AutokriseStaat übernimmt Finanzkontrolle in Detroit

Neue Schmach für die einstige Motor City: Detroit steht unter Zwangsverwaltung des Bundesstaats Michigan. Gouverneur Snyder sprach von einer "letzten Chance".

Die Konzernzentrale von GM mitten in Detroit

Die Konzernzentrale von GM mitten in Detroit   |  © J.D. Pooley/Getty Images

Der US-Bundesstaat Michigan übernimmt die Finanzkontrolle über Detroit. Gouverneur Rick Snyder ernannte einen Insolvenzanwalt, der als Notfall-Manager die seit Jahrzehnten notleidende Stadt retten soll. Detroit ist damit die größte Stadt der USA, die nun unter Zwangsverwaltung steht.

Vor der Krise der Automobilindustrie war Detroit einst mit über zwei Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt der USA. Heute leben dort nur noch 700.000 Menschen. Die kurzfristigen Schulden belaufen sich auf 100 Millionen Dollar – die langfristigen Verbindlichkeiten liegen bei 14 Milliarden Dollar. Diese Summe schuldet die Stadt vor allem ihren Angestellten, Beamten und Pensionären.

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Rassenunruhen und -Aufstände vertrieben Ende der 60er Jahre viele Weiße aus der Stadt. Unternehmen folgten, woraufhin die Steuereinnahmen sanken, so dass die Stadt ihre Ausgaben kürzte, was wiederum weitere Einwohner veranlasste, Detroit zu verlassen.

"Aus der Asche erheben"

Die Autokonzerne, die der Stadt den Namen "Motor City" gaben und einst massenhaft Arbeitsplätze boten, verkleinerten ihre Belegschaft immer mehr oder verlagerten die Produktion gleich ganz. Verlassene Hochhäuser, stillgelegte Fabriken und leerstehende Häuser prägen das Stadtbild. Die Kriminalitätsrate ist hoch. In vielen Straßen kann die Stadt nicht einmal mehr für Beleuchtung sorgen.

Die Wende soll nun Insolvenzanwalt Kevyn Orr bringen, der bereits vor Jahren den Autokonzern Chrysler erfolgreich durch die Krise gebracht hatte. Er darf Behörden schließen, Tarifvereinbarungen ändern, Vermögenswerte verkaufen und Gesetze erlassen – alles ohne Zustimmung der gewählten Stadtvertreter. Orr versprach, er wolle seine Aufgabe binnen 18 Monaten erfüllen: "Wir können uns aus der Asche erheben."

Bürgermeister Dave Bing, angesehen wegen seines Kampfes gegen die Korruption, versprach: "Wir werden alles tun, um gute Partner zu sein." Snyder selbst sprach von "dem letzten Versuch", die marode Stadt vor dem Finanzkollaps zu bewahren. "Ich möchte sagen, dass es sich um eine Chance handelt", sagte er, fügte aber hinzu: "Das ist in vielerlei Hinsicht ein trauriger Tag."

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Leserkommentare
  1. In USA lässt sich ganz gut beobachten, wohin die (fast) uneingeschränkte Marktgläubigkeit führt. Marktkonforme Demokratie mit eingesetztem Insolvenzverwalter.

    Das ist dann wohl die mögliche Kehrseite von Merkels Zielbild...

    11 Leserempfehlungen
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    das wird in D in etwa 7 Jahren der Fall sein, nur ist dies nicht der Verdienst von Frau Merkel, die nur als neuer Katalysator zu sehen ist, sondern der Verdienst von Schröder und Clement,die ja gerade in den dt. medien für die Agenda 2010 gefeiert werden.

    Auch stehen in D ja schon viele Kommunen unter Zwangsverwaltung, da das Fachpersonal vor Ort mit ihren Aufgaben fachlich und geistig teilweise vollkommen überfordert sind.

  2. .. . .die Stadt in der ich wohne. Hier, in einem grossen Ballungsraum nahe der Niederlande, haben wir in dieser Stadt 17 % Arbeitslosigkeit, Kunst statt Schwerindustrie, siehe Jahrhunderthalle, der Haushalt muß vom Regierungsbezirk genehmigt werden, die Infrastruktur ist marode, Strassenzüge verwaist und das ganze Szenario halt. Und unsere High Society fordert von Arnsberg 15 Millionen für den Bau eines Symphoniker Hauses. Und sind empört, wenn das abgeschmettert wird, die grossen Städte rechts und links hätten ja auch eines. Eines ist hier ein Erfolg: Die seit langen bestehenden Hierachien sind unverändert. Es entstanden grosse Immobilien der IG Metall oder der Knappschaft und präsentieren diese. In der gleichen Zeit ist die Arbeiterschaft in den Bereichen Stahl und Bergbau erheblich geschrumpft. Das ist eine erstaunliche Leistung , es ist so, als hätte es ein König und sein Hofstaat geschafft zu überdauern, während das zahlende Volk fast nicht mehr existiert.

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  3. noch immer heimlich "gerettet" wird, verfällt die Infrastruktur, ganze Städte wie hier und die Gesellschaft der USA. Während Eric Holder, keine Probleme hat Drohneneinsätzt im Inland durchzusetzen und flächendeckenden Lauschangriffen zu überziehen gesteht er ein aus Angst(!) keinen Banker anzuklagen, die nicht nur einen riesigen Finanzcrash erzeugt haben, sondern sich weiterhin mit mafiösen Methoden das System manipulieren. der Bürger, so eric Holder könnte das Vertrauen in die Banken verlieren. Vertrauen in gerechtigkeit und das Justizsystem, scheinen offensichtliche überflüssig zu sein.

    6 Leserempfehlungen
  4. Dann wird Detroit aufgegeben?
    Ein Zaun drum gemacht und die Stadt offiziell für nichtexistent erklärt?
    Oder alle Leute ausgewiesen, die Stadt abgerissen und das Gelände auf die Nachbargemeinden verteilt?

    Auf die Vertreibungen könnte man wahrscheinlich sogar verzichten, denn der letzte Bürger von Detroit müßte für alle Schulden der Stadt ganz alleine geradestehen...

    Vorher werden alle abhauen.

    Kapitalismus ist eine merkwürdige Erfindung.

    8 Leserempfehlungen
    • TAR86
    • 15. März 2013 12:36 Uhr

    MSNBC berichtet von einer politischen Dimension, nach der der Republikaner Snyder die Einsetzung des Notstandsverwalters vor allem in Demokratischen, schwarzen Hochburgen durchführt. Es gibt auch Vorwürfe, dass das Rest-Tafelsilber dann schnell verschleudert wird.

    3 Leserempfehlungen
    • doof
    • 15. März 2013 12:48 Uhr

    Die Bundesregierung in Stuttgart auch - wenn auch aus anderen Motiven.

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    Die CDU will über die entstehenden Schulden zu S21 wieder im Land BW und in Stuttgart an die Regierung... gute Strategieüberlegung...irgendwie clever die Schwarzen....
    Aber Kretschmann wird ihnen das Vorhaben "vermerkeln", wetten......

  5. Die CDU will über die entstehenden Schulden zu S21 wieder im Land BW und in Stuttgart an die Regierung... gute Strategieüberlegung...irgendwie clever die Schwarzen....
    Aber Kretschmann wird ihnen das Vorhaben "vermerkeln", wetten......

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    • doof
    • 15. März 2013 13:07 Uhr

    .. mit Kretschmann *... haben Sie nicht Ihre Regionalnachrichten gelesen?

    http://www.stuttgarter-ze...

    * S' kann natürlich auch sein, dass das Taktik ist. Wenn die dann nur auch aufgeht.

    • doof
    • 15. März 2013 13:07 Uhr

    .. mit Kretschmann *... haben Sie nicht Ihre Regionalnachrichten gelesen?

    http://www.stuttgarter-ze...

    * S' kann natürlich auch sein, dass das Taktik ist. Wenn die dann nur auch aufgeht.

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    Antwort auf "Vermerkeln"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, kg
  • Schlagworte Chrysler | Asche | Automobilindustrie | Behörde | Detroit | Dollar
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