FrauenquoteMorgan Stanleys feministische Wette

Ein neuer Fonds der Großbank investiert nur in Firmen mit mindestens drei Frauen im Aufsichtsrat: Für die Rendite – und um politischen Druck zu entfalten. Von Kim Bode von Kim Bode

Der Hauptsitz der amerikanischen Großbank Morgan Stanley in New York (Archivbild)

Der Hauptsitz der amerikanischen Großbank Morgan Stanley in New York (Archivbild)  |  © Mario Tama/Getty Images

Eve Ellis konnte die Zahlen zunächst selbst kaum glauben. Im vergangenen Sommer hatte Ellis, Vermögensberaterin bei der US-Großbank Morgan Stanley, eine Studie nach der anderen durchkämmt. Alle Papiere zeigten eine klare Wechselwirkung: In Unternehmen, in denen viele Frauen im Aufsichtsrat saßen, entwickelte sich der Aktienkurs besser als anderswo. Ein ursächlicher Zusammenhang war freilich nicht nachzuweisen. Dennoch machten die Studien sehr deutlich, dass weibliche Kontrolle mit einer besseren Rendite für die Investoren einhergeht. "Das hat mich ziemlich erstaunt", sagt Ellis. 

Sie will den Zusammenhang nutzen – um aus viel Geld noch mehr zu machen, und um ein politisches Zeichen zu setzen. Gemeinsam mit einem Kollegen hat Ellis für Morgan Stanley das sogenannte Parity Portfolio (Gleichheitsportfolio) ins Leben gerufen. Es ist ein Wertpapierdepot, das ausschließlich in US-Unternehmen mit mindestens drei Frauen im Aufsichtsrat investiert. Am ersten April soll es offiziell die Geschäfte aufnehmen – kein Scherz. 

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In der anhaltenden Debatte über Frauenquoten für Aufsichtsräte ist das ein außergewöhnlicher Vorstoß von der Wall Street, mitten aus dem Herzen des freien Marktkapitalismus. Während sich Europas Politiker im vergangenen Herbst nur schwer auf einen Gesetzesentwurf zur Quotenregelung einigen konnten, der nun zudem am Widerstand der Bundesregierung zu scheitern droht, zeigt Morgan Stanley eine interessante privatwirtschaftliche Alternative auf.

Zuvor war bereits eine Analyse der Schweizer Großbank Credit Suisse zu dem Ergebnis gekommen, dass die Aktienkurse von Unternehmen mit "mindestens ein paar Frauen" im Aufsichtsrat über einen Zeitraum von sechs Jahren deutlich besser abschnitten. Studien der Unternehmensberatungen McKinsey & Company sowie Ernst & Young kommen kamen ebenfalls zu dem Schluss, dass mehr Frauen die Kontrollgremien stärkten.

"Wir sind Investmentaktivisten"

"Ich verstehe nicht, warum nicht alle Unternehmen das erkennen und mehr Frauen an Bord holen", sagt Ellis. Sie nennt sich selbst eine Feministin. "Mich frustriert es, dass es so wenige Frauen in den Aufsichtsräten gibt", sagt sie. "Männer müssen ein wenig Platz machen. Das passiert noch nicht genug." Um die Sache in Bewegung zu bringen, baut Ellis  mit ihrem Fonds ein Druckmittel auf. Potenzielle Investoren, private und institutionelle, müssen je mindestens 250.000 Dollar ins Parity Portfolio einbringen. Ziel sei politischer Einfluss, sagt die Bankerin. "Wir sind Investmentaktivisten."

Die gemeinnützige Organisation Catalyst, die sich für die Förderung von Frauen in Unternehmen einsetzt, findet das mutig. Bisher gab es ähnliche Initiativen nur vereinzelt von Investorenseite, etwa dem California Public Employees Retirement System (Calpers), der als Großaktionär gewissen Einfluss auf Aufsichtsräte ausüben kann.

20 amerikanische Unternehmen wurden von Ellis und ihrem Team bereits als anlagewürdig ausgewählt. Tabak-, Öl- und Waffenkonzerne sind ausgeschlossen. Und wichtig ist vor allem auch, dass die Bilanz stimmt: Gleichheit in den Aufsichtsräten alleine reicht nicht, um ins Portfolio aufgenommen zu werden.

Die auserwählten Firmen selbst wissen noch gar nichts von der Ehre. Das soll sich aber bald ändern. Schließlich braucht die Strategie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, um Nachahmer zu gewinnen und zu wirken. Künftig wollen Ellis und ihre Kollegen an bilanzstarke Unternehmen herantreten, bei denen die Quote noch nicht stimmt – und sie dann dazu bewegen, etwas zu ändern.

Leserkommentare
  1. ...vorallem wenn es nach hinten los geht wissen wir ja wer schuld hatte :-))

    2 Leserempfehlungen
  2. Es werden nach wie vor zu wenig Führungspositionen an Frauen vergeben. Zu einfach sei es aber, die Gründe dafür in einer durch männliche Machtverhältnisse geprägten Unternehmenskultur zu suchen, erklärt Dr. Michael Faller von der Baumann Unternehmensberatung http://www.atkearney361gr...

    Eine Leserempfehlung
  3. Asset Management via Gender-Mainstreaming; ich lach mich kaputt.
    Die Banken sind sich tatsächlich für nichts zu schade, solange man aus diesem Nichts ein Produkt zusammenschustern kann.

    Wie "ernst" man es mit diesem Thema meint, sieht man ja an der bereits erwähnten Besetzung des eigenen Aufsichtsrates bei MS.

    3 Leserempfehlungen
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    Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/fk.

    Fragen zur Moderation können Sie gerne an community@zeit.de richten. Danke, die Redaktion/fk.

  4. Klingt für mich etwas nach marktgerechter Prostitution.

    MfG
    FT

    Eine Leserempfehlung
  5. Wird das "...Anlageuniversum zu strikt eingegrenzt wird, können auch negative Effekte auftreten" urteilt eine Studie der Steinbeis Universität (http://www.aachener-zeitu...). Zumal das Anlagekriterium auf keinerlei wissenschaftlichen Grundlagen basiert. Ich würde die Finger davon lassen.

  6. Systemkonforme Männer durch systemkonforme Frauen auszutauschen, wird dieses "failed system" - weder auf politischer, noch auf wirtschaftlicher Ebene retten

    2 Leserempfehlungen
  7. wird seit Jahren immer mal wieder von verschiedenen Studien festgestellt und von der Gendermerie stets aufs Neue ausgeschlachtet. Was aber dadurch bisher NICHT nachgewiesen werden konnte, waren Kausalzusammenhänge. Die Aussagekraft dieser statistischen Werte ging nie über die pure Korrelation hinaus.

    Die Ergebnisse könnten daher rühren, dass die Frauen im Aufsichtsrat dem Unternehmen Erfolg bescheren. Sie könnten jedoch auch abbilden, dass Firmen, die mehr Erfolg haben, sich mit der Zeit trauen, ein paar Frauen in den Aufsichtsrat zu berufen, weil sie sich ein "gendergerechtes" Image verpassen wollen.

    Wegen dieses Mangels an Aussagekraft aller bisherigen Studien und weil der "Erfolgsfaktor Gemischte Führungsteams" auch nicht unumstritten ist, würde ich dem Fond jetzt eher davon abraten, den Blick zu sehr zu verengen.

    3 Leserempfehlungen
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    In den „berühmten“ Studien von McKinsey und Ernst&Young, diese beiden werden gerne auch hier zitiert, werden keine Korrelationen zw. Unternehmenserfolg und Frauenbeteiligung in Führungsgremien analysiert.
    In beiden Studien werden einfache und unbereinigte Kennzahlen ermittelt. Nicht einmal eine einfache statistische Korrelation oder Signifikanz wurde gezeigt und schon gar kein analytischer Zusammenhang.

    Entsprechend einer Kennzahlenanalyse dieser Qualität, müssten heute Manager aus Griechenland und Spanien angesagt sein, denn dort sind die Renditen am höchsten, allerdings vor Bereinigung um Risikoanteile in der Rendite. Also nur bei den überlebenden Unternehmen.

    Niedrige Rendite kann nämlich auch Vertrauen ausdrücken und nicht Unfähigkeit. Der deutsche Bund konnte sich im letzten Jahr teils für negative Renditen finanzieren, während südliche Länder teils über 7% bieten mussten. Ein Zusammenhang von Rendite und Qualität der Unternehmensführung kann nur bereinigt um Länder- und Branchenrisiken sinnvoll sein. Beides haben die verantwortlichen (Frauen) bei den Studien immer vermieden.

    Für Legendenbildung und Zitate durch einfach denkende oder LegendenbildnerInnen reicht es allemal.

    Frau Ellis setzt auf einen Frauenfond, warum nicht?

    Wer in der Vergangenheit auf deutsche Männerwirtschaft gesetzt hatte, hatte auf jeden Fall keine schlechten Karten.

  8. 8. [...]

    Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/fk.

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  • Schlagworte Morgan Stanley | Unternehmen | Frauenquote
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