Was ist bloß mit den Schweizern los? Gerade in dem Land, in dem sich die Bürger mehr als anderswo an hohe Vermögen und Gehälter gewöhnt zu haben schienen, stimmt nun eine Mehrheit für eine Initiative, die sich gegen "Abzocke" von Managern und Firmenchefs richtet. Künftig sollen Managern von Schweizer Firmen so lukrative Dinge wie Begrüßungsgelder, Goldene Fallschirme und Prämien bei Firmenkäufen verwehrt sein. Wer trotzdem zugreift, dem droht eine Haftstrafe bis zu drei Jahren. Zugleich sollen die Aktionäre über die Höhe der Gehälter der Geschäftsführung und des Aufsichtsrates abstimmen. Das Resultat ist bindend.

Auch wenn die Politik erst noch ein Gesetz erlassen muss, ist das Votum schon jetzt ein erheblicher Eingriff in die Marktfreiheit. Die Schweiz bekommt das härteste Aktionärsrecht der Welt. Die Wirtschaftsverbände hatten sich, unter anderem mit einer acht Millionen Franken teuren Werbekampagne, gegen das Ansinnen zur Wehr gesetzt.

Warum fand die Initiative dennoch so viel Zuspruch? Entscheidend war die Stimmungswende, die sich Mitte Februar vollzog. Damals wurde öffentlich, dass sich Daniel Vasella, der Aufsichtsratsvorsitzende des Basler Pharmaunternehmens Novartis, nach seinem Rücktritt sechs Jahre lang 72 Millionen Franken bezahlen lassen wollte – nur damit er nicht bei der Konkurrenz anheuert. Der Manager hätte das Geld also für das Nichtstun bekommen. Die öffentliche Wut war so groß, dass der Aufsichtsrat den Vertrag rückgängig machte. So wollte man wenigstens den Imageschaden für das Unternehmen im Rahmen halten.

Es ging nicht um soziale Gerechtigkeit

Der Abzocker-Initiative aber, die schon damals gute Umfragewerte hatte, gab der Fall Vasella weiter Auftrieb. Ein Sieg bei der Abstimmung schien nun sehr wahrscheinlich. Es ist ein Erfolgsgeheimnis der Schweiz, dass das Land immer dafür gesorgt hat, dass der Gerechtigkeitssinn nicht zu stark verletzt wird. Wer etwas leistet, darf auch viel verdienen. In den vergangenen Jahren aber war die Schere zwischen Normal- und Großverdienern immer weiter aufgegangen. Das Ergebnis der Volksabstimmung ist eine Reaktion darauf.

Wer hingegen glaubt, die Linke habe nun mit ihrer Idee von sozialer Gerechtigkeit triumphiert, der irrt. Der Aufstand kam von rechts, von links gab es lediglich Unterstützung. Der Schaffhauser Unternehmer Thomas Minder, der die Initiative ins Leben gerufen hat, sitzt als Parteiloser im Ständerat, der kleinen Kammer des Schweizer Parlaments. Dort hat er sich der Fraktion der rechtskonservativen SVP angeschlossen.

Minder geht es auch nicht darum, die Managergehälter zu deckeln. Er will, dass die Aktionäre generell mehr zu sagen haben. Ob diese allerdings darauf drängen werden, dass Spitzenmanager weniger verdienen, darf bezweifelt werden. Wenn ein Chef ihnen einen guten Gewinn verspricht, dürften sie weiterhin ein Interesse daran haben, ihn fürstlich zu entlohnen. Womöglich müssen die Manager künftig lediglich ein bisschen besser argumentieren, wenn sie hohe Gehälter beziehen wollen.

Eine viel weiter reichende Entscheidung müssen die Schweizer im September treffen. Dann haben die Schweizerinnen und Schweizer über die 1:12-Initiative der Jungsozialisten zu befinden. Sie will, dass der Bestverdienende in einer Firma nicht mehr als das Zwölffache desjenigen bekommen darf, der am wenigsten verdient. Heute verdient ein Top-Manager in der Schweiz durchschnittlich 73 Mal mehr als der Mitarbeiter mit dem kleinsten Lohn. Sagen die Schweizerinnen und Schweizer auch hier Ja, hätten sie sich endgültig von Plutokraten zu Staatskapitalisten gemausert.