KonjunkturPolens erste Krise in der Marktwirtschaft

Mehr als ein Jahrzehnt ist Polens Wirtschaft so schnell wie nirgendwo sonst in Europa gewachsen. Jetzt kommt der Aufschwung ins Stocken.

Leszek Balcerowicz in Warschau (Archiv)

Leszek Balcerowicz in Warschau (Archiv)

Wenn Leszek Balcerowicz seine Landsleute dieser Tage beruhigen will, dann beschwört er die Vergangenheit. Balcerowicz, 66 Jahre alt, war von 1989 bis 1991 Finanzminister in Polen, er war der Mann, der das Land nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion reformiert, der die frühere Planwirtschaft in hohem Tempo in eine liberale Marktwirtschaft verwandelt hat. Polens Probleme hätten damals ein "ganz anderes Ausmaß als die gegenwärtige Krise in Europa" gehabt, sagt Balcerowicz. Damals sei es auch gelungen, das Land aus der Krise zu ziehen, warum also sollte man jetzt allzu schwarz sehen?

Tatsächlich bestimmen die einstigen Reformen des Ökonomen – der sogenannte Balcerowicz-Plan – bis heute das Wirtschaftsgeschehen im Land. Polen ist auch dank der Reformen von damals besser durch die Krise gekommen als jedes andere EU-Land. Als die Weltwirtschaft im Jahr 2009 in die Rezession rutschte, konnte sich Regierungschef Donald Tusk noch vor eine Karte stellen, auf der das Wachstum in den Ländern Europas dargestellt war. Waren die Länder rot markiert, schrumpfte die Wirtschaft, waren sie grün, wuchsen sie. Alle Länder Europas waren damals rot, nur Polen nicht.

Anzeige

Wenn Polens Premier an diesem Montag nach Deutschland reist, um auf der Computermesse Cebit sein Land zu präsentieren, wird er wieder das Bild eines jungen, dynamischen Polens zeichnen. Eines Landes, das seit zehn Jahren seinen Wohlstand fast verdoppelt hat. Das seit dem EU-Beitritt im Jahr 2004 mit Wachstumsraten in Höhe von 6,8 Prozent glänzt. Das auf der Liste der attraktivsten Standorte für Direktinvestitionen den zweiten Platz belegt, gleich hinter Deutschland. Tusk wird Optimismus verbreiten und Sätze sagen wie: "Wir sind den stärksten Volkswirtschaften Europas auf den Fersen."

Der Boom ist längst vorbei

Doch das ist mittlerweile nur noch die halbe Wahrheit. In Polen mehren sich die Krisenzeichen. Die Arbeitslosenquote, die zwischen 2003 und 2008 von 20 Prozent auf weniger als sieben Prozent gesunken war, steigt wieder. In diesem Winter hat sie sich gar auf 14,2 Prozent verdoppelt. Auch die Wirtschaft wächst nicht mehr so schnell: gerade einmal um zwei Prozent im vergangenen Jahr. Für 2013 prognostizieren Experten einen weiteren Rückgang auf rund 1,5 Prozent. Höchstens. Was ist mit dem Wirtschaftswunderkind Polen los?

Es ist nicht nur die Krise im Euro-Raum, die dem Land zu schaffen macht. Polen stößt auch an die Grenzen seines bisherigen Wachstumsmodells. Der Aufschwung der vergangenen Jahre beruhte vor allem auf einer starken Binnennachfrage. Nach Jahrzehnten realsozialistischer Mangelwirtschaft waren die Bedürfnisse der Menschen gewaltig. Das trieb den Konsum, wovon vor allem kleine und mittlere Unternehmen profitierten. Sie entstanden in den neunziger Jahren in großer Zahl im ganzen Land und bilden weiterhin das Fundament der Wirtschaft.

Leser-Kommentare
  1. der dem Ende des kreditfinanzierten Baubooms entgegenblickt. EM-Baumaßnahmen abgeschlossen-Flaute.
    Als größter EU-Nettoempfänger wird den Polen das Geld für Prestige-Bauten doch eher nicht so schnell ausgehen.

    4 Leser-Empfehlungen
  2. Und wieder fährt ein Ideologe eine ehemals funktionierende Wirtschaft gegen die Wand - und wieder ist es jemand der dem merkantilen Thatherismus und der Religion der Chicago-Boys auf den Leim gegangen ist.

    4 Leser-Empfehlungen
  3. die gerade abfackelt. Und der Deutsche sitzt da und hofft, dass es ihn am Ende nicht trifft. Dafür ist man auch bereit das neoliberale Lied weiter zu singen.

    Was will man jetzt?
    Sparen bis der Arzt kommt?

    [Und er empfiehlt, wie schon in den neunziger Jahren den Abwärtstrend mit Konsequenz und Härte zu brechen.]

    Warum bekomme ich immer das Gefühl, dass man damit nie sich selbst meint?

    3 Leser-Empfehlungen
  4. Wie Erhard war Balcerowicz jemand, der nach dem Zusammenbruch eines totalitären Staates zügige und umfassende Reformen durchgeführt und damit die Grundlage für ein Wirtschaftswunder gelegt hat. Auch Erhard legte viel Wert auf Eigeninitiative, Flexibilität und die Härten einer Marktwirtschaft. Dass Erhard und seine Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft (im Zusammenspiel mit Müller-Armack) sozialstaatliche Gefühlsduselei war, ist ein großer Mythos. Erhard hat immer den marktwirtschaftlichen Wettbewerb gepriesen und vor den Folgen (pseudo-)sozialer Umverteilung gewarnt.

    "Eine freiheitliche Wirtschaftsordnung kann auf Dauer nur dann bestehen, wenn und solange auch im sozialen Leben der Nation ein Höchstmaß an Freiheit, an privater Initiative und Selbstvorsorge gewährleistet ist. Wenn dagegen die Bemühungen der Sozialpolitik darauf abzielen, dem Menschen schon von der Geburt an volle Sicherheit gegen alle Widrigkeiten des Lebens zu gewährleisten, d. h. ihn in einer absoluten Weise gegen die Wechselfälle des Lebens abschirmen zu wollen, dann kann man von solchen Menschen einfach nicht mehr verlangen, dass sie das Maß an Kraft, Leistung, Initiative und anderen besten Werten entfalten, das für das Leben und die Zukunft der Nation schicksalhaft ist und darüber hinaus die Voraussetzung einer auf die Initiative der Persönlichkeit begründeten Sozialen Marktwirtschaft bietet."

    Ich empfehle die Lektüre von Erhards Schriften. Im Vergleich zu Erhard ist die FDP heute sozialdemokratisch.

    2 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    rolf gocht (BWM mitarbeiter unter erhard und schmücker und von 67-75 mitglied des direktoriums der deutschen bundesbank): ISBN-13: 978-3428136513

    zur umverteilungswirkung der bestehenden geldordnung. vielleicht haben sie ja interesse ihre ansichten bezügl. sozialer umverteilung um diesen aspekt zu ergänzen

    grüße

    ts

    aber das sind genau die Sprüche, die zwar oberflächlich plausibel klingen, aber im Grunde nichts aussagen.

    Freiheit?

    Unser System basiert auf Schulden. Wenn die breite Masse verarmt (und sich überschuldet) und einige wenige immr reicher werden, wo bleibt die sog. Freiheit?

    Das ist keine Freiheit, sondern ein Schritt zurück in den Feudalismus. Damit ist auch die Rechtsstaatlichkeit weg, wie auch die Demokratie.

    Im Übrigem gibt es in einer Wirtschaft, die auf FREMDPRODUKTION basiertm, keine Selbstvorsorge. Jeder ist vom anderem abhängig.

    • NoG
    • 05.03.2013 um 14:06 Uhr

    sollte bei "sozialwissenschaftlichen weisheiten" nie ausser acht gelassen werden. man ist heute zb deutlich produktiver, mit allen vor- und nachteilen
    die es auszugleichen gilt.

    btw:

    "“Es kommt also alles darauf an, die Produktion im Gange zu halten und weiter zu steigern, denn mit der Güterproduktion – und nur mit dieser – wird auch das Volkseinkommen bzw. die Kaufkraft produziert, die den Absatz sicherstellt”……”Wir müssen den Mut zum Verbrauchen aufrechterhalten. Denn ein Volk, das den Mut zum Verbrauchen verliert, verliert auch die Kraft zur Produktion.”

    auch von erhardt

    rolf gocht (BWM mitarbeiter unter erhard und schmücker und von 67-75 mitglied des direktoriums der deutschen bundesbank): ISBN-13: 978-3428136513

    zur umverteilungswirkung der bestehenden geldordnung. vielleicht haben sie ja interesse ihre ansichten bezügl. sozialer umverteilung um diesen aspekt zu ergänzen

    grüße

    ts

    aber das sind genau die Sprüche, die zwar oberflächlich plausibel klingen, aber im Grunde nichts aussagen.

    Freiheit?

    Unser System basiert auf Schulden. Wenn die breite Masse verarmt (und sich überschuldet) und einige wenige immr reicher werden, wo bleibt die sog. Freiheit?

    Das ist keine Freiheit, sondern ein Schritt zurück in den Feudalismus. Damit ist auch die Rechtsstaatlichkeit weg, wie auch die Demokratie.

    Im Übrigem gibt es in einer Wirtschaft, die auf FREMDPRODUKTION basiertm, keine Selbstvorsorge. Jeder ist vom anderem abhängig.

    • NoG
    • 05.03.2013 um 14:06 Uhr

    sollte bei "sozialwissenschaftlichen weisheiten" nie ausser acht gelassen werden. man ist heute zb deutlich produktiver, mit allen vor- und nachteilen
    die es auszugleichen gilt.

    btw:

    "“Es kommt also alles darauf an, die Produktion im Gange zu halten und weiter zu steigern, denn mit der Güterproduktion – und nur mit dieser – wird auch das Volkseinkommen bzw. die Kaufkraft produziert, die den Absatz sicherstellt”……”Wir müssen den Mut zum Verbrauchen aufrechterhalten. Denn ein Volk, das den Mut zum Verbrauchen verliert, verliert auch die Kraft zur Produktion.”

    auch von erhardt

  5. Man kann halt nicht ewig über seine Verhältnisse Leben. Polen hat ca. 900Mrd. Nettoauslandsschulden ca. 60% vom BIP und hat fernerhin ein jährliches Leistungsdefizit von 17Mrd welches die Schulden weiter erhöht(und folgt somit gleich den Eurokriaenstaaten in den negativen Fundamentaldaten). Die Polen Vorbilder USA und UK schneiden nicht besser ab, im Gegensatz zu den Kernländern der modernen Sozialwirtschaft, Norwegen, Finnland, Schweden, Dänemark, Holland und Deutschland.

    4 Leser-Empfehlungen
  6. wir wurden kopiert sondern primär das Bushamiland-das ist nun die Quittung, deren Schadenfreude unangebracht ist da wir eine gemeinsame Grenze haben die auch offen ist.

    Eine Leser-Empfehlung
  7. 7. Naja,

    wenigstens wird hier der Autoverkauf angekurbelt - wenn man versteht, was ich meine ^^.

    Eine Leser-Empfehlung
  8. rolf gocht (BWM mitarbeiter unter erhard und schmücker und von 67-75 mitglied des direktoriums der deutschen bundesbank): ISBN-13: 978-3428136513

    zur umverteilungswirkung der bestehenden geldordnung. vielleicht haben sie ja interesse ihre ansichten bezügl. sozialer umverteilung um diesen aspekt zu ergänzen

    grüße

    ts

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service