Schon heute ist Stuttgart 21 die teuerste und umstrittenste Baustelle Deutschlands. Dennoch hält die Bahn ungerührt an dem Bauvorhaben fest. Nun bestätigt auch der Aufsichtsrat, was absehbar war: Der Konzern darf weiterbauen, trotz der zusätzlichen Kosten in Höhe von 2,3 Milliarden Euro, trotz aller Bürgerproteste.

Dabei behalten alle Argumente gegen den Prestigebahnhof ihre Gültigkeit. Er rechnet sich nicht, und niemand kann verlässlich sagen, dass die Kosten nicht weiter steigen. Selbst dass der Bahnverkehr durch Stuttgart 21 effizienter wird, ist ungewiss. Auch das stärkste Argument der Befürworter zieht nicht mehr. Es stimmt, dass während der Volksabstimmung im November 2011 nur rund 40 Prozent der Bürger gegen den Bahnhof stimmten. Die Mehrheit war dafür. Damals aber wusste niemand von den enormen Mehrkosten. Umfragen zeigen, dass inzwischen mehr als die Hälfte der Bürger den Bau ablehnt.

Das ist kaum verwunderlich. Nach heutiger Rechnung soll Stuttgart 21 am Ende 6,8 Milliarden Euro kosten. Selbst der neue Berliner Flughafen ist noch nicht so teuer. Das Geld fehlt der Bahn schon heute überall da, wo sie Bahnhöfe und Gleise nicht renovieren kann, ihre Preise erhöht oder am Service spart.

Es stimmt: Auch ein Baustopp würde teuer werden, vielleicht sogar teurer als der Weiterbau, sagt die Bahn. Viele würden verlieren: die Stadt Stuttgart, der durch ein Ende des Bahnhofsbaus Möglichkeiten der Stadtentwicklung genommen würden – so umstritten sie auch sein mögen. Die Anleger, die hohe Summen in die geplanten Immobilienprojekte gesteckt haben. Nicht zuletzt die beteiligten Unternehmen, die ihre Investitionen abschreiben müssten.

Dennoch ist es ein Skandal, dass nun einfach weitergebaut wird, als sei nichts geschehen. Seit Monaten verweigern sich Bahn und Politik einer öffentlichen Debatte über den Sinn des Tiefbahnhofs. Dabei sind die Alternativen seit Langem bekannt, etwa die vom früheren Schlichter Heiner Geißler vorgeschlagene Kombination aus einem Kopfbahnhof für den Nahverkehr und einem kleineren Tiefbahnhof für den Fernverkehr. Diese Ideen wären es wert, geprüft zu werden. Die Verantwortlichen aber ignorieren sie einfach.

Alle haben hierfür Gründe. Der Bahnchef Rüdiger Grube fürchtet den Gesichtsverlust, der mit einem Ausstieg aus Stuttgart 21 verbunden wäre. Die Bundeskanzlerin wünscht sich kurz vor den Bundestagswahlen Ruhe im Schwabenland. Der Aufsichtsrat hat nun in ihrem Sinne entschieden.

Das mag den Verantwortlichen eine Zeit lang Frieden bescheren, vielleicht sogar bis nach der Bundestagswahl, ganz nach Merkels Kalkül. Für ein erfolgreiches Bauvorhaben sind das aber keine guten Voraussetzungen. Noch wäre ein Ausstieg aus Stuttgart 21 möglich. Doch je länger Bahn und Politik bei ihrer Scheuklappen-Strategie bleiben, desto größer könnte das Desaster am Ende sein.