Eve Ellis konnte die Zahlen zunächst selbst kaum glauben. Im vergangenen Sommer hatte Ellis, Vermögensberaterin bei der US-Großbank Morgan Stanley, eine Studie nach der anderen durchkämmt. Alle Papiere zeigten eine klare Wechselwirkung: In Unternehmen, in denen viele Frauen im Aufsichtsrat saßen, entwickelte sich der Aktienkurs besser als anderswo. Ein ursächlicher Zusammenhang war freilich nicht nachzuweisen. Dennoch machten die Studien sehr deutlich, dass weibliche Kontrolle mit einer besseren Rendite für die Investoren einhergeht. "Das hat mich ziemlich erstaunt", sagt Ellis. 

Sie will den Zusammenhang nutzen – um aus viel Geld noch mehr zu machen, und um ein politisches Zeichen zu setzen. Gemeinsam mit einem Kollegen hat Ellis für Morgan Stanley das sogenannte Parity Portfolio (Gleichheitsportfolio) ins Leben gerufen. Es ist ein Wertpapierdepot, das ausschließlich in US-Unternehmen mit mindestens drei Frauen im Aufsichtsrat investiert. Am ersten April soll es offiziell die Geschäfte aufnehmen – kein Scherz. 

In der anhaltenden Debatte über Frauenquoten für Aufsichtsräte ist das ein außergewöhnlicher Vorstoß von der Wall Street, mitten aus dem Herzen des freien Marktkapitalismus. Während sich Europas Politiker im vergangenen Herbst nur schwer auf einen Gesetzesentwurf zur Quotenregelung einigen konnten, der nun zudem am Widerstand der Bundesregierung zu scheitern droht, zeigt Morgan Stanley eine interessante privatwirtschaftliche Alternative auf.

Zuvor war bereits eine Analyse der Schweizer Großbank Credit Suisse zu dem Ergebnis gekommen, dass die Aktienkurse von Unternehmen mit "mindestens ein paar Frauen" im Aufsichtsrat über einen Zeitraum von sechs Jahren deutlich besser abschnitten. Studien der Unternehmensberatungen McKinsey & Company sowie Ernst & Young kommen kamen ebenfalls zu dem Schluss, dass mehr Frauen die Kontrollgremien stärkten.

"Wir sind Investmentaktivisten"

"Ich verstehe nicht, warum nicht alle Unternehmen das erkennen und mehr Frauen an Bord holen", sagt Ellis. Sie nennt sich selbst eine Feministin. "Mich frustriert es, dass es so wenige Frauen in den Aufsichtsräten gibt", sagt sie. "Männer müssen ein wenig Platz machen. Das passiert noch nicht genug." Um die Sache in Bewegung zu bringen, baut Ellis  mit ihrem Fonds ein Druckmittel auf. Potenzielle Investoren, private und institutionelle, müssen je mindestens 250.000 Dollar ins Parity Portfolio einbringen. Ziel sei politischer Einfluss, sagt die Bankerin. "Wir sind Investmentaktivisten."

Die gemeinnützige Organisation Catalyst, die sich für die Förderung von Frauen in Unternehmen einsetzt, findet das mutig. Bisher gab es ähnliche Initiativen nur vereinzelt von Investorenseite, etwa dem California Public Employees Retirement System (Calpers), der als Großaktionär gewissen Einfluss auf Aufsichtsräte ausüben kann.

20 amerikanische Unternehmen wurden von Ellis und ihrem Team bereits als anlagewürdig ausgewählt. Tabak-, Öl- und Waffenkonzerne sind ausgeschlossen. Und wichtig ist vor allem auch, dass die Bilanz stimmt: Gleichheit in den Aufsichtsräten alleine reicht nicht, um ins Portfolio aufgenommen zu werden.

Die auserwählten Firmen selbst wissen noch gar nichts von der Ehre. Das soll sich aber bald ändern. Schließlich braucht die Strategie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, um Nachahmer zu gewinnen und zu wirken. Künftig wollen Ellis und ihre Kollegen an bilanzstarke Unternehmen herantreten, bei denen die Quote noch nicht stimmt – und sie dann dazu bewegen, etwas zu ändern.