IWF-DirektorinLagarde und die Schatten einer alten Affäre

IWF-Chefin Christine Lagarde wird von ihrer Vergangenheit in Frankreich eingeholt. Wurden auf ihr Betreiben öffentliche Gelder in Millionenhöhe veruntreut? von 

Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (Archiv)

Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (Archiv)  |  © Ueslei Marcelino/Reuters

Der Internationale Währungsfonds war gewarnt: Als die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde im Juli 2011 die Nachfolge ihres durch Sex-Skandale zum Rücktritt gezwungenen Landsmanns Dominique Strauss-Kahn übernahm, war auch sie nicht unbeschädigt. Wenige Wochen zuvor hatte die Justiz ausgerechnet gegen Frankreichs Vorzeigepolitikerin Ermittlungen in einer Affäre aufgenommen, die das Land seit Jahrzehnten beschäftigt. Lagarde war unter anderem dafür verantwortlich, dass der umstrittene Geschäftsmann Bernard Tapie auf Staatskosten um gut 400 Millionen Euro reicher wurde. Nun muss sie sich gegen den Vorwurf der Beihilfe zur Veruntreuung öffentlicher Gelder wehren.

Seine Mandantin habe "nichts zu verbergen", sagte Lagardes Anwalt Yves Repiquet, als am Mittwoch die Wohnräume der IWF-Chefin in Paris durchsucht wurden. Die Fakten sind seit Langem bekannt. Doch über ihre Bewertung wird gestritten. Wie sehr die Affäre das gerade in der anhaltenden Schuldenkrise nötige Ansehen und die Autorität Lagardes und des IWF beschädigen wird, ist noch nicht abzusehen.

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Die Affäre reicht zurück bis in das Jahr 1993. Den Geschäftsmann Tapie verließ das Glück. Das Firmenkonglomerat, das der aus einfachen Verhältnissen stammende Franzose aufgebaut hatte, stand kurz vor der Insolvenz. In der Situation beauftragte er seine Hausbank, die staatliche Crédit Lyonnais, mit dem Verkauf seiner Aktienmehrheit an dem deutschen Sportartikelhersteller Adidas. Das Institut erwarb die Anteile selbst für damals 2,085 Milliarden Franc (aktuell rund 317,85 Millionen Euro), verkaufte sie aber kurz darauf für fast das Doppelte weiter. Tapie warf der Bank vor, ihn übervorteilt zu haben.

Wieso ließ Lagarde nicht dem Gericht das letzte Wort?

Es begann ein jahrelanger Rechtsstreit, den Tapie in der ersten Instanz verlor, jedoch in der zweiten Instanz gewann. 2005 wurden dem Geschäftsmann, der inzwischen wegen Untreue, Insolvenzvergehen, Unterschlagung und Bestechung in mehreren Verfahren verurteilt worden war und sechs Monate im Gefängnis gesessen hatte, 135 Millionen Euro Schadenersatz zugesprochen. Weil das Gericht sich verrechnet hatte, wurden daraus schließlich 145 Millionen Euro. Das französische Kassationsgericht hob wiederum dieses Urteil auf, aber die Angelegenheit drohte zu einer Staatsaffäre mit ungewissem Ausmaß zu werden. Zumal Tapie einflussreiche Fürsprecher an hohen politischen Stellen wusste – unter anderem den späteren Staatschef Nicolas Sarkozy.

Bereits kurz nachdem Sarkozy in den Elysée-Präsidentenpalast einzogen war, und die neue konservative Regierung die Arbeit aufgenommen hatte, beauftragte Wirtschafts- und Finanzministerin Lagarde ein Schiedsgericht damit, die Angelegenheit zu einem gütlichen Abschluss zu bringen. Das zahlte sich für Tapie aus: 2008 erhielt er 285
Millionen Euro zugesprochen, inklusive Zinsen summierte sich der Betrag auf 403 Millionen Euro – Geld der Steuerzahler.

"Man muss irgendwann einen Schlussstrich ziehen", verteidigte Lagarde den Schritt gegen Kritiker. Die wundern sich bis heute, dass ausgerechnet eine international so renommierte Rechtsanwältin wie sie nicht den Gerichten das letzte Wort ließ. Immerhin war Lagarde Chefin der US-Anwaltssozietät Baker & McKenzie, bevor sie als Quereinsteigerin in der französischen Politik Karriere machte.

Leserkommentare
    • jugen
    • 22. März 2013 11:04 Uhr
    3 Leserempfehlungen
    • Chali
    • 22. März 2013 11:05 Uhr

    Wer Präsident vom IWF werden will, muss ja doch mindestens ein Gesellenstück können, öffentliches Geld (Vredit Lyonaise) in private Taschen umzuleiten.

    Da sind wir doch besser.

    Man denke nur an die IKB (20 Milliarden) oder gar die HRE (200 Milliarden und kein Ende abzusehen)!

    9 Leserempfehlungen
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    • Chali
    • 22. März 2013 11:36 Uhr

    der Unterschied liegt darin, dass wir heit wenigstens noch erfahren, wer das Geld bekommen hat
    " ... das der aus einfachen Verhältnissen stammende(!) Franzose(!) aufgebaut hatte (!) ... "

    Wir erfahren aber nicht, wo das ganze andere Geld hingeflossen ist, und wohin die kapital-gedeckte Rente der Zyprioten hinfliessen soll.

    Der Tagesspiegel-Readkteur Harald Schumann hat gesucht, aber nicht gefunden:

    Staatsgeheimnis Bankenrettung - 2013 ARTE
    http://www.youtube.com/wa...

    ,

  1. täglich mit vielen Hundert Milliarden jongliert....

    Ist es eigentlich bei IWF-Direktoren ausser Mode geraten, sich an die geltenden Gesetze und Regeln guten gesellschaftlichen Miteinanders nicht zu halten, Christine und Dominique?
    Oder wird man nach einigen Jahren beruflicher Tätigkeit in der Finanzwirtschaft derart geprägt und korrumpiert?

    5 Leserempfehlungen
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    Kann man nicht ein einziges mal etwas neutral betrachten??

    Hier wird zu Recht ermittelt, aber alles was im Artikel steht lässt keinerlei Schlussfolgerungen über Schuld oder Unschuld zu.

    Warum also diese Pauschalierung??

  2. Hier nun also Christine Lagarde.
    Es ist mir das Schlimmste, dass ich, egal um wen es gerade geht, denen die uns vertreten sollen, denen die unser Geld verwalten und lenken, denen die unsere Zukunft gestalten und sichern, denen die unsere Rechte vertreten sollen, denen die Demokratie und die Vertretung unserer Interessen über alles gehen sollte, nicht mehr vertraue!
    Egal um was es in Deutschland, Brüssel, Frankfurt, Berlin geht, egal ob um Finanzen und den Euro, um Polizei und Verfassungsschutz, um Lobbys rund um Europäische Entscheidungen (z.B. Anfang der Woche um den gescheiterten Schutz der Bienen) ich habe das Vertrauen verloren! Sie tun es nicht für uns! Sie tun es nur noch für sich und ein paar wenige andere!

    13 Leserempfehlungen
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    • Chali
    • 22. März 2013 11:19 Uhr

    Wenn Sie Ihren letzten Satz noch einma lesen, werden Sie verstehen.

    Auch ich fühle mich schon lange nicht mehr vertreten. Schlimm, dass es so weit kommen konnte. Unter allen, die gerade unser Schicksal in den Händen halten fällt mir keine einzige Person ein, der ich mein Vertrauen schenken würde.

    Schlimm, schlimm, schlimm …

  3. 5. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Danke, die Redaktion/jp

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    Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Danke, die Redaktion/jp

  4. Öhm, wie bitte? Muß das nicht "der Gericht" heißen?

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    dem Gericht!
    Aber das Sind Politiker und die dürfen das wohl, denn sie unterliegen in ihren Entscheidungen nur ihrem Gewissen. Und wenn sie keines haben, sind sie fein raus.

    • Chali
    • 22. März 2013 11:19 Uhr

    Wenn Sie Ihren letzten Satz noch einma lesen, werden Sie verstehen.

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    Antwort auf "Arg schlimm!!"
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    Ich glaube der Dagobert meint Sie tun es nicht fur oder von sich selbst sondern fuer sich selbst und nicht fuer dich und mich und er und sie sondern fuer sich selbst. Und ehrlich gesagt ich teile diese seine Meinung?

  5. Ich lese immer nur von dreistelligen Millionenbeträgen. Das ist für mich der Faktor 100 als Schaden.

    Ich glaube zudem, dass alle die im Spiel um das Geld beteiligt sind, jedes Gefühl für Proportionen verloren haben.

    Ein paar Millionen, ein paar hundert Millionen, ein paar Milliarden - scheint alles keinen echten Unterschied mehr zu machen.

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