Grüner Landwirtschaftsminister "Am Ende profitiert der Verbraucher"

Lebensmittel sind zu günstig, sagt Christian Meyer, der neue grüne Agrarminister in Niedersachsen im Interview. Er will der qualvollen Massentierhaltung ein Ende setzen. von 

ZEIT ONLINE: Herr Meyer, Sie sind der erste grüne Landwirtschaftsminister in Niedersachsen und wollen die Agrarwende in Deutschlands wichtigstem Agrarland herbeiführen. Was wollen Sie konkret erreichen?

Christian Meyer: Die bisherige Politik des "Wachsen oder Weichen" muss ein Ende haben.

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ZEIT ONLINE: Damit ist die Tendenz gemeint, dass die Höfe in Niedersachsen immer größer werden.

Meyer: In den vergangenen Jahren sind rund 30.000 Arbeitsplätze in der Landwirtschaft in Niedersachsen verloren gegangen. Wir wollen, anders als früher, die bäuerlichen Familienbetriebe stärken, die auf Umweltschutz und Tierschutz setzen und Verbraucherschutz gewährleisten. In diese Richtung wollen wir auch die Förderung umstellen. Das geht aber nur schrittweise und sehr sanft.

ZEIT ONLINE: Heißt das jetzt: Bio für alle?

Christian Meyer
Christian Meyer

ist seit Februar 2013 der erste grüne Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Niedersachsen. Der 37-Jährige kommt aus Holzminden, wo er auf einem Milchviehbetrieb groß geworden ist.

Meyer: Nein. Das heißt eine Steigerung des ökologischen Landbaus, so, wie es auch der Verbraucher wünscht. Niedersachsen ist beim Ökoanbau zurzeit noch Schlusslicht unter den Bundesländern. Für konventionelle Betriebe heißt das: Wir setzen Anreize für mehr Tierschutz. Die Tiere sollen mehr Platz bekommen, den Schweinen sollen nicht mehr die Schwänze abschnitten werden, den Hühnern nicht mehr der Schnabel. Außerdem wollen wir durch eine bessere Kennzeichnung erreichen, dass der Verbraucher auch bereit ist, wirklich faire Lebensmittelpreise zu bezahlen.

ZEIT ONLINE: Das heißt: Am Ende wird es für den Verbraucher teurer?

Meyer: Der Verbraucher will vor allem eines nicht mehr: mit Subventionen die Massentierhaltung finanzieren. Er will keine Massentierhaltung, für die er am Ende indirekt zahlen muss, weil das Wasser gereinigt werden muss von antibiotikaresistenten Keimen. Wenn man diese externen Kosten einrechnet, dann ist heute schon das billige Hähnchen viel teurer. Der Verbraucher bezahlt es nur indirekt mit Steuergeldern und Subventionen für die Wasseraufbereitung. Diese Kosten wären sinnvoller angelegt in einer ökologischen Landwirtschaft und einer artgerechten Tierhaltung. Am Ende profitiert der Verbraucher. Aber ja: Der reale Preis für Lebensmittel muss steigen, denn sie haben einen deutlich höheren Wert.

ZEIT ONLINE: Sie sind gerade einmal zwei Wochen im Amt – und sahen sich gleich mit drei Skandalen konfrontiert: Es ging um Pferdefleisch, Eier und Futtermittel. Was lernt die Politik daraus?

Meyer: Bei allen drei Skandalen ging es um agrarindustrielle Strukturen. Ein Pferd aus Rumänien bekam etwa auf dem Weg durch mehrere Länder plötzlich Hörner und landete als Rindfleisch im Fertigprodukt. Billiger, verseuchter Futtermais wird aus Serbien eingeführt, um Kosten zu drücken. Die Antwort auf diese Probleme liegt in einer regionalen und bäuerlichen Landwirtschaft, in der das Futter zum überwiegenden Teil selbst vom Landwirt erzeugt wird. Eine regionale und bäuerliche Landwirtschaft ist der beste Schutz vor solchen Skandalen.

ZEIT ONLINE: Das bedeutet aber zwangsläufig auch weniger produzierte Lebensmittel. Das werden Unternehmen wie Wiesenhof nicht gern hören.

Meyer: Wir wollen Agrarland Nummer eins bleiben. Aber nicht, indem wir einfach noch mehr Tiere halten. Wir wollen auf Qualitätslandwirtschaft setzen. Dann können wir für die Tiere und die Produkte, die wir haben, deutlich bessere Preise erzielen. Das schafft mehr Arbeitsplätze, Lebensqualität und Wachstum.

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Leserkommentare
  1. ...ganz andere Ansichten hat, wo sich die Landwirtschaft hinentwickeln, was subventioniert werden soll - pardon, was der Verbraucher will.

    6 Leserempfehlungen
    • porph
    • 12. März 2013 15:32 Uhr

    Ob Lebensmittel zu billig ist, darüber kann tatsächlich trefflich diskutiert werden. Viele Menschen schreien auf, wenn sie dieses Argument hören. Fakt ist, dass Lebensmittel vor allem dann zu teuer sind, wenn man sich falsch ernährt, und auf teilweise oder sogar stark verarbeitete "Lebensmittel" (=Fertiggerichte) zurückgreift. Ein Sack Kartoffeln und eine Packung Linsen sind gemessen am ernährungstechnischen Wert, sorry - saubillig.

    Es ist richtig, dass die Politik hier eingreifen muss. Der Markt wird den Rest regeln. Bei vielen Skandalen in letzter Zeit wurde die Verantwortung auf den Verbraucher umgelegt, a la "er will es so billig, was sollen wir als Industrie denn tun?" - das ist ein schlechtes Argument. Die Industrie und dadurch indirekt vor allem die Politik (durch Vorgaben und Kontrollen) muss dafür sorgen, dass billigste ungesunde Produktion nicht mehr vorkommt. Die Preise werden steigen müssen. Die Verbraucher werden entweder damit leben, dagegen protestieren, oder (im besten Fall, meiner Meinung nach) die eigene Ernährungsstrategie hinterfragen und den Konsum anpassen. Der Schritt als solches ist aber unausweichlich, denn das gesamte Ernährungskonzept eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung unseres Landes ist höchst suboptimal.

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    • GDH
    • 12. März 2013 17:47 Uhr

    Ob Lebensmittel vorverarbeitet und dann an den Verbraucher verkauft oder erst vom Verbraucher verarbeitet werden, hat mit der Landwirtschaft nichts zu tun. Also auch nicht der Preisunterschied zwischen ihrem Sack Kartoffeln und oder der Packung Linsen zu Fertigpommer oder Linsensuppe aus der Konserve.

    Herr Meyer möchte insbesondere die Bedingungen für Tierzucht ändern und das wirkt sich auf den Preis für Tierprodukte aus. Die Preisdifferenz zwischen Grundstoffen und Fertiggerichten kommt nicht daher (sondern z.B. aus Verarbeitung, Lagerhaltung, Verpackung, Werbung usw.).

    In wie weit Ihre Bezeichnung "falsch" auf alles Vorverarbeitete anwendbar ist, ließe sich gesondert diskutieren, gehört aus meiner Sicht aber nicht hierher.

  2. ... das einzige was massivst zu billig ist sind tierische Lebensmittel. Hingegen sind viele pflanzliche Lebensmittel geradezu zu teuer.
    Paradox, wenn man bedenkt, dass Schweine, Rinder, Geflügel ein vielfaches ihres Körpergewichtes in Form von Soja, Getreide (oft importiert aus ärmeren Ländern, die dafür ihre Bevölkerung darben lassen).
    Daher weg mit den Subventionen für Fleisch, Milch etc. Subventionieren wir mal lieber nachhaltige, ethische, umweltfreundliche und vor allem tierqualfreie Ernährung, und die kann nur pflanzlicher Natur sein.

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    • 4p9xD
    • 12. März 2013 16:21 Uhr

    Wenn Tomaten sechs mal teurer als Schwein sind, läuft was falsch (http://blog.zeit.de/nachgesalzen/2012/01/18/milchmadchen-rechnungen_6308).

    Wir Deutschen verdienen von allen Europäern das meiste und wir geben am wenigsten Geld für unsere Lebensmittel aus.

    Wir haben die teuersten Küchen und Kochen darin das billigste Essen.
    Hier läuft was falsch!

    Wir müssen versuchen mehr pflanzliche Lebensmittel zu essen und öfter Bio und Fairtrade zu shoppen!
    Das ist keine ultimative Lösung, aber es ist eine Besserung.

    Ergänzend sollte man auch noch einmal darauf hinweisen, dass Thilo Sarrazins Hartz-IV-Kochbuch fast ausschließlich Fleischgerichte beinhaltet.

    Wobei "zu teuer" auch stets eine Frage der Einkommensverteilung sowie fixer Kosten (Mietspiegel, Kosten öffentliche Verehrsmittel, De-facto-Zwang zur Pivatversicherung für Berufsunfähigkeit, Altersvorsorge,...- ist übrigens oft nutzlos, es wird nur verbreitet, dass man das haben muss) ist.
    Bei anständigen Löhnen, moderaten Mieten usw. wäre "Bio für Alle" ein realistisches Ziel, nur dann könnte man von Nachhaltigkeit sprechen. Aber davon sind wir weit wentfernt.

  3. und auch keine Kartelle, die den Preis diktieren, bestimmt der Markt den Preis - nicht irgendein Minister. Entscheidend dafür ist allein das Spiel aus Angebot und Nachfrage: wieviel der Anbieter mindestens dafür haben will, und wieviel der Käufer dafür zu zahlen bereit ist. Und das ist gut so.

    Die Bedingungen, unter denen Lebensmittel produziert und angeboten werden, sind eine komplett andere Baustelle: Subventionen, Kartellgesetze, Hygiene- und Tierschutzvorschriften, Abgaben usw. Politiker, die verkünden, etwas "müsse teurer werden, damit...", überschreiten eklatant ihre Kompetenzen.

    Letztlich entscheidet der Markt auch über die Sinnfälligkeit politischer Maßnahmen: wenn z.B. ein Produkt durch gesetzliche Auflagen so teuer wird, dass es keiner mehr kauft. Und auch das ist gut so.

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    ... die sich einen Dreck um ethische Aspekte kümmern. Mit den Sauereien in der Produktion sollen dann die heimischen Sauereien, die man den einfachen Arbeitern per Lohndrückerei antut, überdeckt werden.

    Die Leute sollen 45 h/Woche malochen, bei den Ansprüchen auf billig getrimmt sein und so dem Unternehmer maximale Profite ermöglichen.

    So lange ein reiches Land wie Deutschland über billige/teuere Lebensmittel diskutiert, läuft ganz wo anders was gewaltig schief. Letztlich sehen wird doch, dass selbst die superbilligen Lebensmittel, die wir hier haben, nicht vermeiden konnten, dass immer mehr Menschen auf Tafeln angewiesen sind.

    Wenn wir uns nicht aus dem Würgegriff der Kapitalinvestoren und ihrem Meinungsbildertross befreien, wird das BIP fleißig wachsen und immer mehr Menschen werden Sachen zu essen bekommen, die vom Dreck im Straßengraben immer schwerer zu unterscheiden sein werden.

    • oooo
    • 12. März 2013 16:00 Uhr

    Wenn der Kunde bereit ist, mehr für Lebensmittel zu zahlen, werden Lebensmittel teurer, bleiben aber schlecht. Wenn es dafür noch einen Beweis brauchte, dann hat der Bioeier-Skandal ihn geliefert.

    Die Qualität der Lebensmittel steigt, wenn sie durch Kontrollen und Vorgaben von staatlicher Seite erzwungen wird. Die Preise werden dann die gestiegenen Kosten wiederspiegeln.

    • cielo
    • 12. März 2013 16:00 Uhr

    der total von Subventionen, Kartellen und Lobbies, wie die der Düngemittel- Futtermittelhersteller, den Monsantos etc.
    Von was für einen Markt sprechen Sie, wo ist der? Sie können ja mal auf d
    Und vielleicht sollte man den Verbraucher mal wieder erzählen, dass es durchaus sinnvoll ist, dass man für Lebensmittel auch anständig bezahlen sollte, um die genannten Skandale zu vermeiden. Und nicht nur iphones, Megaglotzen und dergleichen teuer sein müssen, um den Schwan... ähh Status zu verbessern.

    c.

    • kshade
    • 12. März 2013 16:01 Uhr

    Genau das sagt er aber ja, von Planwirtschaft ist da keine Rede. Fragwürdige Massentierhaltung erzeugt Kosten die die Allgemeinheit trägt, und der gesetzliche Rahmen, also was erlaubt ist und was nicht, kann geändert werden. Dadurch steigt der Preis und Discounterfleisch verschwindet aus den Regalen, zumindest wenn sich beim Import auch was ändert.

    • ZH1006
    • 12. März 2013 16:02 Uhr

    die Einkäufer der Supermarktketten fragen nicht danach, was ein Hähnchen kostet, sondern sie sind es, die den Preis bestimmen, für den eingekauft wird. Und da ja das Hähnchen in jedem Supermarkt nahezu den gleichen, lächerlich niedrigen Preis hat, kann man davon ausgehen, das auch der noch lächerlichere Einkaufspreis überall fast identisch ist. Wer bestimmt also den Preis für Fleisch und Geflügel aus konventioneller Tierhaltung?

    Das kann nur zu solchen Auswüchsen führen, wie wir sie seit Jahrzehnten nun über uns ergehen lassen müssen.

  4. Wenn die Produktion eh komplett automatisiert ist, kann man auf das Hühnchen-Etikett auch einen QR-Code aufdrucken, der zu einem Bild führt, von dem Hühnchen einen Tag vor der Schlachtung.

    Für den Einstieg, bis die Automatenstraße umprogrammiert ist, tät's auch ein Gruppenbild mit einigen Details.
    http://globalmagazin.com/themen/natur/nrw-studie-haehnchen-mast/

    Da würde die Aussage, wir verkaufen dem Kunden das, was er will, etwas Fleisch auf die dürren Knochen bekommen.

    Nützlich wäre auch eine Liste der Medikamente, die das Hühnchen während der 40 Tage der Mast bekommen hat.
    http://www.planet-wissen.de/natur_technik/tier_und_mensch/tierzucht/scha...

    8 Leserempfehlungen
    • Plupps
    • 12. März 2013 15:53 Uhr

    Richtig "die" Deutschen sidn eher geizig, was Lebensmittel angebt. Aber ehrlich gesagt, kann ich die Leier "ist zu billig" nicht mehr hören. Laut den Artikeln hier ist fast alles "zu billig": Reisen, Auto, Mobilität, Strom, Heizung, Kleidung etc. Ausnahme scheinen nur die Mieten in Berlinmitte zu sein, die sind dann zu teurer (Achtung Löscher: das war ein Scherz!)
    Rechnet man das mal durch könnte man auch sagen: Die Kaufkraft soll massiv abgesenkt werden, wohl um etwa 30 Prozent. Wer so etwas stets prodpagiert, soll sich dann nicht wundern, wenn immer mehr Menschen wirklich arm sind.
    Und zu dem Interview: eher geht Wiesenhof eben nach Polen als dass sich Leute die ein 3,5 Euzro Hähnchen kaufen, acht Euro ausgeben wollen (oder können)

    5 Leserempfehlungen
  5. ... die sich einen Dreck um ethische Aspekte kümmern. Mit den Sauereien in der Produktion sollen dann die heimischen Sauereien, die man den einfachen Arbeitern per Lohndrückerei antut, überdeckt werden.

    Die Leute sollen 45 h/Woche malochen, bei den Ansprüchen auf billig getrimmt sein und so dem Unternehmer maximale Profite ermöglichen.

    So lange ein reiches Land wie Deutschland über billige/teuere Lebensmittel diskutiert, läuft ganz wo anders was gewaltig schief. Letztlich sehen wird doch, dass selbst die superbilligen Lebensmittel, die wir hier haben, nicht vermeiden konnten, dass immer mehr Menschen auf Tafeln angewiesen sind.

    Wenn wir uns nicht aus dem Würgegriff der Kapitalinvestoren und ihrem Meinungsbildertross befreien, wird das BIP fleißig wachsen und immer mehr Menschen werden Sachen zu essen bekommen, die vom Dreck im Straßengraben immer schwerer zu unterscheiden sein werden.

    11 Leserempfehlungen
    • oooo
    • 12. März 2013 16:00 Uhr

    Wenn der Kunde bereit ist, mehr für Lebensmittel zu zahlen, werden Lebensmittel teurer, bleiben aber schlecht. Wenn es dafür noch einen Beweis brauchte, dann hat der Bioeier-Skandal ihn geliefert.

    Die Qualität der Lebensmittel steigt, wenn sie durch Kontrollen und Vorgaben von staatlicher Seite erzwungen wird. Die Preise werden dann die gestiegenen Kosten wiederspiegeln.

    7 Leserempfehlungen
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    super Kommentar genau auf dem Punkt.

    Staatlich verordnete höhere Preise versprechen noch lange nicht bessere Qualität.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Massentierhaltung | Skandal | Tier | Tierhaltung | Tierschutz | Umweltschutz
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