Landwirtschaft : Der grüne Kampf gegen die Schweinewirtschaft

Lautlos haben die Grünen die Macht in der Agrarpolitik übernommen. Nun legt sich auch in Niedersachsen ein grüner Minister mit der Bauernlobby an. Von M. Uken, Winsen

 Mastschweine im Stall von Jochen Oestmann, Rethem/Aller © Marlies Uken

Jochen Oestmann läuft den Mittelgang des Schweinestalls entlang, nackter Spaltenboden, kein Stroh. Erstaunlich sauber. Von der Decke leuchtet Neonlicht, die Fütterungsanlage rasselt monoton. Oestmann, ein großer, kräftiger Mann Mitte 40, tritt rechts und links zur Begrüßung gegen die Absperrwände, die Schweine quieken, springen übereinander her. Zwölf Tiere sind auf zehn Quadratmetern untergebracht. Allein 200 sind es in diesem Stall, einer von vielen des Mastbetriebs.

Ostmann betreibt Fleischproduktion im großen Stil. 2.500 Schweine züchtet er, ein Stall für weitere 1.600 Tiere ist in Planung. Der Bauer gehört damit zu den größten Mästern in Niedersachsen. Oestmann kauft die drei Monate alten Ferkel bei einem Züchter, dann mästet er sie, von 28 Kilogramm hoch auf 120. Ein perfektioniertes Programm aus Kraftfutter, Stallklima und Medikamenten. Nach drei Monaten wiegen die Ferkel vier Mal so viel, dann kommt der Schlachthof, dann Lidl. "Es ist das, was der Verbraucher will", sagt Oestmann.

Es ist vor allem das, was Christian Meyer nicht mehr will.

Meyer, 37 Jahre alt, Halbglatze, randlose Brille, ein rundlicher Mann, ist seit zwei Wochen Agrarminister in Niedersachsen, der erste Grüne in der Geschichte des Bundeslandes. Anders als in anderen Ländern ist das ein ziemlich wichtiger Posten: In Niedersachsen arbeiten noch immer mehr Menschen in der Landwirtschaft als in der Autoindustrie. Jedes zweite Huhn in Deutschland kommt von hier, ebenso jedes dritte Schwein.  Die Landwirtschaft ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige.

Meyer ist bekannt dafür, dass er die konventionellen Landwirte in Niedersachsen kritisch sieht, vor allem Bauern wie Jochen Oestmann, der von sich selbst sagt, er sei Meyers "Feindbild". Noch in der Opposition, als agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Landtag, wählte der heutige Minister drastische Vergleiche, wenn er die Landwirtschaft der Neuzeit beschrieb: Fleischtheken verglich er mit Sondermülldeponien, Großställe mit Tierfabriken.

Fleisch, das ist das nächste, große Streitthema

In der Bevölkerung kam das nicht selten gut an. Fleisch und seine Produktion, das ist eines der großen gesellschaftlichen Konfliktthemen. Es geht um viel Geld und um das Essen der Bürger. Es ist auch ein Thema, das den Grünen die Wähler zutreibt, nicht nur in den Großstädten, sondern auch auf dem Land, wo die Menschen den großen Schlachthöfen und Hühnermastställen zunehmend kritisch gegenüberstehen. Gleich in fünf Bundesländern stellt die Ökopartei inzwischen den Agrarminister. Kein Wunder, heißt es in der Partei, schließlich verstehe man davon einfach mehr als andere.

Marlies Uken

Marlies Uken ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft und bloggt bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Für die Bauern, größtenteils konservative Wähler, sind die grünen Politiker eine mächtige Herausforderung, erst recht in Niedersachsen. Auf acht Seiten widmet sich der Koalitionsvertrag der Landwirtschaftspolitik. Mit dem Dogma der niedersächsischen Landwirtschaft, mit "Wachsen oder Weichen", will Meyer nach Jahrzehnten brechen. Während die Zahl der Schweine im Jahr 2011 um 11,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zunahm, ging die Zahl der Schweinehalter um 4,1 Prozent zurück. Das heißt: Die Bauernhöfe der Schweinemäster werden immer größer, es gibt immer mehr Schweine auf immer weniger Raum, die mit immer weniger Personal gemästet werden. Für Meyer ist das eine Fehlentwicklung, die gestoppt werden muss.

Subventionen machen mehr als die Hälfte des Gewinns aus

"Qualitätslandwirtschaft statt Massentierhaltung" will der Minister. Meyer plant, die 40.000 bäuerlichen Familienbetriebe zu stärken. Die Milliarden aus Brüssel, über deren Vergabe die EU am Mittwoch entscheidet, sollen nicht einfach so fließen, sondern nur dann, wenn sich die Höfe an Umwelt- und Tierschutzvorgaben halten. Ein mächtiger Hebel ist das, schließlich machen die Direktzahlungen und Zuschüsse bisher mehr als die Hälfte des Gewinns eines niedersächsischen Landwirtes aus.

Aber Meyer will noch mehr: Er will den Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung halbieren. Niedersachsen soll auf Bio umstellen. Wenn es um den biologischen Anbau geht, landet das Bundesland derzeit auf dem letzten Platz im Ländervergleich. Dabei sei Bio "ein Wachstumsmarkt", sagt Meyer.

Sein Programm ist radikal und es hat unter den Landwirten nicht viele Freunde. Wie sehr die Bauern mit dem neuen Minister fremdeln, ließ sich auf dem Bauerntag in Winsen vor rund einer Woche beobachten. Mehr als 500 Landwirte waren gekommen, um den Minister reden zu hören. Meyer gab sich volksnah, trat mit ausgebeulter Jeans und grünem Strickpullover unter dem Sakko auf.

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Kommentare

326 Kommentare Seite 1 von 20 Kommentieren

Eben!

"Lautlos haben die Grünen die Macht in der Agrarpolitik übernommen."

Was für eine populistische Übertreibung! Meine Güte!

Was hatten wir neben dem riesiegen BSE Skandal seinerzeit noch?
MKS war doch auch unter Rot/Grün, oder?

Und nur weil sie jetzt, genau vor dem Wahlkampf (oh Wunder!) mal ein bisschen was tun, sind die Grünen die Retter der Nation?

Wo war der Zeit Artikel über die Verfassungsklage der Linken gegen den ESM?
Das war wesentlich bedeutsamer.

Gestern leuchtete hier ein Werbebanner der Grünen bei der Zeit auf und heute dieser Artikel...
Was hat das noch mit Objektiven Journalismus zu tun?
Das ist schlicht und einfach Werbung!
Darf man das so als Zeitung?

Es geht nicht darum

das Krankheiten, Seuchen und Skandale während einer Amtsausübung auftreten sondenr ob die Politik der Amtsinhaberin diejenige is,t die diese Fälle hervorbringt, und bei Aigner kann man das sagen, weil sie NULL tut um daran etwa zu fördern und weil sie genau die Leute unterstützt, die mit ihrer Megaindustrie dafür sorgen, dass zb BSE ausgebrochen ist (das entstand ja nachdem die so genannten "Bauern" den Tieren Tiermehl gaben um Kosteneinzusparen!) Eine Grüne aber unterstützt das nicht, wir sehen das jetz in Niedersachsen. Da will man weg von den Großbetrieben und rein in die kleinen und mittelständischen (Familien-)Betriebe.

Also nur weil ein einziger Grüner mal

was tut, würde ich nicht gleich für die gesamten Grünen sprechen.

Wer hat denn seinerzeit die AKW Laufzeiten mitverlängert etc.?

Herrn Tritin ist ja jetzt auch nichts besseres eingefallen, als die Reformen zu kritisieren, die er damals mit unterschrieben hat.

Ansonsten fällt mir nur noch ein, dass man (zusammen mit der Linken) gegen die Privatisierung vom Trinkwasser gestimmt hat, was nicht viel brachte, da 299 Abgeordnete für eine Privatisierung waren.
Hierbei ist noch anzumerken, dass die Zeit ja groß getönt hat das die EU das gar nicht vor hat. Warum stimmt man dann in der Bundesregierung pauschal dafür?
Naja, anderes Thema...

Von den Grünen kommt und kam aber zu wenig. Herr Tritiin ist ja Schirmherr des BOS (Borneo Orang-Utan Survival), für den ich auch Spende.
Bis auf ein paar Textzeilen warum er das ist, ist da aber noch nichts passiert in all den Jahren.

[...]
zur grünen Kompetenz:
Künast hat damals mit 300 Mrd die Biogasanlagen subventioniert und schimpft dann auf Bauern, die zum Hunger in der Welt beitragen.

Ebengleiches gilt bei der Energiewende und der Lancierung von Solarstrom.
Hallo Solarlobby, möchte man sagen.
Es zeigt welchen Staat sich Grüne wünschen. "Einfache ARbeiter" (ei sunt alle die nicht beim Staat arbeiten) werdewn geschröpft, um die Premiumpensionen aller Beamten zu zahlen und die Solarunternehmer kaufen sich SChlösser (siehe Gottschalks Schloss)
Nein danke!

Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim Thema. Danke, die Redaktion/se