deutscher Wertarbeit? Rackern bis zum Umfallen.

Auch im Ausland hat sich das Bild des schwer schuftenden Deutschen verfestigt. Vergangenen Sommer befragte das amerikanische PEW Research Center diverse Europäer, welches Bild sie von ihren Nachbarn hätten und egal ob Italiener, Briten, Tschechen, Spanier, Polen oder Franzosen, alle wählten die Deutschen zum emsigsten Volk.

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Angesichts einer Fülle von medienwirksam aberkannten Doktortiteln und etlichen aus dem Ruder laufenden Großbauprojekten wie dem Flughafen BER, dem Bahnhof Stuttgart 21 oder der Hamburger Elbphilharmonie sorgen sich viele Deutsche nun jedoch um genau dieses Ansehen. Auch die Politik befindet sich in parteiübergreifender Aufregung. Nicht nur die Kanzlerin, auch der Grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann klagte jüngst: "Wir ruinieren doch mit solchen Desastern allmählich unseren Ruf als Ingenieurnation."

Doch ist der Ruf wirklich in Gefahr? Oder ist es nicht vielleicht eher so, dass die Deutschen ihn schon lange gar nicht mehr verdienen? Wer mit Ausländern spricht, die hierzulande arbeiten, stellt immer wieder fest, dass Selbst- und Fremdwahrnehmung gehörig auseinander klaffen.

"Ich würde keinen Deutschen einstellen"

"Pünktlich, fleißig, ordentlich", das war das Klischee, mit dem er 1991 nach Berlin kam, sagt zum Beispiel Ljubomir Pilipovic, 51 Jahre alt, Serbe und seit zwölf Jahren Chef seiner eigenen Baufirma. Dieser Eindruck wurde damals jedoch schnell korrigiert: Nach einem Jahr auf dem Bau sei er von den anderen gemobbt worden, weil er das Wort Dienstbeginn als Dienstbeginn interpretierte. Wenn ein Job um halb acht losgehen sollte, war er um sieben da, um sich umzuziehen. Die deutschen Kollegen hingegen erschienen häufig erst um 7:30 Uhr – mit der Bild unterm Arm und verschwanden erstmal auf dem Klo.

"Ich würde keinen Deutschen einstellen", sagt er heute nur halb im Scherz. Natürlich gebe es Ausnahmen, und an der Qualität deutscher Produkte sei nicht zu rütteln, aber die Mehrheit hierzulande mache Dienst nach Vorschrift und keinen Handschlag mehr. Er selbst habe anders als viele einheimische Kollegen in zehn Jahren keinen Tag gefehlt. "Grippe ist keine Krankheit, hat mein Ausbilder mir in meiner Jugend gesagt", erklärt er. Wenn er das Wort Bandscheibenvorfall hört, verdreht er die Augen.

Auch Carlos Frevo, der in Brasilien geboren wurde und dessen Vater stolz auf seinen Mercedes war, hat sein Deutschlandbild in seinen neun Jahren hierzulande anpassen müssen. "Hier reden alle ständig von Pünktlichkeit, sind in diesem Punkt aber selbst total unzuverlässig", sagt der 32-jährige Leiter eines Tanzstudios. Auch als besonders strebsam hat er die Deutschen nicht erfahren. Dass die Angestellten hierzulande so viele Rechte hätten, sei zwar prinzipiell eine gute Sache, doch viele würden das nur ausnutzen. Wenn er hört, dass die Linken-Chefin Katja Kipping kürzlich wieder eine 30-Stunden-Woche forderte, muss er grinsen. "Wer zehnmal am Tag Zigarettenpause macht, arbeitet doch auf die Woche gerechnet schon heute nicht länger." Eine 36-jährige Umwelttechnikerin aus Spanien und eine 25-jährige angehende Juristin aus Kiew berichten ähnliches, wollen dann aber aus Sorge um ihren Arbeitsplatz lieber nicht zitiert werden.

Wenn all das stimmt, wieso ist das Bild vom fleißigen Deutschen dann immer noch so fest verankert in der internationalen Wahrnehmung? Um das zu verstehen, müssen wir uns anschauen, wie es überhaupt in die Welt kam. "Das Ideal des Fleißes ist ein Selbstbild, das die Deutschen im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt haben", sagt Sebastian Conrad, Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin. Eine ganze Reihe von Faktoren seien für diese Entwicklung ausschlaggebend gewesen.

Leserkommentare
  1. Entfernt, bitte richten Sie respektvollere Kritik. Danke, die Redaktion/se

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    • deDude
    • 25. März 2013 13:29 Uhr

    .. ist wohl alles gesagt.

    Außer vielleicht: "Man sollte Hilfsbereitschaft nicht mit Dummheit verwechseln".

    Könnte die Verteilung des Lohns der Arbeit, also auch der Konzerngewinne, möglicherweise dazu beitragen das "Dienst nach Vorschrift" wieder schwer in Mode kommt?

    Entfernt. Wir bitte Sie ,Ihre Kritik an der Moderation und den Artikeln sachlich zu äußern und auf Polemik zu verzichten. Danke, die Redaktion/se

  2. Es handelt sich um ein europaweites Phänomen. 500 Millionen Europäer produzieren gerade mal dasselbe BIP wie 300 Millionen US-Bürger. Allerdings spielt dabei auch eine Rolle, dass Automatik und Robotik in der US-Industrie weiter entwickelt sind als in manchen Teilen Europas.

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    Wie beurteilt man ein BIP wenn die mittleren Schulden der Einwohner eines Landes jetzt bei über 75.000 Dollar liegen und dazu noch eine Staatsverschuldung herrscht, die auch bei 50.000 Dollar je Bürger liegt.

    Thema:
    Es wäre nett, wenn jemand mal einen Link auf diese recht unglaubwürdige Studie stellen könnte. Es kommt mir doch sehr unglaubwürdig vor, das die deutschen Industriearbeiter nur 42,30 Euro je Arbeitnehmer erarbeiten sollen.
    Die Industrieanlagen die wir als Unternehmen schon gebaut haben, erwirtschaften in der Regel ein Vielfaches davon. Deshalb ist das mehr als suspekt. Vielleicht könnte die Zeit ja mit einem neuen Artikel Abhilfe schaffen.

  3. "[...] Dienst nach Vorschrift und keinen Handschlag mehr.". Ich nenne das nicht Faulheit oder Disziplinlosigkeit, sondern Intelligenz.

    Arbeit dient allein dazu, seine Freizeit finanzieren zu können.

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    wenn du bei einem freiberufler etwas bestellst, dann bekommst du das und du bezahlst es. wenn du mehr willst, bezahlst du es auch. und das ist völlig richtig so.
    warum soll dagegen der angestellte etwas herschenken?

    vielleicht aus einer gewissen Naivität heraus oder mit dem Hintergedanken, dass die Bosse das irgendwie anerkennen - wurde ich entlassen! Kein Witz: Ich habe in München in einer Firma gearbeitet, wo Standartreparaturen an Schulen vorgenommen wurden. Nachdem ich, ohne großartig zu hetzen, diese Arbeiten in der Hälfte der Zeit geschafft hatte wie Kollegen, war ich unten durch. War mir hinterher erst klar: Bei den Kollegen waren Biergenußstunden inclusive und Warten auf Godot, die Stadt zahle ja! So hatte der Chef durch meinen Fleiß 50 Prozent Verlust. Also muss er doppelt so lange warten, bis er sich den neuen Porsche leisten kann. Verständlich das so was frustet.

    Das war eine nette Lehre. Seitdem mache ich mein eigenes Ding, ganz in Ihrem Sinne! Es ist wirklich meine Erfahrung: Entgegenkommen wird gnadenlos bestraft!

    an der Arbeit. Das führt zu schlechter Leistung, die wiederum zu vermeidbarem Streß. So dreht sich die Spirale immer weiter nach unten. Schönen Gruß an den Psychiater.

  4. Wie in dem Artikel beschrieben, ist das durch langfristige Prosperität entstehende Sättigungsgefühl ein Produktivitätshemmer, was auch mitunter ein Grund dafür ist, dass die Schwellenländer, in denen die Menschen sich noch nicht am Wohlstand sattgefressen haben, ökonomisch zu uns aufschließen. Mittelfristig wird daraus für uns ein Wohlstandsverlust entstehen, aber ändern lässt sich das nicht.

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  5. ...nicht alle Asiaten sind gut in Mathe, nicht alle Amerikaner sind Waffennarren, nicht alle Italiener sind Machos und nicht alle Deutsche fleissig.
    Wohl gemerkt, ich habe meinen ausländischen Arbeitsplatz weil mein Arbeitgeber der Meinung war er könne den eigenen Landsleuten nicht trauen. Sie fand es besser "to put a German in charge"
    (Ich arbeite für das irische Finanzministerium)

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  6. wenn du bei einem freiberufler etwas bestellst, dann bekommst du das und du bezahlst es. wenn du mehr willst, bezahlst du es auch. und das ist völlig richtig so.
    warum soll dagegen der angestellte etwas herschenken?

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    Antwort auf "Schuften - wofür?"
  7. Warum sollte sich der deutsche "Malocher" für ein "perverses System" aufarbeiten?

    "Downshifting" mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln ist angesagt.

    P.S. Arbeit dient zum überleben - ist aber garantiert nicht der "Sinn des Lebens"!

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    Für manche Menschen, z.B. die mit ihrem Traumjob, ist die Arbeit erfüllung und steht sogar über der Familie. Diese fordern dann natürlich auch von ihren Angestellten das gleiche, ohne sich im Klaren darüber zu sein, dass das nicht geht, wenn diese Angestellten nichtmal ordentlich bezahlt werden.

    • deDude
    • 25. März 2013 13:29 Uhr

    .. ist wohl alles gesagt.

    Außer vielleicht: "Man sollte Hilfsbereitschaft nicht mit Dummheit verwechseln".

    Könnte die Verteilung des Lohns der Arbeit, also auch der Konzerngewinne, möglicherweise dazu beitragen das "Dienst nach Vorschrift" wieder schwer in Mode kommt?

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    Antwort auf "Interessant"

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