ZEIT ONLINE: Herr Meyer, Sie sind der erste grüne Landwirtschaftsminister in Niedersachsen und wollen die Agrarwende in Deutschlands wichtigstem Agrarland herbeiführen. Was wollen Sie konkret erreichen?

Christian Meyer: Die bisherige Politik des "Wachsen oder Weichen" muss ein Ende haben.

ZEIT ONLINE: Damit ist die Tendenz gemeint, dass die Höfe in Niedersachsen immer größer werden.

Meyer: In den vergangenen Jahren sind rund 30.000 Arbeitsplätze in der Landwirtschaft in Niedersachsen verloren gegangen. Wir wollen, anders als früher, die bäuerlichen Familienbetriebe stärken, die auf Umweltschutz und Tierschutz setzen und Verbraucherschutz gewährleisten. In diese Richtung wollen wir auch die Förderung umstellen. Das geht aber nur schrittweise und sehr sanft.

ZEIT ONLINE: Heißt das jetzt: Bio für alle?

Meyer: Nein. Das heißt eine Steigerung des ökologischen Landbaus, so, wie es auch der Verbraucher wünscht. Niedersachsen ist beim Ökoanbau zurzeit noch Schlusslicht unter den Bundesländern. Für konventionelle Betriebe heißt das: Wir setzen Anreize für mehr Tierschutz. Die Tiere sollen mehr Platz bekommen, den Schweinen sollen nicht mehr die Schwänze abschnitten werden, den Hühnern nicht mehr der Schnabel. Außerdem wollen wir durch eine bessere Kennzeichnung erreichen, dass der Verbraucher auch bereit ist, wirklich faire Lebensmittelpreise zu bezahlen.

ZEIT ONLINE: Das heißt: Am Ende wird es für den Verbraucher teurer?

Meyer: Der Verbraucher will vor allem eines nicht mehr: mit Subventionen die Massentierhaltung finanzieren. Er will keine Massentierhaltung, für die er am Ende indirekt zahlen muss, weil das Wasser gereinigt werden muss von antibiotikaresistenten Keimen. Wenn man diese externen Kosten einrechnet, dann ist heute schon das billige Hähnchen viel teurer. Der Verbraucher bezahlt es nur indirekt mit Steuergeldern und Subventionen für die Wasseraufbereitung. Diese Kosten wären sinnvoller angelegt in einer ökologischen Landwirtschaft und einer artgerechten Tierhaltung. Am Ende profitiert der Verbraucher. Aber ja: Der reale Preis für Lebensmittel muss steigen, denn sie haben einen deutlich höheren Wert.

ZEIT ONLINE: Sie sind gerade einmal zwei Wochen im Amt – und sahen sich gleich mit drei Skandalen konfrontiert: Es ging um Pferdefleisch, Eier und Futtermittel. Was lernt die Politik daraus?

Meyer: Bei allen drei Skandalen ging es um agrarindustrielle Strukturen. Ein Pferd aus Rumänien bekam etwa auf dem Weg durch mehrere Länder plötzlich Hörner und landete als Rindfleisch im Fertigprodukt. Billiger, verseuchter Futtermais wird aus Serbien eingeführt, um Kosten zu drücken. Die Antwort auf diese Probleme liegt in einer regionalen und bäuerlichen Landwirtschaft, in der das Futter zum überwiegenden Teil selbst vom Landwirt erzeugt wird. Eine regionale und bäuerliche Landwirtschaft ist der beste Schutz vor solchen Skandalen.

ZEIT ONLINE: Das bedeutet aber zwangsläufig auch weniger produzierte Lebensmittel. Das werden Unternehmen wie Wiesenhof nicht gern hören.

Meyer: Wir wollen Agrarland Nummer eins bleiben. Aber nicht, indem wir einfach noch mehr Tiere halten. Wir wollen auf Qualitätslandwirtschaft setzen. Dann können wir für die Tiere und die Produkte, die wir haben, deutlich bessere Preise erzielen. Das schafft mehr Arbeitsplätze, Lebensqualität und Wachstum.